Immer am Rand lang

Tourengehen boomt. Mehr noch jene Variante, am Rande der Pisten zu wandeln. Das erfreut aber nicht jeden Bergbahnbetreiber, der DAV trat mit Empfehlungen auf den Plan. Das SkiMAGAZIN sagt, wie man sich richtig erhält – und wo man in Bayern am besten hinfährt

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Text Nicola Förg Bild Dynafit, Nicola Förg, Ammergauer Alpen GmbH / Bernd Ritschel, Drehmöser9, DAV

Verkehrte Welt? Während unter der Woche der Parkplatz am Hörnle in Bad Kohlgrub nur sehr mäßig gefüllt ist, fahren gegen vier Uhr immer mehr Autos vor. Der Lift steht, die kornblumenblauen Sessel dieses Liftunikums ruhen still. Es beginnt zu dämmern, und während die Skimamas mit den Zwergerln einpacken, packen sie andern erst aus. Ziehen Felle auf und setzen die „Hirnbirn“ auf. Auffi soll’s gehen aufs Hörnle – ein ganz normaler winterlicher bayerischer Feierabend hat begonnen.

An schönen Tagen hat es bis zu 3.000 Leuten dort oben. Und rund die Hälfte davon sind Tourengeher, der Berg ist ein alpines Trainingsgelände geworden mit 24-Stunden-Betrieb. Tourengehen erlebt einen Boom, eine „Trendsportart“ ist das geworden, was eigentlich der Anfang allen Skifahrens war, als es noch keine Lifte gab. Nun sprechen die einen frenetisch von unverbrauchtem Naturerlebnis. Aber nur wenige Tourengeher sind im freien Gelände unterwegs, die meisten nutzen zum Aufstieg die präparierten Pisten. Das hat verschiedene Gründe: Man ist vor Lawinen sicher und benötigt keine Lawinenausrüstung. Vor allem aber schwappt die Nordic-Fitness-Welle auf der Ebene der Langläufer und Nordic Walker hinauf auf die Berge, und es ist ja eigentlich auch löblich, wenn man etwas für den Körper tun will. „Hier kombiniere ich Fitnesstraining mit dem Spaß der Abfahrt. Beim Langlaufen hast du das in der Form einfach nicht“, sagte Frankie aus Bad Bayersoien, der gerne mal das Hörnle „bezwingt“ oder zur Kolbensattelhütten aufsteigt. Wer auf Pisten geht, hat natürlich ganz klar den Vorteil, nicht meterhohen Pulverschnee niederwalzen zu müssen und eine Spur anzulegen – auch das kommt dem Einsteiger entgegen. Und dann ist da noch der Zeitaspekt: So einen ein- bis zweistündigen Aufstieg kann man nach Feierabend machen oder samstags in der Frühe und danach noch einkaufen fahren und all das tun, was der samstägliche Mensch so vorhat. Außerdem sind die Skitourenabende auf diversen Hütten inzwischen sozusagen Stammtische mit höheren Mitteln geworden.

Snowboard-Problem 2.0

Eigentlich alles sehr positiv, gesund, fit und gesellig – und wenn’s nur einzelne sind, schüttelt man maximal den Kopf über die „Irren, die hochlatschten. Wo es doch so einen schönen neuen Sessellift mit Poheizung gibt“. Wenn aber ganze Karawanen zu Berge ziehen, wird es kritisch. „Je mehr Skitourengeher auf den Pisten, desto höher das Unfallrisiko – das ist ganz klar“, sagt Eva Maria Greimel, Pressesprecherin der Zugspitzbahn AG. Im Gebiet „Garmisch Classic“ gab es Tage, an denen rund 400 Tourengeher gezählt wurden. Und es gab Kollisionsunfälle. Was tun?

Die Italiener haben gleich mal ein kategorisches „Basta“ ausgegeben, keine Tourengeher auf Pisten, claro? So rigoros will man in Bayern nicht sein, Skigebiete nach italienischem Vorbild für Tourengeher gesetzlich zu sperren, hält der DAV nicht für sinnvoll. Stattdessen favorisiert man festgelegte Aufstiegsrouten für Tourengeher, zum Abfahren sollen Skigebiete auch weiterhin von Tourengehern genutzt werden dürfen. Am Kolben gibt es seit Mitte Dezember sogar die weltweit erste beschneite Tourenpiste. 400 Höhenmeter lassen sich hier schneesicher bezwingen. Durch die räumliche Trennung zur normalen Skipiste werden gefährliche Begegnungen mit Alpin-Skifahrern vermieden. „Während andere Skigebiete auf Grund der Problemstellungen mit Tourengehern ihre Pisten systematisch sperren oder den Zugang limitieren, wird hier am Kolben durch die neue Aufstiegspiste auf die Bedürfnisse der Skitourengeher auf dem eigens konstruierten Weg eingegangen“, meint dazu Franz Greiner vom Tourismusverband Oberammergau.

