Osttirol: Auf Skitour mit Legenden

Wilde Bergregionen wie Osttirol ziehen Extremalpinisten geradezu magnetisch an. ­Deshalb gestalten Steve House, Peter Habeler und Reinhold Messner den ­Skitouren-Winter gemeinsam mit den Kalser Bergführern in einer alpinen Welt, deren Ursprünglichkeit ihresgleichen sucht

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Die ersten Sonnenstrahlen des Tages begleiten die Skitour-Gruppe auf dem Weg Richtung Großglockner.
© Monika Neiheisser

Text: Monika Neiheisser

Unsere Viererseilschaft kämpft mit Böen von 100 Stundenkilo­metern und gefühlten minus 45 Grad. Der 3.798 Meter hohe Gipfel ist zum Greifen nahe, doch der Wind in der Glocknerscharte nimmt mir fast den Atem, will mich aus der Bahn werfen. Die Kälte schneidet weiße Flecken ins Gesicht eines anderen Teilnehmers – Vorzeichen von Erfrierungen. Bergführer Peter Bauernfeind veranlasst den Abstieg und beugt sich damit am Großglockner, dem Dach Österreichs, dem gleichen Gesetz, das auf den höchsten Gipfeln der Erde gilt: Respektiere die Natur und den Berg und erkenne den richtigen Moment für den Abstieg. Bergsteigerlegende Reinhold Messner gibt diese Botschaft den jüngeren Generationen mit auf den Weg. So auch während seines Vortrags beim Austria Skitouren­festival in Lienz, das die Saison mit ersten Touren im Schnee, Safety Camp, Fachvorträgen und Materialneuheiten Mitte Dezember eröffnet.

Vielfältig, spannend

Messner zieht es seit jeher immer wieder nach Osttirol. In kaum einer anderen Alpenregion geht es so sehr um das intensive Naturerlebnis wie hier. Die ursprüngliche Hochgebirgslandschaft mit 1.500 Quadratkilometern, 266 Dreitausendern und einer schier unerschöpflichen Vielfalt an Skitourenmöglichkeiten macht das Areal zwischen Hohe Tauern und ­Lienzer Dolomiten so unwiderstehlich. Dieser Anziehungskraft kann sich auch Extrembergsteiger Steve House nicht entziehen. Während ­eines Auslandsjahrs in Europa, das er hauptsächlich in Slowenien verbringt, lernt der Amerikaner 1989 diese Region kennen und sammelt in den Osttiroler Bergen erste Hochgebirgserfahrungen. Während seiner ersten mehrtägigen Skitour überschreitet er die Hochschober-Gruppe, die ihm besonders im Gedächtnis bleibt.

Ein Jahr später steht er mit einem slowenischen Expeditionsteam am Nanga Parbat, dem einzigen Achttausender des Westhimalaya. Was er dort sieht, schockiert ihn und ­beeinflusst sein weiteres Bergsteigerleben nachhaltig. Teilnehmer lassen Haken und Seile am Berg zurück, überall liegt Müll, und er muss schwere ­Ruck­säcke von einem Basecamp ins andere schleppen. Den Gipfel bestiegen die anderen. Das ist der Moment, in dem sich Steve für den puristischen, alpinistischen Kletterstil entscheidet. Er nimmt nur mit, was er am Körper tragen kann, und behandelt den Berg wie einen Partner, den er respektiert.

