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Schlechtwetter-Versicherung

Der Heliski-Veranstalter Northern Escape in British Columbia bietet ein interessantes Back-up an, wenn der Chopper am Boden bleiben muss: CatSkiing ist im Preis schon inbegriffen – das entspannt und macht aus einem Down-Day doch noch einen Fun-Day.

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Von zehn Heli-Reisen sind meist nur zwei oder drei der Trip des Lebens.

Text: Günter Kast, Fotos: Nortern Escape Heliskiing, Sandra Urbaniak

Ach wie herrlich naiv war ich vor meiner ersten Heliski-Reise nach Kanada vor etwa 15 Jahren! Oder liegt diese gar noch länger zurück? Egal. Auf jeden Fall wusste ich damals nicht so recht, was mich erwarten würde, und ließ einfach alles auf mich zukommen. Spannend­ war das. Und unvergesslich. Denn es war genauso, wie ich es mir in meinen Träumen immer ausgemalt hatte: Powder bis zu den Knien, meist schönes Wetter und folglich keinen einzigen der gefürchteten Down-Days, an denen die „Libelle“ wetterbedingt nicht fliegen­ kann. Im Nachhinein und ein Dutzend­ Heli-Trips zu verschiedenen Locations in British Columbia später weiß ich: Ich hatte damals einfach Riesenglück. Bap Koller, der Inhaber von Outdoor Adventures, einem Spezialveranstalter, der mit zahl-reichen Heliski-Lodges in British Columbia zusammenarbeitet, kann das nur bestätigen.­ Von zehn Reisen seien vielleicht zwei oder drei der Trip des Lebens, fünf Touren durchwachsen und der Rest richtig schlecht. Bei Preisen bis 8.000 Euro pro Woche­ ist das keine rundum positive Nachricht,­ sofern man nicht gerade einen Häuserblock in München geerbt hat.

Kanadisch Roulette

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Alternativprogramm: Falls einmal nicht die Sonne vom Himmel strahlt, braucht es einen Plan B. Die Catskiing-Option im Wald kommt da sehr gelegen.

Für Kanadier ist es natürlich einfacher,­ ­die richtig schlechten Wochen zu vermeiden, denn sie können auch mal kurzfristig anreisen und freie Plätze in den Lodges auffüllen, meist sogar mit einem Last-Minute-Rabatt. Für ­Europäer, die langfristig planen und Flüge buchen müssen, ist das ­schwieriger. Da hilft dann nur Daumen drücken, denn „the big dump“, der richtig fette Schnee, kommt mal an Weihnachten, im nächsten Jahr aber erst an Ostern – „Kanadisch Roulette“, wie in den Alpen eben auch. Dennoch gibt es einige Grundregeln in B. C.: Heli-Gebiete in der Nähe des ­Pazifiks haben ein größeres Schlechtwetter-Risiko als Regionen im Landesinneren, denn Wolken und Warmfronten kommen stets vom Meer. Oder umgekehrt: Je mehr Bergketten sich zwischen den Ozean und das Heli-­Gebiet schieben, desto größer sind die Chancen­ auf Powder und Sonne. Da drängt sich natürlich die Frage auf: Warum­ überhaupt eine Lodge nahe am Pazifik wählen? Ganz einfach: Weil die Berge hier am spektakulärsten sind, wilder, schroffer! Hier entstehen die lässigen Skifilme, hier finden die Pro-Rider ihre Spielwiese, weil der Schneedeckenaufbau so nah am Meer in der Regel stabiler ist und steilere Abfahrten zulässt. Ein solches Terrain wollten wir mal wieder erleben. Aber wir hatten gleichzeitig wenig Lust auf Down-Days, auf nicht enden ­wollende Tage, an denen man im Whirlpool sitzt, schon ganz aufgeweicht ist und aus Frust ein Bier nach dem anderen weghaut. Noch schlimmer sind nur Standby-Tage, an denen man stundenlang in voller Ski-Montur auf das „Go“ wartet, nur um dann doch nicht fliegen zu können. Dollars verbrennen, nennen­ Nordamerikaner diese Beschäftigung.­ Wir flogen dennoch herrlich entspannt nach Terrace, einer Kleinstadt rund 800 Kilometer nördlich von Vancouver – und nur 60 Kilometer vom Meer entfernt! Denn ­Northern Escape Heli Skiing, deren Yellow Cedar Lodge wenige Kilometer außerhalb von Terrace in Blickweite des berühmten Skeena River liegt, bietet ein exzellentes Catskiing-Programm als Schlechtwetter-Versicherung an, das zudem im Preis inbegriffen ist. Der große Vorteil: Die beiden Schneeraupen von Bombardier stehen immer bereit, wenn man sie braucht, und sie werden nicht etwa von anderen Catski-Gästen belegt. Und das ­kleine Skigebiet am Shames Mountain, in dessen Nähe die „Katzen“ auf ihren ­Einsatz warten, ist von der Lodge mit dem Van in wenigen­ Minuten zu erreichen. Wer diese „Cat-Land“ genannte Option als „­Heliskiing für Arme“ verspottet, wie es einige ­besonders Wohlhabende tun, muss schon ziemlich hochnäsig sein. Denn „Cat-Land“ ist immerhin 29 Quadratkilometer groß und bietet mehr als 50 Kilometer an Waldab­fahrten mit durchschnittlich 600 Höhenmetern. Klart das Wetter während des Catskiings auf, kommt der Heli vorbei und fliegt die Gruppe direkt eine Etage höher.

