Serfaus: Pulvriges Paradoxon*

Familien und Freerider sind zwei Spezies von Wintersportlern, die sich üblicherweise aus dem Weg gehen. Wo die Geländefahrer Einsamkeit und unberührten Tiefschnee suchen, bevorzugen fürsorgliche Eltern großzügige, bestens präparierte Pisten, auf denen sie die gemeinsame Zeit mit ihren Kindern auskosten können. Im Tiroler Skigebiet von Serfaus liegen die Dinge anders: Dort können Freerider gerade deshalb so schön im Powder schwelgen, weil es vor Familien nur so wimmelt

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Text Tim Tolsdorff Bild TVB Serfaus-Fiss-Ladis, Tim Tolsdorff

Die Krisensitzung steigt in der Küche einer Innsbrucker Studenten-WG, auf dem Ikea-Tisch vermehren sich leere Bierdosen wie Lemminge. Das Thema der hitzigen Diskussion flackert unter Gelände-Freaks nach jedem Schneefall auf: Wohin soll es am nächsten Tag gehen? Wo finden sich noch möglichst unberührte Hänge? Die Lage ist verfahren, besser noch: zerfahren. Einen Tag zu spät sind mein Bruder Sven und ich aus dem Flachland in die Berge gehetzt, 24 Stunden liegen die ausgiebigen Schneefälle bereits zurück. Stunden, in denen Heerscharen von Geländefreaks, ansässig in Innsbruck und Umgebung, Vorlesungen ausfielen ließen oder Jobs schwänzten, um jungfräuliche Hänge zu deflorieren.

Gastgeber Philipp macht sich keine Illusionen über die Lage. „Vergesst die Nordkette“, sagt er. Dort sei es am Morgen beim Kampf um die Plätze in der

ersten Gondel fast zu Schlägereien gekommen. Um das Gelände am Stubaier Gletscher und auf der Schlick 2000 hätten sich zeitnah die Wochentouristen aus Neustift und Fulpmes gekümmert, ähnlich sehe es auf der Axamer Lizum aus. Resignation, Stille. Es zischt, dann knackt es metallisch. Weitere Dosen „Schwechater“ werden geöffnet, das Bier gurgelt durch die Kehlen – und die Gedanken werden frei.

„Serfaus!“ Ich rufe den Gedanken laut aus und ernte ungläubige Blicke. Dann prasseln die Gegenargumente auf mich ein wie ein Hagelsturm auf den Eiger. Zu weit sei das Gebiet entfernt, beliebt vor allem bei Pistenrutschern. Außerdem begebe man sich auf einen überfüllten Tummelplatz für Familien mit kleinen Kindern. Als Beweis klickt Philipp die Website an: Auf dem Bildschirm toben Kinder im Schnee, und der Tourismusverband verweist stolz auf die Auszeichnung als das „Top-Familienskigebiet im Alpenraum mit einzigartigem Kinderangebot“. Man wirbt mit einer Kinderkrippe und der „Kinderschneealm“ für diejenigen Kids, die den Windeln ent- und in die Skischuhe hineingewachsen sind. Hinauf befördert wird die Kinderschar von einer eigenen Gondelbahn. Selbst einen Motorschlittenparcours für Kinder haben die Verantwortlichen angelegt.

Kinderflut und Freeride-Paradies

Ich gebe mich nicht geschlagen. Was nur die Wenigsten wissen: Gerade die Kinderflut macht die Hänge über den drei Dörfern, die sich auf einer Sonnenterrasse über dem oberen Inntal verstecken, zu einem Freeride-Paradies. Noch Tage nach dem letzten Schneefall, wenn sich auf den legendären Variantenbergen am Arlberg bereits beachtliche Buckelpisten angehäuft haben, finden sich hier noch unverspurte Hänge. „Nach Serfaus zum Freeriden zu gehen ist so ähnlich wie antizyklisch zu studieren“, erkläre ich. Erfolg werde der ernten, der eine aktuell unpopuläre Entscheidung trifft. Und populär sei das Skigebiet eben bei den Pistenfahrern, nicht aber bei den Freeridern. Das zieht, und auch die Logistikzweifel sind schnell beseitigt – schließlich ist man über die Inntal-Autobahn innerhalb einer Stunde am Berg. Mit der letzten Dose Schwechater begießen wir die Entscheidung für einen Tagestrip nach Serfaus.