Im Berchtesgadener Land ist der Aufstieg auf den Jenner über die Königsbachalm und das Königstal sicherer und schöner als der Pistenaufstieg. Das Rossfeld hat eine beschilderte und präparierte Aufstiegsroute. Daran sollte man sich auch halten – nun ist Kooperation von allen gefragt.

Der Fall gestaltet sich ein bisschen ähnlich wie die Situation, als die Snowboarder auf dem Vormarsch waren. Was wurde lamentiert über die Riefen, die sie hinterlassen, über ihre unberechenbaren Radien und dass sie als Hindernisse auf den Pisten hocken. Tourengeher sind relativ berechenbar, wenn sie wirklich am Rand der Piste bleiben. „Also, ich erwarte von einem Pistenskifahrer schon, dass er nicht in einen randseitigen Tourengeher reinbrettert. Das hat ja dann nichts mit dem Tourengeher zu tun. Da hat einer ja generell seine Ski nicht unter Kontrolle!“

Das Thema ist vielschichtig und erfordert Toleranz von allen Seiten. Und nicht jedes Gebiet ist gleich. Nehmen wir den Tegelberg im Allgäu. Seine Kultpiste ist steil und im oberen Teil wirklich eng. Da rutschen dann die Alpinfahrer schon mal weg und rein in den Tourengeher. „So was ist Unvernunft“, sagt Andre Jansen vom Outdoor Anbieter Allgäu Aktiv, „zumal es eine Extra-Aufstiegspur gibt. Und dann haben die womöglich noch Hunde dabei.“

„Hunde gehören nicht auf Pisten! Generell und kategorisch, auch im Sinne des Hundes, denn die Laufstrecke, die das Tier im weichen Untergrund bewältigen muss, ist gewaltig. Gerade dann, wenn Herrchen und Frauchen dann abfahren, wirkt eine unzumutbare Belastung auf die Gelenke des Tieres“, sagt Dr. Dagmar Moder, Tierärztin aus Steingaden. „Ich freue mich über das Pistentourengehen, aber der Hund hat da nichts verloren, denn meistens ist der Hund ja auch nicht trainiert, sondern Gelegenheitssportler wie Herrchen. Und was auch vergessen wird: Herrchen wechselt dann oben die Wäsche, der überhitzte Hund hockt eine Stunde im Schnee. Das ist ja schon Tierquälerei, von den Gefahren wie Stahlkanten etc. mal ganz abgesehen.“

Unterschätzte Gefahren

Es gibt keine grenzenlose Freiheit des Einzelnen, und Pistentourengeher sollten den Goodwill der Liftbetreiber auch mal zu schätzen wissen. Garmisch-Partenkirchen hat einige Pisten für Tourengeher gesperrt, dafür gibt es nun spezielle Angebot für die Tourengeher: Dienstags sind die Horn- und Tonihüttenabfahrt, donnerstags die Kochelbergabfahrt (alle Hausberg) zwischen 17 und 22 Uhr allein für Skitourengeher reserviert.

Das gibt auch den Skigebieten Planungssicherheit, denn sie müssen im Dunkeln präparieren. Tourengeher begeben sich wissentlich in tödliche Gefahr, weil sie in der Dämmerung leicht zu übersehen sind. Die grausligsten Unfälle ereignen sich mit Windenmaschinen. Im sehr steilen Gelände hängen die Raupen an Stahlsseilen, oft bis zu einem Kilometer lang. Wer in so ein Seil hineinbrettert, kann sich den Rumpf abtrennen oder den Kopf – keine Horrorszenarien, sondern schon so passiert. Tourengeher fahren dann auf den frischen Pisten ab, aber an den Kosten haben sie sich nicht beteiligt. Und wenn sie das dann am Abend machen und der ganze Berg über Nacht vereist, bleiben in der Früh scheußliche bockharte Spuren übrig und die ersten Bergbahnkunden am Morgen beschweren sich. Auch hier wäre eine Kostenbeteiligung für Tourengeher durchaus eine Option, Langläufer zahlen ja auch den Loipeneuro.

Spezielle Regelungen

Manfred Scheuermann ist so was wie der Touren-Diplomat. Er ist im Deutschen Alpenverein zuständig für das Ressort Natur- und Umweltschutz und mittendrin im Projekt „Skibergsteigen umweltfreundlich“. Er verhandelt mit jedem Gebiet extra, es gibt auch für jedes Gebiet spezielle Regelungen, die man als Tourengeher beachten sollte. Andre Jansen findet den individuellen Umgang ebenfalls gut und baut auf Vernunft: „Die meisten Pistengeher sind Einheimische, die haben oft sogar eine Jahreskarte. Die kann man sich als Liftgesellschaften nicht vergraulen. Und dann sind das auch Leute, die alpin skifahren und sich in den Bewegungsablauf reindenken können.“ Weil diese Tourengeher dann erst in der Nacht im Mondschein oder mit Stirnlampe abfahren, hat der DAV sogar in vielen Gebieten ausgehandelt, dass die Pistenbullys erst nach Hüttenschluss ausrücken. <<<

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