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Utah: Silberrausch und Goldschnee

Mit dem Ende des Silberrauschs in Utah drohte Park City zur Geisterstadt zu werden. Dann kam der Skisport – und hat den Ort gerettet, die Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City machten ihn weltweit bekannt. Heute ist das Städtchen zusammen mit seinen Nachbarn Deer Valley und Canyons einer der großen Stars am amerikanischen Skihimmel

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Das „Talisker on Main“ gilt als bestes Restaurant der Stadt.

Text Brigita Krieger Fotos Bernhard Krieger

Vor gut 100 Jahren war Park City noch ein verruchtes Silberminennest im Wilden Westen. Minenarbeiter und Cowboys soffen in unzähligen Saloons Whiskey in Strömen. Den Rest ihres Lohns brachten sie in den vielen Bordellen mit Freudenmädchen durch. Fast täglich gab es Prügeleien und so manche endete mit einer wüsten Schießerei. 1868 hatte die merikanische Armee in den Wasatch Mountains Silber gefunden. Die Kunde verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

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Kurze Aufstiege eröffnen tolle Gelände-Abfahrten.

Arbeitssuchende, Glücksritter und Abenteurer pilgerten nach Park City und machten das einstige Kaff zur Boomtown. Um 1900 lebten 4.000 Einwohner im Tal, sechs Silberminen durchlöcherten die Berge mit kilometerlangen Stollen. Als das Silber aber zur Neige und der Preis des Edelmetalls in den Keller ging, schloss eine Mine nach der anderen. Nach dem zweiten Weltkrieg drohte Park City zu einer Geisterstadt zu verkommen.

Nur der Skisport rettete das Städtchen östlich von Salt Lake City vor dem drohenden Exitus. 1963 wurde der Grundstein für eines der besten Skigebiete Nordamerikas gelegt. Vor rund 50 Jahren eröffnete das heutige Park City Mountain Resort – und gleich im ersten Jahr kamen 50.000 Skifahrer. Ein Riesenerfolg. Das Tagesticket kostete 3,50 Dollar, und dafür gab es anfangs noch eine Geisterbahnfahrt kostenlos dazu. Die ersten Skifahrer in Park City wurden noch unterirdisch durch den kalten und dunklen Silver King Minentunnel in einem alten Förderzug hinauf auf den Berg gebracht.

Dieser wird natürlich längst nicht mehr benutzt. Heute erschließen moderne Lifte und ein paar charmante Museumsstücke aus der Pionierzeit das Skigebiet von Park City, das die Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City auf die internationale Skikarte brachte. Park City und sein Nachbar-Resort Deer Valley wurden zum alpinen Herz der Spiele. Fast alle alpinen Rennen fand unter dem 3.047 Meter hohen Jupiter Peak statt.

Silberne Geschichte

Mehr noch als seine olympische Vergangenheit prägt Park City seine Geschichte. Überall im Skigebiet stehen noch alte Fördertürme und Minengebäude. „Unsere Silberminengeschichte ist allgegenwärtig“, sagt Pamela Graves-Longley. „Nicht nur im Skigebiet, auch auf der Main Street“, betont die Managerin des neuen Boutique-Designhotels The Sky Lodge an der Main Street. Park City ist keines dieser künstlichen Skiressorts in den USA, die mit pseudoalpiner Architektur die Sehnsucht der Amerikaner nach Schweizer Bergromantik stillen. Die Main Street des Ortes ist immerhin weit mehr als 100 Jahre alt. Auch wenn Europäer angesichts ihrer Jahrtausende zurückreichenden Geschichtsbücher dies belächeln mögen – für die Amerikaner ist die Main Street historisch. Alte Backsteingebäude und in Pastelltönen gestrichene Holzhäuser mit Cafés, Saloons, Restaurants und Galerien reihen sich aneinander. Gut 100 Jahre nach dem Silberboom lässt seit Olympia 2002 der Ski-Boom Park City aufblühen. 8.000 Menschen leben ständig im Ort, 25.000 Menschen in einem Umkreis von 16 Kilometern. Anders als viele Skiorte, ist Park City auch im warmen, trockenen Sommer lebendig und für Wanderer, Mountainbiker und Golfer ein Topziel.

