« Voriger Artikel   |   Nächster Artikel »

Wasserkuppe in der Rhön: Vom Winde verweht

Das Snowkiten zählt wie das Kitesurfen zu den neuen Trendsportarten, obwohl es auf eine alte Tradition zurückblickt. Wir haben das Erlebnis im Snowkite-Eldorado Wasserkuppe in der Rhön selbst getestet

neuer_name

Text und Bild Monika Neiheisser

Flieg deinen Kite mehr in die Powerzone“, Snowkitelehrer Thomas erteilt seine Anweisungen über Funk. Mirko-Jan hält seinen fünf Quadratmeter großen Kite stabil im Windfenster und saust über die windige Hochebene Wasserkuppe in der Rhön. Zum Wenden steuert er seinen Schirm in den Zenit, fährt mit den Skiern eine kleine Kurve und rast zurück. Thomas immer hinterher.

Die jährlich stattfindenden Inter-nationalen Snowkite Meisterschaften hatten meinen Sohn und mich hierher gelockt, um die Helden des Windes bei der Trendsportart Snowkiten zu beobachten. Mit ihren bis zu 19 qm großen Gleitschirmen powern sie im Rausch der Geschwindigkeit über die Ebene, ziehen einen kräftigen Schneeschweif hinter ihren Snowboards oder Skiern her und scheinen bei kleinen Sprüngen die Gesetze der Schwerkraft zu brechen.

Spielerisch wirkt der Sport, der nach viel Fun aussieht, aber auch als eine der dynamischsten Wintersportarten gilt. Das wollte ich mit meinem Sohn ausprobieren, und jetzt kämpfe ich in meinem Anfängerkurs mit einem Kite, der nicht dahin fliegen will, wo ich will, während sich mein elfjähriger Sprössling schon bei seinen ersten Fahrversuchen mit Skiern und Kite vergnügt.

neuer_name

Crashkurs gegen den Crash

Doch erst sitzen wir mit 11 anderen Snowkite-Neulingen im Schulungsraum und lernen was ein Windfenster und der Halbwindkurs, was Luv und Lee ist und wie man den Zugdrachen in den Zenit steuert. In zwei Tagen wollen wir soweit sein, dass wir unseren Kite selbstständig auf Skiern oder Snowboard steuern und auf einfache Weise wenden können. Dazu werden uns zuerst Grundlagen der Lenktechnik, Vorfahrtsregeln und der Sicherheit in einem einstündigen Crash-Kurs vermittelt.

In Zweier-Teams, ausgerüstet mit Trapez, Kite und Sturzhelm, besiedeln wir ab Mittag die Wasserkuppe, die schon lange Fluggeschichte schreibt. Mit 950 Metern über Meereshöhe ist sie die höchste Erhebung Hessens und der Rhön. Bekannt ist sie auch als „Berg der Flieger“. Wurde hier doch Anfang des 20. Jahrhunderts der Segelflug erfunden und 1922 die erste Segelflugschule der Welt gegründet. Später hat sich die Flugschule, die sich auf Drachen- und Gleitschirmflug spezialisiert hat, dazugesellt. Auch der erste bemannte Raketenstart fand auf der Wasserkuppe statt. So wundert es nicht, dass genau hier auch die erste Snowkiteschule Deutschlands sitzt, die 2006 von Thomas Jorzik gegründet wurde. Im Winter gehört das Flugfeld den Wintersportlern.

Die ideale Brise

Mit Skistiefeln an den Füßen stapfen wir durch den frischen Neuschnee, der mindestens 10 cm dick sein muss, um diesen Wintersport im UNESCO geschützten Biosphärenreservat Rhön ausführen zu dürfen. Die haben wir heute locker. Und eine leichte Brise – ideal für uns Anfänger.

Wir breiten unseren bunten Kite in der weißen Ebene aus und beschweren ihn zum Schutz vor dem Wegfliegen mit Schnee. Dann beginnt der Kampf mit den Schnüren, die im Wind flattern, aber zum Glück fein säuberlich im Achterkreuz aufgewickelt sind. Mein einziger Gedanke: „Ja nichts durcheinander bringen und verknoten.“ Die zwei 20 Meter langen Zug- und zwei Steuerleinen sind mit der Bar, der Lenkstange, verbunden und liegen nach dem Abwickeln ebenfalls fein säuberlich im Schnee. Mit einer

Sicherheitsöse, die im Notfall geöffnet werden kann, dem sogenannten Chickenloop, wird die Lenkstange in den Haken am Trapez eingehängt. Bis alles vorbereitet ist, sind meine Finger schon fast zu Eiszapfen gefroren. Doch dann beginnt der spannendste Teil des Kurses. „Wie halte ich meinen Kite am Himmel?“ Der Partner hält den Schirm in die Höhe, ein Ruck an der Bar und der Stofffetzen saust in den Himmel – doch bei mir ist er eben so schnell wieder zu Boden. Nächster Start. Jetzt müssen wir alle Theorie, die uns Thomas vermittelt hat, auf einmal umsetzen, während der Wind unentwegt an den Leinen zerrt.

