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Dolomiten: Couloirs und Cappuccino

Geht es ums Skifahren, denkt man an Schnee und nicht an Felswände. Aber in manchen Felsen warten ganz außerordentliche Skiabenteuer. Couloirs nennt man diese schneegefüllten, steilen Rinnen mitten im Berg. Überdurchschnittlich viele davon finden sich in den imposanten Flanken der Dolomiten. Extremes Skifahren und extrem gute Erholung, der Luxus der Einsamkeit und luxuriöse Hotels sowie prächtige Kulissen und kulinarische Pracht existieren in diesem Teil der italienischen Alpen direkt nebeneinander. Benvenuto!

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Text und Bild Dirk Wagener

Die Müdigkeit der nächtlichen Autofahrt ist schlagartig hinweggefegt, als der Schneepflug, der uns auf den letzten Kilometern der stetig ansteigenden Bergstraße eine rutschfreie Fahrt bescherte, im Ortszentrum von La Villa links abbiegt und freie Sicht auf einen Südtiroler Giganten ermöglicht: Die Sella-Gruppe. Tief verschneit und majestätisch im Morgenrot schimmernd steht er da, der riesige plateauförmige Bergklotz aus dem hellen und splittrigen Dolomit-Gestein, dessen Gipfel und Hänge sich auf die drei italienischen Provinzen Südtirol, Trentino und Venetien verteilen. Letzte Wolkenfetzen kleben an den steilen Felsflanken, um nach und nach von der aufsteigenden Sonne vertrieben zu werden und den Blick freizugeben auf eingekerbte Täler, steile Felsrinnen, schwindelerregende Abbrüche und glitzernd weiße Schneefelder.

„Wow, was für ein Monstrum!“, reißt mich der Urschrei meines gerade erwachten Beifahrers aus meiner Faszination. Auch er hat den vor uns liegenden Riesen erblickt. Arnd erklärt mir stolz: „Im Italienischen bedeutet Sella so viel wie Sattel. Das Bergmassiv wird nämlich durch zwei Täler sattelförmig geteilt: Dem Mittags-Tal und dem Lasties Tal.“

Doch was mich eher interessiert als die Täler, sind die Gipfel. Der höchste davon ist der 3.151 Meter hohe Piz Boè, ein anderer der Sass Pordoi mit 2.952 Metern. Auf letzteren führt zum Glück eine Seilbahn. Und jene wird in den nächsten Tagen Ausgangspunkt für einige unserer Unternehmungen auf Ski sein.

Pisten, Pasta und Panorama bis zum Abwinken

Aber erstmal bringen wir das Organisatorische hinter uns und checken auf Empfehlung der ladinischen Schönheit aus dem Tourismusbüro in ein Apartmenthotel mitten in La Villa ein. Schnell ziehen wir uns um, packen das nötige Equipment für einen ersten Erkundungs-Skitag ein und genießen im Café der Bäckerei Pizzinini noch ofenfrische Hörnchen und einige grandiose Tassen Cappuccino.

Drei Kilometer Autofahrt noch bis Corvara. Immer größer wird die Sella vor unseren Augen und sprengt längst den Bildausschnitt der Windschutzscheibe, als wir im Örtchen ankommen. Ein rappelvoller Parkplatz an der Talstation und Hunderte ameisengleich umherwuselnde Wintersportler machen uns schlagartig klar, dass das Sella-Massiv ein Berg voller Kontraste ist. Wild, weitläufig und extrem im Innern, aber umgeben vom supermodernen Skitourismus. Nicht nur vier große, miteinander verbundene Alpenpässe führen rund um den zerklüfteten Riesen, sondern auch ein weitläufiges Netz aus modernen Liftanlagen und bestens präparierten Pisten. Auf diesen gewaltigen Berg-Flanken kann man einen ganzen Tag lang die berühmte Sella Ronda abschwingen und durchgondeln. Fast 40 Kilometer Strecke Auf- und Abfahrt. Direkte Einstiegsorte in dieses Panorama-Programm per Ski sind Wolkenstein, Corvara, Arabba und Canazei. Faszinierende Ausblicke sind garantiert – aus den Liften, auf den Bergstationen, von den Terrassen der urigen Skihütten oder durch die Fensterfronten der vielen exzellenten Hotels und Restaurants in den Tälern. Nicht nur die Landschaft ist hier einmalig, man wohnt auch gern luxuriös und genießt die Symbiose aus Alpenwelt und Mittelmeer – besonders in kulinarischer Hinsicht.

