Sierra Nevada: Ab in den Süden!

Meer oder Berge, Schnee oder Strand, baden oder carven? Diese Fragen können Paare oder ganze Familien entzweien. Müssen sie aber nicht. Denn ganz im Süden des europäischen Kontinents liegen nur 35 Kilometer Luftlinie zwischen Traumpisten und Traumstränden. Wer in die spanische Sierra Nevada fährt, kann ab März das eine tun, ohne das andere zu lassen

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© istockphoto.com/willselarep

Text Christoph Schrahe Bild Christoph Schrahe, TVB

Wo sind all die Flocken hin? Diese Frage wird sich so mancher Schneesportler im vergangenen Frühjahr angesichts grüner Wiesen in den Alpen gestellt haben. Die Antwort: Die Schneetiefs wollten offensichtlich mal was anderes sehen und tobten sich dort aus, wo gefühlt eigentlich immer nur eitel Sonnenschein herrscht: im südlichen Andalusien. Die Sierra Nevada, die fast 3.500 m hohen „weißen Berge“ oberhalb der Maurenstadt Granada, wurden ihrem Namen mehr als gerecht und meldeten noch im April fünf Meter Schnee, während hierzulande schon der Sommer ausgerufen wurde. Grund genug, neben Strandutensilien für den geplanten

Familienurlaub an der Costa del Sol auf Verdacht auch Skibrille, Handschuhe und Gore-Tex-Jacke einzupacken.

Am Abreisetag melden die Wetter-dienste 28 Grad und Sonnenschein – für’s Rheinland. Bei der Landung in Madrid peitschen Sturmböen fette Regentropfen gegen die Fensterscheiben des Airbus A 319, das Thermometer zeigt 15 Grad. An der Küste soll es auch nicht besser aussehen, von Überschwemmungen ist die Rede. Also starten wir nach Absolvierung eines kurzen Sightseeing-Programms in der spanischen Hauptstadt (unbedingt sehenswert: Straßenkünstler auf der Plaza Mayor, die Einkaufsstraße Gran Via und der königliche Palacio Real) am nächsten Tag erstmal in Richtung Granada.

Ein Muss: Granada und die Alhambra

Bekannt ist die ehemalige Hauptstadt des Sultanats der Nasriden für die gewaltige, über der Stadt thronende maurische Palastanlage der Alhambra – und für ihre pompösen Osterumzüge. In der Semana Santa, der heiligen Woche, werden reich geschmückte Figuren der örtlichen Heiligen auf schweren Holzthronen durch die engen Gassen der Altstadt getragen, begleitet vom rhythmischen Schlagen der Trommler, gefolgt von mit spitzen Hauben verhüllten Nazarenos (Büßern) und gesäumt von Tausenden Zuschauern. Absolute Hochsaison also. Etwas außerhalb finden wir trotzdem noch ein bezahlbares Zimmer in einem ordentlichen Hotel: Theoretisch könnte man vom Balkon aus die Pistenbedingungen in Europas südlichstem Skigebiet außerhalb von Zypern in Augenschein nehmen, praktisch hüllen dichte Wolken die Berge ein.

Auch der mühevolle Aufstieg zum Albaicín, jenem malerischen Hügel, der die früheren Wohnviertel der Mauren mit ihren weißgetünchten Villen, den Cármenes und zahlreichen noch erhaltenen Palästen beherbergt, wird nicht mit der berühmten Postkartenansicht der weißen Berge hinter den Türmen der Alhambra belohnt. Aber bei deren Anblick steht fest: der Schnee muss noch einen Tag warten. Erst mal wollen wir dieses großartige Bauwerk von innen sehen. In der Alhambra haben die Jahrhunderte zwar nicht viel übrig gelassen von der einstigen Farbenpracht der Mosaike und Malereien.

Eindrucksvoll ist der nicht ganz billige Besuch am nächsten Tag aber trotzdem. Als Extra können wir uns durch den Blick von den Zinnen der Burg gen Sierra versichern, dass da oben tatsächlich Schnee liegt – viel Schnee.

Noch am selben Abend checken wir auf 2.100 m im Hotel Télécabina ein. Der Name ist Programm, das Hotel befindet sich im selben Gebäude wie die Talstation der Gondelbahn ins Skigebiet, mitten im Zentrum des autofreien Skidorfs, das hier zur alpinen Ski-WM 1995 nach Plänen der kanadischen Firma Ecosign (die auch die Skidörfer in Whistler gestaltet haben) rund um die Plaza de Andalucía an den Fuß der Pisten gesetzt wurde.

Oberhalb des Skidorfs staffeln sich die nicht immer schön anzuschauenden, aus den 60er und 70er Jahren stammenden Hotels und Apartmentgebäude der Station Pradollano bis auf 2.400 m die Hänge hoch.

