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Tu felix Helvetia!

Die Schweiz steht in Verdacht, ein bisschen spießig zu sein, viel zu teuer, und dann sagt man den Schweizern auch noch nach, humorlos und steif zu sein. Außer Banken und Präzisionsuhren nix gewesen? Von wegen! Das kleine, bucklige Land mitten in Europa pflegt vor allem eins: das Understatement. Eine Hommage von Nicola Förg

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Text und Bild Nicola Förg

Es beginnt schleichend. Man schleicht also auf klassischen Einfallswegen durch die Staus vor Basel oder ruckelt durch den Vorarlberger Pfänder-Tunnel oder quält sich irgendwie durch die ausufernde Bebauung des Rheintals. Man passiert genervt die Grenze und fummelt am Radio. DRS 3, also DRS drüü kommt rein, und die nette Dame sagt, dass auf der düütschen Seite der Verkehr „harzig“ sei. Ein erstes leises Lächeln! Das Lächeln wird zu einem fetten Grinsen, als da im Radio der Sänger einer Schweizer Hardrock Band im Interview sagt, ihm reiche täglich ein Stück Brot oder er äße ja am liebsten „Poulet im Chörbli“ und er dem Ganzen noch ein beteuerndes „gallet“ hinterher schickt. Er gibt sich bescheiden – Understatement!

In diesem Land „parkiert“ man statt zu parken, man fährt „Velo“ statt zu radeln und hier werden „Fehlbare polizeilich verzeigt“ anstatt der profanen Aussage, dass Verkehrssünder mit einer Strafanzeige zu rechnen hätten. Wenn man vier Sprachen im Lande spricht, dann ist es klar, dass ein französisches Hähnchen in einem Deutschschweizer Korb zu liegen kommt.

Die Schweiz widersetzt sich dem Vorurteil, dass sich so ein Länderwinzling doch bitte konform fühlen möge. So klein das Land auch ist, so unterschiedlich sind seine Landschaften, Städte und Bewohner. Vieles liegt in der Schweiz eng beisammen: Licht und Schatten, Sommer und Winter, Urbanität und Einöde. Da ist beispielsweise das kosmopolitische Basel, das sich gerne selbst als „Un-Schweiz“ empfindet: Savoir Vivre aus Frankreich vereint sich mit der fröhlichen Bodenständigkeit der Rhein-Anrainer, und dazu kommt noch ein Schuss Schweizer Noblesse der reichen Basler Seidenbandfabrikanten. Im breiten Rheintal nördlich von Chur ziehen sich Weinberge die Hänge hinauf, heitere kleine Weindörfer sind auch nicht gerade das, was man sich unter der Schweiz vorstellt. Ach, so gut sei der Wein gar nicht, international auch nicht konkurrenzfähig, sagen die Winzer. Understatement und clever: Der grandiose Wein bleibt mal lieber im eigenen Land.

Die Ferne liegt so nah

Also, wo ist sie nun, die Schweiz-Schweiz? Eventuell ist dafür die Innerschweiz zuständig. Da gibt es sie nun, diese Modelleisenbahn-Landschaft, die so gerne als Synonym für die Schweiz gilt: Der zerlappte Vierwaldstättersee ruht zwischen spektakulären Steilufern. Hier liegt die berühmte Rütliwiese und das verschlafene Altdorf, wo sich alles um den „Tell“ dreht. Weiße Gipfel schauen auf Luzern hinunter, Luzern, diese Schöne mit der ungeheuren Lagegunst. Gut, Bewohner von Basel werden das alles vielleicht ein bisschen „bünzlig“ – schweizisch für spießig – finden, aber auch das gehört zum Helvetia-Mosaik.

Und dann gibt’s hier ständig Straßenschilder, auf denen es gerade mal 50 Kilometer nach Geneve sind, wo die Weinberge des Genfer Sees sanft vom Schnee überzuckert sind und knapp dahinter die großartigen Skigebiete liegen. Die mit den hohen Bergen, die mit den endlosen Pistenkilometern wie Les Portes du Soleil.

Ortswechsel nach Graubünden: 80 Kilometer nach Lugano, der Süden ist so nahe, das Tessin, Graubündens Südtäler Puschlav und Mesox. Bellinzona, wirklich eine „bella zona“! Südländische Gassen und Plätze flirten mit schneebedeckten Bergen. Moderne, kühne Architektur plaudert mit Rokoko und Gründerzeit, und drei sagenhafte Burgen riegeln das Tal unüberbrückbar ab.

Es gibt sie nicht, die Schweiz. Es gibt auch nicht den Schweizer. Aber es gibt immer neue Puzzlesteinchen zu einem bunten Bild. Deutsche, die in der Schweiz arbeiten, loben das weit bessere Arbeitsklima, das Zurücknehmen der eigenen Person, schon wieder ein gewisses Understatement, das nicht poltert und eher auf subtilen Humor reagiert.