Diesen Teil des Skiurlaubs in den Dolomiten kann man treffend mit dem Oberbegriff „Cappuccino“ bezeichnen. Gemütlich, genüsslich, gepflegt – Erholung pur.

Schnee und Steilrinnen abseits vom Trubel

Aber das Sella-Massiv und viele andere Dolomitengipfel machen auch Skiabenteuer möglich, die abseits von Trubel, Trüffel und Tourismus stattfinden und im Herzen der Berge selbst liegen. Steil, hochalpin, extrem – Thrill und Adrenalin pur. Gemeint ist eine besondere Form des Freeridens und Variantenfahrens: Abfahrten in langen, steilen und schneegefüllten Felsrinnen. Dafür gibt es einen anderen Oberbegriff. Der lautet: „Couloirs“.

Das Wort stammt aus dem Französischen und steht für „Korridor“, was für eine von Felswänden begrenzte Rinne im Berg ziemlich verharmlosend und nahezu gemütlich klingt. Solche Couloirs sind charakteristisch für die imposanten Kalkriesen der Dolomiten. Millionen von Jahren der fortdauernden Erosion hinterließen so ihre Spuren im verhältnismäßig weichen Gestein. Wie steil diese Rinnen sind, belegt die Tatsache, dass Schutt und Felsbrocken nicht in ihnen liegen bleiben, sondern sich unten am Fuß zu Geröllhalden auftürmen. Schnee allerdings sammelt sich in Couloirs bis weit in die Senkrechte. Im Winter liegt die weiße Pracht dort meterweise auf blankem Fels oder schon vorhandenem Altschnee. Durch die schattige, windgeschützte und unzugängliche Lage findet sich in den Steilrinnen auch dann noch feinster Powder, wenn Wind, Sonne oder menschliche Tiefschnee-Konkurrenz die offenen, weiten Schneefelder ringsherum längst zerstört haben.

Derartige Couloirs gibt’s in den Dolomiten in ganz unterschiedlichen Couleurs. Von 35 Grad Neigung bis hin zu fast unfahrbaren 55 Grad, von ein paar Metern Breite bis hin zu 50 Metern, von einigen Hundert Höhenmetern bis zu unendlichen scheinenden 1.500 Metern krachender Steilheit. Wie viele Varianten das im Einzelnen sind und welche in die Kategorie „fahrbar“ oder „suizid“ fallen, erklärt uns Francesco Tremolada im Bergführerbüro von Alta Badia Guides in Corvara. Denn eins ist klar für diese Spielart des Skifahrens im Extremgelände: Ohne einen Guide, seine Ortskenntnisse und die nötige alpine Ausrüstung aus Seil, Gurt, Steigeisen, LVS, Sonde, Schaufel, Helm sowie Rucksack bleibt man doch besser auf den Pistenkilometern der Dolomiti-Superski-Arena.

„Allein im Sella-Massiv gibt es circa 20 große Couloirs, die auf Ski befahren werden können. Die meisten davon sind hochalpine Unternehmungen; wann was geht, hängt immer von der Wetter- und Lawinensituation ab“, erklärt Francesco, und fügt noch hinzu: „Klar, ein guter Skifahrer sollte man schon sein, dann kommt man durch. Aber die ganz steilen Rinnen bleiben den Profis vorbehalten.“

Gerade ges-tern hat er wieder eins befahren, das lange Zeit jungfräulich blieb: Das Couloir namens Val de Sela. Fast drei Stunden Aufstieg, süd-östliche Ausrichtung und über 1.000 Höhenmeter in einer Steilheit von bis zu 50 Grad. „Sci molto ripido“, strahlt er übers ganze Gesicht.

Genuss und Gefahr des Extremen

So extrem muss man es in der Sella aber gar nicht treiben. Die beiden großen Täler, die für die Namensgebung „Sattel“ verantwortlich sind, sind zwar keine Couloirs, dafür aber ideal, um ohne viel Aufwand erste Spuren in den Berg zu ziehen. Rauf geht’s am Passo Pordoi mit der Gondelbahn auf fast 3.000 Meter. Am Gipfel gibt’s sowohl atemberaubende Ausblicke auf Marmolada, Langkofel und den Rest der Dolomiten, als auch überwältigende Pasta und andere Gaumenfreuden. Ein zu voller Magen ist allerdings nicht empfehlenswert, denn zur Talstation führt keine offizielle Pis-te zurück. Harmlosester Weg ist die sogenannte Pordoi-Scharte. An einem schönen Skitag ist diese steile, aber rechte breite Bergflanke zwar schnell abgefahren und in eine Buckel-Variante umgewandelt, skitechnisch bleibt das Ganze trotzdem anspruchsvoll.

