Nächste Ausfahrt ignorieren!

Skiurlaub in Kanada? Das sind vor allem die „üblichen Verdächtigen“ Whistler und Revelstoke, Banff und Lake Louise. Doch wer hinter den berühmtesten Skiresorts weiter fährt, findet noch echte Schätze. Zum Beispiel das großartige Marmot Basin in der Nähe von Jasper

neuer_name

Text Florian Tausch Bild TVB

Der Himmel ist bedeckt, die umliegenden Berggipfel treten nur als graue Silhouetten aus dem trüben Schleier hervor. Nebel zieht zwischen den Graten hinab – und doch haben wir beste Laune. Grund dafür ist ein kleines Schild, das am Eingang des Skicenters hängt: „All time Snow Fall Record“ steht dort geschrieben. Erst vor wenigen Stunden ist es passiert: In über siebzig Jahren fiel in diesem Gebiet innerhalb eines Winters noch nie eine solche Schneemenge, insgesamt 5,60 Meter gingen hier nieder. Über Nacht und am frühen Morgen hatte es noch einmal richtig zugelegt, große, weiße Flocken rieselten auf die Hänge von Marmot Basin und ließen die ganze Arbeit der Pistenbully-Fahrer unter einer gut 25 Zentimeter dicken, fluffigen Schicht versinken. Eine Schicht, in die Mitch und ich nun mit unseren Allmountain-Ski eintauchen, was den einen oder anderen Freuden-juchzer über die Pisten hallen lässt.

Mitch lebt seit über fünfzig Jahren in Jasper. Er ist ein Urgestein unter den hiesigen Skilehrern und hat mich heute unter die Fittiche genommen, um mir die ganze Vielfalt des „Murmeltier-Beckens“ zu zeigen. „Jasper ist der perfekte Ort für mich“, sagt er. „Das ist kein künstlich aufgeblähtes Skiresort. Hier gibt es kein Schicki-Micki. Es geht einfach nur um den Sport und die großartige Natur.“ Er deutet in das Wolkenmeer, hinter dem sich das – sicherlich beeindruckende – Panorama versteckt.

Der Weg ist das Ziel

In der Tat erreicht man Jasper mit einem anderen Gefühl als beispielsweise Banff. Weniger herausgeputzt präsentiert sich der kleine Ort (4.000 Einwohner), eine Seite der Haupteinfallstraße säumen Bahngleise, auf denen der Güterverkehr rattert. Doch auf den zweiten Blick entpuppt sich durch die vielen Bars und Restaurants und das schöne landschaftliche Setting ein ganz eigener Charme. Strenge Vor-gaben der kanadischen Parkverwaltung sorgen dafür, dass der Ort diesen ursprünglichen Charakter erhält. So werden durch die Lage im Jasper Nationalpark beispielsweise der Zuzug und der Erwerb von Grundeigentum stark reglementiert.

Letztendlich ist es aber die geografische Lage, die Jasper und Marmot Basin noch zu einem Geheimtipp machen: Während Banff (1,5 Stunden von Calgary) oder Lake Louise (2,5 Stunden von Calgary) relativ schnell mit dem Auto zu erreichen sind, muss man für eine Fahrt nach Jasper mindestens gute vier Stunden (von Edmonton) einkalkulieren. Für Kanadier immer noch ein Katzensprung, den manche sogar für einen Tagestrip auf sich nehmen. Aus Sicht vieler Europäer jedoch ein Grund, warum die Destination nicht weiter oben auf der Liste ihrer Reiseziele steht.

Das ist leider gleich doppelt ins eigene Bein geschossen. Denn zum einen entgeht ihnen ein fantastisches Skigebiet. Zum anderen gilt hier wie wohl sonst kaum auf der Welt: Der Weg ist das Ziel! Wer die Anreise über Calgary unternimmt, kann nicht nur in Banff oder Lake Louise bereits schöne Skitage verbringen, sondern auch ein Spektakel genießen, für das andere extra nach Kanada fahren – ein Trip über den Icefields Parkway. Diese 240 Kilometer lange Route verbindet Lake Louise mit Jasper und gilt als eine der schönsten Panoramastraßen der Welt. Gute dreieinhalb Stunden erlebt man kanadische Wildnis, wie man sie sonst nur aus Werbeprospekten kennt. Links und rechts türmen sich die 3.000er der Rockies auf, allerorten schimmern bläuliche Gletscher und Eisfelder, während der endlose Wald zu Füßen der Berge nur durch glitzernde Flüsse und kristallklare Seen unterbrochen wird. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus, denn jede Kurve eröffnet einem neue, atemberaubende Blicke in Cinemascope. Man möchte kaum mehr das Auto gegen Skier eintauschen.

