Aspen: Vier Berge für ein Halleluja

Aspen ist für seinen Promi-Auflauf bekannt, als Wintersport-Resort des Jetsets, der Schönen und Reichen. Bei vielen „Normalskifahrern“ steht das kleine Örtchen in Colorado deshalb nicht auf der Agenda. Doch wer den Starkult hinter sich lässt und stattdessen lieber die vier Skigebiete rund um Aspen erkundet, der wird sehr schnell eines tun: Jubilieren!

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Text Florian Tausch Bild Florian Tausch, Aspen Snowmass

Der Schnee knirscht unter meinen Füßen. Ich lausche. Irgendetwas ist anders. Noch ein paar Schritte, dann bin ich mir sicher: Schon dieses leichte Knacken und Mahlen hört sich auf unbeschreibliche Art anders an, als in den heimischen Alpen. Und als wir weiter stapfen, dämmert mir, dass all die Erzählungen vom „Champagner-Powder“, „diesen völlig anderen Bedingungen“, vom „Schnee, auf dem man gleich 20 Prozent besser fährt“ vielleicht doch mehr sind, als nur ein Marketing-Gag.

Kurz zuvor saßen wir noch im Flugzeug. Drückten unsere Nasen an den Fensterscheiben platt, um die grandiose Aussicht auf die sonnenbeschienenen Rocky Mountains nicht zu verpassen. Einige der insgesamt 24 Viertausender von Colorado zogen unter uns hinweg, dann setzte die Maschine auf der Landebahn des Airport Aspen auf und rollte an einer ganzen Armada stolzer Privatjets vorbei, die am Rande der Runway geparkt waren. Keine Frage: Dieser Ort lockt nicht nur zahlreiche, sondern auch besonders zahlungskräftige Skifans an – die zunächst in einem Flughafen von der Größe eines Wohnzimmers empfangen werden.

Großer Name, kleine Stadt

Eigentlich ist dies kein Wunder. Vielmehr ist es fast überraschend, dass hier überhaupt ein Flughafen steht. Denn Aspen – so berühmt diese Destination sein mag – hat nicht einmal 6.000 Einwohner. Klein und auf charmante Art verhutzelt sehen auch viele der Häuser aus, die wir auf unserem Weg in die Stadt passieren. Schnell wird klar: Dies ist keine amerikanische Ski-Resort-Retorten-Stadt, hier kann man einen eigenen städtischen Charakter und einen Hauch von Geschichte entdecken.

„Aspen war schon immer eine der wohlhabendsten Städte der USA. Früher wurde hier sehr erfolgreich Silber gefördert. All diese Berge sind ausgehöhlt wie Schweizer Käse“, erzählt uns Gerhard Mayritsch. Der gebürtige Kärntner trägt einen grauen Skianzug mit dem Label der Aspen Skiing Company, auf dessen Ärmel ein großer „Info“-Sticker prangt. Mitte der 60er Jahre hat er in der kleinen Ortschaft sein Restaurant „Wienerstubn“ eröffnet und dieses vor ein paar Jahren verkauft. Nun steht er ehrenamtlich einmal pro Woche als „Ambassador“ (dt.: Botschafter) an der Gipfel-Station des Gebiets „Aspen Mountain“, schenkt kostenlos heißen Cider aus, verteilt Kekse, Tipps und Sonnencreme. Und er fährt mit dem einen oder anderen Gast eine Runde Ski, um an verschiedenen Stellen etwas über die Geschichte Aspens zu erzählen, oder um ihm die Zufahrt zu einem besonders lohnenswerten Run zu zeigen. Und gerade diesbezüglich hat er eine Menge zu berichten …

Revidierte Vorurteile, Teil II

Viele davon finden sich im Gebiet „Aspen Mountain“ – von den Einheimischen auch „Ajax“ genannt. Es ist quasi der Hausberg der Kommune, schon seit 1947 geht es hier direkt vom Stadtzentrum mit der Gondel hinauf. Hoch hinauf, muss man sagen, denn die Ortschaft selber liegt bereits auf 2.400 Metern, die höchste Erhebung dieses Gebiets reicht noch einmal 1.000 Meter höher. In der Gondel auf dem Weg nach oben finden wir ein weiteres Beispiel amerikanischen Service-Denkens: Unterm Fenster der 6er-Kabine ist eine Docking-Station mit Anschlüssen aller gängigen MP3-Player und Smartphones, sowie ein Soundsystem angebracht. So kann man sich auf der 14-minütige Fahrt bis zum Gipfel von seiner eigenen Musik begleiten lassen – und das gänzlich solarbetrieben.

