Revelstoke: Auf leisen Sohlen

Snowcat statt Heli: In der Nähe des kanadischen Revelstoke locken unberührte Powder-Hänge und unterhaltsame Pistenbully-Fahrten Skifahrer zum „Cat-Skiing“ als bezahlbare Alternative zum Heli-Skiing. Dabei sind die Abfahrten durch unberührten Powder zwar kürzer – dafür aber zahlreicher

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Text Jens Schüren Bild Jens Schüren, K3 Cat Ski

Der erste Blick aus dem Hotelzimmer von Tom und mir am frühen Morgen gilt den leicht neuschneebeflockten Hängen und dem noch diesigen Himmel über Revelstoke, dem noch jungen aber aufstrebenden Skizentrum im Südosten von British Columbia. Tom ist überzeugter Snowboarder, der keine Gelegenheit auslässt, mir als Skifahrer immer wieder kleine Seitenhiebe zu versetzen, vor allem, wenn es um das „andere“ Fahrgefühl im Tiefschnee geht. Umgekehrt ist es nicht anders. Doch heute stellt sich vielmehr die Frage, ob der heutige Tag überhaupt ein Tiefschnee-Erlebnis bringt, denn die letzten Tage haben so wenig Neuschnee gebracht, dass das gebuchte Cat-Skiing unmittelbar im Revelstoke Mountain Resort bereits zwei Tage zuvor abgesagt wurde. Zwar fallen hier, am Rande der Anstey Range in den Monashee Mountains, jährlich rund 20 Meter Schnee. Doch letzte Nacht waren es nur zwei Zentimeter – und das könnte knapp werden, für die pulvrigen Traumschwünge in weiß. Dabei haben wir extra umdisponiert, konnten kurzfris-tig noch zwei Plätze bei „K3 Cat Ski“ ergattern, einer ebenfalls noch jungen Cat-Ski-Company aus Sicamous, etwa eine halbe Stunde entfernt von Revelstoke, und einem gratis Shuttle-Service für hier wohnende Gäste.

Unser Fahrer Rich macht uns sofort Mut. Auf der ruppigen Autofahrt im Allrad-Pickup mit teils steilem Anstieg über vereiste Landstraßen bis hin zur Basis-Station lässt er die Überraschung verlauten: 15 cm Neuschnee auf dem K3, unserem Zielberg, doppelt so viel wie auf dem Nachbarberg.

Schaufeln und Piepen

An der Basis geht alles sehr schnell. Der nagelneue rot-silberne Pisten-bully 300 lugt abenteuerlustig um die Ecke und offenbart seine gemütlichen 14 Sitzplätze im Inneren. Kris, der Fahrer und zugleich Junior-Chef von K3, verteilt Lawinen-Pieper, spezielle Tiefschnee-Stöcke mit extrabreitem Teller und Powder-Ski. Doch schon bevor wir uns in den ersten Hang stürzen können, ist für uns erstmal nach der Hälfte der ersten Auffahrt Schluss. David, der 55-jährige Chef der Company, macht mit uns das gesetzliche vorgeschriebene Lawinen-Training. Ein wenig ungeduldig sind wir schon, zumal der Rest der Gruppe, ein Freundeskreis von Vätern mit ihren Söhnen aus Calgary, bereits seine erste Abfahrt machen darf – es ist schließlich schon deren zweiter Cat-Tag.

Dann hören wir endlich das sich nähernde Surren unseres fahrenden 330-PS-Liftes, endlich geht es los. Vor uns liegen neun kurze und lange Abfahrten durch unberührten, flockigen Tiefschnee, wie wir ihn selten in Europa erlebt haben. Wir fahren durch weitläufige Felder und pflügen durch Waldhänge mit bis zu 50 Grad Neigung. Wir lassen unserem Drang nach endlosem Powder freien Lauf. Auf den ersten Abfahrten haben wir kaum einen Blick für den anderen, kaum Gelegenheit, die einzigartige Natur auf uns wirken zu lassen – zu sehr sind wir mit uns selbst beschäftigt. Alle zwölf aus der Gruppe können bequem nebeneinander fahren, ohne sich in die Quere zu kommen, so weitläufig sind die einzelnen „Runs“. Jeder ist bemüht, die S-Form-artigen Spuren sauber in den Schnee zu zaubern und dabei den Hang hinunterzuschweben. Vorweg hört man immer wieder Rod, unseren Ski-Guide: „Eeo“ schallt es laut zwischen den Bäumen hindurch. Wir können so beruhigt nach Gehör fahren und wissen, dass wir noch richtig sind. Auch wenn es anfangs etwas albern klingt: Diese Art der akustischen Orientierung hat sich bewährt. Immerhin ist der ausgebildete Bergführer und Cat-Guide seit Jahren im Geschäft und kennt alle Gefahren und Tricks, um den Gästen einerseits alle Freiheiten zu lassen, andererseits immer zu wissen, wann eine Grenze erreicht scheint. Hinter uns folgt David als „Lumpensammler“ und sorgt dafür, dass alle seine Gäste auch wohlbehalten unten ankommen, wo das Snowcat uns meistens bereits schon für den nächsten Run erwartet.