Entspannte Atmosphäre

Ich habe es natürlich trotzdem getan. Wie auch nicht – nachdem ich die Vorhänge des Hotelzimmers aufgezogen hatte und der Blick auf die frischen Schneemassen fiel? Also nichts wie los nach Marmot Basin, das zwanzig Minuten entfernte Skigebiet. Dort erwartet mich trotz des Neuschnees und des Schneefall-Rekords weder Gedränge noch Aufregung. „Laid-back“ – entspannt – gehe es hier zu, versichert mir Brian Rode von der Bergbahn, den ich kurz vor unserer ersten Auffahrt treffe. „Laid-back“, ist auch das Wort, das mein Begleiter Mitch immer wieder in den Mund nimmt, wenn er über Marmot Basin redet. Und nach unseren ersten Abfahrten fange ich an, wiederum ihm vorzuschwärmen: „Awsome! This place is so laid-back!“ Lange Warteschlangen sind in nordamerikanischen Gebieten ohnehin selten ein Problem. Zudem bringt in Marmot Basin mit dem Canadian Rockies Express einer der schnellsten Lifte des Landes etwaige Besucherschübe in nur 7,5 Minuten auf den Berg. Ski-in-ski-out sucht man hier ebenso vergebens (mit allen Vor- und Nachteilen) wie alpine Après-Ski-Action. Zwei Hütten – eine an der Talstation, eine auf halber Höhe zum Gipfel gelegen – versorgen die Skifahrer, denen ein Gebiet mit über 100 Pistenkilometern zur Verfügung steht.

Unglaubliche Vielfalt

Aber an Essen ist jetzt natürlich nicht zu denken. Jauchzend ziehen Mitch und ich unsere Spuren in den Schnee, nutzen den frischen, unberührten Powder. Nach einigen Abfahrten zum Aufwärmen führt Mitch uns hinüber zum Knob Chair, der den höchsten Punkt des Gebiets erschließt. Wenn man von der Gipfelstation rechterhand abfährt, gelangt man zu einem weit gezogenen Becken, in dem der Powder bis zu den Knien steht. Zweimal, dreimal tanzen wir dort den Berg hinab, bevor mir Milt völlig andere Seiten des Gebiets zeigt: Breite, sanft geschwungene Carving-Pisten („Groomers“), enge Runs durch Waldabschnitte („Tree-skiing“) und nicht enden wollende Buckelpisten („Moguls“, „Bumps“). Letztere erreicht man am besten über den Eagle Express Quad Chair und den neuen Paradise High Speed Quad Chair.

Der unterschiedliche Charakter zwischen nordamerikanischen und alpinen Gebieten kommt auch in Marmot Basin zum Tragen: Während für 100 Pistenkilometer in Obertauern 26 Lifte und Bahnen benötigt werden, erschließen in Marmot Basin gerade einmal sieben Lifte die gleiche Strecke. Hier gibt es nicht eine einzelne vorgegebene, von Absperrungen gesäumte Piste, der ganze Berg ist befahrbar. Insgesamt 86 „Runs“ sind auf dem Pistenplan eingezeichnet. So kommt es zu einer unvergleichlichen Varianz an Möglichkeiten. Ob präpariert oder unpräpariert, leicht oder nspruchsvoll – hier ist alles im Übermaß vorhanden.

So auch die besonderen Herausforderungen. Wer nach ihnen sucht, sollte in den Eagle Ridge Lift steigen. Der von diesem nach links abfallende Hang hält mit seiner Vielzahl an „Double Black Diamonds“ besondere Schmankerl für all jene bereit, die über genügend Erfahrung im Gelände verfügen und sich von Routennamen wie „Terminator“ oder „Drop Zone“ nicht abschrecken lassen. Insgesamt acht solcher Routen gehen von einem Kamm herab, manche laufen später in bewaldeten Rinnen aus, andere führen über Lichtungen und Buckelpisten wieder hinab zur Talstation. Vor allem im oberen Teil geht es hier sehr steil und teilweise verbuckelt zu. Definitiv kein Terrain für ungeübte Skifahrer. „Das war jetzt aber nicht wirklich laid-back!“, rufe ich Mitch nach unserer ersten Runde zu. Doch er lacht nur und steuert schon wieder den Lift an. Nichts wie hinterher, denke ich mir, denn in diesem unglaublich vielfältigen Gebiet gibt es noch so viel zu entdecken! Und noch bevor meine Ski wieder den Schnee berührt haben, werde ich wirklich wieder überrascht: Der Himmel reißt auf, die Wolken verflüchtigen sich – und vor mir liegt das unglaubliche Panorama der kanadischen Rockies.<<<

neuer_name

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat

Events

09.11 – 10.11.2019
Alpinmesse Innsbruck
23.11 – 30.11.2019
Sulden - Skitestwoche
24.11 – 30.11.2019
Pitztal - 50. Ski Opening Westdeutscher Skiverband