Die „Fab Four“ des Heliskiings

Um es gleich vorwegzunehmen: Wir haben die „Katzen“ in unserer Woche kein einziges Mal gebraucht. Ende März fanden wir zwar kaum Pulverschnee, aber an guten Tagen dafür perfekten Firn und steile Runs in alpinem Gelände, weil die Lawinensituation so spät im Jahr schon deutlich entspannt war. Meist waren wir mit Benny Abruzzo unterwegs, einem der vier Eigentümer von Northern Escape, die nicht widersprechen, wenn man sie die „Fab Four“ nennt. Benny, der bereits stramm auf die 60 zugeht, erinnert­ auf den ersten Blick an einen US-Klon von Gunter Sachs: Abenteurer, Playboy, ­Womanizer, Witze-Erzähler. Tatsächlich kann er aber sehr nachdenklich sein. Seine Eltern waren bekannte Heißluftballon-Pioniere in den USA und stellten sogar einige Rekorde auf. Sie starben bei einem Flugzeugabsturz; sein Bruder kehrte von einer Ballonfahrt nicht mehr zurück. Er weiß also, dass man Geld nicht essen und Glück nicht kaufen kann. Außerdem ist er – was er gern betont – seit Jahrzehnten mit derselben Frau verheiratet. Benny hat im Rucksack meistens seinen Snow-Kite dabei. Wenn die Windverhältnisse passen, packt er diesen aus und gleitet hinab zum Heli-Pickup. Abends zieht er sich dann meist in sein Blockhaus an einem nahen See zurück und dreht eine Runde mit dem Kanu. Oder er fliegt gleich hinunter nach New Mexico, um in seinem eigenen Skigebiet bei Santa Fe nach dem Rechten zu sehen. Oder er entschließt sich spontan, mit Freunden bei Chamonix zum Eisklettern zu gehen …

Wenn einer ständig „on the move“ ist, muss ein anderer entsprechend bodenständig sein. Bei Northern Escape ist das John ­Forrest. Nach 30 Jahren in der Heliski-­Branche, unter anderem bei TLH und CMH, ging er 2004 mit Northern Escape selbst an den Start in einem gut 6.000 Quadratkilometer großen Lizenzgebiet in den Skeena Mountains, das von Treeskiing bis zu hohen Bergketten und Gletschern mit gigantischen Bowls alles abdeckt. John wusste aber auch: „Terrace ist eine der Regionen in B. C. mit den größten Schneemengen. Und dieser Schnee kann natürlich nicht vom blauen Himmel fallen.“­ Übersetzt heißt das: Er hat hier mehr Down-Days als andere. Und deshalb kam die Idee mit den „Katzen“ auf. John nahm als Investor Dave Riddle aus Vancouver­ an Bord, den wir ebenfalls kennenlernen. Der Deal zwischen den beiden sieht unter anderem einen Heli-Saison-Pass für Dave vor, was heißt: Wann immer in der Lodge ein Platz frei bleibt, darf er ihn einnehmen. Für die 756 Euro, die bspw. die Snow Card Tirol diesen Winter kostet, gibt’s diesen Pass natürlich noch nicht ganz …

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Blue Bird Day - An einem sonnigen Tag bis zur Hälfte im Power versinken, der Traum jedes Freeride-Fans.

