Ultental: Das Feuer, nicht die Asche

Neue Lifte und alte Werte. Junge Handwerker und traditionelle Materialien – das Ultental verbindet die Welten

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Text Nicola Förg Bild TVB

Der Hofer Karl hat in St. Moritz geheiratet und zwar die Unterholzner Dorothee. St. Moritz – ganz schön exklusiv für einen Ultener Burschen, oder? Aber Karls St. Moritz liegt nicht in der Schweiz, sondern am Rande des Schwemmalm-Skigebiets und ist weniger mondän – dafür aber ein begnadetes Platzl für Romantiker. Die gotische Hügelkirche zu St. Moritz ist vermutlich die älteste Kirche des Ultentales. Sie wurde 1278 erstmals urkundlich erwähnt. Ihre Fresken stammen noch aus dem 15. Jahrhundert. Einst kamen hier die Pilger vom Vinschgau auf ihrem Weg nach Rom vorbei. Und kehrten ein in die urige Gastwirtschaft, die bis heute das Flair von annodunnemal hat. Die getäfelte Stube, die „Reachkrickerl“ an den Wänden, alles wie zu Pilgers Zeiten oder wie 1984, als der Karl und die Dorothee geheiratet haben. An jenem Tag haben drei junge Feuerwehrler den Bund fürs Leben geschlossen, alle sind noch glücklich – muss an St. Moritz liegen!

Neue Aufstiegsmöglichkeiten

St. Moritz macht heute noch glücklich, ist als Skieinkehr aber ein wenig in den Hintergrund getreten, weil es einfach etwas abseitig liegt, seit das Skigebiet aufgerüstet hat. Die neue Bahn zur Schwemmalm (2.150 m) direkt vom Talboden herauf hat Ulten in die Skimoderne katapultiert. Eine weitere

Express-Sesselbahn zum Mutegg (2.658 m), neue Pisten und perfekte Beschneiung machen das Gebiet zu „Carver’s Paradise“! Unter der Woche ist hier endlos Platz, und ein Gefühl ist stets präsent: Man meint, in einem weit größeren Gebiet zu sein als in einem Areal von nur sechs Aufstiegsanlagen. Dass die Aussicht in die Ortlergruppe und die Dolomiten ihresgleichen sucht, ist Zugabe. Auch diese Sonnenlage, die besonders imposant ist, wenn unten über den Stauseen die Nebel wabern und Meran im berüchtigten Vinschgau-Dunst versinkt.

Das Tal liegt eben über den Niederungen des Lebens, es „hängt“ über dem Haupttal des Vinschgaus. Die erste Geländestufe überwindet eine Serpentinenstraße, dann geht es sanft ansteigend bis zum Talschluss. Da liegt dann auch „Tourengeher’s Paradise“, das Ultental ist eines der besten Tourengebiete der Ostalpen.

So oder so – Ski regieren die Ultner Welt und manche bauen sie gleich lieber selber. Es war einmal… so beginnt ein Ultener Erfolgsmärchen. Es war einmal ein gewisser Horst Gamper, Servicemann von Giorgio Rocca. Der findige Gamper experimentierte mit Bindungsplatten, entwickelte „Gampiflex“, ein System, das er später als Lizenz an die Firma Vist veräußerte. Vist ist mittlerweile der größte Bindungsplattenhersteller der Welt und beliefert Skifirmen wie Rossignol, Blizzard, Elan, Nordica, Scott oder Head mit der etwa zwei Zentimeter dicken Standerhöhung, ohne die das Carven gar nicht möglich wäre. Und weil Horst Gamper den Stillstand hasst, begann er, Ski aufzuschneiden. Er begann, ihr Innenleben zu studieren, und schließlich sogar, sie selber zu bauen. „Black Thunder“ heißen seine Ski, Kultski und absolute Kracher für ambitionierte Freizeitsportler und Rennläufer. Auch schon legendär ist der Südtirol-Ski, den es in drei verschiedenen Längen, mit drei unterschiedlichen Südtirol-Logo-Applikationen und in den zwei Sprachvarianten deutsch und italienisch gibt.

Tradition im besten Sinne

Mountainbikes baut der Gamper überdies auch – man darf ja nicht vergessen, dass in der Nächtigungsstatistik mit 55:45 Prozent immer noch der Sommer dominiert. Das winterliche Ultental ist sicher kein Geheimtipp mehr, aber es ist immer noch ein Tal der Insider. Und der Familien. Der Skikindergarten auf Breit-eben ist Weltklasse, die gesamte Infrastruktur an Förderbändern und die Skischule lässt Ulten ganz nach oben auf die Liste der besten Familiendestinationen klettern. Natürlich auch, weil die Preise noch fair sind, und weil das Tal sich nicht für den Tourismus verbogen hat. Es hat bewahrt, was erhaltenswert ist, es hat aber immer auch die Moderne hereingelassen. Der Spruch des Komponisten Gustav Mahler hätte fürs Ultental erfunden worden sein: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche.“

Feuer hat in St. Walburg Waltraud Schwienbacher: Ihr Wegleithof kombiniert altes Holz mit neuem Glas, ihre Heilkräuter und Tees erhalten altes Wissen, das heute umso wertvoller ist. Die Köche der Hotels würzen mit Schwienbacher Kräutlein und Traudi Schwienbachers Winterschule lehrt in den Bereichen Holz, Pflanzen und Textil. Selbsterzeugte Rohstoffe sollen weiterverarbeitet werden und – ganz wichtig – auch vermarktet werden. Die Winterschule ist ein schönes Projekt im Val d’Ultimo, dem letzen Tal. Aber halt: Sprachwissenschaftler halten diese Ableitung vom Lateinischen längst als falsch. Ulten stammt aus einer vorrömischen Sprache und „das letzte Tal“ ist das sicher nicht. Eher das erste Tal, die erste Adresse für Sonnenanbeter und all jene, die wissen, dass klein auch fein bedeutet. <<<

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Leckere Naturprodukte prägen die gemütliche Gastlichkeit im Ultental.

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