Der Traum vom Sommer-Ski

Lateinamerika ist ein beliebtes Urlaubsziel – doch als Topdestination für Skifahrer? Definitiv JA! Denn wÄhrend bei uns Sommer ist, glänzt Chile als prachtvolle Schnee-Location. DER Erlebnisbericht eines Skimagazin-Lesers, der sich seinen Sommerski-Traum erfüllt hat.

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Top-Destination - Mit 50 Pistenkilometern ist El Colorado Farellones das größte Skigebiet Chiles – und bildet mit Valle Nevado und La Parva das größte zusammenhängende Resort auf der südlichen Halbkugel.

Text: Frank Wirtz, Fotos: Frank Wirtz, Getty Images

Begonnen hat alles an einem Sommertag im Jahr 2003. Ich machte Urlaub in Verbier in der Schweiz und sah in einem Schaufenster ein T-Shirt mit der Aufschrift „Summer Training Ski Worldcup South America“. Der Traum vom Skifahren auf der Südhalbkugel war geboren! Zwölf Jahre später sitze ich in einem Taxi und genieße bei bestem Wetter den Anblick der schneebedeckten chilenischen Anden. Mein Hotel in Farellones liegt 90 Minuten und 40 Kehren oberhalb von Santiago de Chile, am Fuße der drei SkigebieteLa Parva, El Colorado und Valle Nevado. Das kleine gemütliche Hotel hat den für Europäer sehr ver-trauten Namen „Chalet Valluga“ und wird von Dorin, einer deutschsprachigen Chilenin geführt. Sie und ihr Mann Javier schwärmen vom Arlberg, daher der Hotelname. Farellones ist ein sehr guter Ausgangspunkt, um in alle drei Gebiete zu gelangen. Die eigentlichen Skiorte sind vergleichbar mit Skistationen in Frankreich, praktikabel geplant, und fast alle Hotels und Apartments sind in der Nähe der Piste.

Bevorzugtes Trainingsrevier

Am ersten Tag geht es nach La Parva. In nur zehn Minuten ist der kleine Transporter des Hotels an der Talstation. Schnell den Tagespass gekauft, und schon stehe ich am ersten Lift. Die technischen Anlagen sind etwas veraltet und bestehen über-wiegend aus Schlepp- und Tellerliften. Pistenpräparation und Pistenmarkierung sind allerdings sehr gut. Die Skipisten befinden sich alle oberhalb der Baumgrenze. Wobei: Wald ist selbst auf dem Weg von Santiago in die Skigebiete nicht vorhanden, sondern es überwiegen Büsche und Kakteen. Die Gletscherzone fängt in diesem Gebiet der Anden erst oberhalb von 5.000 Metern an, somit ist der Untergrund steinig und überwiegend geröllig. Das Gelände ist sehr weitläufig. Und da es auf den Pisten sehr ruhig ist, kann man es prima laufen lassen. Schon bei der ersten längeren Abfahrt sehe ich die österreichische Damennationalmannschaft. La Parva ist das bevorzugte Trainingsgebiet vieler Nationalteams, ich sehe auch noch die Russen, Schweden und Schweizer beim „Sommer-Training“. Mittags habe ich das halbe Gebiet erkundet. Ich bestelle im rustikalen Restaurant St. Tropez, das durchaus Alpenflair versprüht, einen Teller Enchiladas mit einem Glas Rotwein. Am Nachbartisch sitzt die Schweizer Herrenmannschaft. Wenig später kommt ein weiterer Trainer herein und fragt, ob auch noch Platz für Lara frei sei. Ich frage ihn dann: „Die Lara?“ Und er antwortet: „Die Lara!“ So kam es dann zu einem Treffen mit dem Schweizer Skistar Lara Gut. Als gegen 17 Uhr die Lifte schließen, habe ich das Gebiet komplett erkundet. Ich bin wirklich platt. Im Hotel gibt es zur Stärkung noch eine chilenische Käseplatte und ein Glas Rotwein, bevor ich völlig erschöpft ins Bett falle. Am nächsten Morgen weckt mich die Sonne, und ich lasse mir um 7:30 Uhr das tolle Frühstücksbuffet schmecken. Bis 9 Uhr bin ich während meines Aufenthalts meist allein im Frühstücksraum, die anderen Gäste stammen überwiegend aus Brasilien und lassen es morgens immer geruhsam angehen. Heute steht El Colorado auf dem Programm, auch nur zehn Minuten vom Hotel entfernt und zwischen den Skigebieten La Parva und Valle Nevado gelegen. Die Vorderseite des Skigebiets hat morgens sehr feste, präparierte Hänge zu bieten. Ich hoffe auf die Rückseite und finde dort noch weichen und zum Teil unverspurten Schnee. Im Sessellift treffe ich einen älteren Herrn samt Enkel. Wir unterhalten uns auf Englisch über das schöne Wetter und die guten Pisten. Als er erfährt, woher ich komme, spricht er plötzlich Deutsch. Er hat deutsche Vorfahren. Das sollte mir in Chile noch öfter passieren. Am Abend genieße ich den Hot Tube auf der Hotelterrasse und erlebe einen wunderschönen Sonnenuntergang über Santiago – die Farben sind durch den leichten Smog der Großstadt einfach unglaublich schön. Heute geht es bei geschlossener Wolkendecke nach Valle Nevado. Es ist kalt, also zieht es uns nach einigen Abfahrten zum Aufwärmen in die Bar La Lanera, und nur einige Drinks später lässt sich das Wetter schon besser ertragen. Ich komme mit Javier, dem Chef der Bar und Ehemann von Dorin, ins Gespräch. Wir verständigen uns in einem wilden Mix aus Portugiesisch, Englisch, Spanisch und Deutsch. Am Nachmittag machen wir uns gemeinsam ins Skigebiet auf. Javier war 20 Jahre lang Chef des Pistenrettungsdienstes in El Colorado und fährt wie der Teufel persönlich!