Aber noch ein anderes Problem stellt sich seit Anfang dieses Jahres. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass man seine Ski mit in die Pordoi-Bahn nehmen darf. Mitunter bleibt man Fußgänger und steigt in eine reine Aussichtsgondel. Die rigide Maßnahme hat eine traurige Ursache. Am 2. Weihnachtstag 2009 wurden nach starken Schneefällen und einem heftigen Temperaturanstieg im Val Lasties zwei italienische Touristen und sieben zu Hilfe eilende Bergretter von einer riesigen Lawine verschüttet. Insgesamt sechs Todesopfer forderte das Unglück. Seitdem gibt es von Seiten des italienischen Zivilschutzes strenge Auflagen, ab wann die Sella für Tiefschneevarianten befahren werden darf. Letztlich sorgt aber genau das für mehr Sicherheit.

Stimmen die Bedingungen und hat man einen Bergführer an seiner Seite, öffnet die Pordoi-Bahn ihre Drehkreuze und man kann zu höchsten Ski-Genüssen schweben. Nahezu ein Pilgerweg geworden ist das berühmte Mittagstal (Val Mesdi), das man nach circa einer Stunde leichten Aufstiegs durchs Innere der Sella erreicht. Der Einstieg ist zwar steil, aber breit. Danach warten gemäßigte 1.500 Höhenmeter Abfahrt durch ein weites, landschaftlich beeindruckendes Gebirgstal mit Kalkriesen-Kulisse zu beiden Seiten auf Off-Piste-Fans. Unten geht’s noch mal etwas haarig durch Buckel, Felsbrocken und einen lichten Lärchenwald, bis man in Corvara am Liftknotenpunkt ankommt. Besser ist allerdings, man läuft direkt weiter zur Terrasse des mondänen Hotels Posta Zirm und lässt sich von den Damen bestaunen, die Skiabenteurer im Val Mesdi tagtäglich mit Fernglas links und Prosecco rechts verfolgen.

Steile Pläne auf den Spuren einer Legende

Wir lassen es heute eher gemütlich angehen und cruisen über Pisten und Powder Richtung Arabba. Dort wagen wir uns von der Porta Vescovo durch ein enges Canalone (die kleine Variante eines Couloirs) und genießen die darunter liegenden Tiefschneefelder. Wieder mit der Gondel oben angekommen, geht’s weiter Richtung Marmolada. Drei Sektionen vom Talort Malga Ciapéla in der spektakulären, neu gebauten Gondel und wir erreichen schnell die 3.265 Meter hohe Bergstation. Der Ausblick und der vor uns liegende größte Gletscher der Region erinnern uns noch mal daran, warum die Marmolada auch „Königin der Dolomiten“ genannt wird. Ausgiebig schwelgen wir in ihrem eiskalten frischen Schnee und ziehen lange Turns auf den weiten, glatt gebügelten Pisten. Entspannung finden wir am Kamin des Refugios Passo Fedaja bei Steinpilz-Tagliatelle und einem Gläschen Südtiroler Sauvignon. Auf 2.057 Metern Höhe schmeckt’s eben einfach doppelt gut.

Trotzdem sind wir am Ende dieses Skitags richtig hungrig, und zwar auf Couloirs. Wir fahren noch mal bei den Alta Badia-Guides in Corvara vorbei und fragen Francesco nach seinen Plänen mit uns. „Sieht gut aus für morgen. Strahlender Sonnenschein und eine auf 2 sinkende Lawinenwarnstufe“, freut er sich. Ob wir gut eingefahren sind, will er noch wissen, und eröffnet uns dann, was er morgen mit uns vorhat: „Zwei Couloirs an einem Tag – Canale Holzer plus Val Setus.“

Wir staunen nicht schlecht. Canale Holzer ist eine Legende, genauso wie der Mann, der diese Nordwestrinne am Sass Pordoi zum ersten Mal befahren hat. Heini Holzer, nur 153 Zentimeter klein, Schornsteinfeger, Alpinist und Extremskifahrer der 70er-Jahre aus Taufers, der mit 33 Jahren bei der Abfahrt vom Piz Roseg tödlich stürzte und in den sieben Jahren seiner „steilen“ Karriere 104 Wände und Rinnen mit Neigungen bis zu 55 Grad bezwungen hat.

