Im himmlischen Kirgistan

Die kirgisische Republik ist ein Land, das fast keiner kennt. Hier ist ein Pferd noch ein großer Besitz, die Berge sind namenlos und unberührt. Doch das Land ist ein Rohdiamant, das sich auf der Landkarte versteckt. Wer es einmal entdeckt hat, findet hier optimale Ski-Möglichkeiten als Alternative zu den überlaufenen Alpen. Unser Autor Olaf Sueters unternahm Skitouren in unwegsamem Gelände, campierte im Schnee und traf auf die Gastfreundschaft der Einheimischen

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Text Olaf Sueters Bild Joris Lugtigheid, Ryan Koupal

Es ist 5.00 Uhr morgens, als wir nach einem rund siebenstündigen Flug aus Moskau auf dem dunklen Flughafen Manas landen, der zirka dreißig Kilometer von Bishkek, der Hauptstadt Kirgistans, entfernt ist. Nachdem unsere Pässe abgestempelt wurden und wir den Zoll passieren wollen, nehmen die Beamten unsere Dokumente, ohne ein Wort zu sagen, einfach mit. Ist dies gleich die erste böse Überraschung an diesem exotischen Skireiseziel? Doch dann bekommen wir mitgeteilt, dass das elektronische Kontrollsystem ausgefallen ist, was anscheinend öfter passiert. Um 6.30 Uhr sind die Zollformalitäten dann erledigt, unsere Sachen liegen auf dem Gepäckband, und der Fahrer, der uns zum Hotel bringen soll, ist glücklicherweise auch noch da.

Es hat noch immer etwas Unwirkliches, durch die Straßen von Bishkek zu fahren: Die Schlaglöcher im Asphalt, die grauen Gebäude mit stalinistischer Architektur, die unleserliche Schrift und die Mischung aus alten Autos und Pferdegespannen machen uns bewusst, dass wir in einer anderen Welt gelandet sind. Abends wird diese Welt Wirklichkeit, als wir Ryan Koupal und seine Freunde in einem türkischen Restaurant im Stadtzentrum treffen. Nach monatelangem E-Mail-Kontakt können wir uns endlich die Hand schütteln. Er ist in Kirgistan, um hier das Skitour-Programm „40 Tribes Backcountry Skiing & Splitboarding“ zu entwickeln, das Skitouren mit einem einzigartigen Aufenthalt in einer traditionellen kirgisischen Jurte oder einer einheimischen Familie verbindet. Auf diese Weise will er die einheimische Bevölkerung unterstützen, die so von den Einnahmen aus dem Wintertourismus profitieren kann. Sein Ziel ist es, in der Saison 2010/2011 vom Ort Ische Jergez als Basis die ersten geführten Skitouren zu organisieren. Unser Ziel ist es hingegen, zunächst während einer einwöchigen Reise die Möglichkeiten in diesem Land zu entdecken und die kirgisische Kultur kennenzulernen. Ryan hat uns gebeten, mit ihm in der Gegend des Ala-Bel-Passes Ski zu fahren und zu campieren. Er selbst hat es noch nie in diese Gegend geschafft.

Asiatische Schweiz

Kirgistan (auch Kirgisien oder Kirgisistan genannt) mag uns zunächst als eines der vielen Länder mit der Endung „-stan“ sein, doch für Skifans ist es ein ganz besonderes: Es besteht zu 95 Prozent aus Bergen mit knapp 3.000 Metern Durchschnittshöhe und wird auch „die zentralasiatische Schweiz“ genannt. Dank des sieben Monate dauernden Winters ist auf jeden Fall genug Zeit, auf den Abhängen der Tien-Shan-Bergkette mit dem Ski Schneisen zu ziehen. Über das Straßennetz, das sich über hohe Pässe im ganzen Land zieht, ist das Gelände gut zu erreichen. Kirgistan grenzt an die ehemaligen Sowjetrepubliken Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan sowie im Osten an China. Es ist erst seit 1991 unabhängig und mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 500 Dollar eines der ärmsten Länder der Welt. Angesichts dieses Hintergrundes und der dünnen Besiedelung ist es nicht weiter verwunderlich, dass man unterwegs kaum anderen Skifahrern begegnet.