Am nächsten Morgen sitzen wir pünktlich in einer der ersten Kabinen auf den 2.596 Meter hohen Zwölferkopf. Während der Bergfahrt taxieren wir das Gelände unter uns und frohlocken. Die weitläufigen, sanft kupierten Hänge oberhalb der Schöngamp-alm erweisen sich für Geländeliebha-ber als idealer Startpunkt für einen pulvrigen Tag, geschützt vor zu hoher Lawinengefahr. Selbst in den denkwürdigen Tagen nach Karneval 2009, als meterweise Schnee gefallen war und die Liftboys mit ehrfürchtigen Blicken die weißen Massen von ihren Häuschen räumten, machten die mäßige Steilheit und der lichte Baumbestand unbeschwerten Pulvergenuss möglich.

Auf dem Gipfel scheint die Sonne, das kühle Licht bricht sich in den Wolken unseres Atems. Von hier, ganz im Osten des Skigebiets von Fiss, blicken wir bis hinüber ins Inntal. Direkt unter der Gondel zieht sich die „Adlerpiste“ über mehr als 700 Höhenmeter zu Tal. Nach Schneefällen verwandelt sich die Abfahrt schnell in eine übervölkerte Buckelpiste, gespickt mit glatten Stolperfallen aus Kunstschnee oder Eisplatten. Doch nun schwingen wir über bestens präparierten Neuschnee talwärts, metallisch knirschen die Raupenrillen unter den Skiern. Mit uns steigt der ersten Familienverband in den Hang ein, vorneweg der Vater in Spyder-Kluft, an den Füßen der neues-te Slalom-Carver, dahinter der Nachwuchs, zum Schluss die Mutter als „Lumpensammlerin“. Es wird Zeit, unser kleines Experiment zu starten: Abrupt ziehen wir nach links und schießen mit einem Satz von der markierten Piste ins Gelände.

Wir landen geradewegs im Freeride-Nirwana. Der Powder staubt, Schneepolster fangen wie glitzernde Daunenkissen die Wucht des Sprunges ab. Nach wenigen Schwüngen lassen wir den Pistentrubel vollständig hinter uns – der Forst verstellt die Blicke, schluckt die Geräusche, kapselt uns ab. Zwischen den Nadelbäumen passen unsere mittelgroßen Radien bequem hindurch, ab und an wischen Zweige durch die Gesichter, füllen stiebende Schneewolken die Münder, erinnern die Elemente daran, dass dies kein Traum ist. Die Orientierung ist bei Ausflügen in Bergwäldern äußerst wichtig – zu groß ist die Gefahr, plötzlich über Felsabbrüchen zu enden oder in mannstief verschneiten Bachbetten zu landen. Keines dieser Szenarios droht im Wald der Schöngampalm: Ein Wirtschaftsweg kreuzt die Flanke und führt auf direktem Wege zurück in die Ski-Zivilisation.

Versunken in der Stille

Auf halber Strecke halten wir an und blicken gespannt zurück. Sekunden vergehen, doch zu hören ist nur Stille, wie mürrische Schneeriesen schweigen sich die Bäume ringsum an. Kein Kinderlachen folgt uns, keine Kleingruppe bricht durch das Unterholz. Das Experiment scheint geglückt. Bis zum letzten Schwung kosten wir die Waldabfahrt in dem Bewusstsein aus, dass wir ein Vergnügen genießen, das in den Alpen selten geworden ist. Wieder und wieder schwelgen wir in diesen goldenen Morgenstunden in den Pulverpolstern des Forstes, mit jeder Bergfahrt wandern die Mundwinkel weiter nach oben und zeigen zuverlässig den Grad unserer Glückseligkeit an.

