Laax: Felswürfel für Freestyle-Familien

Die Katastrophe vor 10.000 Jahren hatte gewaltige Ausmaße: Mit Getöse stürzte eine ganze Bergflanke in das Tal des Oberrheins. 22 Milliarden Tonnen Gestein – damit könnte man einen Güterzug füllen, der 252 Mal um den Äquator reicht – walzten in die Tiefe. Den Designern des „Rocksresort“ in Laax diente der Kataklysmus als Vorlage: Sieben kubische Appartementhäuser liegen wie Findlinge an der Talstation und präsentieren sich so avantgardistisch wie die Klientel, für die sie gedacht sind

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Text Tim Tolsdorff Bild Rocksresort

Die Szene hat sich für immer in meinem Gedächtnis eingebrannt: Die Stahlkanten schlagen Funken, als mein Vater auf Skiern über den riesigen Parkplatz schreddert, der sich nahtlos an die Talabfahrt in Laax-Murschetg anschließt. Einige „Café Larnags“ zu viel hat sich der Patriarch auf der letzten Hütte genehmigt, unter dem Einfluss des hochprozentigen Heißgetränks das Pistenende übersehen. Erst nach zehn, fünfzehn holprigen Metern über Rollsplitt kommt er zum Stehen, schnallt hektisch ab und inspiziert die Beläge seiner nagelneuen Luxuslatten, Marke „Golden Eagle“. Nach langen Momenten konzentrierter Fehlersuche entspannen sich die Gesichtszüge: Wider Erwarten haben die Ski den Ritt über feindliches Terrain unbeschadet überstanden.

Diese Begebenheit ist fast zwanzig Jahre her. Heute würde es dem Familienoberhaupt schwer fallen, sein teures Gleitgerät an selbiger Stelle zu malträtieren. Die Betonwüste in Laax-Murschetg ist einer weiß gepuderten Pisten-Piazza gewichen, auf der die vom Crap Son Gion herunterkommenden Wintergäste genüsslich abschwingen können. Rings um den Auslauf gruppieren sich gigantische Quader aus geschichtetem Valser Quarzit. Wie hingewürfelt liegen die Blöcke am Rand des Bergwaldes, der Besucher fühlt sich in die Steinzeit versetzt. Damals pflügte ein gewaltiger Felssturz die Landschaft am Oberrhein um und ließ mit dem Flimserstein die perfekte Kulisse für Generationen von Wintersportlern zurück. Die tummeln sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts an den Hängen zwischen Flims, Laax und Falera.

Die „Rocks“ in Laax sind aber keine Relikte aus vergangenen Zeiten, sondern eher ein Gruß aus der Zukunft des Bergtourismus. Warmes Licht dringt aus holzgerahmten Fenstern im Gestein, geschäftiges Treiben herrscht hinter Glasfassaden im Erdgeschoss der Quader. Dort reihen sich gemütliche Kneipen, Restaurants und Sportläden aneinander. Das Konzept ist wegweisend. Einerseits besticht es durch klare Formensprache, entworfen vom Churer Architekten Marcel Caminada: 2009 zeichnete das renommierte britische Design-Magazin „Wallpaper“ die Rocks als „bestes neues Skiresort“ aus. Darüber hinaus überzeugt die Appartementsiedlung an der Talstation der Crap-Bahn wegen der Gesamtidee, die dahintersteckt: Mit den ebenso luxuriösen wie reduziert gestalteten  Wohnungen im Inneren der Quader will man jene Schneetouristen als Gäste halten, die aus dem hippen Hotel „Riders Palace“ gleich nebenan herausgewachsen sind und mittlerweile Familie um sich geschart haben.

