Serfaus-Fiss-Ladis: Das Glück der ersten Spur

Unser Autor machte sich ins tirolerische Serfaus-Fiss-Ladis auf, um gegen einen Aufpreis frühmorgens die Pisten und Powderhänge fast völlig alleine zu genießen. Ob es sich gelohnt hat und wo Sie dieses Erlebnis noch genießen können, verrät er Ihnen hier

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TEXT Jupp Suttner BILD Jupp Suttner, TVB Zermatt, Silvretta Montafon, Serfaus/Sepp Mallaun

Es ist diese gewisse Winter-Dunkelheit. Wie sie nur ein Dezemberjanuarfebruar-Morgen besitzt. In der die gesamte Welt noch in einem Watteschlaf versunken zu sein scheint und der Schnee sämtliche Geräusche verschluckt. Bis auf jenes unserer Skistiefel. Sie knirschen bei jedem Schritt. Eigentlich ist es eher ein Knispern. Doch vermutlich bilden wir uns nur ein, dass es angenehm knispert statt nervig zu knirschen. Weil wir so gut gelaunt sind. Weil wir es kaum erwarten können. Dieses Vergnügen zu erleben. Es nennt sich: „Erste Spur“.

Gut gelaunt? Um 7 Uhr morgens? Im Dunkeln? In der Kälte? Zu Fuß auf dem Weg vom Hotel zur Talstation von Serfaus? Ehrlich gesagt – nichts hassen wir mehr, als an einem freien Tag in aller Herrgottsfrüh aus den Federn zu müssen. Der frühe Vogel fängt den Wurm? Unseretwegen. Soll er ihn doch behalten. Und außerdem: Sollte man diese Angelegenheit nicht auch einmal aus der Position des Wurms betrachten? Okay – wir schweifen ab. Zurück in den Schnee, zurück zu unserem kleinen Fußmarsch durch das Dorf – und zurück zur Tatsache, warum wir uns so fabelhaft gut drauf fühlen trotz fast noch schlaftrunkener Augen: Weil uns der vielleicht fetteste Wurm dieses Winters bevorsteht – besagte Erste Spur!

Zeit und Raum

Es heißt ja immer, Zeit sei das wertvollste Gut, das der vielbeschäftigte Mensch besitze. Doch längst ist es so, dass auch der Faktor Raum eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. An einem Heiligdreikönigs-Tag vor etwa einem halben Jahrzehnt – vermutlich 2005, vielleicht war es auch 2006 – fuhren wir Ski in der Skiwelt Wilder Kaiser. Sie hatten an diesem Tag 22.000 Tickets verkauft, wie eine Pressesprecherin später voller Stolz erzählte. Zwei Und Zwanzig Tausend! Der Tag geriet zu einer Art Slalom-Training mit lebenden Torstangen. Skifahren konnte man das schon fast nicht mehr nennen. Und es keimte in uns der Gedanke, dass garantiert demnächst irgendein Nobel-Skiort auf die Idee kommen würde, nicht mehr 50 oder 60 Euro für einen Tagesskipass zu fordern, sondern 100 bis 200 Euro: Und von diesen Tages-Zulassungen nur noch die Hälfte der bisherigen Anzahl zu verkaufen. Um mit genügend Platz auf den Pisten werben zu können. Der Gegensatz von Überfüllung, mutmaßten wir, würde irgendwann zu einem unschlagbaren Werbe-Argument avancieren.

Was an besagtem Dreikönigstag 2005 oder 2006 fehlte, war schlichtweg Raum. Und im Laufe der Zeit hat sich dieser Umstand im gesamten Alpenraum nicht gerade verbessert: Immer mehr Menschen auf Pisten, deren Hektarzahl begrenzt ist. Zeit und Raum – schade, dass Einstein nicht mehr unter uns ist: Vielleicht würde er dieses Ski-Problem für uns lösen. schneE ist m Mal c hoch 2 oder so ähnlich – vermischt mit weißen statt schwarzen Löchern sowie der Gravitation und der Krümmung des Rückens beim Skitragen, wie jetzt gerade, kurz vor dem Ziel, der Bergbahn. Doch weg mit der Krümmung, Brust raus – das Ski-Lust-Erlebnis der Saison steht bevor!

Whistler stand Pate

Ausgeklügelt hat es am Ende jedoch nicht Einstein, dieses jeden Mittwoch über die weiße Bühne gehende Event, sondern der Verkehrsverband von Serfaus-Fiss-Ladis. Und der wiederum hat es sich abgeguckt von den Marketing-Experten des kanadischen 2010er-Olympia-Orts Whistler. Dort besteht seit Jahren bereits diese Möglichkeit: Am Tag zuvor 21 kanadische Dollars (rund 13 Euro) hinzulegen – und dafür das Recht zu erwerben, eine Stunde vor dem allgemeinen Liftbetrieb nach oben zu gondeln.

