Notizen eines Ski-Nomaden

Ganz allein in Asien

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Als die Sonne über Yabuli aufgeht, offenbart sich eine weitaus dünnere Schneeauflage, als der Mondschein bei meiner Ankunft am Vorabend suggeriert hatte. Grassoden durchstoßen die Reste längst vergangener Schneefälle, die Sesselbahn auf den Guo Kui steht. Als ich jedoch meine Liftkarte präsentiere, wird die Bahn angestellt. Kaum zu fassen: Ausgerechnet im bevölkerungsreichsten Land der Erde habe ich erstmals ein Skigebiet ganz für mich alleine. Die Verwunderung darüber weicht der Verzweiflung über die ewig lange Bergfahrt. Es hat minus 16 Grad, der Lift aber weder Decke noch Haube. Betriebsleiter Liu Zuo Sheng hätte den Lift zwar schneller laufen lassen können, wie er sagt, „aber dann hätten die Skifahrer nicht so viel Zeit, die schöne Natur zu betrachten und außerdem brauchen sie ja eine richtige Pause zwischen den Abfahrten. Sonst erschöpfen sie sich noch zu sehr und werden krank.“ Ich erwartete also, statt an Herzschlag an Lungenentzündung zu sterben.

Als einziger Gast genieße ich immerhin die ungeteilte Aufmerksamkeit des Bergwachtmitarbeiters. Er folgt mir bei jeder Abfahrt und nimmt stets im Sessel hinter mir Platz. Sobald wir aussteigen, wird der Lift abgestellt. Als mich der Übermut nach links in einen Steilhang zieht, schlägt die Stunde meines Begleiters: Mit ein paar schnellen Schwüngen zischt er an mir vorbei und hebt die Hand: Piste gesperrt! Ein Grund ist zwar nicht ersichtlich, aber da in China seinerzeit gerade mal wieder hart durchgegriffen wurde, genoss ich den wunderbar trockenen Schnee fortan lieber auf der geöffneten Piste. Schade nur, dass es dem Schnee an Quantität mangelte. Aber das ist im kontinentalen Klima der Mandschurei die Regel. Deswegen stehen die Schneekanonen heute an den Pisten statt vor dem Hotel. Das wurde inzwischen durch einen Club Med ersetzt, und beim Liftfahren muss man dank der neuen Gondelbahn auch nicht mehr frieren.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 01 / 2017