Das Projekt ist Teil eines Masterplans, dessen Ausführung vor mehr als 20 Jahren begann. Damals öffnete Reto Gurtner, Chef der „Weisse Arena AG“ und selbst begeisterter Snowboarder, das Skigebiet am Oberrhein bewusst den „Snöbern“, die anderswo noch mit Pistenverbot belegt wurden. Mit speziellen Angeboten wie Funparks, der gigantischen Halfpipe am Crap, die es locker mit ihren Verwandten in Aspen oder Whistler aufnehmen kann, offenen Freestyle-Wettbewerben und Konzerten schoss man sich weiter auf diese Zielgruppe ein, bald erweitert um den avantgardistischen Teil der Skiszene. 2001 baute man das Riders Palace an den Hang, modern, schillernd, technisch hochgerüstet – und damit perfekt auf das hippe, urban geprägte Publikum zugeschnitten. Das „Rocksresort“ ist nun der nächste Schritt, um die stilistisch verwöhnte Klientel generationenübergreifend zu halten. Sieben Häuser sind mittlerweile fertig, zwei oder gar drei sollen noch folgen. Die als Piazza endende Skipiste fungiert gleichsam als Bühne und Treffpunkt für jene Gäste, denen Sehen und Gesehen werden auch im Winterurlaub wichtig ist. Der dringend benötigte Raum für die Autos wanderte unter die Erde, es entstand ein dreistöckiges Parkhaus, aus dem die Besucher direkt zu Liften, Cafés und Appartements wandeln können. In den Katakomben des Komplexes warten ganze Batterien von Ski- und Snowboardschränken darauf, befüllt zu werden.

Außen hart, innen weich

In den Appartements findet das raue Äußere einen mit hochwertigen Materialien gefertigten Gegenpol. Betten und Schrankverkleidungen aus massivem Eichenholz werden kontrastiert von Wänden aus Sumpfkalk und Sichtbeton, Schirmlampen sorgen für heimelige Atmosphäre. Panoramafenster geben den Blick frei auf verschneiten Bergwald, die Dreitausender der Julischen Alpen oder die 1.500 Meter über der Surselva aufragende Bastion des Flimsersteins. Schwere Vorhänge aus Naturmaterialien sperren das Tageslicht für den Fall aus, dass die Nacht im Club des Rider Palace exzessiver als üblich ausfiel. Hifi-Anlagen und Flachbildfernseher schaffen nach einem langen Skitag Abwechslung, selbst Spielekonsolen kann man für den Fall ausleihen, dass der sportliche Ehrgeiz weder im Park noch auf Pisten und Pulverhängen befriedigt wurde.

So müsste man sich außer zum Skifahren eigentlich keinen Meter aus den gemütlichen Unterkünften heraus bewegen. Wer zu faul zum Kochen ist, der kann einen Catering-Service nutzen. Allerdings verpasste man dann die kulinarischen Möglichkeiten rund um die Piazza. Eines von fünf Restaurants ist das „Grandis“, geführt vom in der Region bekannten Koch Ueli Grand. Hier kommt das Fleisch direkt vom Holzkohlegrill auf den Tisch. Die überschaubare Zahl von Tischen garantiert eine intime Atmosphäre, den passenden Wein zum herrlich dekadenten „antivegetarischen Raclette“ können sich die Gäste bei einem Streifzug durch die weitläufige Vinothek aussuchen.

Im Rocks-Konzept wurde auch an jene Gäste gedacht, die nicht mehr selbst in der Küche stehen, sondern vollen Hotelkomfort genießen wollen. Für sie baute man das vormals altersschwache Hotel „Signina“ um. Inmitten der kubischen Monolithen bietet das Haus mittlerweile moderne Design-Zimmer und einen riesigen Wellness-Bereich, fungiert so quasi als Residenz für die Freestyle-Senioren im Mehrgenerationen-Resort. Das Geschilderte lässt auch meinen Vater an einen erneuten Urlaub in Laax denken – ebenso wie die Tatsache, dass seine Edel-Ski am Pistenschluss nun vor unliebsamen Überraschungen gefeit sind. <<<

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