Dolomiten: Hinterm Horizont geht's weiter

Wer nur Corvara und Gröden kennt, hat noch lange nicht alle Seiten der Dolomiten erlebt: Hinter dem breiten Sellastock wartet Arabba auf Entdeckernaturen. Ambitionierte Skifahrer finden dort rassige Pisten und feine Varianten an der Marmolada und der ­Porta Vescovo, Genussurlauber eine authentische ladinische Kultur und ­Küche – ganz ohne Promi-Hype und Hummer in der Hütte

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© Günter Kast, Sandra Urbaniak, TVB Arabba, TVB Dolomiti Stars, Dolomiti Superski

Text: Günter Kast

Vermutlich liegt es an der Erd­anziehung, dass dem Menschen ein gewisses Trägheitsmoment innewohnt. Es ist ja so bequem: Von der Autostrada zwischen Brennerpass und Verona biegt man kurz vor Bozen links ab – und keine 20 Minuten später checkt man in seinem ­Lieblingshotel im Grödner- oder Gadertal ein. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden.Viele Bergfreunde stören sich eben nicht daran, an einem sonnigen ­Spätsommertag mit Hunderten Gleichgesinnten zum Karwendelhaus zu biken oder im Pulk auf den Herzogstand zu wandern. Doch es gibt auch Menschen, denen Udo Lindenbergs Uralt-Song „Hinterm Horizont geht’s weiter“ partout nicht aus dem Ohr gehen will. Neugierige Pioniere, die immer wieder zu neuen Ufern aufbrechen wollen und dafür auch mal eine etwas längere und beschwerlichere Anreise in Kauf nehmen. Zum Beispiel nach Arraba, einem Ort in den Dolomiten, der etwas versteckt liegt – dafür aber für den Erkundungsfreudigen viel Neues zu bieten hat.

Abseits üblicher Routen

Auf meiner Anreise muss ich mich bei schneebedeckter Fahrbahn auf der Abfahrt vom Passo Campolongo sehr konzentrieren. Doch der Schnee auf der Straße stimmt mich positiv, denn er lässt hoffen, dass sich die weiße Pracht tatsächlich üppig über die zackigen Dolomitengipfel gelegt hat. In den italienischen Alpen fällt im Durchschnitt weniger Schnee als in den Nordstaulagen Bayerns, ­Tirols oder der Schweiz. ­Aber: Die Marmolada-Bergstation ist der höchste Punkt, den man als Skifahrer in den Dolomiten erreichen kann. Deshalb ist dort Schneesicherheit bis in den April garantiert. Auf einen Ausnahmewinter wie in der Saison 2013/14, in dem sie mit dem Schneeräumen gar nicht mehr hinterherkamen und von Lawinen nur so bombardiert wurden, können die Einheimischen ohnehin gut verzichten. Damals waren die Skiurlauber tagelang eingeschlossenen. Nichts ging mehr, die Lifte standen still, die Schneepflüge blieben stecken, die Straßen wurden gesperrt.

Arabba und das Val Fodom gehören zwar zu Dolomiti Superski, dem größten Verbund-Skigebiet der Welt, aber die Ecke zwischen Civetta, Marmolada, Sellastock und Falzarego-Pass ist bei deutschen Skifahrern nicht so bekannt wie etwa das Grödnertal oder Alta Badia jenseits des Passo Campolongo. Man befindet sich hier in der Provinz Belluno der Region Venetien, deren Täler und Berge, anders als in den reicheren autonomen Regionen Alto Adige und Trentino, noch nicht bis in den letzten Winkel touristisch erschlossen sind. Genau das macht jedoch den Reiz dieser Gegend aus. Und natürlich wird hier vorwiegend Italienisch gesprochen.

Die Königin der Dolomiten

Für die Belluneser ist die Marmolada so etwas wie ihr Hausberg, gerade einmal eine Autostunde von der Provinzhauptstadt Belluno entfernt. Und die „Königin der Dolomiten“ ist auch unser erstes Ziel. Die Pisten an der Porta Vescovo lassen wir deshalb links liegen, benutzen sie quasi nur als Zubringer. Dann schweben wir auf dem ersten Abschnitt der Marmolada-Seilbahn nach oben. Steil, schroff und abweisend ist das Gelände unter uns. Die Szenerie erinnert an die Auffahrt zur Aiguille du Midi im Mont-Blanc-Massiv. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass es weiter oben mittelschweres, pistentaugliches Gelände geben soll. Das entdeckt man erst auf der dritten und letzten Gondel-Sektion: Etwa 30 Zentimeter feinster Pulverschnee überziehen den Gletscher auf der Nordseite des Berges, und man erkennt bereits die 14 Kilometer lange Traumabfahrt, eine der längsten der Alpen. Mit fast 2.000 Metern Höhenunterschied lässt sie auch die Oberschenkel so richtig schön brennen, wenn man unterwegs keinen Stopp einlegt.

