Triumph und Tragödie des Kitzsteinhorns

Vor 50 Jahren wurde im Salzburger Land das erste österreichische Gletscher-Skigebiet eröffnet, das nicht zu Fuß, sondern mit einer Seilbahn erreichbar war

neuer_name

© Gletscherbahnen Kaprun

Text: Jupp Suttner

Sie nennen es nie: „Die Brand-Katastrophe“. Oder „Das Inferno im Tunnel“. Oder „Den entsetzlichsten Tag der Bahn“. (Was er war, der 11. November 2000). Sondern sie sagen immer nur: „Das Unglück“. Egal, mit wem im Dorf oder am Berg man spricht – alle nennen es ganz schlicht: „Das Unglück“. Das untrennbar mit dem Kitzsteinhorn verbunden ist. In der Gletscherbahn, die in einem Tunnel nach oben fuhr, brach ein Brand aus, und 155 Skifahrer und andere Auffahrer kamen dabei ums Leben.

16 Jahre war die durch einen Stollen nach oben sausende Gletscher-bahn in jener Saison alt und mit „dem Unglück“ schien das Ende des Wintersports auf dem Kitzsteinhorn-Gletscher besiegelt zu sein. Doch das Leben ging weiter. Es geht immer weiter. Und am 12. Dezember 2015 nun feiert man in Kaprun das 50-jährige Bestehen des Schnee-Betriebs dort oben. Das Kitzsteinhorn war das erste Gletscherskigebiet Österreichs, das nicht zu Fuß, sondern bequem mittels Aufstiegshilfen erreichbar war. Am 12. Dezember 1965 brachte eine Luftseilbahn die ersten Skifahrer in zwei Sektionen auf rund 3.000 m Höhe. Eine Sensation seinerzeit.

Norbert Karlsböck, von 1998 bis 2013 Bürgermeister von Kaprun und heute Vorstandsdirektor der Gletscherbahnen Kaprun AG, erinnert sich noch genau: „Ich bin Jahrgang 1956 und habe schon während der Bauzeit meine erste Fahrt mitgemacht – als Achtjähriger mit der Materialbahn. Mein Vater war Vermesser und hat die Standpunkte der Stützen vermessen. Wir haben in der Krefelder Hütte geschlafen und sind mit Fellen raufgegangen. Ich wartete in einer Biwakhütte auf ihn, bis er mit der Arbeit fertig war und dann fuhren wir gemeinsam ins Tal.“

Es gibt sogar noch genügend Schrauben und Bauteile von 1965, die sich nach wie vor im Einsatz befinden. Jedoch keine Menschen mehr, die damals bereits bei der Bahn arbeiteten. Der Dienstälteste, Sepp Rumpf, ist seit 45 Jahren dabei und heute Prokurist.

Liebster Gletscher

Der Rumpf Sepp sitzt unten im Ort – wir jedoch stehen, es ist ein Herbsttag, oben. Stützen uns auf die Skistöcke. Blicken hinab. Und wissen: Besäßen wir nur einen Hauch an Rilkehesse-hölderlin in unserem Federkiel, würden wir ihn jetzt dort unten wabern lassen. Den Nebel. Denn dick und fett hat er sich über das Tal, das wir aus weiter Ferne von der Bergstation aus erblicken, gelegt. Es mag fürchterlich deprimierend sein, sich in dieser Sauce aufhalten zu müssen, während wir hier zwischen 2.400 und 3.000 Metern Höhe einen jener Skitage erleben, die besagter Rilkehessehölderlin aufs Überschwänglichste behymnen würde. Sonne und Pulverschnee der perfektesten Art! Was auch etliche Ski-Renn-Teams schätzen – unaufhörlich staksen kernige Trainer mit einem ganzen Wald an Slalomstangen auf ihren Schultern an uns vorbei, um mit ihrem berühmten Eiger Nordwand-Blick eine neue Slalomstrecke auszustecken. Das Erstaunliche daran: Trotz des großen Areals, das die Trainierer für sich beanspruchen und der damit verbundenen Flächen-Reduzierung, herrscht kein Irrsinns-Hochbetrieb auf den Pisten, sondern verläuft sich alles reibungslos. Was freilich an Wochenenden bisweilen nicht der Fall sein dürfte. Da ist dann bei 9.500 verkauften Tages-Skipässen Schluss und kein Ticket-Erwerb mehr möglich – passiert jedes Jahr etwa ein Mal.

Heute jedoch, an einem Dienstagvormittag, hat der Gletscher aufs eindrücklichste bewiesen, wieso er dem Autor der liebste von allen europäischen Revieren des ewigen Eises ist:

• Weil er bei guter Sicht das vielfältigste Skigebiet aller Gletscher bietet (trotz nur 44 Pisten-Kilometer, dafür aber phantastischen offpiste-Gelegenheiten sowie Snowparks und Cross-Strecken selbst für Stemmbögler).

• Weil er eine Aussicht offeriert, die jeden vor Ehrfurcht verstummen lässt.