So mancher deutsche Tieflandbewohner täte gut daran, mal in der His-torie zu blättern. Denn auch wenn sich heute gut ausgebaute Straßen zum Gotthard, San Bernardino, Splügen oder Lukmanier hinaufschrauben, wenn die spektakulärsten Tunnelbauwerke auch Schweizer Erfindungen sind (und jedes Schweizer Kind wahrscheinlich statt der Puppenküche und dem Kaufmannsladen einen Tunnelbausatz bekommt!), war Unterwegs-Sein früher ganz anders. Fast jeder zweite Erwachsene war im Transportgewerbe tätig, und das bezahlten viele einfache Säumer mit dem Tod. Wer hinaufschaut zu den 3.000er Gipfeln, der ahnt, wie sich ein Urschner Säumer auf der Teufelsbrücke bei Göschenen oder ein Bündner Kollege in der Viamala mit seinen Packpferden gefühlt haben muss! Die blitzschnellen Wetterwechsel waren unberechenbar. Autobahnen heute ruhen nämlich auf Säulen; sie gleichen Niveau-Unterschiede aus – ganz anders als die eigentliche Geographie. Früher wollte man ans Talende gelangen und dann hinaufsteigen. Dorthin, wo man weit sehen konnte …

Diesseits und jenseits der Pässe wird so mancher Reisende auf gewaltige Palazzi blicken, Herrschaftshäuser hier „am Ende der Welt“? Wer so denkt, hat die Brille der Autobahn-Generation auf. Jahrhunderte lang führten nämlich die Reisewege über die Berge. Täler waren Seuchenherde. Täler waren zudem gefährlich wegen der Überfälle von Wegelagerern oder durchziehender Truppen. Neben den Militärwegen waren diese Pässe auch Kulturwege: Goethe reiste durch die gefährliche Viamala. Turner, der Maler des Lichts, war bezaubert vom Wechsel zwischen den Gletschern und dem mediterranen Bellinzona. Das ist keine entlegene Region, sondern der Mittelpunkt Europas! In die vibrierende Handelsmetropole Mailand brauchte man zu Säumers Zeiten zwei Tage – dem Kulturleben so viel näher als überall im finsteren Mittelalter in Deutschland. Auch geographisch liegt zum Beispiel der Splügenpass genau auf der Mitte der Alpenbogens: 1.200 km sind es nach Nizza, 1.200 km zum Karpatenende. In der Schweiz macht man seit jeher Ferien, nicht Urlaub. Ein Schweizwinter ist eine Reise, kein Trip!

Fünf-Uhr-Tee statt Beton-Gigantomanie

Immer noch nicht überzeugt? Klar, auch Österreich hat Pässe, Italien und Frankreich sowieso. Die Schweiz aber baute schon um die Jahrhundertwende jene gewaltigen Grandhotels, die heute auch mal eine Bürde für die Hoteliers werden. Der Österreichische Hotel- und Skiboom setzte erst 50 Jahre später ein, wie auch in Südtirol. Frankreich wirkte der Ausblutung ganzer Bergregionen mit der 60er-Jahre-Beton-Gigantomanie entgegen, aber da saßen in den Schweizer Hotels die Menschen beim Fünf-Uhr-Tee im Bellevue und Bellavista und pflegten – genau! – das Understatement.

Bis heute ist es in der Schweiz leiser, die Berge sind dafür einen Tick höher. Da braucht es keine Beschallung zum fern Sehen. Lärmige Hütten hat es wenige und wenn, dann eine Hütte oder einen Schirm für eben jene johlende Zielgruppe, der Rest der Skiwelt gleitet still durch den Schnee. Abends im Restaurant nichts von wegen Servicewüste und man darf sich gerne anpassen: Der Schweizer würde nie sagen: „Heh Fräulein, ich kriege …“. Er sagt „Äxgusi, i hätt gärn ...“ – „Verzeihung ich hätte gerne …“ Und später kommt die Bedienung an den Tisch und fragt: „Sind Sie bedänt/bedient?“. Das hat eine andere Bedeutung als das deutsche „Ich bin echt bedient!“ In der Schweiz ist das pure Höflichkeit und meint: „Brauchen Sie noch etwas?“

Und wer’s nun immer noch nicht glauben will: Schweizer Hüttenkäse ist um Längen besser als das säuerliche Zeug in Resteuropa. Die Schoki bleibt unerreicht, der Knabberkräcker Blevita von Migros auch. Rivella, die Kultlimonade, gibt es auch schon außerschweizerisch, schmeckt aber innerschweizerisch besser. Rhäzünser, „das gsünser isch“ und das Valserwasser gehören zu den besten Mineralwässern der Welt, und die Schweizer Eisenbahn ist ebenfalls unerreicht. Pünktlich, sauber, flächende-ckend, und wo sie endet, beginnt der Postbus. Und wer dann mal mit so einem Postbusfahrer auf dem Dorfplatz eines Bergkaffs geendet ist und sich Panik gebeutelt überlegt hat, wie der Mann da jemals wieder wenden will, muss nur losa (zuhören). „Das goot, es bruucht nur as kliesbitzeli an Ziit“. Schweizer sind eben auch Philosophen! <<<

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