In den nächsten Jahren folgen weltweite Erstbesteigungen im Winter, bis er 2005 sein größtes Ziel erreicht und damit eine Wegmarke im Alpinismus setzt: die Bezwingung des Nanga ­Parbat über die Rupalwand im risikoreichen Alpinstil. Dieses Mal steht er am Gipfel, zwei Wochen schneller als jede andere Expedition – ohne Haken und Seile zu hinterlassen. Und der stille Mann aus Oregon wird von Reinhold Messner als „wohl weltbester Höhen­bergsteiger seiner Zeit“ geadelt. Steve liebt diesen Purismus, den er in Osttirol wie in keiner anderen Region der Alpen findet, und erwählt das Gebiet zu seiner zweiten Heimat – auch der Liebe wegen, denn seine Frau Eva, eine Österreicherin, hat sich ebenfalls in diese Region verguckt. Ein Pendlerleben beginnt. Steve arbeitet als Bergführer, sowohl in den USA als auch in Österreich. Dort dringt er tief in die Geheimnisse der unverfälschten Bergwelt und seiner Menschen ein, immer auf der Suche nach dem Besonderen für seine Gäste, die häufig aus seinem Geburtsland kommen. So ging er in den vergangenen fünf Wintern gemeinsam mit Kalser Bergführern – vom Berg- und Skiführerverein mit Sitz im Ort Kals am Großglockner – auf Schatzsuche und fand eine bisher nie erlebte, faszinierende Vielfalt an Tourenmöglichkeiten mit ebenso genussvollen wie spektakulären Abfahrtsvarianten in wildromantischer Landschaft. Seine Schätze präsentiert er in seinem neuen Booklet „House Touren Booklet“. Zehn Traumrouten im Nationalpark Region Hohe Tauern, dem Defereggental, den Lienzer Dolomiten, dem Hochpustertal mit seinem Nebental, dem Villgratental, laden zum Nacheifern ein.

Juwel Villgratental

Ein Juwel in seiner Schatzkiste ist das Villgratental in den Hohe Tauern. Dort haben sich die Bewohner schon vor über 30 Jahren für natur­nahen Tourismus entschieden und belassen sowohl ihren Talgrund als auch Hochalmen und Höfe in ihrer Ursprünglichkeit. Das Motto: Erhalten und Tradition bewahren. Trotz bester Schneelage und gigantischer Bergriesen ist es heute das einzige Tal Österreichs ohne Skizirkus – dafür mit einem einzig­artigen Naturschauspiel.

Eine Kostprobe gibt uns die Tour zur Pürglerskunke auf 2.500 Metern, auf die uns Steve und Bergführer Hannes Grüner mitnehmen. Doch weit kommen wir erst einmal nicht. Nur wenige Minuten von unserem Ausgangsort Kalkstein entfernt, erreichen wir die Almensiedlung Alfenalm, die uns in ihren Bann zieht. Acht massive Hütten stehen noch heute so eng beieinander, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts eingebettet in die Villgrater Berge gebaut wurden. ­Regisseur Jo Baier wählte diese Siedlung als Haupt-drehort für seinen historischen Film „Schwaben­kinder“. Sie entsprach seinen Vorstellungen von Natürlichkeit und Bodenständigkeit eines traditionellen Bergdorfs, in dem der harte Überlebenskampf im 19. Jahrhundert, besonders im schneereichen Winter, authentisch dargestellt werden konnte. Wir schauen beeindruckt auf die Villgrater Berge und steigen stetig bergan. Steves Blick richtet sich indes auf unseren Laufstil. „Gleichmäßig die Ski vorwärtsschieben, das Bein dabei nicht zu sehr anheben“, ruft er uns zu. Diese Art der Bewegung, die er Skinning nennt, soll kraftsparend sein. So geht es im meditativen ­Rhythmus durch die weiße Pracht hinauf ins Marchental.

Unsere Spur zieht sich zunächst durch frisch verschneiten Nadelwald, bis wir über mehrere Kehren die Baumgrenze überschreiten und der Blick über kupiertes Gelände frei wird. Hier gleiten wir durch die pittoreske, vom Nationalpark geschützte Almenlandschaft, in der Regisseure bekannter Heimatfilme wie „Heidi“ und „Gewitter im Mai“ ebenso wie die Werbefachleute von Milka das Sinnbild für die heile Bergwelt fanden. Holzlagerhäuschen und kleine Hütten kleben in Schieflage wie Adlerhorste am Rande der geschwungenen Hänge. Eine von der Sonne erwärmte Holzwand eines ehemaligen Zollhäuschens bietet perfekten Schutz für eine Pause vor dem steilen Aufstieg auf den 2.500 Meter hohen Gipfel nahe der italienischen Grenze.