Bevor wir die Mega-Piste unter die Kanten nehmen, genießen wir jedoch erst einmal das Panorama von der Bergstation auf 3.269 Metern. Von hier oben hat man wahrscheinlich die beste 360-Grad-Aussicht auf die Dolomiten überhaupt. Wir schauen dem imposanten Sellastock aufs Dach, auch dem Langkofel, sehen den Lagazuoi mit den Ampezzaner Dolomiten im Hintergrund. Und ganz nahe den Gran Vernel, nicht ganz so hoch wie die berühmte Marmolada, aber wegen seiner eleganten Form zu Recht das Matterhorn der Dolomiten genannt. Und dann ist da noch der Blick von der Aussichtsplattform in die fast senkrechte Südwand – definitiv nichts für Menschen mit Höhenangst!

Tief unter uns entdecken wir den zugefrorenen Fedaia-Stausee und den gleichnamigen Pass. Leider läuft der Vintage-Lift heute nicht, der in der Nähe der Passstraße beginnt: Man steht dabei in einem hüfthohen, nicht sehr vertrauenerweckenden Korb, ­während man bergwärts schwebt – quasi „oben ohne“. Weil man den Lift-Dinosaurier nicht ganz einfach erreicht, findet man hier fast immer jungfräulichen Schnee und einsame Pisten. Wie gesagt: natürlich nur dann, wenn der Lift auch in Betrieb ist.

Wir kehren deshalb nach einer rasanten Abfahrt zur Marmolada-Seilbahn zurück und machen noch einen Ausflug in die tief eingeschnittene Schlucht, die bei der Talstation Malga Ciapela beginnt und in Sottoguda endet. Durch die Serrai di Sottoguda führt ein Sträßchen, auf dem im Sommer der Bummelzug Trenino verkehrt. Im Winter muss man die Schlucht natürlich unbedingt mit Skiern durchfahren und nach den Eisfall-Kletterern eine Etage höher Ausschau halten – Ski-Canyoning für Genießer sozusagen. Wer wegen der üppigen Gnocchi in der Mittagspause ein schlechtes Gewissen hat, kann die Schlucht natürlich auch zu Fuß durchwandern – am besten von unten nach oben.

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© Günter Kast, Sandra Urbaniak, TVB Arabba, TVB Dolomiti Stars, Dolomiti Superski

Geheimtipp für Genießer

Am Nachmittag haben wir noch Zeit, durch Arabba zu bummeln. Viele der Sella-Ronda-Skitouristen legen hier nur einen kurzen Stopp ein, auf einen schnellen Caffè Doppio Macchiato. Dann steigen sie wieder in die Bindung, ziehen weiter zum Pordoi­joch oder zum Passo Campolongo, damit sie rechtzeitig die letzten Lifte erreichen, die sie zurück nach Gröden, ins Fassatal oder nach Alta Badia bringen. Dann wird es ruhig in Arabba, das sich den Charakter eines bodenständigen Dorfes erhalten hat, ganz ohne Luxusboutiquen und protzige Hotelpaläste. Stattdessen gibt es hier viele gemütliche kleine Albergos und Pensionen, feine regionale Küche und Rot- und Weißweine aus dem Süden des Veneto. Dabei ist Arraba noch der bekannteste Ort im Val Fodom. Weiter unten im Tal wird es noch einsamer, werden die Straßen noch kurviger und verwinkelter, trifft man noch weniger Einheimische, die wenigstens ein paar Brocken Deutsch verstehen.

