Beaver Creek: ÜBERVAILTIGEND

Vail überwältigt. Der Skiberg ist gigantisch, der „Champagne Powder“ in den „Back Bowls“ legendär und „Blue Sky Basin“ mit seinen einsamen Waldabfahrten wie aus einer anderen Welt. 2012 feiert Lindsey Vonns Heimatskigebiet 50-jährigen Geburtstag, 2015 findet hier zum dritten Mal die Ski-WM statt – in Vail und im Schwesterresort Beaver Creek. Das romantische „Winter-Wonderland“ der Schönen und Reichen ist mehr als nur ein Luxus-Geschöpf der amerikanischen Ski-Industrie. Beaver Creek ist die perfekte Ergänzung für Vail und viel wilder als seine Bilderbuch-Fassade erahnen lässt

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Text Bernhard Krieger Bild Krieger, Vail Resorts, Head

Wer zum Teufel ist auf diese Idee gekommen? „Beaver Creek mal ganz anders“. Muskelkater statt Wellness-Massage, Höhenmeter-Fressen statt Gourmet-Essen und Buckelpisten-Rodeo statt Après- Ski-Romeo. Tolle Idee! Talons Challenge heißt die ultimative Herausforderung für Sportler in Beaver Creek, das ansonsten ja eher bekannt ist für Luxushotels, beheizte Gehwege, Rolltreppen und flinke Helfer, die einem sogar noch die Ski zum Lift tragen.

John ist einer dieser „Beaver Creek Ambassadors“. Ohne lange zu fackeln schnappt sich der rüstige Rentner tatsächlich unsere Ski und drückt uns dafür den frisch gedruckten „Grooming Report“ in die Hand. Darauf sind die über Nacht präparierten und die naturbelassenen Pisten aufgelistet. Dass wir die Talons Challenge in Angriff nehmen wollen, nötigt ihm Respekt ab. „Have a great day!“, ruft er uns hinterher. Irgendwie klang da aber ein ironischer Unterton mit.

„Wer die Talons Challenge gemeistert hat, wird bewundert – wer Sie vor sich hat, bemitleidet“, klärt uns Ski-Guide Mike Williams auf. Er begleitet uns auf die 13 tiefschwarzen Abfahrten. Als „Black Diamond“ werden sie hier beschildert – die schwierigsten sogar „Double Black Diamond“. Am Einstieg dieser Pisten stehen dann manchmal auch noch Warnschilder wie „Experts Only!“ Fehlt eigentlich nur noch ein Totenkopf.

13 Abfahrten, 7.300 Höhenmeter, ein paar Stürze und unzählige Flüche trennen uns noch von der Verewigung auf der Wall of Fame der Talons Challen-ge. Einige tausend Namen stehen bereits darauf. Die nostalgische Wandtafel mit den silbernen Namensschildchen am Red Tail Camp reichte nicht mehr. Modern, aber auch unromantisch werden die Talons Challenge-Bezwinger jetzt auf einer „virtuellen Wall of Fame“ aufgelistet, die man in der Red Tail Hütte an einem Computer-Terminal einsehen kann. Die wie ein Wes-tern Saloon anmutende Hütte liegt direkt an der berühmten „Birds of Prey“-Abfahrt. Mit einer Neigung von bis zu 45 Prozent überwindet sie 757 Höhenmeter auf einer Länge von 2,7 Kilometern. Damit ist sie eine der technisch anspruchsvollsten im Ski-Weltcup und das Herzstück der WM 2015, bei denen alle Männer-Rennen sowie Maria Riesch & Co. ihre Speed-Disziplinen in Beaver Creek austragen werden.

Nach den ersten beiden Respekt einflößenden Double Black-Diamond-Pisten stehen wir schließlich am Start von „Golden Eagle“ – mitten auf der „Birds of Prey“. Von Schwüngen kann keine Rede mehr sein, eher schon von freiem Fall. In der Larkspur-Bowl stehen danach zum Glück drei sanftere Geländeabfahrten im Wald auf dem Routenplan. Der Neuschnee letzte Nacht hat die Buckel abgefedert, unsere breiten Allmountain-Ski ziehen sicher durch das verspurte Gelände. Ein Kinderspiel! Auch die ersten vier Runs auf dem Grouse Mountain gehen besser als erwartet, obwohl die Buckel immer höher und die Neigung immer steiler wird.