Allerdings: In Whistler können 2.000 Leute dieses Frühmorgen-Ticket erwerben. Doch in Serfaus-Fiss-Ladis maximal 25! Rund zwei Dutzend Menschen teilen sich ein Tiroler Skigebiet mit 187 Pistenkilometern – völlig für sich alleine! Geht es noch irgendwie exclusiver, fragten wir uns, als wir nun die Bergbahn erreicht haben, eingestiegen und um 07.30 Uhr nach oben gedüst sind. Höchstens mit dem Heli noch, zu dritt oder viert vielleicht. Doch nicht bei normalem Pisten-Gondel-Geschehen. Preis dieser unbezahlbaren Ausschließlichkeit von Serfaus-Fiss-Ladis: 50 Euro zusätzlich zum Lift-Ticket, egal ob Tageskarte oder Wochenpass.

An der Bergstation angekommen, ist längst die Sonne hervorgetreten. Welch’ unglaubliches Glück, nicht einen Nebeltag erwischt zu haben! (Kann ja durchaus passieren, und dann gerät man vielleicht durchaus ins Grummeln beim Gedanken ans einerseits frühe Aufstehen und andererseits das Gestochere und unsichere Getaste durch die Milchsuppe hinab.)

Als Erstes jetzt natürlich: In die Bindung klicken. Als Zweites: Das obligatorische Pflicht-Gruppenfoto. Als Drittes: Die Einteilung in drei Gruppen – schnell, mittel, gemütlich. Jede Clique erhält einen Guide für vorneweg und einen zweiten als „Hirte“ hintennach.

Und als Viertes schließlich, endlich: Hinein in den ersten unberührten Hang!

Eintauchen in die weiße Welt

Ehrlich gesagt – wir befahren diesen Hang nicht. Sondern durchschweben ihn. „Juhuuu!“, brüllt es aus einigen heraus. Eine weiße Welt – nur für uns. Uns? Eigentlich muss man es eher in der singulären Form ausdrücken: Eine weiße Welt – nur für einen selbst. Raum und Zeit, lieber Albert E., verschmelzen in diesen Minuten gerade irgendwie. Endlich genügend Platz zum Carven! Keine Gefahr, jemand über den Haufen zu fahren oder selbst umgenietet zu werden! (Ausgenommen, es befindet sich eine Pistenwildsau in der kleinen Gruppe, was in unserem Falle jedoch nicht der Fall ist.) Unbeschwert über Hügel springen! Und natürlich auch dies: Die Arme links und rechts wie Batman bis zur Waagrechten hin ausfahren, die uralte verpönte Rotationstechnik anwenden und die gesamte Breite des Hanges nützend wie ein Vogelmensch hin und her und her und hin zu schwingen.

So cruisen wir von Hang zu Hang, von Bahn zu Bahn. Jede Piste offenbart sich wie eine Rennstrecke vor dem ersten Starter – leer wie ein weißes Blatt Papier. Piste pur. Wir vernehmen keine Geräusche außer unseren eigenen. Und erleiden plötzlich einen Schock. Denn: Wir werden überholt! Von einem Fremden! Wie bitter – es ist bereits kurz nach neun. Und die ersten „Zweite Spur“-Skifahrer sind eben eingetroffen. Die Sonderstellung ist beendet. Deprimiert klappen wir unsere Batman-Flügel wieder zusammen. Warum, zum Teufel, gehen die wirklich tollen Angelegenheiten immer so rasch vorbei? Warum, bitteschön, verfliegt die Zeit da wie ein Wischer?

Erst fahren, dann frühstücken

Wir lassen es nun gewissermaßen in aller Ruhe „auslaufen“ und treffen – alle drei Gruppen – um halb zehn in „Tirols 1. Ski Lounge“ in der Mittelstation der Komperdell-Seilbahn ein. Werden dort mit Prosecco empfangen – sowie anschließend Kaffee und einem fabelhaften Frühstücksbuffet. (Alles in den 50 Euro enthalten.) Wir notieren: „09.39 Uhr – wunderbarer Lachs mit sekundengenauem Rührei.“ Ein Christoph aus Gießen sagt: „Was für ein Leben, was für ein Leben …“ Was für eine Wahrheit, diese Erkenntnis.

Die Lounge wirbt mit dem Slogan „Die neue Tiroler Ess-Klasse“. Wir genießen sie nun. Und ein Nordrhein-Westfale – Mitglied der „schnellen“ Gruppe – platzt vor Stolz: „Wir sind 35 Kilometer gefahren in dieser Zeit, und die Höchstgeschwindigkeit betrug 93 km/h!“ Wir von der mittleren und jene der gemütlichen Gruppe lächeln über die außerordentlich lauthals vorgetragene Bilanz: 93 Stundenkilometer – ob sein Tachometer tatsächlich die Wahrheit sagt? Und: Natürlich haben auch wir es zwischendurch zischen lassen – wann und wo sonst schließlich kann man das noch! Aber im Vordergrund stand stets der wahre Genuss.

Andererseits: Falls es für den 93-km/h-Mann der wahre Genuss ist, mit 93 km/h kerzengerade downtown zu schießen – dann sollte man es ihm durchaus als Genuss zugestehen: Genuss schließlich bedeutet für jeden etwas anderes! Trotzdem murmelt Marion, schräg gegenüber des pfeilschnellen Speedoholics sitzend: „Männer! Immer müssen sie rechnen!“. Statt einfach zu fühlen, will sie damit ausdrücken.Dabei haben wir heute in etwa einer Stunde so viel gefühlt – wie andere vielleicht ihr ganzes Skileben lang nicht. <<<

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