„Viele kamen wegen unseres Winters und blieben dann wegen unseres Sommers“, erzählt Jaclyn Buckingham von Park City Lodging-Agentur, die außergewöhnliche Ferien-wohnungen und Häuser anbietet. So verlockend der Sommer sein mag, uns interessiert erstmal Park Citys Skiwinter. Und den kennt George Baker wie kaum ein anderer. Der pensionierte Pilot ist vor allem wegen des Schnees nach Utah gekommen. Im Legacy Café in der ehemaligen Olympia-Arena des Skigebiets holt er uns zur Erkundungstour ab. „Wir haben hier alles: Von sanften Familienabfahrten bis hin zu abenteuerlichen Herausforderungen“, verspricht George.

Schon auf der ersten Fahrt im Payday-Sessellift wird uns klar, was Skifahren in Nordamerika so anders macht. Hier schlängeln sich nicht nur ein paar schmale Pisten den Hang hinunter – hier ist der ganze Berg eine riesige Spielwiese.

Sicher gibt es auch bestens präparierte Abfahrten, der Spaß beginnt aber erst so richtig, wenn man sie verlässt. Park City gibt nicht nur die Anzahl der Pisten oder die Pistenkilometer an, sondern auch die befahrbare Fläche. Und die ist für Amerikaner entscheidend. Denn innerhalb der Skigebietsgrenze darf man überall ins Gelände. Alles ist von der Ski Patrol Lawinen-überwacht.

Im Sommer lichten die Ski Patroler in Absprache mit den Rangern des National Forrest sogar die Waldstücke, damit Skifahrer sie im Winter besser befahren können.

Die Schwünge in den in Park City bis über 3.000 Meter hoch reichenden Wäldern sind gerade für Europäer ein unvergessliches Erlebnis. „Treeskiing nennen wir das Fahren durch die Wälder“, sagt George.

Ideales Schneeklima

In den Waldstücken ist der Schnee noch besser als sowieso schon. Spielend leicht drehen die Ski in dem Powder, für den Utah so berühmt ist. Nicht umsonst steht auf den Autokennzeichen in Utah: „Greatest Snow on Earth“. Was vermessen klingt, ist basiswissenschaftlich belegt. Nirgends auf der Welt ist der Pulverschnee schöner als in dem amerikanischen Wüstenstaat. Nicht einmal ein Schneeball lässt sich aus dem Powder pressen. Auch bei dichtem Schneetreiben braucht man beim Autofahren keinen Scheibenwischer. „Utah hat das ideale Schneeklima“, erklärt Brian McInerney vom Nationalen Wetterdienst. „Die Höhe und die Ausrichtung der Wasatch-Mountains sind ideale Barrieren für die Schneewolken.“ Das Klima im Norden Utahs sei besonders trocken. Das mache den Schnee pulvriger. Für die ausreichende Menge sorgten die auch im Winter nie zufrierenden Seen. Der Great Salt Lake und der Utah Lake liefern im letzten Moment Feuchtigkeitsnachschub. Einige Skigebiete in Colorado mögen noch trockeneren Schnee, andere in Kalifornien noch mehr Schnee haben – Utah aber hat die beste Kombination! Und das kann Ski-Guide Bill mit jeder Abfahrt beweisen: Seine Lieblingspisten sind die Double Black Diamond-Abfahrten vom über 3.000 Meter hohen Jupiter-Gipfel, der nur über einen uralten Zweiersessellift erreichbar ist. Als Double Black Diamonds bezeichnen die Amerikaner die schwierigsten, meist unpräparierten Geländeabfahrten. Einige sind nur mit einem kurzen Aufstieg erreichbar.

Bequemer erreichbar, aber nicht weniger steil, sind die Wald- und Geländeabfahrten in der McConkey’s Bowl. Park City hat dem 2009 tödlich verunglückten Extremskifahrer aus Vancouver eine ganze Talschüssel gewidmet. Seine Mutter Glenn lebt in Park City. Man trifft die frühere Rennläuferin immer wieder mal auf den Pisten.