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An der Erzherzog-Johann-Hütte werden Ski gegen Steigeisen ­getauscht. Dann sind Trittsicherheit und Schwindelfreiheit bis zum Gipfel gefragt.
© Monika Neiheisser

Atemberaubendes Panorama

Das ist es, was Steve und uns gleichermaßen fasziniert: „Du fängst deine Tour im Tal an und steigst bis zum Gipfel in wilder, ursprünglicher Landschaft auf. Das gibt es nur noch selten.“ Bevor wir die Felle abziehen, genießen wir das 360-Grad-Panorama, das sich von den Sextener Dolomiten mit den Drei Zinnen, dem Toblacher Pfannhorn und über weiteren Skitourenzielen, Gaishörndl und Rotes Kinkele, erstreckt. Dann wedeln wir knapp 900 Höhenmeter ins Tal. Erst durch felsendurchsetztes Gelände, später über sanfte Hänge mit feinstem Pulver. Auch wenn diese Genusstour die kürzeste im Villgratental ist, bietet sie eine geniale Alternative zum geplanten Aufstieg „Rotes ­Kinkele“, der aufgrund der zu geringen Schneeaufkommens nicht möglich war. Deshalb gibt es für Steve nicht die Lieblingstour. Es gilt vielmehr, die schönste Route für die jeweiligen Schnee- und Wetterverhältnisse zu finden, die zudem zur Kondition und den technischen Kenntnissen der Teilnehmer am Berg passen muss. Erfahrene Bergführer wissen dies am besten einzuschätzen.

Diese Möglichkeit bietet sich in der Gruppe während der Skitourenwoche „Ruhige Spur in die Natur“ gegen Ende der Saison mit den Kalser Bergführern. Ihren krönenden Abschluss bildet eine zweitägige Tour auf den König der österreichischen Berge, den Großglockner. Dort sammelte Steve mit 19 Jahren seine ersten Gletschererfahrungen. Peter Habeler, der einst mit Reinhold Messner die Erst­besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoff meisterte, führt im Alter von 72 Jahren noch immer mit Freude Gäste auf den majestätischen Gipfel. Er gehört mit seinem interessierten Geist, seinem Witz und seinem ruhigen Gemüt zur Skitourenwoche wie das Eis zum Pickel und freut sich über das alljährliche Treffen mit den Kalser Bergführern, seinen Freunden. Nach einem moderaten Aufstieg auf die Stüdl-Hütte auf 2.802 Metern beginnt die Gipfel-Tour mit einem gemüt­lichen Hüttenabend.

Um 4.30 Uhr los zum Gipfel

Peter Habeler stimmt uns mit einem lebendigen Vortrag auf den nächsten Tag ein, Abenteuererlebnisse werden ausgetauscht, um die Hütte pfeift der Wind. Doch bereits um 4.30 Uhr rascheln am nächsten Morgen die ersten Plastiktüten in den Rucksäcken, und die grellen Strahlen der Stirnlampen beenden die Nachtruhe auch für diejenigen, die nicht als Erste auf dem Gipfel stehen wollen. Fünf Gruppen mit je einem Bergführer gehen zeitversetzt los. Nach dem Zwiebelprinzip gekleidet, teilweise das Multifunktionstuch über Mund und Nase gespannt, schiebt sich unser Vierergrüppchen in der Spur, die die erste Gruppe gelegt hat, vorwärts. Erste Sonnenstrahlen lassen die weiße Landschaft in einem goldenen Teppich erstrahlen, doch zum Wärmen fehlt ihr noch die Kraft. Der Wind wirbelt den Schnee durch die Luft und lässt die vordere Gruppe im Nirgendwo verschwinden. Im Zickzack winden wir uns Kehre um Kehre mit der zweiten Stufe der Aufstiegshilfe am Ski steil bergauf. Die Spitzkehren kosten Kraft, der Anstieg ist so steil, dass wir jeden Schritt kräftig in den Schnee schlagen müssen, um ein Abrutschen zu vermeiden. Wie eine Pyramide thront der Gipfel in der Landschaft, dessen Anblick uns permanent begleitet. Nach zweieinhalb Stunden Aufstieg erreichen wir die Erzherzog-Johann-Hütte auf 3.453 Metern, Österreichs höchstgelegene Schutzhütte.

Der Panoramablick ist umwerfend, doch den zu genießen ist jetzt keine Zeit. Bei Lawinenwarnstufe drei müssen wir zügig auf den Gipfel – und bevor sich der Schnee zu sehr erwärmt hat, wieder im Tal sein. Also stecken wir die Ski in den Schnee und schnallen die Steigeisen an die Skistiefel. Von nun an ist Schwindelfreiheit und Trittsicherheit gefragt. Eine gesicherte, vereiste Kletterpartie der Stufe zwei ist die Einladung zum Gipfelsturm. Doch genau dieser macht uns von nun an zu schaffen und zwingt uns am Kleinglockner zur ­Umkehr.