Schneesicher dank großer Beschneiungsanlage

Ebenfalls zur WM installierte die Betreibergesellschaft Cetursa die erste leistungsstarke Beschneiungsanlage Südspaniens. Es half nichts. Zu hohe Temperaturen machten die Schneeproduktion unmöglich. Erstmals in der Geschichte des Wettbewerbs musste eine alpine Ski-WM wegen Schneemangel abgesagt werden. Zwar konnte man sie ein Jahr später nachholen, der Makel der mangelnden Schneesicherheit blieb aber trotzdem haften. Der erhoffte Werbewert der WM blieb zumindest im Ausland so gründlich aus, dass man sich heute nicht mal mehr eine englischsprachige Webseite leistet. Dabei hat man zwischenzeitlich die Schlagkraft der Schneeanlage deutlich erhöht, 31 km Pisten können innerhalb von vier Tagen komplett beschneit werden. Der Winter 1995 blieb ein Einzelfall.

Das wird man vielleicht auch einmal vom Winter 2011 sagen. In den 80er Jahren konnte man noch regelmäßig bis in den Juni hinein Ski fahren, heute ist hier so viel Schnee so spät in der Saison längst nicht mehr normal. Während am Ostersonntag auf Ortsniveau nur noch die weißen Bänder der beschneiten Talabfahrt davon zeugen, präsentieren sich die Hänge oberhalb der zentralen, auf 2.685 m gelegenen Pistendrehscheibe Borreguiles tief verschneit. Borreguiles erreicht man vom Tal mit zwei parallel verlaufenden, rund 2,5 km langen Gondelbahnen. Sie führen durch ein tief eingekerbtes Tal. Von Westen füttern die rabenschwarzen Steilhänge, auf denen 1996 die Slalom- und Riesenslalomrennen stattfanden, das Tal, von Osten fließen mittelschwere Paradehänge hinein. Eine davon ist die neu angelegte Universiada, auf ihr finden 2015 die Speed-Rennen der Winter-Universiade statt.

Kurz vor der Bergstation erklimmen die Gondeln einen quer zum Talverlauf eingeschobenen Felsriegel. Tritt man aus der Station heraus, eröffnet sich ein überwältigendes Kontrastprogramm zur Enge des Valle de Monachil: Hänge im XXL-Format, ohne Bäume, ohne Felsen, komplett zum Skifahren freigegeben, sanft im unteren Bereich, steil am durch ein Radioteleskop und ein Observatorium gekrönten Loma de Dílar (die Buckel der Visera-Piste waren 2010 Austragungsort des Freestyle Weltcup) und zum Highspeed wie geschaffen an der ausladenden Flanke des Pico Veleta (3.398 m), Europas höchstem Skiberg außerhalb der Alpen. Fünf Lifte führen von Borreguiles sternförmig in ein weißes Reich schier unbegrenzter Möglichkeiten, und da Ende April trotz Ostern Nachsaison ist (auch die Spanier fahren da schon lieber an den Strand), trüben auch keine Warteschlangen das Vergnügen.

Skiberg der Superlative: der Pico Veleta

Den Pico Veleta erreicht man von Borreguiles mit dem einzigen verbliebenen Schlepplift der Sierra Nevada: dem Zayas-Lift. Bei guter Sicht reicht der Blick von hier oben über das Mittelmeer bis zum Rif-Gebirge im Königreich Marokko. Eine Wolkenwand über den Alpujarras, jener abgeschiedenen, wild zerklüfteten Bergregion an der Südabdachung der Sierra Nevada, in die sich die Mauren 1492 nach der Rückeroberung Granadas durch die spanischen Könige flohen, steht dem heute im Wege. Die Nähe von Afrika ist nicht die einzige Besonderheit des Pico Veleta. Nur wenige Punkte in der internationalen Skigeografie bieten eine solche Vielfalt an Abfahrtsmöglichkeiten. Mehr als 80 Pisten mit zusammen rund 78 km Länge kann man allein von hier aus ansteuern – die unzähligen Off-Piste-Varianten nicht mitgerechnet!

Wollte man diese Optionen komplett ausschöpfen, müsste man den Zayas-Schlepper ganz schön oft fahren, gäbe es da nicht den vielleicht sensationellsten Lift zwischen Alpen und Rocky Mountains: die Tellesilla Laguna. Dieser schnelle Vierer führt aus der hinter dem Loma de Dílar gelegenen Bergschale der Laguna de las Yeguas über 715 Höhenmeter ebenfalls auf den Pico Veleta, sogar noch ein Stück höher hinauf als der Schlepper. Mit ihren fünf Quadratkilometern umfasst die Laguna ein Areal, in das locker drei voralpine Skigebiete mittlerer Größe hineinpassen würden – und fast jeder Quadratmeter davon ist fahrbar. Setzt man die Förderleistung der Bahn in Beziehung zu diesen Dimensionen wird klar: Hier findet man auch Tage nach dem letzten Schneefall noch unverspurtes Terrain.