• Und weil er die atemberaubendste Gondelfahrt aller Gletscher bietet: Man hält durchaus die Luft an, wenn es über den höchsten Skilift-Mast der Welt (113,6 m) hinweg geht und man nach unten blickt.

neuer_name

© Gletscherbahnen Kaprun

Stetiger Wandel

„Was uns die letzten 50 Jahre stets begleitet hat“, sagt Karlsböck, „war immer: die Veränderung“. Seit den 70er Jahren wird gemessen und man eruierte dabei: „Wir verlieren pro Jahr etwa ein Prozent der Gletscherfläche. Und dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen.“ Und es haben sich im Zuge dieser Entwicklung Formationen offenbart, „über die man mit unseren Schleppliften immer schlechter drüber kam. Außerdem war es für Anfänger und Familien schwierig, mit Schleppliften in das Skigebiet einzusteigen.“ Weshalb man Sesselbahnen errichtete. „Jetzt kann man auch mit kleinen Kindern rauf.“ Sowie mit nicht skifahrenden Touristen, deren finanzielles Potenzial – man denke nur an die große Menge der arabischen Gäste – mitunter beträchtlich ist. Ein besonders gutes Geschäft mit jenen (wie uns abends zuvor an der Bar ein Hiesiger steckte): „Die kaufen sich Moonboots für 75 Euro – und lassen sie dann nach der Gletscher-Rückkehr im Sportgeschäft liegen, als hätten sie die Schuhe nur geliehen. Aber eh klar – was sollen die zu Hause mit Moonboots in der Wüste?“

Besonders beliebt bei den Nicht-Skifahrern – zugleich jedoch ein Muss auch für jeden Wedel-Freak: Die 2010 installierte „Gipfelwelt 3000“ mit Kino, einer Panorama-Plattform sowie einer Art Museum, in welchem man in das Innere des Berges lauschen kann. Mittels eines Grammophon-Trichters. Er rülpst, der Berg, als wir ihn besuchen. Und quiekt wie ein Delphin. Vielleicht, weil die Alpen ja einst dem Meer entstiegen. Ein paar Millionen Jahre später protzte das Kitzsteinhorn dann mit dem Besitz von Edelmetall. „Bevor man in Amerika die Goldsuche entdeckte, war das hier die Nummer 1 der Welt“, erklärt Gletscherbahn-Marketing-Chefin Maria Hofer, „das legendäre Tauern-Gold.“

Skigebiet im Nationalpark

Die Gipfelwelt 3000 entstand aus dem Umbau der bereits 1966 errichteten Gipfelstation. „Vor 50 Jahren hier oben zu bauen“, so Hofer, „war eine irre Herausforderung – schon wegen des Permafrostes. Man konnte nur acht Wochen pro Jahr bauen!“ Und dürfte es heutzutage vielleicht gar nicht mehr, denn das Kitzsteinhorn bildet mit 3.029 m den höchsten Punkt des Nationalparks Hohe Tauern. Jener wurde 1968 gegründet. Einige Jahre früher – und niemals wäre hier ein Skigebiet entstanden, das sich auch noch so wunderbar machte. Bis eben am 11. November 2000 dieses plötzliche „Rausgerissen-werden aus dem schönen Leben hinein in das Unglück“ (Karlsböck)geschah. „Diese Tragik, dass unsere Freunde, Gäste und auch Einheimische ums Leben kamen.“ Und neben dem alles niederdrückenden menschlichen Aspekt auch noch jener der wirtschaftlichen Existenzbefürchtung in die Krägen kroch. „Wir hatten Angst vor der Zukunft. Und stellten uns die Frage: Kann man nach so etwas als Fremdenverkehrsort überhaupt noch weiter existieren?“

Weiterleben nach dem Unglück

Man konnte. „Die Gäste haben uns gerettet. Und wir haben unsere Schlüsse daraus gezogen und uns die höchsten Sicherheits-Standards auferlegt.“ Geprüft wird in Kaprun vom deutschen TÜV Nord – „bewusst nicht von jemand aus Österreich“.

Das Unglück „bewegt den Ort immer noch. Das wird uns Zeit unseres Lebens begleiten und das kann man nicht einfach so zur Seite legen. Man muss lernen, auch mit dem Schwierigen zu leben.“ Wozu auch die Erinnerungshalle bei trägt, die man 2004 an der Talstation errichtete. „Es war uns ein Anliegen, durch eine Gedenkstätte ein neues Händereichen zu gestalten. Nach der jährlichen Gedenkfeier gibt es immer ein gemeinsames Frühstück. Das Aufarbeiten ist ein Prozess, der lebt und der uns alle immer wieder zu einer Gemeinschaft zusammen führt.“

Zur Gemeinschaft „Berg“. Dem – mal faszinierenden, mal tragischdeprimierenden – Triumph-und-Tragödien-Mythos Kitzsteinhorn. „In Sölden oder im Stubaital spricht man immer vom Ort oder der Region“, so der einstige Tauernwerke-Tiefbau-Ingenieur Karlsböck, „bei uns vom Berg.“ Und führt gleich den Beweis an: „Letzten Sommer unternahmen drei Touristen aus Hongkong eine Weltreise. Ihre Route lautete: Hongong-Vancouver-Moskau-Stockholm-Wien-Kitzsteinhorn-München-Hongkong.“

Karlsböck Augen glänzen, als er diese Geschichte erzählt. Denn er liebt – trotz allem – den Berg. „Ich schaue jeden Tag rauf. Natürlich weiß man, dass er da ist, der Berg. Aber man schaut trotzdem rauf.“

Und vielleicht hat er es ja geschafft, der Berg – über den Berg zu kommen.

neuer_name
Er rülpst, der Berg, als wir ihn besuchen. Und quiekt wie ein Delphin. Vielleicht, weil die Alpen ja einst dem Meer entstiegen.
© Gletscherbahnen Kaprun

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 04 / 2015

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat

Events

27.10 – 29.10.2017
Sölden - Ski Opening
25.11 – 02.12.2017
SkiMAGAZIN - Skitestwoche in Sulden
26.11 – 02.12.2017
WSV - Saison Opening im Pitztal