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Hellas im Schnee

Wenn der Winterregen die Strände der Ägäis heimsucht, pilgert die Athener Schickeria ins Bergdorf Arachova. Außer Party bis zum Morgengrauen lockt der Pulverschnee am 2.457 Meter hohen Parnassos – Griechenlands größtem Skigebiet.

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Freie Fahrt - Selbst an Feiertagen herrscht bei besten Pistenbedingungen oftmals gähnende Leere im Skigebiet.

Text: Christoph Schrahe, Fotos: Christoph Schrahe, Kostas Oikonomou

Davon ist zunächst mal nichts zu sehen. Nicht in Arachova. Das Dorf klebt wie ein Adlerhorst an der Südabdachung des Parnassos, jenes Berges, an dem der Legende nach die Arche von Deukalion und Pyrrha strandete. Entlang der engen Hauptstraße reihen sich Tavernen, Restaurants und ausgefallene Läden mit rustikalem Schick aneinander. Die geschlossene Front der jahrhunderte­alten Steinhäuser verleiht dem Ort eine Urbanität, wie man sie aus Kitzbühel oder St. Moritz kennt. Doch hier geht es jünger, frecher und schlicht mediterraner zu, und wenn Liebe durch den Magen geht, dann ist Arachova ein Ort für Liebe auf den ­ersten Blick. Verführerisch liegen die süße Touloubakia, ­Baklavas und ­Loukoumades, Schinken und Schafs­käsevarianten wie der Formaela, ­Olivenöle und viele andere Spezialitäten in den Auslagen der Patisserien,

Bäcke­reien und Feinkostgeschäfte.

Aus den Restaurants und Grillstuben dringt der Duft von auf Holzkohle gegrillten Souflaki und Kebabs auf die Straße, und dort, wo sich die Gassen zu kleinen, von Platanen beschatteten Plätzen weiten, liegt Kaffeeduft in der Luft. Beliebtester Treffpunkt ist der Lakka-Platz. Hier sitzt man den ganzen Winter draußen. Decken und Heizstrahler sorgen für genügend Wärme auf den Lounge-Möbeln, aus den Lautsprechern wummern chillige Rhythmen, und das Volk, das auch nach Sonnenuntergang die dunkel getönten Designerbrillen nicht absetzt, frönt dem Sehen und Gesehen­werden. Wer am Wochenende einen Platz auf dem Lakka ergattert hat, kann Zeuge eines Schauspiels werden, das für Kostas Oikonomou die Dimension eines antiken Dramas hat. Kostas ist Pistenchef des Skigebietes am Parnassos. Wer aus Athen dorthin fährt, muss wohl oder übel durch Arachova. Und da fast alle Gäste des Parnassos aus Athen kommen und sich am Wochenende – so fühlt es sich in den engen Gassen zumindest an – Griechenlands halbe Hauptstadt auf den Weg zum Sitz des Gottes Apollon macht, erstickt Arachova in einem Verkehrschaos epischen Ausmaßes. „Den Rest geben dem kleinen Ort die ­Reisebusse auf dem Weg nach Delfi. Das liegt kurz hinter Arachova, und wenn sich zwei dieser Busse im Dorf begegnen, geht es weder vor noch zurück. Für uns ist das ein Riesenproblem“, seufzt der Mittfünfziger, der in Tirol seinen staatlichen Skilehrer ­gemacht hat und einige Jahre in Serfaus und am Kauner-taler ­Gletscher gearbeitet hat.

Kritische Verhältnisse

Irgendwie gelangen die Athener dann aber doch noch auf die Pisten des Parnassos. Die Warteschlangen an den Liften waren viele Jahre berüchtigt. Leonardos Varverakis, der Verwalter unserer Ferienwohnung, beschloss daher schon vor längerer Zeit, nicht mehr am Wochenende Ski zu fahren. „Wenn Tausende Schüler die Hänge stürmen, wird es wirklich kritisch. Ein Freund von mir wurde während der Fahrt mit dem Schlepplift regelrecht umgesäbelt und erlitt mehrere Knochenbrüche.“ Und dabei ist der Parnassos dank guter Markierung und Pistensicherung noch der am wenigsten unfallträchtige Skiberg des Landes. Insgesamt gibt es in den etwa 20 griechischen ­Ski­gebieten verglichen mit den Alpen doppelt so viele Unfälle pro Gast.