Tatsächlich kommen inzwischen viele Winterurlauber nach Arabba, die Wert auf eine schnörkellose, authentische Küche legen, ohne jedoch Wochen im Voraus einen Tisch in den angesagten VIP-Gourmet-Restaurants von Alta Badia buchen zu müssen. Im Val Fodom fragt man einfach die Ladinisch sprechenden Einheimischen nach einer kulinarisch interessanten Adresse. Meistens empfehlen sie ein Gasthaus, das von außen so unscheinbar wirkt wie eine bayerische Wirtschaft, in der man sich am Sonntagmorgen zum Schafkopfen und Frühschoppen trifft. Hier gibt es zum Beispiel als Appetit-anreger Wildschweinwürste und herzhaften Rohmilchkäse von den heimischen Almen. Wer hier kräftig zugreift, hat schon verloren. Denn danach warten eine deftige Graupen-suppe und zu langen Röllchen geformte Gnocchi, die mit zerlassener Butter und Mohn übergossen werden. Leicht süßlich schmeckt das. Und eigentlich ist man danach satt. Doch der Hauptgang kommt noch: Gröstel auf ladinische Art, fein geschnittene Fleischscheiben mit knusprig gebratenen Kartoffeln und frischen Kräutern. Wer danach noch Platz für die regionale Variante des Apfelschmarrns mit Preiselbeeren hat, darf sich wahrlich Ess-Weltmeister nennen.

Geschichtsstunde auf Skiern

Den Einheimischen kann man es nicht verdenken, dass sie es sich gut gehen lassen. Das war beileibe nicht immer so. Während des Ersten Weltkrieges verlief hier die Frontlinie zwischen Österreich-Ungarn und Italien. Das Val Fodom mit dem Hauptort Livinallongo hieß damals noch Buchenstein und war hart umkämpft. Am Col di Lana auf fast 2.500 Metern Höhe steht heute eine Kapelle, die an die 19.000 dort gefallenen Soldaten erinnert. Die Einheimischen nennen ihn den Blutberg. Auf dem Höhepunkt des Stellungskrieges eroberten die Italiener die Kuppe, indem sie deren gesamte Spitze mit Minen in die Luft sprengten. Den Riesenkrater kann man heute noch besichtigen. Nach dem Krieg wurden viele Buchensteiner in andere Regionen Italiens umgesiedelt. Diejenigen, die zurückblieben, litten unter großem Hunger. Vor allem aber waren sie abgeschnitten von ihren Verwandten in den nördlichen Gebieten Tirols.

Wer sich über diesen traurigen Teil der Geschichte einen Überblick verschaffen möchte, sollte unbedingt das Heimatmuseum in Livinallongo ­besuchen. Oder sich mit Skiern auf eine Tour begeben, bei der man an­ ­vielen Schauplätzen des Dolomiten-krieges vorbeikommt. Der Giro ­„Grande ­Guerra“ folgt dem Frontverlauf und quert die Berge Sassongher, die Sella, die Marmolada, die Civetta, den Monte Pelmo, die Fünf Zinnen, die Tofane, den Lagazuoi, Conturines und Settsass. Man sieht dabei Stützpunkte, offene Schießscharten im Fels, Stollen, Schützengräben und Tunnel. Wer die Runde an einem zapfig kalten Hochwintertag unternimmt, kann sich ausmalen, wie hart und entbehrungsreich das Leben der einfachen Soldaten hier oben war, selbst ohne Feindberührung und Beschuss.

Die „Grande Guerra“ kann im Uhrzeigersinn (violette Markierung) oder gegen die Uhr (rot) gefahren werden. Wenn man wie wir von Arabba aus startet, ist es ratsam, der violetten Beschilderung zu folgen. Rund sechs bis sieben Stunden sollte man dafür einplanen. Aber das macht Arabba-Fans sicher nichts aus. Denn sie sind ja Entdeckernaturen. Sonst wären sie gar nicht erst hierhergekommen.

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Im Winter bietet ­Arabba abends und nachts ­Romantik fürs Auge.
© Günter Kast, Sandra Urbaniak, TVB Arabba, TVB Dolomiti Stars, Dolomiti Superski

ARABBA

Arabba (1.603 m, 400 Einwohner, 3.000 Gästebetten) liegt am oberen Ende des Val Fodom, das von den Agordiner und Belluneser Dolomiten begrenzt wird. In der Vergangenheit gab es eine lose Zusammenarbeit der drei Skigebiete SkiCivetta (Alleghe, Zoldo und Selva di Cadore), Falcade-Passo San Pellegrino und Arabba-Marmolada (insgesamt 250 Pistenkilometer). Inzwischen geht Arabba jedoch wieder eigene Wege und hat sich aus diesem „Dolomiti Stars“ genannten Verbund herausgelöst.