Die kleine Tiefschneeorgie hat ihren Preis, das Skigebiet von Serfaus gehört nicht gerade zu den günstigeren in Österreich. Eltern, die sich den Urlaub hier leisten können, dürften beruflich erfolgreich sein. Entsprechend ausgeprägt scheint bei vielen der Wunsch zu sein, im Urlaub die eigene Arbeitsfähigkeit nicht zu riskieren. Im Klartext heißt das: Piste ja, Gelände nein. Diesem Wunsch hat die Liftgesellschaft Serfaus entsprochen und in den letzten Jahren kräftig in den Ausbau des Pis-tennetzes investiert – schließlich wollen sportliche Mamas und Papas zumindest den kontrollierten Kick abgreifen. So fallen die vielen schwarzen Pisten meist als steile Rampen die Hänge hinab und bieten Freeridern für die verpönten Transferstrecken zwischen den Geländehängen etwas Abwechslung.

Gegen Mittag nutzen wir diese Pisten, um die baumfreien Pulverhänge im Westen des Skigebiets anzusteuern. Vom Zwölferkopf wechseln wir in den Serfauser Teil des Skigebietes und besteigen die Bahn auf die Komperdell-Alpe. Kurz vor Ankunft an der Bergstation ist schon vielstimmiges Lachen und Kreischen zu hören, und bald darauf erfassen unsere staunenden Blicke aus der Vogelperspektive das ganze Ausmaß der beworbenen Kinderalm: Hüpfburgen leuchten bunt im Schnee und wackeln wie Pudding unter den Sprüngen der Kinder, auf Gummireifen rast der Nachwuchs über Wellenbahnen zu Tal. Comic-Figuren belustigen die Kleinen im Skikindergarten. Stoisch schleppt uns die klapprige Gondel über das Tohuwabohu hinweg und erklimmt mit der nächsten Sektion das Objekt unserer Begierde, den Lazid. Der Blick fällt auf dessen imposante Nordostflanke, gleich drei schwarze Abfahrten führen auf der schattigen Seite des Skiberges talwärts. Dazwischen bleibt genug Platz für Variantenfahrer.

Wir schlagen die rot markierte Trujeabfahrt ein, die sich auf dem Lazid-rücken entlang schlängelt und wie ein Wirtschaftsweg die Steilhänge auf der Ostseite des Berges bedient. Zwischen den schwarzen Abfahrtsrampen „Lazid x-dream“ und „Hohe Pleis“ ziehen wir die Reißleine, droppen über einen abrupten Geländeabbruch hinein in einen spärlich mit Gestrüpp bewachsenen Tobel. Zwei Holländerinnen haben sich in der Mitte des Hangs verfranst, suchen im hüfttiefen Schnee nach ihren Skiern. Während Phillipp und ich den Steilhang in einem Rutsch durchfahren, mutiert mein Bruder zum Galan und leistet den Damen Nachbarschaftshilfe. „Reines Eigeninteresse, ich habe den Mädels erklärt, wie sie in Richtung Piste queren können“, erklärt er wenige Minuten später bei der Ankunft am Lift. „So fahren die beiden uns den Hang nicht weiter kaputt.“ Philipp und ich quittieren so viel Weitblick mit zustimmendem Nicken.

Die Früchte seines selbstlosen Einsatzes kann Sven an diesem Tag aber nicht mehr ernten, denn wir haben eine Verabredung mit dem Pezid. Hier oben, am höchsten Punkt des Skigebiets, teilen sich die Massen. Genusssüchtige steuern die Sonnenhänge der Masner-Alm an. Ambitionierte können sich dagegen zwischen den beiden schwarzen Abfahrten an der Nordflanke des Berges entscheiden. Als ruppige Rampe fällt die „Pezid Vertikal“ in gerader Linie rund 500 Höhenmeter in die Tiefe. Regelmäßig sind hier unglückliche Skifahrer zu beobachten, die im oberen Teil der Piste stürzen und dann hilflos auf dem Hosenboden bis zum Fuß des Hanges abrutschen.