Ein Skigebiet im Wandel

In den letzten Wintern ist Leonardos dann gar nicht mehr Ski gefahren, nicht wegen des Risikos, sondern weil er es sich nicht mehr leisten kann. Trotz seiner Universitäts-abschlüsse in Betriebswirtschaft, Tourismus und Informatik, trotz der vier Sprachen, die er fließend spricht, hat er nur diesen Verwalterjob gefunden, der ihm ganze 900 Euro im Monat einbringt. Davon gehen 500 Euro für Miete und Nebenkosten drauf. Vom Rest müssen auch noch seine Frau, die sechsjährige Tochter und der dreijährige Sohn leben. „Es ist in Griechenland eben sehr schwer, eine Arbeit zu finden, die dem entspricht, was man studiert hat, aber es ist immerhin ein Ganzjahresjob.“ Das ist in Arachova nicht selbstverständlich, die meisten Hotels schließen im Sommer, manche haben sogar nur an Winterwochenenden geöffnet. Könnte Leonardos sich die elf Euro für die Nachmittagskarte am Parnassos noch leisten, hätte er feststellen können, dass sich dort hinsichtlich Wartezeiten eine Menge getan hat. Für rund 31 Millionen Euro (davon kamen 95 Prozent aus EU-Fördertöpfen!) wurde die Liftflotte in den Sommern 2014 und 2015 grundlegend modernisiert: Zwei neue Gondelbahnen, drei Kombibahnen und ein weiterer Schlepplift haben die Förder­kapazität mächtig erhöht, denn sie ersetzten leistungsschwache Anlagen aus der Anfangszeit des Skigebiets in den späten 70er-Jahren. Es gibt aber noch einen anderen Grund dafür, dass man am Ostersonntag an den Liften einfach so durchgehen kann: Die Zeiten, als sich an starken Tagen sechs- oder sieben­tausend Schneesportler zugleich am Parnassos tummelten, sind vorbei. Zu den Skifahrern zählten ehemals eben nicht nur die von der Krise unbehelligten Vertreter der Oberschicht, sondern auch die Angehörigen der in diesem Land besonders sportbegeisterten Mittelschicht – und denen geht es finan­ziell seit 2008 zunehmend schlechter. Was nicht unbedingt sein muss, wird ­eingespart. Skiausflüge stehen da ganz oben auf der Streichliste.

2015/16? Völlig verkorkst

So sind die Gästezahlen am Berg trotz der immensen Investitionen deutlich zurückgegangen, und dann kam auch noch der Winter 2015/16. Wobei das eigentliche Problem war, dass er nicht kam. Da man bei den ganzen Millionenmaßnahmen leider übersehen hatte, diese durch eine Beschneiungsanlage abzusichern, war die Saison nach nur 73 Betriebs­tagen schon wieder vorbei. „Und von denen ­waren ­viele auch nicht ­gerade perfekt“, räumt Kostas ein, „viele Skilehrer kamen nur auf 20 Arbeitstage.“ Um 60 Prozent brachen die Besucherzahlen gegenüber den fetten Jahren ein. Am Osterwochenende sind nur einige Pisten oberhalb von Kellaria 1950 befahrbar, weniger als ein Viertel des Gesamtangebots. Später Schneefall am Gründonnerstag hat die grünen Hänge zwar weiß überzogen, aber für die Verbindung hinüber nach Fterolaka reicht es nicht, und auch die Skirouten auf der Rückseite des Berges sind nicht fahrbar. Daher kostet die Tageskarte auch nur 24 statt der üblichen 30 Euro, für Kinder und Jugendliche die Hälfte. Ermäßigungen gibt es außerdem für Studenten, Einwohner, Senioren, Trainer, Saisonkarteninhaber anderer Skigebiete, Anfänger, Sportler, Ex-Sportler (!), Kleinkinder, Veteranen und Menschen mit Behinderung. Für das zweite und jedes weitere Kind zahlen Familien gar nichts. Zwar ist man am Parnassos angesichts dieser sozialen Preisgestaltung an Verluste gewöhnt, es handelt sich bei der Betreibergesellschaft ETASA schließlich um ein Staatsunternehmen, und für das geht es um Regionalförderung statt um Gewinne! Aber das Loch, das der Winter 2015/16 in die Bilanzen gerissen hat, schmerzt dann doch. Könnte schließlich sein, dass in Brüssel mal jemand auf die Idee kommt, dass es in Griechenland sinnvollere Verwendungsmöglichkeiten für siebenstellige Euro-Beträge gibt.

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Schneereich - Im Winter 2016/17 ist der Parnassos wieder mit reichlich Weiß gesegnet und bietet herrliche ­Tree-Runs.