Sicherheit steht an oberster Stelle, was wir immer wieder selbst erfahren. „Wir haben drei Grundregeln“, erklärt David. „Erstens: Sicherheit geht vor, zweitens: Zufriedenheit der Gäste, drittens: dabei alles so relaxed wie möglich.“ Dieser Mix zeigt sich beispielhaft durch die mehrfache Warnung vor den „Tree Wells“, einer Gefahr, die wesentlich häufiger droht als eine Lawine, die es hier noch nie gab, wenn eine Gruppe unterwegs war. Die oft bis zu drei Meter tiefen „Brunnen“ rund um alleinstehende Tannen können einen unvermittelt nach unten ziehen, wenn man sich ihnen zu stark nähert. Vor allem ist es schwer, allein wieder herauszukommen, wie ich selbst feststelle, als ich aus dem Stand beim Ausweichen rückwärts in einen solchen Brunnen gerate. Mit vereinten Kräften und kanadischer Gelassenheit ist aber dieser Ausflug schnell beendet, und ich halte mich bewusst noch weiter fern von sämtlichen Tannen, vor allem, nachdem Tom bei der ersten Abfahrt ebenfalls unvermittelt in einem Tree Well verschwindet.

Der perfekte Schnee

Im Laufe des Tages machen wir Abfahrten mit durchschnittlich 600 Höhenmetern und einer Länge von rund 4 Kilometern. Je nach Areal schaffen wir auch schon mal 900 Höhenmeter und 5,5 Abfahrts-Kilometer. Nicht viel im Vergleich zu einem Tag in planierten Pistengebieten. Aber die Qualität des Abfahrens spielt hier die größere Rolle. Zusammen mit Kris und Rod gibt David sich große Mühe, an diesem Tag ein Programm zu bieten, das die gesamte Vielfalt des Areals offenbart, das insgesamt 133 Quadratkilometer umfasst und somit so groß ist wie ganz Ingolstadt. Von der 5-Minuten-Abfahrt durch flaches Terrain bis zum 20-minütigen Downhill-Ride über Drops und durch dichte Tannen hindurch ist alles und für jeden etwas dabei. Die Abfahrt durch „South Park“, einen durch einen früheren Waldbrand gezeichneten Restbestand von verbrannten Tannen, ist ein besonderes Erlebnis. Wie die schwarzen, kahlen Äste sich gegen das lebendige Glitzern des frischen Schnees abzeichnen, wirkt dabei schon fast surreal.

Die 15 Zentimeter Neuschnee potenzieren sich bei den Abfahrten schnell und lassen uns zusammen mit dem darunterliegenden, immer noch flockigen Schnee teilweise bis zu den Schultern in weißen Staubwolken auf den etwas steileren Hängen scheinbar versinken, bevor sich die Skispitzen und die Snowboardnase wieder herauswuchten, um zum nächsten Schwung anzusetzen.

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Dass man dieses einmalige Gefühl möglichst lange genießen kann, verdanken die Fahrer dem Know-how ihrer Guides. Bei frischem Neuschnee befahren sie zuerst die Südhänge, solange der „Champagner-Schnee“ noch flockig ist. Nach ein paar Tagen wechseln die Freerider dann auf die Nord- und Osthänge, auf denen der Schnee der Sonne nicht so stark ausgesetzt ist. „Auf diese Weise können wir selbst 14 Tage nach dem letzten Schneefall noch das besondere Tiefschneegefühl bieten, dass es nur in Kanada gibt“, erklärt David stolz.