Wir haben einen Plan C, lassen den Einstieg der Piste links liegen und traversieren zum weißen Juwel des Pezids, dem weitläufigen Tiefschneekessel unterhalb der Gipfelpyramide. Den Einstieg ins Vergnügen bildet eine steile Kuppe, auf der erwartungsgemäß eine Diskussion entbrennt, wer zuerst fahren darf. Wir entscheiden uns, den Hang paritätisch aufzuteilen. Ich mache den Anfang und gleite drei-, vierhundert Höhenmeter wie auf Luftkissen dahin. Aus reiner Mitmenschlichkeit wäre es angezeigt, mit der Ressource Tiefschnee nachhaltig umzugehen und die Spuren nahe beieinander zu legen, um auch nachfolgenden Freeridern jungfräuliches Tiefschneevergnügen zu ermöglichen. Uns ist derart philantropisches Gedankengut an diesem Tag aber fremd, schließlich hat in den Bergen über Innsbruck niemand Rücksicht auf unsere Bedürfnisse genommen. So lassen wir es ohne Rücksicht auf Verluste brennen und steuern die Geländelatten in großen Radien durch die fluffige Unterlage. Berauscht verpasse ich um ein Haar die Ausfahrt aus dem Hang. Merke: Wer blind im Pulver schwelgt, der muss stapfen.

Hier ist Vorsicht gefragt

Hat man den Geländetag in Fiss begonnen, so sollte man ihn auch dort beenden, will man nicht auf Skibus oder das Taxi für die Rückkehr zum Ausgangspunkt angewiesen sein. Als es dämmert, jagen wir deshalb die Pisten zwischen Lazid und Möseralm im Renntempo hinab. Von dort treten wir kurz vor Pistenschluss die Bergfahrt auf den Mittleren Sattelkopf an. Links der „Gfallabfahrt“ wölben sich zwei mächtige Geländekuppen empor, auf denen sich nur wenige Skifahrer tummeln. Ein Sprung über die Kante des Ziehwegs, und schon lädt das freie Gelände zu weiten, ausladenden Schwüngen ein. Im unteren Hangabschnitt wird es ruppig, stellen sich uns nach dem Zufallsprinzip riesige Buckel, Sträucher und Bachrinnen in den Weg. Schnelles Umkanten, spontane Sprünge und höchste Aufmerksamkeit sind hier gefragt, um heil hinunter zu kommen. Eines der Hindernisse wird Sven zum Verhängnis: Nach einem ungeplanten Satz über einen versteckten Abbruch steht er plötzlich ein Stockwerk hoch in der Luft, schlägt kopfüber wie eine Fliegerbombe in der Schneefläche darunter ein. Nichts ist von ihm zu sehen oder zu hören, bis die winkende Spitze eines Skistocks über dem Kraterrand erscheint und Entwarnung anzeigt. Geschlagene fünf Minuten später kommt auch seine rote Jacke zum Vorschein, etwas angeschlagen schnallt er die Ski an. Trotz des Malheurs entscheiden wir uns, den Lift für eine weitere Runde des wilden Ritts anzusteuern.

Am Ende eines langen Tages finden selbst die abgebrühtesten Variantenfahrer keinen Weg vorbei an den Familien. Denn an der Talstation in Fiss haben die Macher beim Après-Ski neue Wege gefunden, Familie und Feierei zu verbinden – die Hexenalm: Schon von weit oben am Hang erkennen wir die Menschentraube, die sich ab 15 Uhr auf der geräumigen Holzterrasse der Hütte zusammengerottet hat. Während die Eltern an der Schirmbar dem Après frönen können, wartet hinter der Hütte ein ganzer Abenteuerspielplatz auf den Nachwuchs. Rutschen, acht Trampoline und Klettergerüste fesseln die Aufmerksamkeit der Kleinen. Mami und Papi schmeißen derweil vorne die Runden und tanzen zu DJ Ötzi. Wir stehen grinsend daneben und freuen uns nach einem Tag im Pulverschnee beim Bier über die Vorteile gelungener Familienpolitik. <<<

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