Unterhalb der McConkey’s-Bowl treffen sich die Locals auf ein Bier in der Mid-Mountain-Lodge. Abends werden Touristen mit einem Schlitten hier hinauf zum romantischen Dinner in die Viking Yurt gebracht. Während der Olympischen Spiele 2002 schaute hier oben auch schon der norwegische König vorbei.

Vom Berg in die Canyons

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Gekrönte Häupter lassen sich in Park City ansonsten aber selten blicken. Hollywoodstars und Filmsternchen geben sich dagegen jährlich im Januar bei Robert Redfords Sundance Festival die Klinke in die Hand. Das Festival ist nicht nur ein Highlight für Filmfans, sondern auch für Skifahrer. Wenn fast alle durch Inn-Restaurants und Kneipen auf der Main Street ziehen, um Redford und die übrigen Stars zu sehen, sind die Pisten wie ausgestorben.

Voll ist das Skigebiet von Park City aber ohnehin fast nie. Dafür ist es zu groß. Und außerdem gibt es rund um Salt Lake City ja noch neun weitere Resorts, die alle nur knapp eine Stunde vom Flughafen entfernt sind. Keine andere Ski-Destination in Nordamerika bietet so viel Auswahl auf engstem Raum. Amerikaner steigen früh morgens irgendwo in den USA ins Flugzeug und wedeln mittags schon in Utah die Pisten hinab. Park City tauscht gar den Boarding-Pass gegen einen kostenlosen Tages-skipass für den Ankunftstag ein. Wer Park City schließlich nach ein paar Tagen erkundet hat, der wechselt für einen Tag ins noble Deer Valley gleich nebenan und danach in das Skigebiet The Canyons. Nur gut zehn Minuten dauert die Fahrt in Utahs neuestes und größtes Skigebiet. Am Fuße des Berges überbieten sich die Luxushotelgruppen mit neuen Nobelhäusern. Zu den schönsten zählt das Waldorf Astoria. 21 Lifte erschließen einen gigantischen Skiberg. Diesen müssen sich die Wintersportler allerdings mit einem Dutzend Elchen teilen. Die mächtigen Tieren lassen sich von dem neuen Trubel nicht beeindrucken und blockieren schon mal Pisten. „Deshalb hat die Bergwacht extra eine Elch-Patrol eingeführt“, erzählt unser Guide Art Brothers. Von ihrer Hütte auf dem 3.045 Meter hohen Ninety-Nine 90-Gipfel überwachen die Ski und Elch-Patroler eine Skiarena der Superlative, in dem man auch nach einer Woche immer noch Neues entdeckt. Die Rückseite des Berges ist ein Paradies für Freerider, die aber niemals ohne ortskundige Führer aufbrechen sollten. Totenkopfschilder mit „You can die!“-Aufschriften mahnen unmissverständlich vor der Lebensgefahr. Mit Bergführern oder auf den direkt aus dem Skigebiet startenden Heliski-Touren der Wasatch Powder Guides ist das Off-Piste-Abenteuer in Utah jedoch sicher.

Am Nachmittag treffen sich dann Genussskifahrer und Freerider zum gemeinsamen Après-Ski am Canyons Ski Beach. Vor dem erstklassigen The Farm-Restaurant hat das Resort sogar Baywatch-Stühle aufgebaut. Vor dem Ertrinken muss dort niemand bewahrt werden, allenfalls vor einem Drink zu viel. Allen Klischees zum Trotz wird im Mormomenstaat nämlich ganz gern getrunken. Europäer müssen in Utah nicht auf einen feuchtfröhlichen Après-Ski verzichten, auch wenn aus den Boxen statt Hüttenhits Country- oder Jazz-Songs erklingen.

Abends wird Park City zur Party City. Nach einem Dinner im Talisker On Main – dem besten Restaurant im Tal – oder im ebenfalls sehr guten Restaurant Easy der Sky Lodge an der Main Street geht es zum Feiern in den No Name Saloon. Dieser sieht aus wie eine Western-Filmkulisse. Niemand würde sich wundern, wenn John Wayne im Sheriffkostüm hereinkäme, seinen Colt zücken und einen Banditen am Tresen niederstrecken würde. Ganz wie in alten Zeiten. <<<

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Stärkung am Pistenrand

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