Puls rauf, Augen auf – und durch

Mit diesen verlockenden Aussichten im Kopf stärken wir uns abends in unserem favorisierten Restaurant in La Villa, dem La Cianò, mit einem brillanten Carpaccio und einer üppigen Pizza. Nach dem Abschluss-Averner geht’s dann wohlgenährt in die Hotelbetten.

Unsagbar früh reißt uns der Wecker aus den Federn, und bereits um 08.00 Uhr lächelt uns bei aufgehender Sonne und eisigen Temperaturen ein wie immer gut gelaunter Francesco am Pordoi-Pass entgegen. Zwei Cappuccino später stehen wir an der Gondel. Keine Skifahrer weit und breit. Zusammen mit ein paar Angestellten des Bergrestaurants surren wir in die Höhe.

Es folgen noch einige Instruktionen von Francesco, ein letzter Ausrüstungs-Check und ein paar Aufwärmübungen, bevor wir die kurze Strecke zum Einstieg ins Canale Holzer hinüberqueren.

Apropos Einstieg – „Wo soll der denn sein?“, frage ich mich. Ich sehe nichts, habe aber die mulmige Vorahnung, dass sich hinter dem Schneefeld vor mir eine steil abfallende Felswand verbirgt. Vorsichtig rutsche ich auf den Skikanten hinter Francesco her und befinde mich oberhalb eines Schneetrichters. Darunter klafft das Couloir: 500 Höhenmeter lang, oben 50 Grad, unten 45 Grad steil. Man blickt direkt durch, fast bis unten hin. Und sage niemand: „Hier oben am Gipfel ist Ruh“, denn wer am Einstieg einer solchen Rinne steht, hat ein ständiges Geräusch als Begleiter: den eigenen Herzschlag.

Einzeln und vorsichtig setzen wir die ersten Schwünge. „Bloß keinen Fehler machen!“, ist der ständige Gedanke im Hinterkopf. Aber der Schnee ist perfekt. Erstaunlich, welchen Spaß Powder auch in solchen Steilheiten machen kann. Aber das kraftvolle und konzentrierte Fahren strengt an. Mehr als 20 Schwünge sind nicht drin, dann brauche ich eine Verschnaufpause. Schon komisch, beim Anhalten kann man mit ausgestrecktem Arm den Schnee berühren ohne sich zu bücken. Das nenn’ ich steil.

„So, gleich kommt die Abseilstelle“, wirft Francesco ganz locker ein. „Fahrt an den Rand des oben liegenden Felsabbruchs, ich mache Seil und Sicherung klar!“

In dem Moment wird mir blitzartig klar, warum ich einen Klettergurt über meiner Skihose trage. Ich schnalle die Ski an meinen Rucksack, bewege mich vorsichtig ein paar Schritte hinunter und schlaufe das Seil in meinen Karabiner. Circa zehn Meter geht es hinunter über einen gefrorenen Wasserfall, dann ist es schon wieder vorbei mit der Seil-Sicherheit.

Gar nicht so leicht, wieder in die Bindungen zu kommen, wenn die Hangneigung so heftig ist. Da ist es auch schon passiert. Zum Glück rauscht mir kein Ski ab, sondern nur ein Handschuh, der schnell Tempo aufnimmt und auf Nimmer-Wiedersehen verschwindet. „Keine Sorge, alles findet sich unten auf dem Lawinenkegel wieder!“, lacht Francesco. Ich lasse kurz den Blick über die aufragenden Kalkwände schweifen und mir wird bewusst, wie unglaublich es ist, in einem zehn Meter breiten Felseinschnitt im feinsten Tiefschnee durch ein Couloir zu fahren.

Diese Augenblicke ließen mich in den nächsten Tagen noch einige Male inne halten – auf dem Berg oder beim Cappuccino in der Bäckerei Pizzinini. Leider haben wir nicht geschafft, uns so viele Rinnen hinunterzustürzen wie Kaffeespezialitäten, aber wir haben Spuren hinterlassen: In der Sella-Gruppe, im Val Badia und auf dem Monte Cristallo. Vielleicht lag’s ja auch am Koffein, dass uns sowohl die Einblicke ins Val Setus und in den Canale Joel ebenso wenig schrecken konnten, wie der ehrfurchtgebietende Blick in den 1.500 Meter langen und 50 Grad steilen Schlund des Canale Staunies Nord. <<<

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