Ätna: Skifahren, bis es raucht

Der Berg ruft nicht, er rumpelt. Morgens um fünf lässt der Ätna in den Dörfern an seiner Südseite die Wände wackeln. Das schmiedeeiserne Bett in der „Masseria Tre Monti“, einer gemütlichen Privatunterkunft in Pedara, zittert und quietscht leicht. Das Grollen der Erde ist der ungewöhnliche und auch ein bisschen beunruhigende Weckruf für unsere Skitour auf den Vulkan

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Text und Bild Titus Arnu

Beim Frühstück beruhigen uns Anna und Saverio, die Gastgeber: „Un Terremotino!“ Nur ein klitzekleines Erdbeben sei das gewesen, ganz normal und harmlos, wenn man am Fuß eines Vulkans lebt. Anna hat Espresso auf dem Gasherd gekocht, Saverio beheizt den offenen Kamin mit knorrigem, duftendem Olivenholz. Unsere Gruppe sitzt in Skianzügen um den langen Holztisch, am Feuer stehen Skischuhe, zum Aufwärmen.

Draußen im Garten hängen Zitronen an den Bäumen. Im Hof der Masseria liegen Skier, Anoraks und Rucksäcke für den Tag bereit. Es ist Mitte März, an den Stränden Siziliens kann es um diese Jahreszeit schon 25 Grad warm werden. Unten schimmert das Mittelmeer – man kann sich in solch einem Moment nicht richtig vorstellen, gleich Ski fahren zu gehen. Genau das haben wir aber vor: Eine Überschreitung des Ätna mit Tourenskiern. An der Südseite hinauf, über die Nordseite hinunter.

Falls der Ätna uns lässt. Gestern war er komplett von Wolken eingehüllt. Vor einigen Wochen hat er noch Lava gespuckt – und nun das Erdbebenchen. Der Berg, sagt Saverio, sei extrem launisch und schwer einzuschätzen, „wie eine Frau.“ „Quatsch nicht, Saverio“, ruft Anna, die auch ein bisschen ätna-artig wirkt – sie stößt in unregelmäßigen Abständen Zigarettenrauchwolken aus und neigt zu verbalen Ausbrüchen. Zum Glück sind es aber meistens positive Gefühls-Eruptionen. Unser Bergführer Andrea Ercolani stimmt Saverio zu: „Ätna ist eindeutig feminin.“

Zwischen Feuer und Eis

Am Tag unserer Tour zeigt sich der Berg von seiner nettesten Seite. Die Sicht ist klar, die Sonne scheint, und oberhalb von 2.000 Meter Höhe ist der Vulkan weiß verschneit. Eine Gondelbahn bringt uns ins Skigebiet Ätna-Süd, das 2.500 Meter über dem Meeresspiegel liegt und über zwei Schlepplifte verfügt. Als wir ankommen, trainieren dort Skiclubs aus ganz Sizilien Slalom und Abfahrtstechnik, dick verhüllte Großfamilien gehen im Schnee spazieren. Wir schnallen uns neben der Piste die Tourenskier an und stapfen schweigend aufwärts. Obwohl unser Bergführer Andrea Ercolani sich mit dem feuerspuckenden Berg bestens auskennt, ist einigen Teilnehmern leicht mulmig.

Ist Skifahren zwischen Feuer und Eis nicht gefährlich? Andrea Ercolani, ausgebildeter Vulkanbergführer, beruhigt die Touristen: Selbst wenn der Berg Lava spucken würde, könne man ganz nah ran an das glühende Gestein, bis zu einem Meter. Die Lava des Ätna bewegt sich im Vergleich zu anderen Vulkanen relativ langsam, selbst bei größeren Ausbrüchen haben die Menschen meistens noch genügend Zeit, vor dem 1.100 Grad heißen Lavastrom zu fliehen. Außerdem sei die Lava durch einen geringen Kieselsäureanteil relativ dünnflüssig, erklärt Ercolani. Dadurch können die in ihr enthaltenen Gase rechtzeitig entweichen und bauen keinen Überdruck auf, der sich in einer Explosion entladen könnte. Bei einigen Ausbrüchen allerdings fliegen tonnenschwere Blöcke mehrere hundert Meter hoch durch die Luft – dann ist von Skitouren eher abzuraten.

Gletscherspalten gibt es am Ätna nicht, allerdings bietet der Berg einige andere Gefahren. Aus Felsspalten im Berg kommen schweflige Dämpfe, unter dem Schnee lauern spitze schwarze Lavabrocken und fiese Löcher. Die Unterlage ist mal betonhart, mal butterweich, mal pulvrig, mal gibt es metertiefe Hohlräume unter der scheinbar ebenen Fläche. Das liegt daran, dass der Schnee an manchen Stellen von unten nach oben wegschmilzt – wenn warme Gase aus dem Boden steigen, entstehen so Luftkammern im Schnee, die einstürzen können, wenn ein Skifahrer sie überquert.