Der Vierte im Bund der „Fab Four“ ist Ted Allsopp. Er ist der Einzige des skiverrückten Quartetts, den wir nicht persönlich treffen. Aber er muss ein ziemlich lockerer Typ sein, denn er lässt uns via John ausrichten: „Heliski ist die lustigste Sache, die man auf diesem Planeten machen kann, ohne sich auszuziehen.“ Sieben Tage, 30.500 Höhenmeter. Geflogen wird bei Northern Escape mit einem Koala des italienischen Herstellers Agusta. Wer bis dato eine Bell 212 oder einen A-Star von Eurocopter gewohnt ist, muss sich da etwas umstellen. Denn der ­Koala gilt zwar als der Lambor­ghini in dieser Gewichtsklasse, weil er extrem PS-stark und dadurch schnell ist und so die Kleingruppen (à sechs Gäste) die Runs sehr schnell erreichen. Dafür macht er einen Höllenlärm, stinkt und ­vibriert stark. Northern Escape ist eine gute Wahl für all diejenigen, die es eilig haben. Das fängt schon bei der Anreise an. Denn die Lodge ist nur 25 Autominuten vom Flughafen Terrace entfernt. Wer aus Deutschland via Vancouver einschwebt, erreicht die Yellow Cedar Lodge noch am selben Abend und steht am nächsten Morgen um zehn Uhr auf den Ski. Besonders für Menschen, die mehr Geld als Zeit haben, ist das ein wichtiger­ Punkt. Wir waren mit einem deutschen Private-Equity-Manager unterwegs, der sich gerade mal für vier Tage von Job und Familie loseisen konnte. Eine sechs­stündige Fahrt vom Flughafen zur Lodge wie bei den „Nachbarn“ und Konkurrenten Skeena Heliskiing und Last Frontier wäre für ihn nicht infrage gekommen. Natürlich kann man es hier auch entspannter­ angehen lassen. Denn im Gegensatz zu anderen Lodges stehen den Gästen sieben volle Tage zur Verfügung, um ihr 100.000-Höhenfuß-Paket (etwa 30.500 inkludierte Höhenmeter) abzufahren.­ Wer keine Lust auf durchwachsenes Wetter, mäßigen­ Schnee oder die „Katze“ hat, bleibt dann einfach mal in der Lodge und liest ein Buch. Oder legt sich in den Whirlpool mit schönem Blick zum Skeena. Da kann es durchaus passieren, dass Simone den Drink an den Hot Tub bringt. Dann sollte man nicht erschrecken, wenn man plötzlich auf Deutsch angesprochen wird, denn die junge Frau stammt aus dem Allgäu­ und managt die Lodge für ihren Vater.­ Apropos Lodge: John hat seit Längerem Pläne für eine neue Herberge in der Schublade, die er uns auch zeigt. Auf einem schönen Seegrundstück am Kalum Lake, etwa 20 ­Kilometer entfernt, möchte er eine exclusive Fly-in-Lodge für nicht mehr als 15 Gäste bauen lassen. Sein Wunsch­datum für die Eröffnung: 2018. Doch damit daraus etwas wird, müssen die anderen drei der „Fab Four“ noch sechs Millionen kanadische Dollar lockermachen. Bis dahin fahren die Gäste von Northern Escape mit der Yellow Cedar Lodge ja auch nicht schlecht. Vor allem die überdachte und mit Strahlern beheizte, aber sonst offene Bar auf der Wiese vor der Lodge ist ein perfekter Ort, um am Abschlussabend heftig zu feiern. Weil es in unserem Fall der allerletzte Tag der Saison ist, gibt es ein großes Fest für Gäste und Mitarbeiter – mit Kostümzwang und Karaoke. Und so kommt es, dass sich unser Pilot, dessen Namen wir jetzt lieber außen vor lassen, in einem pinkfarbenen Hasenkostüm als Johnny Cash versucht und lauthals „A Boy Named Sue“ ins Mikro grölt. Ob am nächsten Morgen noch jemand mit ihm geflogen wäre? Wir werden es nie erfahren!

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2017

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