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Abfahrtsrausch & Höhenflug am Mont Blanc

Beim Stichwort Heliskiing denken die meisten an die großen Ski-Destinationen in Übersee. Aber ­Freeriden in luftigen Höhen ist auch ohne Jetlag möglich. SkiMAGAZIN-Autor Udo Bernhart hat an den Hängen des Mont Blanc einen außergewöhn­lichen Skitag erlebt, der selbst dem erfahrenen Free­rider eine Gänsehaut ­beschert hat

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© Udo Bernhart

Text: Udo Bernhart

Ende Januar 2014 – es schneit in Deutschland. Wir ­packen in Frankfurt unsere breiten Bretter ins Auto und machen uns auf den Weg. Richtung Freiburg, dann vorbei am Genfer See nach Chamonix. Nach sechs Stunden passieren wir den Mont-Blanc-Tunnel und er-reichen bei heftigem Schneefall auf der Südseite der Alpen das italienische Courmayeur. Eine steile Gasse führt von oben zu unserem Hotel „Maison Saint Jean“.

Zunächst schlittern wir allerdings direkt daran vorbei. Heliski-Veranstalter Veit Erben aus Wehrheim wirkt ein wenig hilflos am Steuer seines allradgetriebenen SUVs, als ich zu ihm sage: „Hier rechts geht’s zu den Garagen.“ Seine Antwort: „Ja, würde gerne abbiegen, geht aber nicht!“ Die steile, schmale Gasse ist mehr Rodelbahn als Fahrstraße. 50 Meter weiter unten kommt das Auto dann doch zum Stillstand. Wir drehen um, und der zweite Versuch klappt – diesmal halt bergauf.

Am nächsten Morgen ist vom Mont Blanc nichts zu ­sehen. Es schneit noch immer. An der Seilbahn Val Veny treffen wir Frank Henssler, einen Bergführer aus ­Freiburg, der schon viele Jahre als Heli-Guide im Mont-Blanc-Gebiet führt und Mitbesitzer des Unternehmens Heliski ­Courmayeur ist. Bei diesem Wetter ist an Fliegen nicht einmal zu ­denken.

Nostalgie am Berg

In Courmayeur ist das aber kein Problem. Den Vormittag verbringen wir im Skigebiet mit Variantenabfahrten unter Franks Führung, darunter fantastische Tiefschneeabfahrten im Wald abseits der Pisten. Mittags im „Refuge Petit Mont Blanc“ gibt es „Polenta con spezzatino di magiale“, einen Eintopf mit Schweinefleisch und Maisgrieß. Deftige Aosta-Küche in sehr netter Atmosphäre. Der Nachmittag gleicht dann einem Besuch im Technikmuseum. Am Col Chécrouit nehmen wir eine 26-Personen-Gondel aus dem Jahre 1961 zur Cresta di Youla auf 2.624 Meter, von dort die kleine 15er-Gondel, gebaut 1963, hinauf ins Weiß zur Cresta d’Arp. Hier hat man das Gefühl, zur Zeit der Erschließung der Alpen unterwegs zu sein. Was für kühne Bauwerke! Und sie sind tatsächlich noch in Betrieb.

Die Bergstation liegt ausgesetzt auf 2.755 Metern. Hier oben gibt es keine präparierten Pisten, sondern nur Tourenabfahrten. Vor Jahren war ich schon mal hier und hatte bei Traumwetter einen fantastischen Blick auf das Mont-Blanc-Massiv, das hier wie eine Wand vor einem steht. Heute allerdings müssen wir darauf verzichten. Wir freuen uns über einen halben Meter Neuschnee und optimale Bedingungen für die anspruchsvolle Abfahrt hinunter zum Col D’Arp und weiter nach Dolonne. So genießen wir auch ohne Heli-Unterstützung einen fabelhaften ­Skitag. Wir ­haben viele Höhenmeter zurückgelegt, und die ­Oberschenkel brennen.

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Vom Skigebiet im italienischen ­Courmayeur aus kommt man per Hubschrauber in spektakuläre Freeride-Areale im Mont-Blanc-Massiv auf über 4.000 Metern Höhe.
© Udo Bernhart
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Vom Skigebiet im italienischen ­Courmayeur aus kommt man per Hubschrauber in spektakuläre Freeride-Areale im Mont-Blanc-Massiv auf über 4.000 Metern Höhe.
© Udo Bernhart

Majestätische Kulisse

Am nächsten Morgen hat der Schneefall nachgelassen, die Berge aber liegen immer noch in den Wolken. Der Hubschrauber bleibt also erneut in der Garage. Frank ist freilich guten Mutes, er glaubt, dass die Wolkendecke bald aufreißen wird. So schlägt er vor, zum Warmwerden erst einmal ein paar Abfahrten im Skigebiet zu machen. Nicht einmal eine Stunde später haben wir am Col Chécrouit Sonne und Neuschnee – über uns zeigt sich das Mont-Blanc-Massiv in seiner ganzen Pracht.

Jetzt noch schnell einen Espresso und eine Brioche im Chalet „Chez Croux“ und dann ab in den Klettergurt. Hinter der Hütte ­wartet ein Italiener auf uns, stylish mit neon­farbenem Helm, farblich abgestimmten ­Ohrenprotektoren und orangeroter Brille: Guido Azzalea, Präsident des Bergführer­verbandes des Aosta-Tales. Er leitet die ­Koor­dination zwischen Hubschrauber und Skifahrer am Boden. Es dauert nicht lange, dann holt uns ein weißer Helikopter ab und fliegt uns ­vorbei am 3.252 Meter hohen Berrio Blanc in Richtung Col des Pyramides. Unter uns ist alles frisch angezuckert, die Luft klar wie meistens, wenn sich nach längerem Schneefall der Nebel plötzlich auflöst, und die Berge um den Mont Blanc wirken majestätisch.

