Alpine Weltmeisterschaft - Und dann?

Cui bono? Fragte man im antiken Rom vor Gericht, bei großen Projekten oder anstehenden Feldzügen. Wem zum Vorteil? Eine Frage, die sich auch Bürger, Umweltschützer, Tourismusverbände und Politiker stellen, wenn sie sich um eine alpine Ski Weltmeisterschaft bewerben. Wir fragten in ehemaligen Austragungsorten nach, was von der Weltmeisterschaft dauerhaft geblieben ist

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© TVB St. Moritz, St. Anton

Text: Uli Wittmann

Ruhe. Diese blieb für die Einwohner von Sankt Anton am Arlberg auch nach dem Ende der alpinen Ski-WM 2001 erhalten. „Die Bahnlinie zerteilte bis dahin über mehr als einhundert Jahre unseren Ort und brachte nicht nur unsere Gäste sondern auch Lärm und Verkehrsprobleme mit sich. Auf die Bahn jedoch konnten wir jedoch keinesfalls verzichten und packten deshalb mit Mitteln von Bund und Land ein Großprojekt an – die Verlegung der Eisenbahn“, erklärt Martin Ebster, der örtliche Tourismusdirektor. „Nachdem intensive Diskussionen über einen möglichen neuen Standort beendet waren, konnte eine großartige Vision in nur drei Jahren Bauzeit mit Kosten von ca. zwei Milliarden Schilling in die Tat umgesetzt werden. Und es hat sich gelohnt! Es war Ruhe im Ort, weil die Bahn nicht mehr mitten durchs Dorf fuhr. Auch entstand so eine große Freifläche, die wir teilweise als Park nutzen, auf der jedoch auch das Arlberg-well.com, eine Kombination aus Wellness-Oase und Kongresszentrum errichtet werden konnte.“

Eine Ski-WM wirkt sich dreifach aus: Auf die wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Umwelt. Wer die Infrastruktur vor Ort für die Ski-WM verbessern will, dessen Land- und Flächenverbrauch erhöht sich. Zu diesem Schluss kamen die Gutachter vom Schlussbericht „Nachhaltigkeit der Ski-WM 2003 St. Moritz, Engadin“. Ein positiver Aspekt nach der Zeit der Ski-WM kann für die Umwelt sein, dass die Entsorgungs- und Verkehrskonzepte verbessert sind. Positive langfristige Effekte im wirtschaftlichen Bereich sehen die Gutachter in einer höheren Vernetzung, den verbesserten Infrastrukturmaßnahmen, einem neuen Know-How und einem Beitrag zu Image- und Bekanntheit.

Seid umschlungen ihr Millionen!

Aber es gibt auch andere Aspekte: Wenn der Skizirkus bereits abgereist ist, steigen eventuell die Grundstückspreise in einem ehemaligen WM-Ort. Die Kommune muss mit höheren Kosten für die neugeschaffene Infrastruktur rechnen. Außerdem fällt bei sportlichen Großereignissen ein Defizit an, für das die öffentliche Hand aufkommt. Dabei kann es durchaus zu Unstimmigkeiten kommen. Während der Bundesrechnungshof auf 246 Mio. EUR an öffentlichen Geldern in seinem Rohbericht zur Ski-WM 2013 in Schladming kommt, sollen nach einer Kostenrechnung des Bundeslandes Steiermark für dieses sportliche Großereignis lediglich 90 Millionen Euro geflossen sein, davon 49 Mio EUR vom Bundesland. Den Steuerzahlern sind solche Ausgaben schwer zu vermitteln.

Nachhaltig positiv kann sich ein solches Event auf die Gesellschaft auswirken und einen langfristigen Beitrag zur lokalen Identität stiften, so die Schweizer Gutachter. Auch neue Netzwerke entstehen durch eine Ski-WM, und diese ließen sich langfristig nutzen. Eine Gefahr sehen die Experten, wenn die Bürgerschaft auch nach der Ski-WM in Gegner und Befürworter gepalten bleibt. Da helfen auch Millionen an Euros nichts. Hier sind erfahrene Politiker gefragt.

