Monte-Rosa-Massiv: Polvere Rosadas das Höchste der Gefühle

Wer meint, unvergessliche Skiabenteuer per Helikopter gibt es nur auf dem amerikanischen Kontinent zwischen British Columbia und Alaska, der kennt die Möglichkeiten in den Alpen noch nicht.

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Im riesigen Monte-Rosa-Massiv im italienischen Piemont knattern die Rotoren ebenso ielversprechend. Hier sind skifahrerische Höhenflüge bis weit über 4.000 Meter Höhe möglich. Anreiseweg ist nicht Übersee, sondern über die Autobahn. Die Kosten halten sich in Grenzen, dafür sind die Tiefschnee-Varianten nahezu unbegrenzt.

Text und Bild Dirk Wagener

Klein wie eine Schneeflocke wirkt der Helikopter, so wie er vor der fast zweieinhalbtausend Meter senkrecht abfallenden und zehn Kilometer breiten Monte-Rosa-Ostwand klebt. In weiten Spiralen schwingt er sich mühsam hoch in die immer dünner werdende, klirrend kalte Winterluft – hinauf zu unberührten Schneefeldern zwischen zerklüfteten Gletscherbrüchen und wilden Felsflanken. Ein Pilot, ein Bergführer und drei Passagiere sind an Bord. Während die beiden Profis mit routinierter Konzentration einen weiteren ihrer vielen Flüge absolvieren, starren die drei Mitflieger wie paralysiert auf die tief verschneite Bergwelt, deren Ausmaße eher an den Himalaya als an die Alpen erinnern, so beeindruckend und überdimensioniert ist das Panorama, das sich hier bietet. Adrenalin und Endorphin schießen in wildem Stakkato durch Hirn und Blutbahn. Die Vorfreude auf nicht endende Schwünge in endloser Landschaft aus Eis und Schnee kennt keine Grenzen mehr.

„Von dort oben kann man an einem Tag wie heute sogar den Mailänder Dom sehen“, schwärmt Bergführer Claudio Bastrentaz und zeigt mit dem Finger auf ein Schneeband zwischen zwei hohen Gipfeln. Der höchste Landeplatz für Helikopter im Monte-Rosa-Massiv. Ein eisiger Grat auf

4.450 Meter zwischen Zumsteinspitze (4.563 Meter) und Punta Gnifetti (4.554 Meter). Minuten später ist das Ziel erreicht. Im chaotischen Wirbel aus Eiskristallen und Schneeflocken setzt der Pilot die Kufen vorsichtig auf. Die Cockpit-Tür öffnet sich und vier vermummte Gestalten treten aus dem Auge des Sturms. Vor ihnen liegt eine neue Welt und der eiskalte Powder der Monte Rosa. Das Höchste der Gefühle für Tiefschnee-Enthusiasten.

Abfahrtsstart auf 4.450 Meter

Eigentlich vermutet man hier oben ausschließlich Bergsteiger, aber auch erfahrenen Off-Piste-Skifahrern eröffnen sich von diesem höchsten Heli-Gipfel zwei Varianten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Bei ersterer verliert sich der Blick in bodenlose Steilheit, wenn man starr vor Ehrfurcht über den scharfen Sattel in die Monte Rosa-Ostwand Richtung Macugnaga hinabschaut. Der Blick wandert ins Marinelli-Couloir, die mit 2.500 Höhenmetern und mehr als 45 Grad Neigung längste per Ski befahrbare Steilrinne der Alpen. Der Höllenritt ist nur an wenigen Tagen im Jahr möglich, und die Zahl derjenigen, die sich dort hinuntergeschwungen haben, vermutet man höchstens im oberen zweistelligen Bereich. Pionier dieser verwegenen Route war der französische Extremskifahrer Sylvain Saudan. Für die Erstbefahrung am 10. Juni 1969 benötigte er laut eigenen Angaben zweieinhalb Stunden und circa 2.500 Schwünge.

Viel weniger extrem, dafür aber ähnlich schwunghaft und landschaftlich grandios, ist die Abfahrt, die Richtung Westen auf Schweizer Terrain über den zwölf Kilometer langen Gornergletscher führt. Bis zur Talstation der Furi-Gondelbahn in Zermatt auf 1.864 Meter kann man seine Spuren in Pulverschnee und freies Gelände ziehen. Fast 2.600 Höhenmeter Genussabfahrt in unberührtem Gelände – endlos schön. Noch schöner: Nach dem Aufwärtsgondeln über Furi und Testa Grigia führt einen der kundige Bergführer wieder Richtung Italien. Zwischen imposanten

Felstürmen und Gletscherformationen geht es die Südseite der Monte Rosa hinab bis ins kleine Örtchen Champo-luc. Helikopter und Gondelbahn sowie Schweiz und Italien in großartiger Kombination. Ergebnis: zwei gewaltige Abfahrten an nur einem Tag.