An Tagen wie diesem sowieso. Es verlieren sich nur eine Handvoll Skifahrer in den Weiten der Laguna, und die Wolken haben sich inzwischen über die Tajos de la Virgen geschoben, jene Felszacken, die die Laguna gegen die Alpujarras abschirmen. Es beginnt zu schneien. Am Nachmittag wird der Schneefall stärker. Für den nächsten Tag verheißt das Gutes, für heute treibt uns das Wetter ins Tal. Dort regnet es. Das ursprünglich geplante Après-Programm, flanieren über die Plaza de Pradollano, auf der Terrasse des La Bodega an der Plaza de Andalucía einen Cortado trinken und in die Sonne linsen, fällt damit ins Wasser.

Beim Après-Ski ticken die Uhren anders

Stattdessen steuern wir die Café-Bar Al Andalus an und machen uns über eine große Portion Churros mit heißer Schokolade her. Churros sind in Fett ausgebackene und mit Zucker bestreute längliche Krapfen aus Brandteig. Ein spanisches Nationalgericht und perfekt dazu geeignet, die Wartezeit bis zum Abendessen hungertechnisch zu überbrücken. Zum Abendessen begibt man sich hier nicht vor neun Uhr, und dementsprechend bekommt man in den meisten der gut 50 Restaurants auch vorher nichts zu essen. Das eigentliche Nachtleben beginnt frühestens um Mitternacht, einige Diskotheken öffnen erst um zwei Uhr früh ihre Türen, gefeiert und getanzt wird bis zum Morgengrauen.

Die Liftgesellschaft macht die mindestens zweistündige Verschiebung gegenüber dem mitteleuropäischen Tagesablauf nicht mit und öffnet die Bahnen täglich ab neun Uhr. Am Ostermontag sind es zwar nur noch drei, die den Betrieb aufnehmen, aber dank des effizienten Layouts der Anlagen erschließen diese Lifte 75 Prozent aller Abfahrten der Sierra Nevada. Auf denen funkelt frischer Schnee in der Morgensonne. Über Nacht ist die Schneefallgrenze gesunken, am Pico Veleta warten rund 10 cm Neuschnee. Auch die am Vorabend gewalzten Pisten überzieht eine dünne Schicht des frischen Weiß. Traumhafte Bedingungen also, und das am 25. April auf der geografischen Breite von Tunis. Für uns bedeutet das: Ab in Richtung Laguna de las Yeguas, den letzten Powder der Saison genießen. Nach zwei famosen Off-Piste Runs ziehen neue Wolken heran, die Sicht geht auf null. Jetzt würde man sich doch den einen oder anderen Baum zur Orientierung wünschen. Wir liften zurück nach Borreguiles, aber auch hier sieht man kaum die Hand vor Augen. Also erst mal Einkehrschwung. Gemütlich sind die Verpflegungsstationen in Borreguiles, die in der Hochsaison täglich Tausend Schneesportler bedienen, nicht gerade. So sind wir froh, als sich die Wolkendecke endlich wieder hebt und den Blick bis hinunter nach Pradollano freigibt.

Es ist schon spät und wir wollen heute Nachmittag noch an die Küste. Trotzdem liften wir nochmal bergwärts. Von der Bergstation der Telesilla Stadium queren wir über einen Ziehweg zur Águila, der längsten Pisten des Skigebietes, die über mehrere Kilometer in weitem Bogen durch das Valle de San Juan führt, immer mit herrlichen Blick hinunter bis in die Olivenhaine rund um Granada. Noch niemand hat hier heute Spuren in die Neuschneedecke gelegt. Führt die Piste am Ende nur zu einem bereits ge-schlossenen Lift? Die Sorge ist unbegründet, der beschneite Skiweg Ribera de Genil bringt uns zurück auf die El Rio, die letzte verbliebene Talabfahrt.

Nur wenige Schritte sind es vom Pistenende in das riesige Parkhaus unter der Plaza de Andalucía, und 75 Minuten nachdem wir dort den Zündschlüssel herumgedreht haben, parken wir unseren Mietwagen gegenüber der UHA-Bar am malerisch von einem maurischen Wachturm überragten Playa de Tesorillo in Almuñécar. Bei Sonne, angenehmen 22 Grad und dem Rauschen der Wellen in den Ohren lassen wir uns mit den Füßen im Sand fangfrischen Tintenfisch, Sardinen und Schwertfisch schmecken. Dank WLAN können wir die Wettervorsage checken: Wolkenloser Himmel und 28 Grad sind gemeldet, diesmal an der Costa del Sol. Na also, geht doch. <<<

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