Doch all das spielt plötzlich keine Rolle mehr, als wir an der Bergstation aussteigen. „Fahr! Auf! Mir!“, scheinen die Pisten einen anzuflehen. Breit, menschenleer, perfekt präpariert breitet sich die weiße Verheißung vor einem aus – und wir stürzen uns hinein, setzen Schwung an Schwung, gleiten jubilierend die Hänge hinab. Der Schnee ist staubtrocken („Weil die Rockys so weit im Landesinneren liegen“, wie uns Ambassador Gerhard später erklären wird), nichts pappt, nichts schiebt sich zusammen.

Keine Spur von Eis oder harten Platten. Gäbe es das Wort „fluffig“ noch nicht, müsste man es für diesen Skigenuss erfinden.

Auch wenn „Ajax“ auf den ersten Blick nicht wahnsinnig groß zu sein scheint, hat man eine unendliche Auswahl an Skimöglichkeiten: Die weit verbreitete Alpenformel 1 Lift = 1 Abfahrt + 1 Querung gilt hier nicht: Bei insgesamt acht Liften und Gondeln im Gebiet stehen 76 Abfahrten zur Verfügung.

Hinzu kommt, dass viele der sehr breiten Pisten neben einem präparierten Teil noch einen unpräparierten bieten, in dem man seine Schwünge in tieferem Schnee setzen kann. Ein weiteres Highlight für Skifans bieten die vielen Variantenfahrten und Waldstücke, durch die Geländefans ihre Spuren ziehen.

Die unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten manifestiert sich auch in der Skiauswahl der Fahrer: Kaum einer fährt ein Brett mit einer Mittelbreite von weniger als 80 mm. Allmountain-Eigenschaften sind unabdingbar, um alle Vorzüge des Gebiets zu genießen.

Wobei diese „Untersuchung“ einige Zeit in Anspruch nehmen kann, denn trotz der perfekten Bedingungen kommt einem kaum ein anderer Fahrer in die Quere. Die limitierten Bettenkapazitäten und die Größe der insgesamt vier Skigebiete machen es möglich, dass man den kompletten Hang zumeist für sich hat. Noch so ein Gerücht, dass ich fälschlicherweise als Marketing-Statement eingestuft hatte …

It’s Schrein-Time

An der Spitze unserer kleinen Gruppe setzt Nico Rienäcker ihre Kanten in den Schnee. Die Rosenhei-merin arbeitet seit sechs Wintern in Aspen als Skilehrerin, seit zwei Jahren wohnt sie ständig hier. „Kommt mit, ich zeige Euch die Schreine!“, ruft sie uns zu und gleitet einen kaum sichtbaren Pfad in ein Waldstück hinein. Wir schieben uns durchs Unterholz, bis wir vor einer Baumgruppe stehen, die über und über mit Fotos, Plaketten, CDs und selbst gebastelten Devotionalien von John Denver behängt ist. Doch nicht nur dem Sohn der Stadt wird im Unterholz Tribut gezollt – viele Hollywood- und Showgrößen werden hier, teilweise tief in den Wäldern, verehrt, etwa Elvis, Marilyn, Jimmy Hendrix oder Grateful Dead-Gitarrist Jerry Garcia.

Die Existenz der Schreine und auch die Auswahl der gehuldigten Celebrities

erzählt viel über das spezielle Flair der Stadt. Schon in den 50er Jahren zog es Künstler und Intellektuelle hierher, in den 60ern wurde die Berg-Enklave ein Treffpunkt der Hippy-Szene. Hunter S. Thompson – Autor („Fear and Loathing Las Vegas“) und Erfinder des so genannten Gonzo-Journalismus – lebte hier und war berühmt dafür, sich zu jeder vollen Stunde in der J-Bar des altehrwürdigen Hotels Jerome eine Bloody Mary reinzukippen. Hunter S. Thompson nahm sich 2005 auf seiner nahe gelegenen Farm das Leben, doch der intellektuelle und kulturelle Spirit ist bis heute geblieben: Wohl nur wenige andere 6.000-Seelen-Dörfer verfügen über zwei eigene Radiostationen, zwei Tageszeitungen, zwei Lifestyle-Magazine, einen regionalen TV-Sender, 150 Galerien und eine Konzerthalle. Seit 1949 findet jährlich das international anerkannte Aspen Music Festival statt, und das sehr lohnende Aspen Art-Center schafft es regelmäßig, Werke renommierter Künstler in die Ausstellungsräume zu bekommen, die sich manche Großstadt-Kunsthalle wünscht. Der Aspener Event-Kalender ist mit internationalen Größen aus Musik, Sport, Wirtschaft und Politik das ganze Jahr über gut gefüllt.

Got Milk?

