Jenseits von Verbier

In Verbier, dem bekanntesten Ort des Mega-Skigebietes „4 Vallées“ im Schweizer Unterwallis, räkelt sich der internationale Jet-Set gerne in der Wintersonne. Entsprechend hoch sind die Preise. Wer die mehr als 400 Pisten-Kilometer der „vier Täler“ dennoch erkunden möchte und auf Promis am Nachbartisch verzichten kann, ist im ruhigeren Nendaz gut aufgehoben

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Am Mont Fort haben Besucher eine gigantische Aussicht.

Text Günter Kast Bild Nendaz Tourisme / www.aurolle.com

Am heutigen Tag herrscht ohnehin Gleichberechtigung: Weder die Bewohner von Richard Bransons exklusiver Lodge in Verbier, noch die Studenten aus London, die sich ein 6er-Appartment in Haute-Nendaz teilen, sehen weiter als drei Meter, so dicht fällt die weiße Pracht in großen Flocken vom Himmel. Tags zuvor hatte ein Warmlufteinbruch mit Regen bis auf 2.500 Meter deutlich gemacht, dass der Genfer See mit seinen palmengesäumten Promenaden nicht allzu weit entfernt ist. Deshalb ist auch niemand böse, dass der lang ersehnte Schnee nun endlich kommt. Zumal das Rhônetal ein ausgesprochenes Trockental ist.

Sion, die Hauptstadt des Wallis, ist der sonnigste Ort der Schweiz – statistisch gesehen …

Die Ski bleiben heute also guten Gewissens im Keller. Nendaz gehört nämlich keineswegs zu jenen sterilen Ski-Stationen, wie sie aus den französischen Trois Vallées bekannt sind, wo bei Schlechtwetter gleich Langeweile droht. Es lohnt sich, den alten Dorfkern mit seinen urigen Holzhäusern, den Kapellen und der Mühle zu erkunden. Auf ein zweites Frühstück im versteckten „Café de la Place“ vorbeizuschauen, um Tradition und Kultur auf sich wirken zu lassen. Oder bei einer Führung des Tourismusbüros die Dorfkäserei zu besuchen. Nicolas Pellaud, der die „Laiterie“ betreibt, ist dort im Winter schon frühmorgens am werkeln, und man kann ihm dabei zusehen, wie er die Milch der Bauern zu Gruyère, Tomme und Serac verarbeitet. Wer für den Abend eine „Melange à Fondue“ oder eine typische Walliser Raclette-Mischung wünscht, bekommt sie bei ihm im Direktverkauf. Am meisten freut es ihn jedoch, wenn sich jemand für seine schwarzen Eringer-Kühe interessiert. Nicolas ist ein leidenschaftlicher Züchter und hofft, bei den Kuhkämpfen, die im ganzen Wallis im Frühjahr ausgetragen werden, demnächst eine Sieger-Kuh, eine „Königin“, im Stall stehen zu haben. Gerne diskutiert er darüber bei einem Gläschen rubinroten Dôle oder Gamay, der jetzt, am Vormittag, eine fatale Wirkung entfaltet.

Alphorn und Disco-Fox

Weil es immer noch schneit, ist das nicht weiter schlimm. Am Abend pilgern viele Wintersportler dann doch noch zur Talstation der Tracouet-Seilbahn: It’s party time! Bei Gratis-Glühwein kann man den alteingesessenen Wallisern zusehen, wie sie auf rutschigem Schnee vorsichtig ihre Alphörner zur beleuchteten Piste balancieren. Das Instrument hat hier eine lange Tradition: Seit Jahren findet in Nendaz im Sommer ein internationales Alphorn-Festival statt. Weiter oben tauchen jetzt die Ski- und Snowboardlehrer der vier Skischulen von Nendaz aus dem Dunkel auf. Mit ihren brennenden Fackeln sind sie an der Bergstation gestartet. Als sie unten ankommen, erklingen die Alphörner. Genau zum richtigen Zeitpunkt reißt die Wolkendecke auf und der Vollmond sorgt doch noch für ein stimmungsvolles Ambiente. An den gegenüber liegenden Hängen des Rhônetales funkeln die Lichter von Crans-Montana, die schicken Chalets überbieten sich gegenseitig mit festlicher Beleuchtung. Kurz danach gibt’s wieder französische Disco-Musik – in der Welsch-Schweiz, wo sich eidgenössische und französische Lebensart wie nirgendwo sonst vermischen, kein Widerspruch.

Jetzt wäre es verlockend, im „Cactus Saloon“ bis ins Morgengrauen weiterzufeiern. Doch der Wettermann hat für den nächsten Morgen endlich die „no-friends-on-powder-days“-Bedingungen versprochen, die sich alle gewünscht haben. Für gute Skifahrer gibt es dann nur ein Ziel: hoch zur Bergstation des Mont Fort auf 3.328 Metern Höhe, einer Aussichtsloge, die in den Alpen ihresgleichen sucht; mit Rundumblick zu den Walliser Viertausendern, vom Matterhorn bis zum Grand Combin und dem Mont-Blanc-Massiv im Westen.