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Höher geht es nicht - Perfekte Pistenbedingungen und schönes Ambiente: Valle Nevada, das bis auf 3.670 Meter reicht, ist definitiv eine Reise wert.

Ein außergewöhnlicher Hang

Auch am Folgetag geht es nach Valle Nevado, am ­Mittag beim Stopp in der Bar kann ich von der ­Terrasse aus eine Gruppe Brasilianer beim ersten Kontakt mit Schnee beobachten – einfach gut! Javier ist auch wieder da und hat eine Idee. Er will mir etwas ganz Besonderes bieten – mit den Ski nach El Colorado und von dort über einen Freeride-Hang runter zur Straße nach Valle Nevado. Zwei Probleme sind dabei zu klären: Unser Skipass gilt nicht in El Colorado. Und wie kommt man an ein Taxi für die Rückfahrt? Für meinen Begleiter kein Problem. Kaum am Lift angekommen, können wir ausnahmsweise zusammen mit dem Pistenchef des Skigebietes zum höchsten Punkt, dem El Colorado, liften. Von dort geht es über den wunderschönen Hang Cornica zum Einstieg von Santa Teresa! Im August 2013 hatte hier die „Freeride World Tour“ eine Qualifier-Veranstaltung. Javier fährt über eine Wechte in den Hang ein und verschwindet schon nach wenigen Augenblicken – also hinterher! Der Schnee ist noch gut fahrbar und nur ein wenig windgepresst, mehrfach ändert Javier seine Route, und ich folge ihm in immer neue unverspurte Hänge. Als wir unten ankommen, wartet bereits ein Jeep auf uns – auch die Fahrgelegenheit hat Javier schon besorgt! Ein Blick zurück bestätigt, dass ich heute einen außergewöhn­lichen Hang fahren durfte und dass ich froh sein kann, dabei nicht ohne ortskundigen Guide gewesen zu sein. Immer wieder sind große und kleine Felsabsätze zu sehen – die wir aber perfekt umfahren haben! Am vorletzten Tag steht wieder La Parva auf dem Programm – dieses Mal aber mit einer besonderen Herausforderung: der Steilrinne La Chimenea, von der mir SkiMAGAZIN-Kolumnist und -Autor Christoph Schrahe vorgeschwärmt hatte. Mit drei Liften geht es an den Startpunkt meiner ersten Hiking-Tour in Südamerika. Die Luft ist aufgrund der Höhenlage dünner, und man braucht für ausgedehnte Touren eine gute Akklimatisierung. Nach 40 Minuten Aufstieg durch teilweise bis zu den Knien einbrechenden Schnee stehe ich vollkommen durchgeschwitzt am Einstieg der Rinne. Was für ein Ausblick! Weit unten die Großstadt Santiago mit ihren Hochhäusern, und hinter mir nur Berge der Anden. Wo fängt wohl Argentinien an? Allein der Blick in die Rinne ist für mich schon eine Grenz-erfahrung – soll ich hier wirklich reinfahren oder besser gesagt reinspringen? Eines steht fest: Wenn ich hier noch länger warte und weitere Fotos mache – dann kehre ich um. Also, das Herz in beide Hände nehmen, in die Bindung steigen und von der Seite, über die Felsen, in die Rinne. Und dann? Die Verhältnisse: klasse, hart und trotzdem griffig. Der erste Schwung: noch unsicher – und dann nur noch genießen … La Chimenea ist einfach gut. Mit jedem Schwung wird sie schöner. Die Rinne öffnet sich dann in einem weiten Hang, der in einem Bogen wieder bis nach La Parva führt. Auf diesem Hang gönne ich mir ein schönes Austral – das Bier aus Patagonien! Der Tag der Abreise ist gekommen, aber anstatt mich schon morgens runter nach Santiago bringen zu lassen, verschiebe ich die Rückfahrt auf den Abend. Heute, am Día de la Independencía (Unabhängigkeitstag) möchte auch Hotelchefin Dorin erstmals in dieser Saison Ski fahren und mich mitnehmen! Valle Nevado hat sich heute rausgeputzt, überall die chilenische Flagge und die Farben Rot-Weiß-Blau. Gemeinsam mit Dorin fahre ich heute alle Pisten bei strahlendem Sonnenschein ab. Mehrfach stärken wir uns bei ihrem Mann an der Bar mit weißer und roter Weinbowle sowie frisch gegrilltem Lamm und Empanadas – ein grandioser Abschluss für meinen Aufenthalt!

Als ich gegen 18 Uhr im Taxi die 40 Kehren nach Santiago hinunterfahre, habe ich eine wirklich erfüllte Woche mit neuen Freunden erlebt. Skifahren in Chile ist für mich ein Komplettpaket, die Gebiete sind groß genug, um eine Woche Abwechslung zu haben, gepaart mit der südamerikanischen Leichtigkeit und Lebensfreude ist es eine rundum tolle Erfahrung. Chile, ich komme wieder!

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2017

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