Warth: Voll neben der Spur

Tiefschneefahren, Gas geben und hängen lassen: ein abenteuerliches Vater-Sohn-Wochenende in Warth

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Text Titus Arnu Bild Titus Arnu, TVB

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Drei-zwei-eins … und Abfahrt. Die Ampel springt auf Grün. Vater und Sohn schieben mit den Stöcken an, so schnell es geht. Der Parallelslalom neben dem Sonnenjet im Skigebiet von Warth ist abgesperrt und frisch präpariert. Nach zwei, drei Toren hat man schon ordentlich Tempo drauf. Der Wind pfeift um die Ohren, ein Blick nach rechts – der Sohn führt! Wie konnte das passieren?

Bis vor kurzem war ich selbst noch der Schnellere, Größere, Bessere, besonders auf Ski. Jahrelang habe ich mit Jakob Skifahren geübt. Pflugschuss am Babyhang. Zwischen den Beinen den Steilhang hinunter. Beim Schleppliftfahren mit dem Kleinkind hat man sich den Rücken krumm gemacht. Und jetzt ist der Kerl 15 Jahre alt, einen Zentimeter größer als ich, hat längere Füße und drahtigere Muskeln – und dann überholt er einen auch noch. So geht’s ja nicht! Also noch tiefer in die Hocke und scharf auf die Kante. Am Ende wird es doch noch ein knapper Sieg für den Vater.

Das Skigebiet Warth-Schröcken ist ein idealer Outdoor-Spielplatz für alle Generationen. Anfänger ziehen ihre ersten Kurven auf breiten, sonnigen Hängen, Genießer finden mittelsteile, überwiegend mittelschwere Pisten, Freestyler können sich in mehreren Funparks austoben, und für Tiefschnee-Freaks sind die Möglichkeiten schier unbegrenzt – überall finden sich spannende Varianten abseits der Pisten. Schnee liegt meistens genug. Dank der Lage am Alpennordrand fällt in den Skigebieten am Arlberg und im Bregenzer Wald überdurchschnittlich viel Schnee. Elf Meter sind es im langjährigen Durchschnitt in den Rekord-Dörfern Warth, Schröcken und Damüls. Damüls (1.400 m) gilt als das „schneereichste Dorf der Welt“. Warth-Schröcken (1.500 m) wurde 2008 von der englischen Zeitung „Daily Mail Ski & Snowboard“ zum „schneereichsten Skigebiet Europas“ erklärt. Selbstverständlich unterstützen Beschneiungsanlagen noch den natürlichen Reichtum.

Beschaulicher Arlberg

Im Gegensatz zum turbulenten Lech auf der anderen Seite des Arlbergs geht es in Warth und Schröcken eher beschaulich zu. Nur knapp 200 Menschen wohnen in der Gemeinde, die auf der Grenze zwischen Tirol und Vorarlberg liegt. Fast alle Einheimischen leben vom Tourismus. Auch die Familie des Bürgermeisters Gebhard Fritz: Seine Söhne arbeiten als Skilehrer, seine Frau betreut die Gäste in der familieneigenen Pension Alpin. Gebhard Fritz selbst führt gerne Skitourengruppen, kaum einer kennt die Berge in der Gegend so gut wie er. Im Ort gibt es eine Metzgerei, einen Frisör, einen Polizeiposten, einen kleinen Supermarkt und vier Sportgeschäfte. In der Volks- und Hauptschule werden 16 Kinder in drei Klassen unterrichtet.

Während in Lech Prinzessinnen, Hollywoodstars und Politiker in mondänen Hotels ihren Winterurlaub verbringen, ist Warth ein beliebtes Ziel für Familien, Sportler und Tourengeher. Alles ist ein bisschen bescheidener, ruhiger und preisgünstiger als in Lech und St. Anton. Mit Lech könne und wolle man nicht konkurrieren, sagt Gebhard Fritz: „Lech hat 2.000 Einwohner, 200 Skilehrer, 270 Pistenkilometer und 8.000 Betten, wir haben 200 Einwohner, 20 Skilehrer, 60 Kilometer und 1.400 Betten.“ Und während St. Anton mit der Eisenbahn und über eine Schnellstraße das ganze Jahr über gut erreichbar ist, werden die Warther auf der anderen Seite oft eingeschneit, so wie im Winter 2011/2012, als Anfang Januar fast vier Meter Schnee innerhalb weniger Tage fielen.

