Schladming: Es werde Licht

Immer mehr Wintersportorte entdecken, dass man unter Flutlicht nicht nur Ski fahren, sondern auch attraktive Shows inszenieren kann. Der Weltcup-Zirkus tourt mit seinen Slalom-Artisten auf nächtlicher Bühne in Schladming mit großem Erfolg. Sportliche Aktivitäten unterm Sternenhimmel sind aber auch bei Hobby-Brettlfans im Trend

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Text Sabine Reuter

Wenn Gabi gegen 18 Uhr den Massagetisch zusammengeklappt hat und der letzte Patient gegangen ist, springt sie kurz unter die Dusche und zieht ihre Skiklamotten an. Abends nach der Arbeit noch auf die Piste? „Super“, sagt die 37-Jährige, die ein leidenschaftlicher Outdoor-Fan ist. „Früher bin ich zum Joggen gegangen oder ins Fitness-Studio. Jetzt kannst du dich nach einem stressigen Tag an der frischen Luft mit deinem Lieblingssport und beim Après auslüften.“ Und nach kurzer Pause: „Nachts Skilaufen spricht ganz andere Sinne an“, hat die Physiotherapeutin beobachtet. „Alles drum herum ist ausgeschaltet. Du konzentrierst dich total auf dich und dein Gespür.“ Ein metaphysisches Erlebnis?

Die PR-Fachfrau Barbara ist zwar beruflich viel im Schnee unterwegs, hat aber während der Materialtests mit Sportartikelhändlern tagsüber kaum Zeit, entspannt auf Brettl oder Board zu steigen. Wann und wo immer das geht, genießt sie deshalb ihre Carving-Schwünge unter Flutlicht. Etwa an der Hohen Salve in Söll in der Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental. Nach Betriebsschluss werden die Abfahrten für den Nachtskilauf neu präpariert. „Eine frisch gewalzte Piste, weich und ohne Buckel und noch nicht abgebügelt“, schwärmt Barbara. „Ein außerirdischer Genuss!“ Ein Traum, der nachts Wirklichkeit ist.

Hell wie der lichte Tag

Aber nicht nur der Sport begeistert die beiden Damen. „Wir sind eine Clique“, sagt Gabi. „Wir sind alle berufstätig und können eigentlich nur am Wochenende zum Ski oder Snowboard fahren gehen “ Seitdem es aber am Härmelekopf im Tiroler Seefeld eine Flutlicht-Piste gibt, trifft sich die Freundesgruppe einmal in der Woche zum Nachtskilauf. Natürlich nicht nur wegen des Skivergnügens. Wenn um 21:30 Uhr die Lifte schließen, wird eingekehrt. Dann ist in der Skialm an der Talstation richtig was los. Dann geht bei Live-Musik die Post ab. Partytime bis alle Lichter ausgehen.

Das sportliche Feierabend-Erlebnis lieben nicht nur die Einheimischen, sondern auch die Gäste. „Für viele ist das ein Kick, auf der beleuchteten Piste zu fahren“, sagt Harald Stix von der Liftgesellschaft der Rosshütte-Bergbahnen. Mit den modernen Flutlichtanlagen, (je 200 Lux leuchten an 42 Masten) gibt es auch keine Sichtprobleme mehr. Die vier Kilometer lange Abfahrt ist hell wie am lichten Tag. Das Drehkreuz am Lifteingang zur Hochanger-Sesselbahn zählt durchschnittlich je 350 Fahrgäste an den zwei Abenden in der Woche, an denen der Liftbetrieb erst um 21:30 Uhr eingestellt wird. Die beheizten Sessel machen den nächtlichen Skiausflug angenehm kuschelig – vor allem wenn man zu zweit unter der Windschutzhaube sitzt. Ein romantisches Feierabend-Erlebnis in dieser hektischen Zeit.