SKI & SPAß

- Pisten

62 km, (49 % blau, 40 % rot, 11 % schwarz, etwa 90 % künstlich beschneibar)

Höhe: 1.446 bis 3.270 m; 8 Gondelbahnen, 16 Sessellifte, 4 Schlepplifte, 2 Übungslifte

- Pisten-Highlight

Die 14 Kilometer lange Traumabfahrt von der Marmolada zur Talstation Malga Ciappola – eine der längsten Pisten der Alpen mit fast 2.000 Metern Höhenunterschied (rot).

- Off-Piste

An der Marmolada heißen die bekanntesten und einfachsten Routen „Intra I Sass“, „Lydia“ und „Canyon“. Sie beginnen direkt an der Piste und führen über den Gletscher am Sasso delle Undici und Sasso delle Dodici vorbei ins Tal (Vorsicht bei niedriger Schneelage: Spaltensturzgefahr!). Am Sellastock warten Klassiker wie „Pordoischarte“ und „Mittagstal“. Achtung: Die italienische Pistenpolizei ist streng, wenn sie Freerider in unmittelbarer Nähe der präparierten Pisten erwischt. Off-Piste-Fahren ist vielerorts verboten, die Strafen können drastisch ausfallen. Seine Ruhe hat man in der Regel an der Marmolada, weil die Pisten hier weit genug vom Freeride-Gelände entfernt sind. Das gilt natürlich auch für die steilen Rinnen am Sellastock.

Bergführer und Freeride-Guide: Francesco Tremolada, der auch einen Freeride-Guide herausgegeben hat („Freeride in Dolomites”, Verlag Versante Sud). www.proguide.it

ESSEN & FEIERN

- Restaurants

• Rifugio Fodom. Eigentümer Detomaso Gabrieli, der das Hütten-Restaurant unterhalb des Passo Pordoi führt, ist einer der besten Köche der Region. www.rifugiofodom.it

• Rifugio Plan Boè. Jeden Donnerstag empfängt die Hütte auch Abendgäste. Es gibt deftige ladinische Hausmannskost in urigem Ambiente, Auffahrt mit dem Motorschlitten. www.rifugio-planboe.com

- Après-Ski

• Bar Peter. Täglich ab 15.30 startet die Après-Ski-Party. www.barpeter.it

SCHLAFEN & WOHLFÜHLEN

• Hotel Mesdi, Via Mesdi, 75, I-32020 Arabba. Chefin Michela und ihre Familie führen das Drei-Sterne-Haus mit sehr gutem Preis-Leistungs-Verhältnis vorbildlich. Das Hotel liegt direkt an der Piste.

Tel. 0039-0436-79119, www.hotelmesdi.com

• Weitere Unterkünfte über den ­Tourismusverband Arabba Fodom Turismo: www.arabba.it

GUT ZU WISSEN

- Saison

04.12.2015 bis 03.04.2016

- Skipass

Man kann wählen zwischen Skipässen, die für den gesamten Verbund Dolomiti Superski gültig sind, und solchen, die nur für Arabba-Marmolada gelten. Preise: Tageskarte Arabba-Marmolada: 46 Euro (Jugendliche: 32 Euro), Tageskarte Dolomiti Superski: 53 Euro (Jugendliche: 37 Euro); Sechs-Tages-Pässe: 239/168 und 270/189 Euro

- Anreise

Man verlässt die Brennerautobahn bei Klausen und fährt durch das Grödnertal bis zum Sellajoch. Nach dem Pass gabelt sich die Straße: Links geht es über das Pordoijoch ins Val Fodom und nach Arabba, geradeaus hinunter nach Canazei unud weiter über den Passo Fedaia ins Gebiet der Marmolada. Alternativ: Die Brennerautobahn bei Brixen verlassen und via Pusteral, Gadertal und Passo Campolongo nach Arabba fahren.

- Insider-Tipp

Unbedingt die " Skitour della Grande Guerra" ausprobieren! Alle Infos dazu auf der Website des Tourismusverbandes.

-Info & Internet

www.arabba.it, www.dolomitisuperski.com, www.dolmiti-unesco.org

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 02 / 2016

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