Flammen auf dem Kopf

Andrea Ercolani geht deshalb in einigen Metern Abstand voran und stochert ständig mit seinen Stöcken im Schnee. Der in der Schweiz geborene und daher perfekt Deutsch sprechende Halbitaliener liebt den Ätna. Seit 1998 lebt er auf Sizilien und arbeitet dort als Wander- und Vulkanführer. Seine Mütze ziert ein Muster aus kleinen roten Flammen, die rund um seinen Kopf in die Höhe züngeln. Ercolanis Augen leuchten, wenn er mit flammenden Worten die Gewalt vergangener Ausbrüche und die Formschönheit neu entstandener Krater preist: „November 2007 – eine schöne Fontäne! Der Krater ist von 2006 – ein herrliches Ding.“

Plötzlich rumpelt es, und knapp zwei Kilometer entfernt steigt eine schwarze Rauchsäule auf. Der Südost-Krater bricht aus, er spuckt Asche und Gase, die Wolke sieht aus wie ein schwarzer Riesen-Broccoli. „Eine Asche-Explosion!“ ruft Ercolani begeistert. Der Vulkanbergführer hat schon einige Eruptionen aus der Nähe beobachtet und fotografiert, aber dass der Ätna für die Skitourengruppe so termingerecht und fotogen rumort, wirkt wie bestellt. Die Touristen aus der Schweiz und aus Deutschland starren wie gelähmt auf die gigantische Rauchwolke.

Dabei wäre so ein theatralischer Ausbruch doch nicht nötig gewesen – Skifahren auf dem Vulkan ist ohnehin eine spektakuläre Angelegenheit. Der Ätna ist der höchste aktive Vulkan Europas, dass er aber auch ein guter Skitourenberg ist, wissen die wenigs-ten. Der riesige Kegel des Vulkans hat einen Basis-Umfang von 180 Kilometern und erhebt sich 3.300 Meter über das Meer. Lawinengefahr besteht selten, und abgesehen vom Valle del Bove, wo es einige sehr steile Stellen gibt, sind kaum technische Schwierigkeiten zu erwarten. Die Steigung ist dezent, und von November bis April liegt fast immer genug Schnee im Gipfelbereich, schneesicher ist er im Winter bis hinab auf 1.700 Meter. Die Tourensaison dauert manchmal bis in den Juni.

Auf Sophia Lorens Kurven

Unsere Gruppe hat sich am frühen Nachmittag fast bis zum höchsten Punkt nach oben gearbeitet. Wir stehen am Hauptgipfel am Nordostkrater; dessen Höhe ändert sich durch die vulkanische Aktivität immer mal wieder, derzeit beträgt sie 3.334 Meter. Der Ätna hat vier Hauptkrater, im Laufe der Jahrtausende haben sich etwa 400 Nebenkrater gebildet wie die Silvestri-Berge oder die zwei nebeneinander liegenden, wunderschön geschwungenen Hügel, die im Volksmund liebevoll „Tette di Sophia Loren“ (Titten der Sophia Loren) genannt werden.

Unsere Pause am Krater ist neblig und feucht. Am höchsten Punkt der Tour liegt kein Schnee, dafür ist der Boden zu warm. Aus Ritzen und Spalten zischt es. Der Wind bläst uns Dämpfe ins Gesicht, die Skibrillen beschlagen. Also nichts wie weg aus dem gruseligen Gas – es wartet immerhin die längste Skiabfahrt Siziliens. Um ehrlich zu sein, ist es auch die einzige nennenswerte Abfahrt von Sizilien, denn die Skigebiete am Ätna sind aus Sicht von Alpenbewohnern nicht wirklich ernst zu nehmen. Die Überschreitung des Vulkans von Süden nach Norden eröffnet aber eine erstaunlich gute Abfahrt von 3.300 Metern Höhe bis hinunter auf 1.700 Meter. Der Schnee ist oben noch pulvrig, und während der Blick auf die Meerenge von Messina fällt, dampft im Hintergrund der Nordkrater – ein einmaliges Ski-Erlebnis, für das man in ähnlicher Form bis nach Chile oder Kamtschatka fliegen müsste.

Es wird schon dämmrig, als wir das Skigebiet Ätna-Nord erreichen – besser gesagt das, was davon übrig ist. Bis vor acht Jahren waren vier Skilifte an der Nordflanke des Vulkans in Betrieb, eine Seilbahn und vier weitere Lifte transportierten Wintersportler auf der Südseite in die Höhe. Dann öffnete sich am 17. Juli 2001 am Fuß des Südost-Kraters eine Spalte, die Lavafontänen ausspuckte. Das glühende Gestein zerstörte einen Großteil der Anlagen im Süden, einige Bergrestaurants und die Talstation der Seilbahn. Ein Jahr später, im Herbst 2002, wurden bei einem erneuten Ausbruch auch die Lifte am Nordhang zerstört. Die bizarr verbogenen Masten ragen immer noch aus einer erstarrten Lavaschicht heraus. Im Norden des Ätna laufen mittlerweile wieder zwei Lifte und ein Sessellift, ein weiterer soll in dieser Saison in Betrieb gehen.

Die Tour endet auf einer gewalzten Piste an der Nordseite. Nach der spektakulären und anstrengenden Überquerung ist uns nicht mehr nach Carven zumute, außerdem ist es recht kühl geworden. Andrea Ercolani schaut noch einmal zum Krater hinauf, zufrieden und auch ein bisschen ehrfürchtig. Jetzt wäre ein kleiner Lavastrom vielleicht nicht schlecht. Aus der Sicht von Andrea Ercolani wäre das eine gemütliche Sache: „Lava im Schnee – das ist so eine Art Lagerfeuersituation. Vorne ist es warm, hinten kalt.“ Doch der Ätna bleibt diesmal friedlich. <<<

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