Vorbereitung fürs Offpiste-Abenteuer

Frischer Pulverschnee, unberührte Hänge: Das ist der Traum eines jeden Skifahrers. Damit sich daraus nicht schnell ein Alptraum entwickelt, sollte jeder, der abseits der Piste fährt, einen Lawinen-Grundkurs machen und sein Wissen immer wieder mal auffrischen. In Warth ist das nebenbei machbar, denn neben der Steffisalp-Bahn ist ein Lawinensuchfeld fest installiert – wer einen Lawinenpiepser dabei hat, kann dort das Suchen mit dem LVS-Gerät üben. Darüber hinaus bietet Warth-Schröcken spezielle „Teenage Freeride Days“ an, unter dem Motto „sicher, fertig, los“ lernen Abenteurer im Alter von 15 bis 20 Jahren, worauf es beim Gelände-Skifahren ankommt. Springen über Felsen und Kuppen, rasante Fahrten im freien Gelände – das ist bei jungen Wintersportlern extrem populär. Teenager, die auf der Piste fast perfekt sind, suchen nach neuen Wegen mit ihren Ski. „Wir haben hier viele Stammgäste“, sagt Matthias Fritz, Geschäftsführer der Skischule Warth. „Einige Kinder sehen wir quasi aufwachsen. Die Kleinen lernen das Skifahren schnell und entwickeln dann als Teenager höhere Ansprüche, wollen aber nicht in einen Erwachsenen-Skikurs, sondern lieber mit Gleichaltrigen Spaß haben.“ In den Teenager-Kursen gehen professionell ausgebildete Skiführer auf die Bedürfnisse der Jugendlichen ein und erklären auf einfache Weise, wie man sich abseits der

Pisten richtig verhält. Die dafür notwendige Sicherheitsausrüstung stellt die Skischule, während die Ski-Guides den Umgang mit dem Equipment veranschaulichen.

Nach der fachgerechten Vorbereitung queren Jakob und ich unterhalb des Saloberkopfes in einen Tiefschneehang, natürlich mit aktiviertem Lawinenpiepser am Körper sowie Schaufel und Sonde im Rucksack. Die breiten Tiefschnee-Latten sinken kaum ein in dem watteweichen Untergrund. Auf einer Kuppe zwischen Warth und Lech geht es los: Jakob zieht schnelle, weite Schwünge in den Tiefschnee. Auf der einen Seite sieht man ins Skigebiet von Lech und Zürs, auf der anderen Seite bis ins Kleinwalsertal und den Bregenzer Wald. Tausende Schneekristalle glitzern in der eiskalten Luft, die Sonne wirft lange Schatten, der Powder staubt unter den Skiern – eine Szene, von der passionierte Skifahrer noch in schwülen Augustnächten träumen.

Man könnte von dieser Stelle aus auch nach Lech ab-fahren und mit Lift-Unterstützung zurück nach Schröcken. Das wäre dann eine Tour auf den Spuren des ersten Skifahrers der Alpen. Um das Jahr 1894 hatten die Gemeinden Lech und Warth einen Pfarrer, der im Winter zwischen den beiden Orten pendelte. Pastor Johann Müller schnallte sich zu diesem Zweck Holzlatten unter die Bergschuhe – und gilt damit als erster dokumentierter Skifahrer der Alpen, behauptet man zumindest am Arlberg. Ob dies stimmt oder nicht – die Abfahrt von Lech durch die Klemm nach Schröcken ist auch heute noch ein beeindruckender Ausflug. Jeden Donnerstag und Freitag bieten Guides die Runde als geführte Tour an. Die landschaftlich interessante Rundtour ist an einem Tag ohne großen Stress zu schaffen, es ist sogar noch Zeit für eine gemütliche Kaffeepause im glamourösen Lech.

