Crescent Spur: Familiengeschichten

Crescent Spur Heli-Skiing gehört zu den eher unbekannten Heli-Anbietern in British Columbia. Die entspannte Atmosphäre und die urgemütliche Lodge machen den Familienbetrieb von Mark und Regina Aubrey zu einem echten Geheimtipp für Pulverschnee-Süchtige

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Die Lage zwischen den Cariboos und den Rocky Mountains ist vielversprechend: Hohe Gipfel mit weiten, offenen Hängen und lockerer Baumbestand zum Tree-Skiing wechseln sich ab. © Sandra Urbaniak, Günter Kast, Crescent Spur Heliskiing

Crescent Spur! Leute, da müsst Ihr unbedingt hin. Ich habe dort die beste Heli-Woche meines Lebens verbracht.“ Der das sagt, muss es eigentlich wissen, schon von Berufs wegen. Denn Oliver Kamphausen ver-kauft Heliski-Reisen in Nordamerika und lebt quasi davon, ständig neue, spannende Ziele zu entdecken, die deutsche Powder-Freaks noch nicht auf der Agenda haben.

Eine Google-Recherche spuckt aus, dass in Crescent Spur im oberen Tal des Fraser River 24 Menschen leben sollen. Die Umgebung sieht so aus, als ob es deutlich mehr Elche, Wölfe, Karibus, Vielfraße und Grizzlies sein könnten. Das sind schon mal ziemlich gute Voraussetzungen für Heli-Skiing. Auch die Lage zwischen den Cariboos und den Rocky Mountains ist viel-versprechend: hohe Gipfel mit weiten, offenen Hängen, aber auch viel lockerer Baumbestand in den niedrigen Lagen, wie geschaffen für das bei guten Heli-Skifahrern so beliebte Tree-Skiing.

Was genau Oliver gemeint hat, verstehen wir aber erst, als wir am kleinen Regionalflughafen von Prince George die anderen Gäste der Lodge treffen: Die Jungs kennen sich alle schon! Fallen sich am klapprigen Gepäckband in die Arme und freuen sich wie die Schnitzel auf die bevorstehende Woche. Wobei „Jungs“ vielleicht nicht ganz der passende Ausdruck ist: Die Chirurgen-Gang aus Kansas ist so zwischen 50 und 60, die vier grau-melierten oder glatzköpfigen Briten sind sogar deutlich älter. Nur die Mitglieder von Team Colorado gehen noch als Mitvierziger durch. Trinken können sie auf jeden Fall wie die Jungen: Schon im Bus zur zwei Fahrstunden entfernten Lodge machen sie die ersten Bierdosen auf. Vor allem aber: Sie nehmen uns ohne Allüren sofort in ihre Gang auf. Willkommen im Club!

Bei der Begrüßung in der Lodge dann die gleichen Szenen: Die Hausherren Mark und Regina Aubrey kennen ihre Gäste teilweise schon mehr als ein Jahrzehnt. Einige buchen jeden Winter gleich vier bis fünf Wochen. Sie wollen in erster Linie „a lot of fun“ haben, jede Menge Spaß. Und sie wollen solange wieder-kommen, bis ihre Knochen nicht mehr mitmachen, oder ihnen das Geld ausgeht. Zumindest letzteres ist eher schwer vorstellbar.

Was auffällt: Die hektische Betriebsamkeit am Ankunftstag, wie wir sie von Heli-Lodges kennen, in denen deutschsprachige Gäste in der Mehrheit sind, scheint es hier nicht zu geben: Niemand fragt nach der Schneehöhe, nach dem Wetter für die nächsten Tage, nach den in der vorigen Woche gefahrenen Höhen-metern. Man hat das Gefühl, die „Jungs“ – und wenigen „Mädels“ – würden hier auch ihren Spaß haben, wenn der ganze, schöne Schnee über Nacht dahinschmölze.