Ziehen wir an der Bar nach links, fliegt der Schirm eine Linkskurve, ziehen wir nach rechts, fliegt er eine Rechtskurve. Zieht man die Bar an den Körper, wird mehr Druck aufgebaut, der Kite fliegt langsam und steigt nur schlecht senkrecht nach oben, in den sogenannten Zenith. Bar vom Körper weg, heißt mehr Geschwindigkeit und besseres Aufsteigen des Kites. Klingt ganz einfach, ist aber in der Praxis übungsbedürftig, schließlich müssen wir noch die Windrichtung und somit das Windfenster, den Bereich, in dem der Schirm vom Wind angetrieben werden kann, berücksichtigen und Böen ausgleichen.

Abstürze und Partnerwechsel

Mein Kite will einfach nicht am Himmel stehen und Thomas mahnt: „Du musst die Arme ausstrecken und die Bar ganz locker halten.“ Nach einer Viertelstunde Absturzversuche ist Partnerwechsel. Jetzt lässt mein Sohn Mirko-Jan den Kite in den Himmel schweben, und er steigt genau in den Zenith, dorthin wo er hingehört. Mit leichten Sinuskurven spielt er mit ihm im Wind. Genau so wie er es stundenlang an der Nordsee mit seinem Lenkdrachen geübt hat.

Nach zwei Übungsstunden freuen wir uns auf heißen Kakao und wärmen unsere Hände und Füße im Restaurant „Deutscher Flieger“, in dem unser Grüppchen mit roten Backen in buntem Durcheinander seine ersten Erfahrungen austauscht. Bis kurz vor Dämmerung erfolgt die zweite Übungsrunde, immer mit dem gleichen Ziel: Den Schirm im Zenith halten, kleine Sinuskurven fliegen und nie das Windfenster verlassen. Und siehe da. Kleine Erfolge stellen sich bei mir ein. Die Zeitspannen zwischen den Abstürzen werden länger. Doch noch immer treibt der Kite sein Spiel mit mir und ich habe ihn noch nicht unter Kontrolle.

Meinen Sohn hingegen drängt es auf die Skier. Doch erste Fahrversuche sind für den zweiten Tag geplant, der uns mit etwas mehr Wind überrascht. Knappe drei Beaufort und fünf Quadratmeter Stoff reichen, um meinen Sohn in die Luft zu katapultieren, und ich habe alle Mühe, ihn am Haltegriff im Rücken des Trapezgurts festzuhalten und vor dem Tiefflug zu bewahren.

Dann ist es endlich Zeit, den Wind in Geschwindigkeit umzusetzen, und Mirko-Jans Augen leuchten, als er sich seine Skier anschnallen darf. Thomas befestigt ihm ein Funkgerät am Sturzhelm und macht seinen eigenen Kite startklar. Im Doppelpack ziehen die beiden los. Sie stemmen sich mit ihren Beinen und Oberkörpern gegen den Zug des Kites, nehmen langsam Geschwindigkeit auf, und surfen auf dem Schnee, bis sie mit den anderen Snowkitern am Horizont verschwinden. Als sie zurückkehren, strahlt Mirko-Jan und hat den Flow in den Augen: „Auf Skiern ist das viel einfacher als im Stand, da wird man bei einer Bö einfach richtig schnell und fliegt nicht gleich in die Luft. Und ich konnte schon richtige Wendekurven fahren, ohne dass der Kite runtergefallen ist. Nur ab und zu hat Thomas mir über Funk gesagt, was ich machen soll. Und als mich einer überholt hat, habe ich meinen Schirm gut unten geflogen, so wie wir das gelernt haben. Ich wusste, dass das mein Sport ist.“ Mir ist schnell klar: Jetzt ist er einer von ihnen.

Ski-Verbot

Ich hingegen kämpfe weiter mit der Kontrolle meines Kites im Stand. Und als mich eine Bö erfasst und durch einen Lenkfehler fast 100 Meter liegend über den Schnee zieht, bis das Safety-System greift, das den Druck aus dem Schirm nimmt, ist für Thomas klar: „Du darfst heute noch nicht auf Skier. Du musst erst noch Herr über deinen Kite werden. Dass du den Schirm verreißt, darf auf Skiern nicht passieren.“ Puh, welche Enttäuschung. Doch Gelegenheit zum Üben werde ich demnächst noch genug haben, denn von nun an will mein Sohn öfter zum Snowkiten in die Rhön, schließlich will er ja noch die Sprünge lernen, und letztendlich hat er ein neues Hobby entdeckt. Und im Sommer geht es dann zum Kitesurfen nach Montenegro. Und wer weiß, vielleicht nimmt er in ein paar Jahren an den Kite- Meisterschaften selbst teil. <<<

neuer_name

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat

Events

20.04 – 21.04.2018
Pitztaler Gletscher: Firn, Wein & Genuss
21.04.2018
St. Anton: Kultrennen "Der weiße Rausch"
30.04.2018
Ischgl: Top of the Mountain Closing Concert - Helene Fischer