1.500 Skifans beim Talons Event

Dann aber kommt der Einbruch. Die Oberschenkel glühen, die Konzentration lässt nach, die stattliche Höhe von 3.000 Metern nimmt uns die Luft. Der eine Tag zur Akklimatisierung in Denver hat wohl doch nicht ganz gereicht. „Jetzt hilft nur ein Burger!“, meint Mike und carvt in weit gezogenen Schwüngen zum Red Tail Camp. Mit einem Riesen-Fleischklopps im Magen geht’s weiter. Die letzten drei Runs kommen uns wie eine Tortur vor. Zum Finale warten einige der schwierigsten Buckelpisten Nordamerikas, bevor uns Mike die hart erkämpfte Talons-Medaille überreicht.

Alleine mit einem Ski-Guide als offiziellem Zeugen absolvieren nur die wenigsten die Talons Challenge. Die meisten versuchen es beim großen Talons-Event. Am ersten März-Wochenende findet es zum neunten Mal statt. Rund 1.500 Skifans werden sich dann Buckelpisten und Steilhänge hinunterstürzen. Nur rund zwei Drittel werden die 13 Runs schaffen und dann auf der großen Party im Red Tail Camp feiern. Wir lassen unsere Talons-Challenge ziemlich k.o. im Hotel-Whirlpool unter freiem Himmel ausklingen. Über uns funkeln die Sterne, unter uns die Lichter des 1980 gebauten Luxusorts mit seinem Eisring im Zentrum, den Boutiquen, Galerien, Restaurants und den riesigen Lagerfeuern, an denen Kinder Marsh-Mellows rösten.

Promis als Nachbarn

Am nächsten Morgen sind die Beine schwer – zum Glück stehen heute nur Genuss-Abfahrten auf dem Programm: Vom fast 3500 Meter hohen Gipfel gleiten wir über weite, fast menschenleeren Pisten zur Spruce Saddle Lodge. Die Mittelstation bietet von Sushi bis Chilli mehr kulinarische Auswahl als so manche deutsche Kleinstadt. Vom Dreh- und Angelpunkt des Skigebiets geht es vorbei am McCoy-Park, einer auf 3.000 Meter liegenden Langlauf- und Schneeschuh-Arena, durch Espen-Wälder hinunter ins Villen- und Hoteldorf „Bachelor Gulch“. Wer ein paar Millionen Dollar übrig hat, kann sich hier eine der riesigen Villen direkt an den Pisten kaufen. Seit der Finanzkrise sind sie ein paar Milliönchen billiger geworden und illustre Nachbarn wie Tom Hanks und Justin Timberlake gibt es kostenlos dazu. Hollywood-Stars und Wallstreet-Banker trifft man auch schon mal in edlen Hütten-Clubs wie Beano’s oder Zach’s Cabin. Abends sind diese Nobel-Blockhütten mitten im Ski-Gebiet auch für das normale Publikum zugänglich, mittags aber heißt es: „Sorry, Members only!“ Bis zu 100.000 Dollar kostet allein die Aufnahmegebühr.

Wir schonen die Reisekasse lieber und gönnen uns später ein Glas Wein beim Après-Ski am Lagerfeuer des Park Hyatt-Hotels direkt am Fuß der Pisten in Beaver Creek, ein Riesen-Steak im Beaver Creek Chophouse und einen Absacker im stets vollen Coyote Café. Die Kneipe mit den Riesenburgern ist der Treffpunkt der wenigen Einheimischen, die sich das Leben in einem der feinsten Skiorte Nordamerikas leisten können. Beaver Creek wirkt auf Europäer wie ein bis ins kleinste Detail perfekt gestylter Disney-World-Skipark – in den Augen der Amerikaner ist es alpenländisch.

Einstieg ins Paradies

Genau wie das 16 Kilometer entfernt liegende Vail, das nicht zuletzt europäische Ski-Pioniere wie Pepi Gramshammer in eines der besten Skigebiete der Welt verwandelt haben. Der Beaver Creek Mountain ist beeindruckend, Vails Skigebiet schlicht überwältigend. „Ein Skilehrer-Kollege ist mal alle Pisten und Varianten gefahren und hat mehr als eine Woche gebraucht“, erzählt Skilehrer Horst Essl. Der gelernte Kunstmaler aus Österreich hat die „Lüftlmalerei“ nach Colorado gebracht und unter anderem die Fassaden des Ski-Museums und des „Gasthof Gramshammer“ von Vails Ski-Legende Pepi Gramshammer bemalt. Im Sommer, versteht sich. Im Winter ist Horst jede Sekunde auf dem Berg. „Allein die Front Side ist schon grandios. Viele wären überglücklich, wenn sie einen so weitläufigen Berg hätten. Dabei ist er für uns nur der Einstieg ins Paradies“, schwärmt Horst. Sein Paradies sind die „Back Bowls“ – uns kommt der Weg dortin schon paradiesisch vor.