Der Ala-Bel-Pass

Eines der preiswertesten Transportmittel ist hier der Minibus, die sogenannten „Machutka“. Am nächsten Morgen stehen wir mit ein paar Amerikanern am westlichen Busbahnhof der Stadt. Wir wollen in den nächsten zwei Tagen in der Nähe des 3.200 Meter hohen Ala-Bel-Passes skiwandern. Der Pass, der in der Suusamyr-Region liegt, ist eines der kältesten Gebiete Kirgisiens, in dem bis zum Mai Schnee liegt. Als wir ihn erreichen, fällt unser Blick auf ein wunderschönes Tal, das wir von der Straße aus gut erreichen können. Wir lassen den Fahrer anhalten und laden unsere Sachen aus. Gut eine Stunde müssen wir touren, dann kommen wir auf einem Plateau an, das sich hervorragend als Lagerplatz eignet. Wir machen uns an die Arbeit. Zelte aufstellen, Schneegruben für die Feuerstelle und unsere menschlichen Bedürfnisse ausheben. Als das Camp steht, erscheint es wie ein Paradies auf Erden: Strahlend blauer Himmel, Pulverschnee und ein Tal, das wir ganz für uns alleine haben. Wir beginnen mit einem Sicherheitscheck, um uns einen Eindruck von der Abschüssigkeit des Geländes, den Schneebedingungen und der Windrichtung zu verschaffen und die sicherste Route abzustecken. Vorsicht ist geboten, denn in diesem Gebiet gibt es weder Rettungsdienste noch Handy-Empfang.

Schließlich geht es los: Wir ersteigen Höhen von bis zu 3.500 Metern und werden mit grandiosen Abfahrten auf dem abwechslungsreichen Gelände mit steilen Abhängen bis hin zu natürlichen Halfpipes, Couloirs und seichteren Gebieten belohnt. Da wir uns zunehmend an die Höhe gewöhnen, fallen uns die Abfahrten immer leichter, immer weitere Distanzen, immer größere Strecken legen wir zurück. Das Gelände ist technisch nicht allzu anspruchsvoll, wodurch wir alles auf Fellen erreichen oder einige Strecken hiken. Schließlich geht ein großartiger Skitag in einer unwirklichen Destination dem Ende entgegen.

Abends, im Zelt, erwärmen die Gedanken ans Skifahren uns immer noch, doch draußen ist die Nacht sehr kalt. Es sind minus 15 Grad. Ein funkelnder Sternenhimmel wechselt sich mit schweren Wolken ab, aus denen schon wieder Neuschnee fällt. Es ist ein Wahnsinnserlebnis vermutlich als ers-te Skifahrer überhaupt hier zu sein.

Luxus in Parish

Nach zwei Tagen beschließen wir, unser Lager abzubrechen. Wir schnallen unsere Rucksäcke an und touren zurück zur Straße, wo wir nach einer dreiviertel Stunde in das ein Stück weiter gelegene Parish mitgenommen werden. Am Rand dieses Dorfes befindet sich „The First Central Asian Freeride Base“, wie der Eigentümer und erste kirgisische Splitboarder Kalibek Kadyr seine Lodge nennt. Diese bietet Platz für achtzehn Personen. Sie liegt eingeklemmt zwischen zwei Bergrücken mit unzähligen Gipfeln, die per Helikopter, Snowcat oder Schneescooter bequem zu erreichen sind.

„In der Saison war viel los“, erzählt uns Kalibek, während wir mit einem Bier in der Hand von der Terasse aus den Sonnenuntergang über dem Tal beobachten. Seit diesem Jahr ist die Lodge voll einsatzfähig, viele Skifans aus Kasachstan, Russland und Europa sind zum Freeriding ins Suusamyr-Tal gekommen. Die Betreiber von HeliPro nutzen die Lodge als Basis, denn von hier aus kann man die umliegenden Bergspitzen, die zwischen 2.500 und 4.000 Meter hoch liegen, einfach erreichen. Die Lodge selber ist relativ komfortabel, und sollte das Wetter einmal zu schlecht zum Abheben sein, kann Kalibek Snowcat-Skiing anbieten. „Ich haben schon viele Pläne für die nächste Saison“, erzählt er uns. „Ich möchte eine Brücke über den Fluss hinter der Lodge bauen, dann kann ich für das Gebiet auf der anderen Seite auch Snowcat-Touren anbieten. Außerdem soll die Lodge ausgebaut werden, und ich denke über den Bau eines Boarder Parks nach.“ Unglaublich, aber in diesem Gebiet, das in wohl kaum einem Skiatlas gelistet wird, geht anscheinend alles!

Am nächsten Morgen nimmt Kalibek uns auf dem Schneescooter mit. Nach fünfzehn Minuten stehen wir am Fuß von ein paar namenlosen Bergen – in diesem Land gibt es einfach zu viele davon, um allen einen Namen zu geben. Als Kalibek auf einen zeigt, den er „Tits“ nennt, wissen wir gleich, dass wir da hinauf wollen. Er hat einen schönen, breiten Nordwesthang, der von der Sonne bereits etwas angetaut ist, was das Laufen mit Fellen erschwert. Trotzdem lässt es sich einfach traversieren, der Weg ist nicht sehr steil. Schließlich erreichen wir den Gipfel in rund 2.500 Metern Höhe und bereiten uns auf die Abfahrt vor. Von hier aus beträgt der Höhenunterschied 400 Meter. Wir brettern auf dem gleichen Abhang in riesigen Kurven nach unten und können bis fast zur Lodge durchfahren.