Hinter den Kulissen

Bei der sechsten Auffahrt ergibt sich durch die immer wieder neu zusammengewürfelte Sitzanordnung die Gelegenheit, von David ein paar spannende Hintergrund-Details zu erfahren. Obwohl er natürlich ein kommerzielles Unternehmen betreibt, liegt ihm viel am Umweltschutz. Nicht nur, dass er für die nächsten zehn Jahre, die er den Berg gepachtet hat, sehr hohe Auflagen erfüllen muss. Da er im Sommer einen eigenen Forstbetrieb führt, liegt ihm zudem sehr am Herzen, dass für das Cat-Skiing keine unnötigen Tannen für die „Lift-Trassen“, also die Bully-Wege, zu roden sind. Auch bei den Abfahrten werden Schonungen außen vor gelassen. Keine menschlichen Spuren sollen durch das Cat-Skiing zurückgelassen werden – bis auf die meist bilderhaft gezogenen Schwünge im Schnee. „Niemand möchte seinen Garten vermüllen“, erklärt später auch der 32-jährige Kris, der den Berg schon seit 1997 als seinen persönlichen „Backyard“ ansieht und auch so behandelt wissen möchte.

Mit 120 Litern Diesel pro Tag für den Pistenbully lägen die Emissionen deutlich unter denen in mit Liftanlagen ausgebauten Skigebieten oder denen beim Heli-Skiing. Das bestätigt auch Rod, der mit seinen 45 Jahren eine eigene Heli-Company in Revelstoke, die „Heli Canada Adventures“, im Sommer betreibt. Warum er dann im Winter Cat-Skiing begleitet und kein Heli-Skiing, will ich wissen. „Ich habe beides gemacht“, sagt er, und sein von vielen Jahren Höhensonne gezeichnetes Gesicht legt sich in kleine Grübchen. „Beim Heli-Skiing sind die einzelnen Runs länger, da man an noch abgelegenere Orte am Berg gelangt. Dafür kostet Cat-Skiing weniger als die Hälfte. Man hat mehr Abfahrten und auch der soziale Aspekt in der Gruppe ist nicht zu verachten.“ Anders als im Helicopter, in dem alle Kopfhörer während des Fluges tragen und ausschließlich mit dem Piloten kommunizieren, nutzen Tom und ich tatsächlich bei jeder Auffahrt die Gelegenheit, uns mit den anderen über die letzte Abfahrt auszutauschen, mehr über die Gegend und die Hintergründe zu erfahren und die Gruppe näher kennenzulernen. Heute sind wir eine reine Männertruppe zwischen Mitte zwanzig und Ende fünfzig. „Wir haben meistens einen deutlichen Männerüberschuss in den Gruppen – egal aus welchen Nationen sie sich zusammensetzen“, resümiert Kris. „Aber in zwei Tagen hat sich eine reine Frauengruppe angemeldet“, verrät er und zeigt dabei ein freudiges Schmunzeln hinter seiner sonst eher kühl-gelassenen Fassade unter der Sonnenbrille.

Aufstrebendes Revelstoke

Dass Tiefschnee-Fans aller Nationen ausgerechnet hierher, in den Südosten von British Columbia, kommen, ist kein Zufall. Mit einem hunderte Millionen Euro teuren Tourismus-projekt sieht sich Revelstoke in den kanadischen Rocky Mountains auf dem Weg zum Skiresort der Superlative. „Drei in eins“ lautet das Motto des „Revelstoke Mountain Resorts“, denn neben den zahlreichen Heli- und Cat-Ski-Angeboten finden Urlauber hier seit Ende 2007 auch ein normales Skigebiet vor, das moderne Anlagen und eine große Vielfalt an Abfahrten bietet. Damit möchte Revelstoke zu den anderen großen drei Resorts Nordamerikas – Aspen, Vail und Whistler – aufschließen.

Uns hat schon allein das Cat-Ski-Abenteuer in den Bann gezogen. Als Tom und ich abends erschöpft und glücklich Snowboard und Skier in die Ecke gestellt haben, sind wir uns einig: Für dieses besondere Erlebnis hat sich der Trip auf jeden Fall gelohnt.<<<

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