Vom Sägewerk zur Heli-Station

Am nächsten Morgen sehen wir, wo sich die „Gang“ früher so rumgetrieben hat: Viele tragen die berühmten One-Million-Vertical-Feet-Anzüge von CMH, dem größten Heliski-Anbieter Nordamerikas. Den Anzug bekommt nur, wer mit CMH eine ganze Million Höhen-„Fuß“ (304.800 Höhenmeter) geflogen ist, was mindestens acht bis zehn Wochen-Trips entspricht. Ted, einer der Chirurgen aus Kansas, war sogar 25 Jahre lang CMH-Stammgast. Inzwischen ist er wie seine Kumpels ein überzeugter Konvertit: „Mir imponiert, wie Mark Aubrey und seine Frau Regina Crescent Spur Heli-Skiing quasi aus dem Nichts aufgebaut haben. Das erinnert mich an den jungen Hans Gmoser oder Mike Wiegele, die beiden großen, alten Heli-Pioniere Kanadas“, erklärt Ted. Tatsächlich ist die Geschichte von Mark und Regina eine, die vor allem diese Botschaft bereithält: Wenn man wirklich will und hart arbeitet, kann man in Kanada alles erreichen.

Marks Eltern hatte es in den 1950er Jahren nach Crescent Spur verschlagen, weil es damals in den großen Sägewerken rund um Prince George Arbeit gab. Das kleine Grundstück, das sie sich leisten konnten, lag gleich neben der Trasse der Grand Trunk Pacific Railway, die hier um 1915 gebaut worden war. Einen Highway gab es damals noch nicht. Marks Vater pendelte jeden Tag mit dem Zug in die Stadt, um seine fünf Kinder durch-zubringen. Später machten die Sägewerke dicht, der Vater verlor seinen Job, die Eltern trennten sich. Marks Mutter blieb nach der Scheidung hier und bewirtschaftete die kleine Farm mit ihren 30 Kühen. Elektrischen Strom hatte sie noch immer nicht. Mark half ihr, so gut es ging, wenn er nicht gerade Eishockey spielte. Wo damals sein Elternhaus stand, befindet sich heute die Heli-Lodge.

Dass es dazu kam, lag vor allem auch an Regina. Sie zog mit ihren Eltern aus dem flachen Oklahoma nach Calgary, als sie ein Teenager war. Erst dann lernte sie Skifahren – und zwar gleich so gut, dass sie von einem Catski-Anbieter nahe Nelson als Guide eingestellt wurde. Einer ihrer ersten Gäste war Mark Aubrey. Er war tief beeindruckt von dem vielen Pulverschnee – und noch mehr von Regina. Gleich im darauffolgenden Winter kehrte er nach Nelson zurück und heuerte ebenfalls als Guide an. Die Romanze in Weiß konnte beginnen.

Gemeinsam lotsten sie Winter für Winter Gäste durch die weiße Pracht, legten Geld zurück und schmiedeten Pläne für ein eigenes Unternehmen. Es war soweit, als Marks Mutter die kleine Farm 1986 übergeben wollte. In weiser Voraussicht hatte Mark rechtzeitig die Heli-Lizenz für ein 1.500 Quadratkilometer großes Gebiet zu beiden Seiten des Fraser River Valley beantragt. Anfangs kostete das nicht viel, denn bezahlt wird pro Heli-Gast und nach Umsatz. Ein Abenteuer und Risiko war es dennoch: Mark und Regina hatten keinerlei Erfahrung – weder als Heliski-Veranstalter, noch in der Hotellerie oder Gastronomie. Würde überhaupt jemand bei ihnen buchen? Bei einem neuen, kleinen Anbieter, dessen Terrain umzingelt ist von den Großen der Branche?

Das Besondere bieten

Mark wusste, dass sie besser als die anderen sein mussten. Also suchte er nach Alleinstellungsmerkmalen: „Ich hatte immer wieder beobachtet, dass beim Tree-Skiing zwischen den Bäumen Skifahrer verloren gehen oder stürzen, wenn ich mit einer Zehner-Gruppe als Lead Guide unterwegs war. Also engagierte ich zusätzliche Tail Guides, die als eine Art Besenwagen dafür sorgen, dass sich auch die schwächeren Fahrer gut betreut fühlen und vor allem die Schnelleren nicht behindern.“ Das verursache zwar zusätzliche Kosten, komme bei den Gästen aber gut an. Genauso wie die Tatsache, dass der Chef hier persönlich als Guide mit hinauskommt – und zwar täglich. Ein weiterer Trumpf in Marks Hinterhand: Er kann zu beiden Seiten des Tales fliegen. Sind die Cariboos von Wolken verhangen, weicht er einfach in die Rockies aus. Dabei kann sich Mark auf ein Team von treuen Mitarbeitern verlassen: Einer der wichtigsten ist sein Pilot André Lafferma. Der Schweizer Auswanderer fliegt schon seit 1993 für Crescent Spur und hat mehr als 7.000 Flugstunden mit dem Bell 205 auf dem Buckel. Wie geschickt er mit der großen Libelle umgehen kann, sollte er uns in einer schwierigen Woche mit starken Winden und häufig schlechter Sicht immer wieder aufs Neue beweisen.