Erfahren in Sachen alpine Ski Weltmeisterschaften sind die Verantwortlichen in Sankt Moritz. Hier fanden 1934, 1948, 1974 und 2003 die Rennen in den alpinen Skidisziplinen statt. 2017 ist der Wintersportort ebenfalls wieder Austragungsort. Für die Ski-WM 2003 sollen alleine die Kosten für feste Bauten bei 38,17 Mio. CHF (ca. 36,12 Mio EUR) betragen haben. Mit 24,63 Mio CHF (ca. 23,31 Mio. EUR) schlugen die Posten Sport/Organisation/Technik zu Buche. Insgesamt soll dieses Großereignis 89,24 Mio CHF (84,45 Mio EUR), laut dem Schlussbericht Nachhaltigkeit der Ski-WM 2003 (Uni Zürich, Uni Sankt Gallen) gekostet haben. Dem stehen Einnahmen von Sponsoren, Gönnern, aus der Veranstaltung und der öffentlichen Hand in gleicher Höhe entgegen. „St. Moritz hat eine große und lange Tradition in der Durchführung von Großevents und möchte diese Positionierung auch in Zukunft weiterführen. Mit der Ski-WM erlangte St. Moritz und das Engadin einen enormen Bekanntheitsgrad, wir positionieren uns als alpine Skidestination Nr. 1. Dies soll der Region im hart umkämpften Tourismusmarkt den entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschaffen“, so Hugo Wetzel, Präsident der FIS Alpine Ski Welt-meisterschaften St. Moritz 2017.

Überschuss in Garmisch

Während die Schweiz und Österreich etliche Orte haben, an denen alpine Weltmeisterschaften statt-fanden ist die Zahl der international bekannten Wintersportorte in Deutschland eher übersichtlich. 1978 und 2011 trugen die Rennläufer ihre Wettkämpfe in Garmisch-Partenkirchen aus. Während sich der DSV 1978 über fünf Medaillen freuen konnte, gab es 2011 nur zwei Mal Bronze. Besser fiel die Bilanz aus touristischer Sicht für den Ort aus. „Vor allem durch die Ski-WM 2011, verbunden mit den Verbesserungen der Infrastruktur und den sehr positiven Fernsehbildern, konnte Garmisch-Partenkirchen als international bekannter Wintersport-Ort punkten. Dieser Imagegewinn hat sich schon im darauffolgenden Winter bezahlt gemacht und wirkt auch heute noch nach. Es ist gelungen, die Anzahl an übernachtenden Wintergästen nachhaltig zu steigern“, so Tourismusdirektor Peter Ries. Überraschend positiv fiel die wirtschaftliche Bilanz der Ski-WM 2011 aus. Über fünf Millionen Euro nach Steuern betrug der Überschuss. Dabei investierte der Ort kräftig. Der Ausbau des Gudi Berges kostete, laut Zeitungsbericht, 5,6 Millionen Euro. Nun sind an dieser Piste Wasser- und Stromleitungen verlegt, außerdem ist die Strecke mit Flutlicht ausgerüstet. Ebenfalls wie Garmisch-Partenkirchen kam die alpine Ski Weltmeisterschaft zweimal nach Schladming. 1982 und 2013 bretterten hier die Athleten die Planei hinunter. Auch dort investierten die Tourismusverantwortlichen, Bergbahnen, Kommune, Land und Hoteliers: „Durch den Neubau und Ausbau vieler Beherbergungsbetriebe konnte die Region zahlreiche Gästebetten dazugewinnen. Zudem wurde die Infrastruktur stark verbessert und erneuert. Es wurde die bestehende Infrastruktur vor Ort und auf den Bergen sinnvoll erweitert, um nachhaltige Erfolge für die Region einfahren zu können. Dazu gehören z. B. die Investitionen in ein neues Mediacenter (Congress Schladming), das neue Planai Zielstadion oder auch Infrastrukturprojekte wie der barrierefrei-adaptierte Bahnhof von Schladming,“ erzählt Mathias Schattleitner, Geschäftsführer der Region Schladming-Dachstein.

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Die Eröffnung der alpinen Ski-WM 2001 in St. Anton.
© TVB St. Moritz, St. Anton

Neue Strategien für die Zeit danach

Fünf Phasen gibt es, so die Schweizer Gutachter bei einer Ski-WM: Die Kandidaturphase, die Aufbauphase, die Umsetzungsphase, die Durchführungsphase und die Nachnutzungsphase. Hier ist es wichtig, neue Visionen, und Strategien für die Folgezeit auszuarbeiten, so die Schweizer Experten. Eine Skiweltmeisterschaft zu organisieren ist eine gigantische Aufgabe. Bis 1980 fanden die Olympischen Winterspiele gemeinsam mit den Weltmeisterschaften statt. Wer damals gewann durfte sich Olympiasieger und Weltmeister nennen. Alles mit nur einem Rennen. So ging es Franz Klammer. Der damals erst 22 Jahre junge Bursche raste halsbrecherisch am Patscherkofel, dem Innsbrucker Hausberg hinunter. Der Gewinn von Olympiagold in der Abfahrt legte den Grundstein für seinen bis heute andauernden Status als Volksheld und Sportlegende.