So endet meine Erstbegehung genau an der Stelle, an der vor 230 Jahren der erste Versuch der Besteigung des Königsbergs gescheitert ist. Beim Abstieg nehme ich mir an der Erzherzog-Johann-Hütte Zeit, den gigantischen Panoramablick auf die unzähligen Gipfel zu genießen und tief ins Herz einzusaugen, während Bergführer ­Peter in sein gefrorenes Käsebrot beißt. Die 1.500 Meter lange Abfahrt ist ein Traum, den jeder Skitourengeher einmal verwirklichen sollte. Pulver, Firn und Harsch: Es ist eine Reise durch alle Schneesorten. Wie allen gescheiterten Erstbegehungen großer Gipfel wird auch diesem ein zweiter Versuch meinerseits folgen – natürlich bei den nächsten Skitourentagen.

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Wer in den Hohen Tauern unterwegs ist, dem liegen die Dreitausender zu Füßen.
© Monika Neiheisser

Info Osttirol

Die Region Osttirol umfasst den Nationalpark Region Hohe Tauern mit dem Großglockner und Großvenediger, das Defereggental, die Lienzer Dolomiten und das Hochpustertal. Durch seine Naturbelassenheit und Ursprünglichkeit ist die Region ein Eldorado für Skitourengeher. In 1.500 Quadratkilo-metern weitestgehend unberührter Natur sind die Tourenmöglichkeiten beinahe unerschöpflich. Zusätzlich verteilen sich 150 Pistenkilometer in sieben Skigebieten, daneben locken 400 Kilometer Langlaufloipe.

Während der gesamten Saison bieten die staatl. geprüften Kalser Bergführer eine Vielzahl an Skitouren-Veranstaltungen an.

Austria Skitourenfestival: Mitte Dezember mit Skitouren, Safety Camp, Fachvorträgen und Vorstellung neuester Ausrüstung, Festival-Pass 25 Euro/­Person. www.dolomitensport.at/skitourenfestival/

Skitouren-Einsteiger-Tage Anfang Januar: „Erste Spur in die Natur“, 4 Tage Führung durch Berg- und Skiführer, Abendessen, Tagesskikarte, Vorträge, 330 Euro/Person.

Skitourenwoche Mitte März: „Ruhige Spur in die Natur“ mit Königstour auf den Großglockner, 7 Tage Übernachtung mit Frühstück, 5 geführte Skitouren, Vor­träge, ab 703 Euro/Person. Nur Königstour ab 280 Euro/Person. www.berg-osttirol.at

Wöchentlich geführte Skitouren: Dienstag, Mittwoch, Freitag, 75 Euro/Person. www.berg-osttirol.at

Private geführte Skitour: 300 Euro/Tag und Tour. www.berg-osttirol.at

Geführte Wochenend-Skitouren: inkl. Unterkunft ab 255 Euro/Person. www.berg-osttirol.at

Skitourenfibel „House Touren ­Booklet“: Beschreibung von zehn aus-gewählten Skitouren in ganz Osttirol von Steve House und den Kalser Bergführern. Jede Beschreibung mit Angabe der Aufstiegs-Höhenmeter, Hangrichtung, Dauer, Schwierigkeitsgrad. Kostenlos bei Tourismusinformation Osttirol. www.osttirol.com

Wohnen

Vier-Sterne-Vitalhotel am Großglockner mit Outdoor-Wellnessbereich in famili­ärem Ambiente. Verwöhnpension ab 101 Euro/Person. www.taurerwirt.at

Natürlich wohnen auf der Almhütte Alfenalm im Villgratental, ideale Lage für Skitouren im Villgratental. Vier-Zimmer-Hütte bis 12 Personen, 35 Euro/Person. www.alfenalm.at

Skifahren

Osttirol verfügt über 7 Skigebiete mit insgesamt 150 Pistenkilometern. Shihit-Skipass für alle Skigebiete in Osttirol 44 Euro/Tag. www.osttirol.com

Infos zur Region: Tourismusverband Osttirol. www.osttirol.com

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2016

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