Gleich die erste Saison 1992 zeigte, dass die Aubreys offenbar über ein gutes Netzwerk und ein glückliches Händchen für den Umgang mit Gästen verfügten. Regina sorgte dafür, dass die Familien-Lodge alle Annehmlichkeiten bot, die auch bei den großen Anbietern selbstverständlich sind: Stretch-Class am Morgen, Masseurin, Fitness-Raum, Sauna, Hot Tub im Freien, Spieleraum, Billardzimmer, Bibliothek, zwei offene Kamine, Bar, Shop, feine Appetizer am Nachmittag. Selbst der Schuhtrockenraum überzeugt mit Details wie Sonnenlotion aus dem Spender und einer Extra-Creme für die Handschuhe, damit deren Leder nicht spröde wird. Man merkt: Da hat jemand mitgedacht!

Verführerischer Powder

Außerdem ist Regina eine unterhaltsame Gastgeberin. Sie liebt es, Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel die von dem gläubigen Katholiken aus Boston, der sich am Sonntagmorgen fest vorgenommen hatte, die Messe im nahen McBride zu besuchen. Einerseits. Andererseits lockte frischer Pulverschnee an einem milden, sonnigen Frühlingstag. Er gab seinem „sündigen“ Hobby nach, fühlte sich aber zunächst sichtlich unwohl mit seiner Entscheidung. Doch der stiebende Pulverschnee ließ seine Bedenken verfliegen. „Am Ende eines Runs kam er zu mir und sagte: Ich bin hier doch auch in Gottes Kathedrale, nicht wahr? Ich bin überzeugt: Nur Gott kann eine so perfekte, tief verschneite Landschaft für seine Schäfchen zaubern!“, erinnert sich Regina mit einem Schmunzeln.

Solche Geschichten steuern natürlich auch die vielen Stammgäste wie Garry James bei. Der Eventmanager aus Kalifornien kommt mit Frau Carry und Sohn Garrett jede Saison mindestens fünf Wochen zu Mark und Regina. Carry ist schon mehrmals beim Tree-Skiing im Wald verloren gegangen, Garrett hat schon mehrere Wochen in der Lodge gejobbt. Er ist mit allen Mitarbeitern befreundet, sogar mit dem Hund, der etwas schreckhaft ist, seit er einmal von Wölfen in die Mangel genommen wurde. Als

Vater Garry zum 30. Mal hier eincheckte, buchten ihm die Aubreys einen Gratis-Trip. Jetzt sagt Regina: „Was sollen wir ihm bloß schenken, wenn er demnächst die 50 Wochen vollmacht?“ Garry will natürlich gar nichts geschenkt, das man mit Geld kaufen kann. Davon hat er selbst genug. Wenn man ihm wirklich eine Freude machen will, lässt man ihn die sogenannte Crescent-Spur-Olympiade organisieren: eine Art Spiel-ohne-Grenzen, mit verrückten Sachen wie Wasserbeutel-Weitwurf und Kopf-Basketball. Der Clou ist aber eine Übung, bei der man eine Münze zwischen die Backen seines Allerwertesten klemmen muss, um sie dann zielgenau in einen Plastikeimer plumpsen zu lassen.

Während sich unsere vier Colorado-Boys angesichts der Aussichtslosigkeit des Unterfangens vor Lachen fast wegschmeißen, hat Rich, einer der Briten, bereits eine neue Idee: Er hat eine Flasche uralten Tequilas mitgebracht und lässt diese jetzt öffnen. Die muss natürlich geleert werden heute, sonst scheint morgen nicht die Sonne. Keine Frage: Wer sich auf Crescent Spur einlässt, muss viele Talente mitbringen. Nur Schwünge in den Pulverschnee zu zaubern – das kann schließlich jeder. Günter Käst und Sandra Urbaniak

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2014

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