Einerseits ist die Kombination der Olympischen Winterspiele mit den alpinen Skiweltmeistershaften praktisch gewesen. Die FIS sparte sich einen zusätzlichen Aufwand um den Wettbewerb zu organisieren. Andererseits wünschten sich immer mehr Athleten und Verbände eigene alpine Skiweltmeisterschaften. Innsbruck trug innerhalb von zwölf Jahren, 1964 und 1976, die Olympischen Winterspiele kombiniert mit den Skiweltmeisterschaften aus. Für die Bewerbungen gab es klare politische Argumente, aber auch touristische Gründe: Es sollte die Wende vom Sommer- zum Wintertourismus erreicht werden. Die Tiroler Landeshauptstadt profitiert noch heute von den Investitionen durch die Olympischen Spiele. Vor 1964 errichtete man hier die Olympiaeishalle am Tivoli-Areal, die Sprungschanze am Bergisel oder die Bob- und Rodelbahn in Igls. Diese Sportstätten sind bis heute noch in Betrieb, und regelmäßig Schauplatz von Weltklassesport. In der Olympiaeishalle finden außerdem unter-schiedliche Veranstaltungen für großes Publikum statt. Das erste Olympische Dorf im Stadtteil Neu-Arzl ist ein Teil eines größeren Wohnprojekts mit insgesamt 689 Wohnungen gewesen. Daran errichteten die Verantwortlichen das zweite Olympische Dorf. Ursprünglich wurde es als Sozialwohnbausiedlung konzipiert, um die in Innsbruck herrschende Wohnungsnot zu lindern. Das Pressezentrum und die Journalistenunterkünfte von 1964 dienten im Anschluss an die Spiele als Chemische Institute der Universität sowie als Studentenheim. Auch zur längerfristigen Verkehrsinfrastruktur trugen die Olympischen Spiele bei.

Bei einem Wintersportort, der den Zuschlag für die alpine Ski-WM erhält, beginnt meistens eine rege Bautätigkeit. Die öffentliche Hand und private Gewerbetreibende investieren für das sportliche Großereignis. Dazu Direktor Georg Bliem von den Planai-Hochwurzen-Bahnen: „Die Jahre vor der WM standen bei den Planai-Bahnen im Zeichen vieler großer Bauprojekte. Neue Talstation, neue Tiefgarage, neue Liftanlagen, breitere Pisten, und vieles mehr. Um den Verkehr weitgehend zu minimieren gab es eine Kooperation mit den Österreichischen Bundesbahnen, alle Bauprojekte wurden auch Nachhaltigkeit geprüft.“ Bliem ist überzeugt, dass sich diese Investitionen langfristig lohnen: „Es ist sicher auch ein Grund für die Gäste, auf den Pisten der Planai zu fahren. Die Pisten der WM sind auch speziell ausgeschildert und inszeniert mit Infos zu den einzelnen Rennen.“

Keine Investition = Stagnation

Bei der alpinen Ski-WM 1991 in Saalbach Hinterglemm brachten sich die öffentliche Hand, Firmen und Privatleute finanziell ein. „Von den Gastgebern wurden viele Investitionen in die Qualität ihrer Betriebe vorgenommen. Es war ein richtiger Motivationsschub für alle Unternehmer. Die Anzahl der Gästebetten änderte sich nicht besonders. Saalbach Hinterglemm verfügte bereits damals über gut 16.000 Betten. Die Infrastruktur des Ortes wurde verbessert: Die beiden Umfahrungstunnel (Ortsteil Saalbach und Ortsteil Hinterglemm) sowie das Parkhaus Saalbach Zentrum, wurden errichtet“, so Ulrike Hofer vom Schiclub Saalbach Hinterglemm. Der Ort profitiert noch heute von der Ski-WM 1991. Auch in Zukunft möchte Saalbach Hinterglemm wieder diese weltweit beachtet Veranstaltung ausrichten und geht als Österreichs Bewerber um die Wettkämpfe im Jahr 2021 oder 2023 ins Rennen. Und auch hier stellt sich dann die Frage: Was kommt nach der WM?

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 05 / 2015

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