Das Riesen-Gebirge

Die beiden Skirouten vom höchsten Heli-Drop-Off-Point der Alpen sind natürlich nur die üblichen Superlative, die man gern zuerst erwähnt. Das gesamte Gebirgsmassiv der Monte Rosa ist der eigentliche Gigant, den es zu bewundern gilt. Neben dem Hauptgipfel Dufourspitze (4.634 Meter) zählen dazu – je nach Zählweise – noch weitere zehn Gipfel im oberen Viertausender-Bereich.

Flächenmäßig ist diese Berg- und Gletscherkette, die zu etwa einem Drittel im Schweizer Kanton Wallis und zu zwei Dritteln im italienischen Piemont liegt, das Gewaltigste, das die Alpen zu bieten haben.

Besonders die italienische Seite der Monte Rosa fasziniert alle Tiefschneebegeisterten. Nicht nur mit einem über drei Täler reichenden Liftkarussell von dem aus viele Off-Piste-Varianten mit ein wenig Queren oder Kraxeln angegangen werden können, sondern auch mit riesigen Gletschern, hochalpinem Gelände und endlosen Schneefeldern, wie man sie sonst nur in den menschenleeren Gebirgsketten im hohen amerikanischen Norden vermutet.

In diese oberste Etage der Monte Rosa katapultiert man sich mit dem Helikopter.

Bergführerbüros und Basisstationen

Versierte Skifahrer, die in den hochfliegenden Genuss an der Monte Rosa kommen wollen, können ihre Bodenstation in drei verschiedenen Tälern aufschlagen. Dort haben örtliche Bergführerbüros Heli-Skiing-Touren mit in ihr Angebot aufgenommen. Im von Süd nach Nord heraufreichenden Gressoney-Tal betreibt Carlo Cugnetto seit mittlerweile zwölf Jahren mit einem Team aus erfahrenen Berg- und Skiführern die Guidemonterosa S.R.L. im kleinen Örtchen Gressoney La Trinité. Parallel zum Gressoney-Tal führt von Südosten das Valsesia-Tal an die Monte Rosa heran. Die letzte Ortschaft in diesem Tal ist Alagna. Hier in einem kleinen Büro unweit der Liftstation finden sich die Guides von Lyskammviaggi, die ebenfalls diverse Helipackages und Off-Piste-Aktivitäten im Angebot haben.

Welches der beiden Täler besser für Heli-Enthusiasten geeignet ist, lässt sich schwer beurteilen. Das Gressoney-Tal ist das mittlere des Skikarussells, von daher befindet man sich – auch an einem „Heli-freien“ Tag – in einer guten Ausgangsposition. Viele große Off-Piste-Routen starten von der 3.300 Meter hohen Punta Indren. Zur Freude aller Variantenfahrer schwebt seit der Wintersaison 2009/2010 eine neue Kabinenbahn auf diesen Felssporn, nachdem die altersschwache Vorgängerin Jahre zuvor stillgelegt wurde. Ohne großen Aufstieg schwingt man nun wieder durch das Lys-, Salza- oder Leisch-Tal bis zur 1.800 Meter hoch gelegenen Ski-Station von Stafal. Neben manch recht nüchternem Hotel und Apartmenthaus in diesem Talschluss findet sich in den tiefer gelegenen Ortschaften Gressoney La Trinite und Gressoney Saint Jean aber vorwiegend der traditionelle Baustil aus wettergegerbten mehrstöckigen Holzhäusern. Zum Teil spricht man sogar deutsch, denn die Besiedelung des Tals erfolgte einst durch die alemannische Volksgruppe der Walser.

Alagna dagegen liegt am östlichen Rand des Monte-Rosa-Skigebiets und ist ein authentisches piemontesisches Bergdorf mit charmanten alten Holzhäusern, großer Kirche, plätscherndem Dorfbrunnen und pittoresken Kneipen und Restaurants. Ein ganz besonderer Charme liegt hier in der Luft, irgendwie scheint die Zeit stehengeblieben

zu sein. Die Lage des Ortes auf nur 1.100 Metern Höhe kann einem spät im Winter die Talabfahrt aber schon mal versulzen. Auch hier in Alagna enden spektakuläre Tiefschneetouren, wie jene durch das steile Malfatta- oder Vittoria-Couloir, die man zwar mit wenig Aufstieg vom Ausstieg der Punta Indren-Seilbahn erreichen kann, die aber ohne Begleitung eines kundigen Bergführers absolut tabu sind. Gleiches gilt für die landschaftlich eindrucksvolle Tour vom Passo Zube, von dem aus man tief verschneite Powder-Flanken, verlassene Alm-Siedlungen und dichte Lärchenwälder durchquert.