Unweit vom Stadtzentrum Aspens liegt das kleinste der vier Gebiete: „Buttermilk“ verfügt lediglich über 34 Pistenkilometer, die zumeist auf leichtes Terrain entfallen. Ein ideales Anfängergebiet – und doch zieht es auch die größten Experten auf zwei Brettern an: Zwei Snowparks bieten alles, wonach Park&Pipe-Fans suchen, inklusive einer 22-Fuß-Superpipe. Auf dem beeindruckenden Parcours finden regelmäßig die Winter X Games statt. Doch uns ist nicht nach Springen und Jibben, und so fahren wir weiter in Richtung des Gebiets mit dem vielversprechenden Namen „Snowmass“. Das größte Gebiet in Aspen befindet sich eine etwa 20-minütige Fahrt entfernt und lockt mit 1.343 Metern Höhendifferenz (USA-Rekord), 237 Pistenkilometern und 91 Abfahrten. Ein Drittel davon ist als „Expert“ ausgezeichnet. Beim Anblick dieser Schilder bekommen viele Skifans leuchtende Augen – aus purer Vorfreude auf unpräparierte Geländeabfahrten im staubtrockenen Pulverschnee.

An der Gipfelstation angekommen, stärken wir uns kurz mit dem heißen Cider, der für die Fahrer bereit steht, und schon stapfen wir ein paar weitere Höhenmeter bergauf, um den Einstieg der „Long Shot“ zu erreichen, der längsten Abfahrt im Gebiet. Nach 5,6 Kilometern und über 1.000 Metern Höhenunterschied sind wir schon wieder high und stürzen uns unter Nicos Führung wie manisch auf Pisten und Abfahrten, tanzen auf der „Sunnyside“, reiten auf der „Naked Lady“ und lassen uns von der „Sheer Bliss“ verzaubern.

Und mitten in diesem Rausch wird uns ein Anblick präsentiert, der uns nur noch mehr anstachelt: Auf der gegenüberliegenden Bergkette türmt sich der 3.777 Meter hohe „Highland Peak“ auf, unter dem wie ein Trichter die „Highland Bowl“ steil abfällt. Es ist das absolute Highlight des Gebiets „Aspen Highlands“, das wir am nächsten Tag erkunden werden.

Sch(l)üssel-Erlebnis

Auch wenn „Ajax“ direkt vor der Haustür liegt, zieht es viele Einheimische vor allem in die „Aspen Highlands“ mit ihren vielfältigen Backcountry-Abfahrten und ihrer grandiosen Panorama-Aussicht auf die umliegenden 4.000er. Doch im Augenblick komme ich nicht dazu, diese zu genießen. Mein Blick ist auf den schmalen Grat vor mir fixiert. Und auf die Spur, die viele andere Skistiefel schon in ihn hinein getreten haben. Schritt für Schritt rinnt mir mehr Schweiß ins Hemd, gerate ich mehr außer Atem. Nach einer (kostenfreien) Snowcat-Tour vom Gipfel des Loge Peak-Liftes, müssen wir 300 Höhenmeter aufsteigen, um den Highland Peak zu erreichen. Ein 40-minütiger Hike mit aufgeschnallten Ski, bei dem sich die Höhe, in der wir uns befinden, nun deutlich bemerkbar macht. Definitiv nichts für den Skiausflug am ersten Tag! In den kurzen Pausen, die wir einlegen, schweift mein Blick dann doch über die um uns liegenden Rocky Mountains. Ein Anblick, bei dem irgendetwas nicht zu stimmen scheint: Formationen und Licht sind eindeutig wie im Hochgebirge, doch die vielen Wälder (die Baumgrenze liegt in Aspen aufgrund der relativ südlichen Lage bei 3.300 Metern) stülpen dem Ganzen ein charmant-weiches Mittelgebirgs-Flair über. Schon geht es weiter, und endlich erreichen wir den Gipfel. Dann stürzen wir uns in die Schüssel.

Was wir von Schwarzenegger lernen können

Der Schnee knirscht unter meinen Füßen. Ich lausche. Es hört sich wohlvertraut an. So, wie ich es von Kindesbeinen an gewohnt bin. Ich strecke mich, der Flug steckt mir noch in den Knochen. Viel zu schnell sind die Tage in Colorado vergangen, so viel hätte es noch zu entdecken gegeben, so viele perfekte, menschenleere Abfahrten wollen noch bezwungen werden. Darum habe ich am Flughafen in Aspen einen Entschluss gefasst, der schon durch einen anderen, prominenten Besucher der Stadt formuliert wurde: „I’ll be back!“ <<<

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Manche Star-Schreine sind einfach zugänglich, andere tief in den Wäldern versteckt. Offensichtlicher ist da schon der Spaß, den man auf den Hütten erlebt.
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