Alessandro Remine ist Fluglehrer und einer der erfahrensten Piloten der Region. Er kennt die Gipfel hier wie kein anderer. Heute nimmt er den Pilotensitz vorne rechts ein. Gekonnt lässt er seinen PS-starken A-Star Eurocopter entlang einer steilen Rinne den Berg hinaufsteigen. Auf ­einem kleinen Plateau in 2.788 Metern Höhe setzt er uns ab.

Wir haben kaum Zeit, uns umzuschauen. Mit Fat-Ski an den Füßen schweben wir förmlich über unverspurtes Gelände, hinter uns die gelben Felsen der Petite Aiguille des Glaciers. Es geht alles leicht; die Bedingungen sind optimal. Wir fahren vorbei an dem zu dieser Jahreszeit geschlossenen „Rifugio Elisabeta“. Die Schutzhütte liegt gut sichtbar auf ­einem ausgesetzten Hügel, direkt unter dem 2.726 Meter hohen Gipfel der Pyramides Calcaires, der sich tatsächlich wie eine riesige Pyramide hinter der Berghütte aufbaut.

Unten im Tal wartet Alessandro und fliegt uns gleich wieder hinauf zum nächsten Run. Diesmal in Richtung Aiguille de Lex Blanche. Es ist schon verrückt, wie viel Berg man mit dem Hubschrauber in kürzester Zeit erleben kann. Die Landung oben ist spektakulär, genauso wie die Aussicht hinüber auf den Tré la Tête. Das sind die Momente, in denen ich meinen Beruf besonders liebe. Ich fahre mit meiner Kamera voraus, suche mir die beste Position zum Fotografieren. Nacheinander fliegen Veit und Frank mit Freudenschreien an mir vorbei in Richtung Tal. Was für ein Bild! Vorne im steilen Gelände, eine weiße Wolke hinter sich herziehend, der bunte Skifahrer, und im Hintergrund der Gletscherbruch des Lex Blanche, darüber der Doppelgipfel des Tré la Tête. Ja, heute haben alle Spaß! Das sind Tage, an denen man Bilder einfängt, die anschließend auf Hochglanz gedruckt die Titel von Kalendern, Magazinen und Katalogen schmücken.

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© Udo Bernhart

Gänsehaut-Feeling

Courmayeur ist einer der wenigen Alpen-Orte, in denen Heliskiing überhaupt erlaubt ist. Ich habe viele Heliski-­Gebiete auf der Welt bereist. Aber so eine Kulisse erlebt man selten – Gänsehaut! Und weil es so ein toller Tag ist, hat Frank etwas Besonderes mit uns vor. Er will das ­Schönwetterloch nutzen – und deshalb fällt das Mittag­essen heute aus. Es geht nun ganz nach oben, die Aussicht vom Hubschrauber ist überwältigend. Alessandro versucht, die Aufwinde zu nutzen. Ab 4.000 Metern Höhe steigt die Maschine nicht mehr so leicht, und von der Nordseite ­kommen Wolken. Es wird eine Landung in letzter Minute. Ein kurzer Blick auf den Gipfel des Mont Blanc – dann verdeckt Nebel die Sicht.

Ich steige einige Meter am Grat entlang auf, versuche ­einen Blick durch die Wolken zu erhaschen, um einige ­Fotos zu machen. Schalte dann aber sofort einen Gang ­zurück. Hier oben kann man nicht einfach so losrennen, wie man das unten im Tal gewohnt ist. Die Luft ist ­erheblich dünner, und man kommt schnell außer Atem. Frank pfeift mich zurück und treibt uns zur Eile an. Die ­Wolkenwand sitzt uns im Kreuz.

Die Abfahrt ist unglaublich. Oben eine weite Flanke, die dann in einen steilen Hang übergeht. Konzentriert, ­einzeln, einer nach dem anderen, fahren wir in die ­Steilstufe ein, ­hinunter zwischen Seracs, in eine breite Rinne. Von dort geht es über einen weiten Gletscher. Wo es möglich ist, legen wir kurze Pausen ein. Können uns nicht sattsehen an der übermächtigen Bergwelt, an Gletschern, die von Felszacken umgeben sind. Über eine ausgedehnte ­Gletscher-Moräne schwingen wir spielerisch hinunter ins Val Veny. Unten im Tal geht es durch ­Lärchenwälder, schließlich schieben wir über eine ziemlich flache ­Forststraße bis zum Weiler Zerotta. Dort empfängt uns Giuliano, der Wirt vom „Petit Mont Blanc“, mit einer Flasche Franciacorta, bestem italienischen Schaumwein. Mit dem Säbel schlägt er von unten gegen die Wulst des Flaschenkopfes, sodass dieser samt Korken abgeschlagen wird. Wir trinken auf einen ganz besonderen Skitag. Neben uns drehen sich über ­Holzfeuerglut ­knusprig gebratene Ferkel am Spieß.

Der Abend in der Hütte, wieder bei deftiger Aosta-­Küche, wird lang. Es gibt viel zu erzählen. Haben wir doch einiges erlebt an den Hängen des großen Berges. Für so viele Abfahrten, wie wir sie heute mithilfe des ­Hub­schraubers gemacht haben, braucht ein Tourengeher ein halbes Bergsteigerleben.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 01 / 2016

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