Eine dritte Variante für die eigene Heli-Basis gibt es noch im etwas abgelegenen Macugnaga. Dieses Tal läuft von Ost nach West auf die Monte-Rosa zu. Allein die Anfahrt und der Blick auf die langsam näher kommende imposante Ostwand ist eine Reise wert. Zwischen Macugnaga und Alagna liegen aber nicht nur circa zwölf Kilometer Luftlinie, sondern auch ein über 3.000 Meter hoher Gebirgsgrat. Wegen dieser Entfernung und Abgeschiedenheit besteht keine Verbindung zum Drei-Täler-Skizirkus auf der Monte-Rosa-Südseite. Macugnaga hat ein eigenes kleines Skigebiet rund um Belvedere und Monte-Moro-Pass. Die wirklich hohen Ziele erreicht man von hier allerdings nur mit Rotoren-Unterstützung. Wer solche Abenteuer sucht, ist bei Cristina Rainelli vom örtlichen Veranstalter Move to Relax in besten Händen. Sie koordiniert Helikopter und Bergführer.

Umweltaspekte versus Skivergnügen

Nicht überall in den Alpen ist Heli-Skiing so unproblematisch wie an der Monte Rosa. Provinzen wie Bozen und Trento haben das exclusive Skivergnügen bereits untersagt. Allerdings können in Italien die Gemeinden selbst entscheiden, ob sie ein Verbot aussprechen oder nicht. Aus Umweltaspekten und Lärmschutzgründen bleiben Helikopter mit Skifahrern an Bord in Deutschland, Frankreich und Liechtenstein generell am Boden, und auch Österreich erlaubt nur magere zwei Landeplätze im Vorarlberg. Einzig die Schweiz hat noch offizielle 42 Gebirgslandeplätze. Summa summarum, die Möglichkeiten des Heli-Skiings schwinden zusehends in Europa.

Vielleicht liegt es ja auch an den zahlreichen hoch gelegenen Hütten für Bergsteiger und Skitourengeher, dass Tiefschneefans im Monte-Rosa-Massiv noch unberührte Hänge per Heli ansteuern können. Die höchste jener sogenannten „Kopfwehkisten“ ist die Capanna Regina Margherita, auf dem 4.554 Meter hohen Gipfel der Signalkuppe. Die permanente Versorgung mit Lebensmitteln und Material wird von einer kleinen Heli-Flotte übernommen, die in Breuil Cervinia stationiert ist. Genau jene Hubschrauber sind es daher meist auch, auf die die Organisatoren für Heli-Skiing in der Monte-Rosa-Region zurückgreifen. Erfahrene Vielflieger als Piloten und Bergführer, die in diesem Teil der Alpen groß geworden sind, ergeben eine zuverlässige Kombination. Gerade wenn es um die Einschätzung der eigenen Geländegängigkeit, den richtigen Schwierigkeitsgrad und die Planung der ganz individuellen Traumtour geht, finden Tiefschnee-Träumer in den Bergführerbüros die richtigen Ansprechpartner. Oft lohnen auch eine E-Mail oder ein Telefonat, um die Schneelage, den Zustand einzelner Routen und die aktuellen Preise abzuklären. Erst dann sollte man sich ins Auto Richtung Aostatal oder in den Flieger zum Airport Mailand oder Turin setzen.

Wer per Heli in Polvere Rosa eintauchen will, hat an der Monte Rosa – im Gegensatz zu Amerika – zudem die seltene Chance, just in time anzureisen.

Genau dann, wenn ein ergiebiges Genuatief einen halben Meter Neuschnee abgeladen hat und der Wetterbericht für Übermorgen den ersten Bluebird-Day verspricht. Folgt man diesem einfachen Grundsatz, bleibt Heli-Skiing für alle Skiflieger ein sehr exclusives Vergnügen. Man sollte es sich nur gönnen, wenn die Bedingungen perfekt sind.

Denn: „Auf dem Gipfel der Zustände hält man sich nicht lange!“, hat schon der alte Goethe erkannt. Vielleicht hat er ja bei seiner Italien-Reise auf die tief verschneite und in rosafarbenes Licht getauchte Monte Rosa geblickt. <<<

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Mit dem Heli auf den Berg – meist wird diese Variante in Nordamerika verortet. Doch auch in den Alpen kann man diesen Spaß vergleichsweise günstig erleben.
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