Im Ortsteil Lionshead haben wir die „Eagle Bahn Gondola“ genommen und uns auf den perfekt präparierten Pisten unterhalb der Wildwood-Hütte warm gefahren. Bis ganz hinauf auf die 3.400 Meter hohen Gipfel reichen hier die dichten Wälder, die in tieferen Lagen durch lichte Espen-Reihen durchsetzt sind. Nach zwei Runden sind wir fit für den Einstieg in die mehr als drei Kilometer breiten Back Bowls. Wir schießen hinab in Sun Down-Bowl, wechseln dann in die Sun Up-Bowl und dann weiter in die China- und Sibiria-Bowl unterhalb der riesigen Two Elk Lodge. Dort schallt statt alpenländischen Hütten-Schlagern Jazz-Musik über das Sonnendeck.

Trotz des aufgerüsteten Tea Cup Express Lifts schaffen wir an einem Tag nur einen Bruchteil der 42 ausgeschilderten Varianten-Abfahrten in den Back Bowls, in denen wagemutige Freerider über ein paar Wächten in die nur von einzelne Baumgruppen durchzogenen Hänge hinein springen. Die Back Bowls sind der Arlberg Amerikas. Hier tummeln sich die Tiefschneesüchtigen. Und trotz aller amerikanischer Freundlichkeit und Rücksichtnahme gilt auch hier: „No Friends on a Powderday!“ „An Neuschneetagen muss du schnell sein“, sagt Horst.

Perfekter Gästeservice

Ist die weiße Pracht in den Bowls durchflügt, weichen die Einheimischen nach Blue Sky Basin aus – dem landschaftlich schönsten Teil des Vail Mountain. Der Skyline-Lift transportiert uns von der Talsohle der Bowls durch einen dichten Wald über zwei rassige Geländeabfahrten hinweg zum Belle’s Camp. In der urigen Blockhütte brennt ein Feuer, auf einem Tresen stehen kostenlose Getränke und ein paar Cookies. Vor der Hütte sind Barbecues aufgebaut, auf denen man sich seine mitgebrachten Würstchen und Steaks grillen kann – das ist Gästeservice à la Vail. Fast 10 Kilometer Luftlinie ist das Belle’s Camp von Vail entfernt. Hier sieht man nichts als die schneebedeckten Berge der Rockies und unendlich weite Wälder, in denen im Sommer die Bären unterwegs sind. Kein Haus, keine Stadt, kein Strommast stört.

Noch schöner als das Panorama aber sind die Abfahrten. Genussskifahrer nehmen die Cloud 9-Piste, die die Leser der amerikanischen Ski-Magazine immer wieder zur romantischsten Abfahrt des Kontinents wählen. Mit unzähligen Verzweigungen und Wellen schlängelt sie sich durch dichte Wälder und über kleine Lichtungen gemütlich hinunter ins „Tal der Murmeltiere“. Abenteuerlich ist dagegen das Treeskiing auf der „Steep & Deep“. Für seinen Mut wird man dort mit tollem Schnee belohnt, der hier tagelang herrlich pulvrig bleibt. Die Höhe, der ohnehin sehr trockene Schnee der Rockies und die Kälte in den schattigen Wälder machen es möglich.

Auf dem Rückweg machen wir dann noch einen Abstecher zu Lindsey’s – eine schwarze Piste hinunter ins Vail Village, die der Ort seiner berühmtesten Skifahrerin gewidmet hat. Wenn Lindsey Vonn in ihrer Heimat ist, trainiert sie gerne am Golden Peak und wohnt mit ihrem Mann direkt an der Gondel in Lionshead. Der neue Arabelle-Hotelkomplex erinnert ein wenig an die Luxus-Chalets in Beaver Creek. Dort sind wir für unseren letzten Skitag verabredet. Wir fahren die Talons Challenge nochmal. „Beaver Creek einmal anders“ – Klasse Idee! <<<

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