Abendliche Events

Immer mehr Wintersportorte entdecken den Nachtskilauf als neuen, aufregenden Event. „Unsere Gäste erwarten, dass bei uns auch nachts noch was Besonderes los ist“, erklärt Carmen Fender, die seit Jahren die Ötztaler Après-Hochburg Sölden sehr erfolgreich vermarktet. „Jeden Mittwoch inszenieren wir deshalb am Gaislachkogel eine Night-Ski-Show.“ Da wird die Piste an der Mittelstation zur Bühne: Rund hundert Skilehrer der Skischule Sölden-Hochsölden treten in alter Skiausrüstung auf und zeigen die Entwicklung des Schneesports von den Anfängen mit Telemark bis zum dynamischen Carving-Schwung. Gleichzeitig ist Partytime: Musik und Drinks gibt’s unter freiem Himmel oder in den Almstuben, wo Hüttenzauber bis in die Morgenstunden zelebriert wird. Krönung des Abends ist ein fulminantes Feuerwerk. St. Anton am Arlberg inszeniert eine ähnliche Late-Night-Show. In diesem Winter nicht nur für die Gäste. Beim Interski-Kongress im Januar schaut die ganze Welt zu. Ein Mega-Event fürs Schneesport-begeisterte Universum.

„Die Nachtangebote auf und neben der Piste werden immer beliebter“, heißt es auch bei Schweiz Tourismus. Dort wird eine Liste geführt mit circa 80 Wintersportorten, die ihre Flutlichtanlagen einschalten. Nachts auf die Piste. Das nehmen die Eidgenossen wörtlich. Im Oberengadin haben die Snow-Night auf dem Corvatsch und das Vollmond-Skifahren auf der Diavolezza Kultcharakter. Nicht nur für die Bergbahnen, sondern auch für die Restaurants und Almhütten, die spezielle Abendveranstaltungen wie „Candlelight Dinner“ oder „Fondue-Plausch“ organisieren, wird Nachtskilauf immer öfter ein gutes Geschäft.

Fackellauf und Vollmondfahrten aus der guten alten Zeit hat das Flutlicht auf den Pisten allerdings noch kein Ende bereitet. Romantik und Nostalgie sind wieder stark im Kommen.

Nachtski-Tipps

Zahlreiche Wintersportregionen der Alpenländer haben die Faszination der sportlichen Aktivitäten und Events im Flutlicht und unterm nächtlichen Sternenhimmel längst entdeckt. Nachtskilauf findet jedoch vielerorts nicht jeden Abend statt. Manche Bergbahnunternehmen lassen ihre Lifte auf Anfrage auch exklusiv für Gruppen und Sonderveranstaltungen laufen. In einigen Orten gilt der Skipass auch für den Nachtskilauf, und man muss nicht extra zahlen oder man erhält Ermäßigung. Über Betriebszeiten und Preise geben die lokalen Bergbahnen und Tourismusbüros Auskunft.

In Tirol werden in mehr als 40 Wintersportorten die Flutlichtanlagen eingeschaltet. Im Salzburgerland geht an nicht weniger Liftanlagen das Licht an, wenn es dunkel wird. Eine Liste mit Angeboten in Tirol gibt es bei der Tirol Information in Innsbruck (Tel. 0043-512-7272-0). Die Österreicher haben alle Möglichkeiten für Nachtschwärmer im Land gesammelt (www.austria.info/at/ tags/nachtskilauf). Der Schweiz Tourismus führt eine Liste mit circa 80 Wintersportorten – von Graubünden bis zum Tessin. Infos und Flyer mit Nachtpisten, -loipen und -rodelbahnen unter www.MySwitzerland.com und unter der gebührenfreien Telefonnummer 00800 100 200 30 – mit persönlicher Beratung!

Wir haben die Flutlicht-Pisten herausgesucht, die uns am besten gefallen. Einige haben wir selbst getestet, andere wurden uns von Insidern empfohlen. Dass über den meisten ausgewählten Nacht-Pisten die rot-weiß-rote Flagge weht (symbolisch gemeint), liegt an den guten nachbarschaftlichen Beziehungen mit der österreichischen Alpenrepublik. Die attraktivsten Adressen haben wir unter dem Tiroler Adler gefunden.

Söll in der Skiwelt – Wilder Kaiser – Brixental

Österreichs größtes zusammenhängendes Skigebiet wirbt mit noch einem Superlativ – dem größten Nachtskigebiet der Alpenrepublik. 13 Kilometer und 1.400 Höhenmeter misst die Stre-cke, die beleuchtet ist. Von der Bergstation der Gondelbahn Hochsöll bis zur Talstation, mit Varianten vor dem Hausberg Hohe Salve. Die Vielfalt begeistert. Salvenmoos, Keat-, Hexen-6er- und Stöckl-Abfahrt, betriebstechnisch lässt sich der Skitag bis 22 Uhr verlängern. Lieber rechtzeitig in der Stöcklalm, einer der sechs Hütten am Pistenrand, einen Platz reservieren.