Top-Carving-Revier

Kostas Fazit lautet daher: „Wir brauchen die Schneekanonen und zwar schnell!“ Immerhin präsentiert sich der fahrbare Schnee trotz (oder wegen?) der fehlenden Beschneiung in sehr gutem Zustand – für April ja keine Selbstverständlichkeit auf dem 39. Breitengrad. Die Pisten sind megabreit, kaum frequentiert und bieten so ideale Voraussetzungen für lang gezogene Carvingschwünge. Einzig der Nebel bremst den Fahrspaß etwas. Kurz vor Liftschluss beginnt es zu schneien. Schluss ist aber nur für die Skifahrer, nicht für die Lifte. Die wird Kostas die ganze Nacht laufen lassen. „Das nahe Meer sorgt für eine extreme Luftfeuchtigkeit, wenn wir die Lifte abstellen, sind die Rollenbatterien am nächsten Morgen so vereist, dass wir Stunden dafür bräuchten, den Raureif abzuklopfen.“ Das Winterwetter am Parnassos ist alles andere als lieblich, Windgeschwindigkeiten von 200 Stundenkilometern sind keine Seltenheit. Die Rückenlehnen der Sesselbahnen haben große Löcher, „sonst würde uns der Wind regelmäßig die Seile von den Stützen blasen“, erklärt Kostas. Unten in Arachova regnet es an diesem Abend ohne Unterlass. Ob es daran liegt, dass plötzlich auffällt, wie wenig Menschen in den Läden stöbern oder Tische in den Tavernen belegen? Wir treffen uns mit Leonardos im Dasargyris. Hier waren Onassis, die Callas und Robert Mitchum zu Gast, was man zum Glück weder dem bodenständigen Interieur des in dritter Generation von Giannis, Maria und Argiris Dasargyris geführten Ladens noch den Preisen auf der Karte ansieht. „Die Preise gehen momentan eher runter, vor allem für Häuser“, berichtet Leonardos. „Käufer finden sie trotzdem keine.“ Wer sich nur als Gast einmietet, zahlt allerdings immer noch stolze Summen, für ein Wochenende mit der Familie geht da trotz der günstigen Liftpässe schnell ein durchschnittlicher Monatslohn drauf. Dafür bieten viele Quartiere eine ordentliche Prise Luxus, schließlich fahren viele Übernachtungsgäste gar nicht Ski, sondern verbringen den Tag im Quartier, bevor sie sich abends ins Partygetümmel stürzen.

Entspannter Powder-Spass

Wie stark sich die Krise auf das Skigebiet auswirkt, offenbart der nächste Morgen, Ostermontag. Die Wolken sind abgezogen, haben 15 Zentimeter Neuschnee zurückgelassen, einem stahlblauen Himmel Platz gemacht, und bei minus drei Grad präsentieren sich die Pisten in perfekter Verfassung. Eigentlich Zutaten für einen Besucheransturm. Doch in der weiten Bergschale zwischen Kellaria und Iraklis verliert sich nur eine Handvoll unentwegter Skifans, genießt Powderschwünge und das fantastische Panorama, das über die Wasser des Golf von Korinth bis zu den schneebedeckten Spitzen des Peleponnes reicht. Weit im Norden ragt der Olymp auf, Wohnort des Göttervaters Zeus. Den griechischen Durchschnittsskifahrer zieht es zum Wintersport-Kurzurlaub zunehmend noch weiter nach Norden, nach Bulgarien. Nicht nur der günstigen Quartiere wegen, die dortigen Skigebiete haben ihre Anlagen eben schon vor längerer Zeit auf Vordermann gebracht. Die Menschen in Arachova haben die Hoffnung, dass sich die Modernisierung des Parnassos bezahlt macht und die Skiurlauber wiederkommen, sobald es einen normalen Winter gibt. Das Orakel von Delphi können Kostas und Co. in Sachen Schneeprognose zu ihrem Bedauern nicht mehr befragen. Das stellte 391 n. Chr. nach fast tausend Jahren ununterbrochener Prophe­zeiungs-tätigkeit seinen Betrieb ein. Das wünscht man dem Parnassos nicht. Es wäre schade um ein schönes Skigebiet an einem ganz und gar außergewöhnlichen, mystischen Ort. Wir glauben Leonardos, als er beim Abschied sagt: „Ich bin schon 15 Jahre hier und habe doch noch nicht alles Sehenswerte gesehen.“ Man wünscht ihm die Muße, dass er es zumindest in den nächsten 15 Jahren schafft – ­vielleicht auch mal wieder von den aussichts­reichen Pisten des Parnassos aus.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2017

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