Von den Hauptgemeinden der „4 Vallées“ – Verbier, Nendaz, Veysonnaz, La Tzoumaz und Thyon – liegt Haute-Nendaz strategisch am günstigsten, um sich schnell auf das Dach eines der größten zusammenhängenden Skigebiete Europas shutteln zu lassen. Tatsächlich liegt der Mont Fort auf der Gemeindegemarkung von Nendaz, und die Einheimischen wurmt es ein bisschen, dass die hochalpine Spielwiese rund um den Berg oft nur mit Verbier in Verbindung gebracht wird.

Freerider müssen früh aufstehen

Wer es ganz eilig hat, nimmt den Skibus nach Siviez und dort den Sessellift nach Tortin. Hier starten die neuen Gondeln der Luftseilbahn mit den großen Panoramafenstern zum Col des Gentianes und weiter zum Gipfel des Mont Fort. Wer es gemütlicher mag, schwingt sich auf den Pisten rund um Tracouet gemütlich ein, ehe man in die Gondel zum Plan-du-Fou steigt und von dort nach Siviez abfährt. Auf unverspurte Hänge auf den Variantenabfahrten vom Col des Gentianes oder Chassoure nach Tortin sollte man nach der Mittagspause allerdings nicht mehr hoffen. Denn die vier Täler, vor allem aber Verbier, gelten als Mekka der Freerider. Entsprechend viele Pulverschnee-Süchtige und solche, die es gerne sein möchten, sind unterwegs.

Wer sich davon nicht stressen lassen möchte, genießt vor der Abfahrt lieber die Aussicht auf dem Mont Fort in der neuen Iglu-Bar, die sich die höchste der Alpen nennt. Von hier oben erfasst man erst die ganze Weitläufigkeit und Vielseitigkeit der „4 Vallées“. Auch weniger gute Skifahrer, die sich die Abfahrt nicht zutrauen, sollten – eventuell ohne Ski – zumindest einmal in die Seilbahn zum Mont Fort steigen, denn die Dimensionen sind gewaltig: Das Rhône-Tal liegt fast 3.000 Meter tiefer, doch zu den umliegenden Gipfeln wandert der Blick abermals 1.000 Meter nach oben.

Für Familien und Steilhangfahrer

Dieser Superlativ hat natürlich auch dazu beigetragen, dass die vier Täler nicht unbedingt als Gebiet für Pflugbogenfahrer gelten. Das stimmt insofern, als es zum Beispiel keine gewalzte Piste gibt, um von Verbier nach Siviez zu gelangen. Die Route vom Gipfel des Mont Fort wird ohnehin nicht präpariert, das sehr steile Gelände ließe dies gar nicht zu. Andererseits hat gerade Nendaz für Familien, weniger gute Skifahrer und Kinder jede Menge zu bieten. Bereits seit 1997 darf sich der Ort mit der Auszeichnung „Familien willkommen“ schmücken, die der Schweizer Tourismusverband bis dato nur an gut 30 Ferienorte mit familiengerechter Infrastruktur vergeben hat. Rund um die Gipfelstation und den zugefrorenen See von Tracouet unterhalb des Dent de Nendaz ist ein regelrechtes Kids-Center entstanden: mit kurzen und flachen Tellerliften, Förderbändern, einem Indianer-Tipi zum Aufwärmen und einer Snow-Tubing-Bahn mit Reifen als Schlittenersatz. An der Tracouet-Tatstation gibt es zudem einen Kinderhort, in dem die kleinen Gäste bereits ab 18 Monaten willkommen sind. Die älteren Kids können derweil die zwei Snow-parks für Anfänger und versierte Freestyler nahe der Bergstation unsicher machen. Daneben locken regelmäßig die Eis-Disco auf der offenen Kunsteisbahn im Ort, Schlitten-Touren und Fackelabfahrten. Auch rund um Thyon 2000 gibt es mehrere blaue Pisten.

Heute, am Tag nach der Party, macht jedoch eher der ein oder andere Vater den Eindruck, als müsste er umfassender betreut werden. Im rustikalen Bergrestaurant von Les Chottes duftet es zwar wie immer ab der Mittagszeit intensiv nach Käsefondue und anderen Walliser Spezialitäten. Doch das sonst so vertraute Ploppen der Wein- und Champagnerflaschen hört man auffallend selten. Und auch die feinen Destillate aus Aprikosen und Himbeeren – für den Anbau dieser Früchte ist Nendaz in der ganzen Schweiz bekannt – werden nur selten bestellt, obwohl das sonst nach einem Fondue fast obligatorisch ist. Ein den Kopf frei machender Spaziergang auf einem der vielen Winterwanderwege von Nendaz könnte für den Nachmittag eine gute Alternative zum Ritt auf der Buckelpiste sein … <<<

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Am Col des Gentianes geht es hoch hinaus.

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