Sölden, Obergurgl, Hochgurgl im Ötztal

Auf drei „Etagen“ können sich die sportlichen Nachtschwärmer an jedem Wochentag (außer Montag) auf baumfreien, weiten Hängen unter Flutlicht austoben. Die Länge der respektablen Nachtpisten lässt daran zweifeln, ob die Gäste (wie viele behaupten) nur Halligalli im Sinn haben. Acht Kilometer am Festkogel bis ins Ortszentrum, das geht in die Oberschenkel. Ab und zu ein Stopp in der Festkogel Alm entspannt. Unter dem Motto „Return to The Pioneers“ führen die Skilehrer jeden Dienstag eine Nightshow auf, demonstrieren die Entwicklung des Schneesports. An der Schirmbar geht eine heiße Party ab. – Eine Etage höher, in Hochgurgl, ist „Top Quality Skiing“, eben Spitzenqualität angesagt, an drei Abenden auf frisch präparierten beleuchteten drei Kilometern. Im Erdgeschoss, in Sölden, will man am Gaislachkogl die nächtliche Demo der Skischule beibehalten. Skigeschichte in alter Ausrüstung vor dem technischen Wunderwerk der neuen Superbahn.

Olympiaregion Seefeld in Tirol

Im Skigebiet Rosshütte ist auch nachts einiges los. Seitdem es die beheizten Sitze im 6er-Sessellift Hochanger am Härmelekopf gibt. Bei Bedarf diskret die wärmende Haube runterklappen. Die vier Kilometer beleuchtete Piste ist ohne Schwierigkeiten zu meistern, tagsüber schaffen das schließlich auch Anfänger. Live Musik in der Skialm an der Talstation. Da kann man hocken bleiben bis das Licht ausgeht.

Berwang in der Tiroler Zugspitzarena

Jeden Freitag läuft der Sunjet auch von 18 bis 21:30 Uhr. In dem kindersicheren 6er-Sessellift (Bügel schließt automatisch) kann man auch den Nachwuchs mitnehmen. In zwei Minuten schafft man es an den Start. Wie lange man für die Abfahrt braucht, hängt von der Glühwein-Menge ab. Einheimische empfehlen zum Einkehren das Jägerhaus an der Bergstation. Kurze Wege in der Nacht dienen ebenfalls der Sicherheit. Am anderen Ende der Zugspitz-Arena, in Biberwier, steigen die Tourengeher im Licht ihrer Stirnlampen zum Grillabend auf der Sunnalm. Tiroler Kontrastprogramm für Nachtschwärmer.

Galtür im Paznaun

Weit ab von der Ischgler Partymeile, am Ende des Tals, geht es nachts etwas ruhiger zu. Für sportliche Nachtschwärmer wird der Silvapark (tagsüber ein Geschicklichkeitsparcours) geöffnet und in Flutlicht getränkt. Wohl dem, der schon bei Sonnenschein geübt hat. Im Schatten imposanter Dreitausender gibt die Birkhahnbahn Tag und Nacht Gas.

Schladming-Dachstein im Ski-Amadé-Verbund

Die Schladminger 4-Berge-Skischaukel im Angesicht des Dachstein-Massivs lässt die Gipfelbahn am Hochwurzen bis 22 Uhr laufen. Eine halbe Stunde länger bleibt die Nachtskipiste geöffnet. Die 600 Höhenmeter vom 1.850 Meter hoch gelegenen Abfahrtsstart sind auch nach dem Einkehrschwung in der gemütlichen Hochwurzenalm kein Problem. Wenn man genug von den Steirer Käsespäzle verspeist und nicht allzu viel vom Wein gekostet hat. Das legendäre Nachtrennen, der Herren Weltcup Slalom, wird am Zielhang der Planai am 25. Januar 2011 ausgetragen. <<<

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Immer mehr Wintersportorte entdecken den Nachtskilauf als neuen, aufregenden Event.

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