Das Pferd von Kaindy

Heute werden wir etwas kirgisisches Lokalkolorit schnuppern: Wir sind bei Erjan und seiner Familie im Dorf Kaindy eingeladen. Nach einer dreistündigen Taxifahrt durch das Chong-Kemin-Tal halten wir am Rand des Dorfes an. Es ist umgeben von hohen, schneebedeckten Gipfeln – optimal für ein paar Tage Skitouren. Wir müssen nur noch herausfinden, wo Erjan wohnt. Schon bald rufen die herbeigelaufenen Dorfbewohner die Familie an, und ein paar Minuten später, nach einem Fußmarsch über schlammige Wege, stehen wir vor seinem Haus. Erjan lädt uns zum Frühstück und einer Tasse Tee ein. Wir nehmen in seinem Wohnzimmer Platz, dessen Wände mit prächtigen Perserteppichen behangen sind. Vor dem flachen Tisch steht – wie selbstverständlich – ein Flachbildfernseher. Mit Stift, Papier und Gebärdensprache machen wir deutlich, dass wir einige Tagestouren unternehmen wollen. Erjan ist gern bereit, uns zur Schneegrenze zu begleiten und für den Transport unserer Skier ein Pferd zur Verfügung zu stellen. Über schmale, schlammige Pfade laufen wir neben unserem „neuen Transportmittel“ her. Doch leider zieht Nebel auf, und je höher wir kommen, desto dicker wird er. Am Ende können wir kaum noch die Hand vor den Augen sehen. Es ist aussichtslos. An Skifahren ist heute nicht zu denken – nur den Weg zurück ins Dorf legen wir noch auf den Brettern zurück.

Doch ein nettes Abendessen im familiären Kreis entschädigt uns etwas. Erjan erzählt uns von den vielen wildlebenden Tieren, die es in der Umgebung gibt, darunter auch Schneeleoparden, Bären und Wölfe. Für uns stellen sie jedoch keine Gefahr dar, da sie tief in den Wäldern leben.

Am nächsten Morgen schneit es und noch immer hängt dicker Nebel am Himmel. Erneut ist ein Ski-Ausflug leider unmöglich, und wir beschließen deshalb, nach Orusai zu fahren, um auch einmal ein „offizielles“ Skigebiet zu erkunden. Auch dieser Trip sollte sich einmal mehr als Zeitreise erweisen.

30 Jahre Zeitsprung in Orusai

In Orusai, einem der zwölf Skigebiete südlich der Hauptstadt Bishkek, wurde vor 30 Jahren der erste Skilift Kirgistans in Betrieb genommen. Doch bevor wir uns auf den Weg dorthin machen, setzt sich Dimitri, unser Fahrer, lieber noch einmal mit dem Betreiber in Verbindung, ob überhaupt geöffnet ist. Anders als in Europa hängt dies nicht von der Wetter- oder Schneelage ab, sondern nur davon, wie viele Leute an diesem Tag erscheinen – in einem armen Land wie Kirgistan sind überfüllte Pisten jedenfalls kein Problem. Dimitri kommt zurück. Die „magische Grenze“ scheint noch nicht ganz erreicht, darum nimmt er sogar seine Kinder mit, um unsere Gruppe zu vergrößern. Schließlich kommen wir an und machen uns einen ers-ten Eindruck. Auf der ersten Piste steht ein äußerst merkwürdiger Lift. Im Prinzip funktioniert er wie ein alter Tellerlift, doch wir werden nicht nur den Hang hinauf geschleppt, sondern müssen manche Strecken (mitunter Stücke von dreißig Metern) in einiger Höhe schwebend zurücklegen. Die zweite, die steilere Piste ist geschlossen. Aber wir haben Glück: Uns zuliebe – und gegen einen kleinen Extra-Obulus – ist Vladimir, einer der Skiliftführer, bereit, „seinen“ Lift zu öffnen. So steht uns das erste Mal im Leben ein Privatlift zur Verfügung! Stundenlang können wir herrlich ungestört unsere Schneisen durch den frischen Schnee ziehen, denn sonst gibt es niemanden, der sich diesen Abhang hinunter traut. <<<

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Auf Luxushütten muss man verzichten, dafür findet man fantastische Ski-Möglichkeiten.

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