Schuss haben – oder fahren?

Absolute Höchstgeschwindigkeit ist dagegen am Speed Check beim Saloberjet-Lift erlaubt. Muss man einen Vollschuss haben, um voll Schuss zu fahren? Beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel erreichen Top-Fahrer Spitzengeschwindigkeiten von 140 km/h, beim Lauberhornrennen in Wengen sogar bis zu 160 km/h. Der Weltrekord im Schnellskifahren liegt bei 251 km/h, erzielt auf einer Speedski-Strecke in Les Arcs vom Italiener Simone Origone. Wie krass muss man wohl drauf sein, um auf Skiern so schnell den Berg hinunter zu rasen wie ein ICE? Einfach Hirn ausschalten und los? „Ganz so leicht ist das nicht“, sagt der ehemalige Skirennläufer Hubert Strolz, „bei einem Abfahrtslauf gehört auch ziemlich viel Kraft und Technik dazu.“

Wir stehen mit dem Olympiasieger von Calgary 1988 (Gold in der Kombination und Silber im Riesenslalom) am Start der Speed-Mess-Strecke in Strolz’ Heimatort Warth. Die Piste führt schnurgerade neben dem Körbllift einen Nordhang hinunter, es ist kalt und schattig am Start, der Schnee ist bretthart. Strolz arbeitet als Skilehrer, und er erklärt mutigen Anfängern gerne, worauf es ankommt beim Schnellfahren: „Klein machen, in die Hocke gehen, breit auf dem Ski stehen, und los geht’s.“ Innerhalb von ein, zwei Sekunden beschleunigt man auf der steilen Bahn unglaublich schnell, nach drei Sekunden pfeift der Fahrtwind um den Helm. Nach fünf Sekunden ist alles schon vorbei, man bremst schnaufend im abgesperrten Zielbereich ab und bleibt in einer Schneewolke stehen. Ein Blick auf die elektronische Tafel, die den gemessenen Wert sofort anzeigt: 82,4 km/h! Schneller muss wirklich nicht sein. Obwohl, warum eigentlich nicht? Sofort sitzt man wieder im Lift nach oben. Den eigenen Rekord brechen. Geschwindigkeit kann Rauschgefühle verursachen. Wem das noch nicht reicht, der kann nach dem Skitag in Warth noch einen Adrenalin-Kick der besonders abgefahrenen Art erleben. Bei der Flying-Fox-Safari fliegt man im Affentempo über eine verschneite Schlucht. Eine Mutprobe für Vater und Sohn: Jakob ist über einen Klettergurt an einem Stahlseil mit Rolle befestigt, steht auf einer Rampe am Rand des Abgrunds. „Anlauf nehmen – und los!“ ruft Skischul-Chef Matthias Fritz, der Fünfzehnjährige rennt ein paar Schritte, springt ab – und schwebt durch die Winterlandschaft. In 20 bis 90 Metern Höhe geht es durch die eisig kalte Abendluft dahin – das Ziel auf der anderen Talseite ist zum Glück gepolstert mit meterdickem, weichem Pulverschnee. Das 200 Meter lange Stahlseil führt über die Landesgrenze zwischen Tirol und Vorarlberg hinweg. Das ist einem allerdings herzlich egal, wenn die Rolle rasant beschleunigt und der gegenüberliegende Hang mit den massiven Fichten immer näher ins Blickfeld kommt. Nach der Landung wird dann auf tiefgehende Weise klar, dass es doch noch einen schwerwiegenden Unterschied zwischen Sohn und Vater gibt. Mein Lande-Loch im Tiefschnee ist eindeutig tiefer als das von Jakob. Immerhin habe ich also einen ziemlichen Eindruck hinterlassen am Arlberg. <<<

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In keinem anderen Gebiet der Alpen fällt statistisch so viel Schnee wie hier in Warth-Schröcken.

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