Skifahren in Namibia: Heißer Skispaß

Locker schwingen auf der „Matterhorn“-Düne: Henrik May zeigt Touristen in Namibia, wie man auf Sand Ski fährt. In ­Zeiten des Klimawandels ­könnte das vielleicht sogar ein Sport für die Zukunft sein

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© Sandra Urbaniak, Günter Kast

Text: Günter Kast (aus: SkiMAGAZIN 3/2016)

Der Mann, der weiß, wie’s geht, ist nicht der Anton aus Tirol, sondern der Henrik aus Swakopmund. Und die Frage „Wo ist der Lift?“ kontert er mit: „Der Lift bist Du.“ Also zurre ich die Ski quer auf der Alu-Kraxe fest und beginne mit dem Aufstieg zur „Matterhorn“-Düne. 120 Höhenmeter klingen überschaubar, sind es aber bei 30 Grad im Schatten – von dem man hier ohnehin nur träumen kann – nicht unbedingt. Dazu kommen noch die bleischweren Skischuhe, in die langsam der Sand rieselt. „Den Fuß sacken lassen, kleine Schritte machen, gleichmäßig gehen“, rät Henrik May.

Im Gegensatz zu mir kennt er selbst keine Atemnot. In langer Hose und langem T-Shirt („Wegen der Hautkrebsgefahr“) stapft er voraus, die Hände schützt er mit Radhandschuhen, auf dem Kopf trägt er ein Piratentuch. Er hat sogar noch Puste, um nebenbei zu erzählen, warum nicht die Zugspitze, sondern die „Matterhorn“-Düne zu seinem Hausberg wurde. In meinem Sauerstoff-unterversorgten Hirn bleibt über Henrik leider nur wenig hängen: Jahrgang 75, gebürtiger Thüringer, Sportschule Oberhof, DDR-Kader der Nordischen Kombinierer, Training mit Ronny Ackermann, Wettkämpfe mit Sven Hannawald. Nach der Wende: Ende der staatlichen Sportförderung, eine unsichere Zukunft als Profi. Neustart.

Wie ein paniertes Schnitzel

May sagt dem Leistungssport adieu­ und wandert mit seinen Eltern 1998 nach Namibia aus. Gemeinsam betreiben sie eine Gästefarm und ­zeigen Touristen die Wüste: „Die erste Zeit war hart, wir sprachen ja kaum Englisch“, erinnert er sich. Gerade als es aufwärtsgeht, kommt der Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben. „Er hat ‚Ski Namibia‘ nicht mehr miterlebt, aber in Gedanken ist er immer bei mir“, sagt Henrik. Weil sein Bruder Christian in Deutschland blieb („Der wollte ein bürgerliches Leben.“), ­managt er mit seiner Mutter die Gästefarm nun allein.

Allmählich wird der Anstieg auf dem scharfen Grat flacher und die Sicht besser. Dünen, so weit das Auge reicht. Der Geländewagen ist nur noch als weißer Fleck tief unten im gelben Sand auszumachen. Auf dem Kamm der Düne weht sogar eine erfrischende Brise. Tatsächlich ist das Klima nahe Swakopmund zum Skifahren ganz gut geeignet. Es ist nicht so glutheiß wie im Landes-inneren, der kalte Benguela-Strom vor der Küste sorgt oft für Nebel, und im afrikanischen Winter wird es sogar empfindlich kühl. „Beim Abschnallen der Ski von der Kraxe müsst ihr aufpassen, dass Euch die Bretter nicht abhauen“, warnt Henrik. Die Knie sind jetzt seltsam weich, von der Stirn rinnt Schweiß in Strömen. Und auf die schweißnasse Haut klatscht der Wind feinen Sand. So muss sich ein ­paniertes Schnitzel fühlen …

Als May in Namibia heimisch wird und die größten Hürden überwunden sind, beginnt er, die zwei Bretter, die ihm einst die Welt bedeuteten, zu vermissen. Ganze fünf Jahre sei er „trocken“ gewesen, wie er sagt, habe keinen Ski angerührt. Doch dann bringt ihm ein Freund aus Deutschland ein Paar Latten mit. Henrik klappert mit dem Geländewagen sämtliche Dünen zwischen Swakopmund und Walvis Bay ab. Er sucht eine Einsteiger-Düne – wenig steil im Aufstieg, mittel-steil für die erste Abfahrt, sehr steil für die Könner auf der Rückseite. Parallel dazu experimentiert er mit verschiedenen Belägen auf den Ski. Sein Geheimrezept gibt er nicht preis, er verrät nur so viel: „Vorher wird ein hartes Wachs aufgetragen, hinterher der feine Sand mit Wasser abgewaschen.“ Der Belag müsse oft präpariert werden, denn der Sand setze dem ­Material ordentlich zu. Dafür sei Kantenschleifen überhaupt kein Thema, denn scharfe Kanten seien nicht hilfreich beim Dünen-Skifahren.

Henrik ist begeistert von seinem neuen Hobby, dessen Anfänge vermutlich auf einige Kalifornier in den 1930er Jahren zurückgehen. Als Ex-Skispringer und -Langläufer fährt er natürlich Telemark, mit freier Ferse. Er schwingt „Big Daddy“ hinab, die höchste Düne Namibias bei Sossusvlei. Er organisiert eine sechstägige Skidurchquerung des Dünengürtels der Namib. Er baut eine Schanze an der „Matterhorn“-Düne, zu der er seine ersten Gäste führt. Er lernt, mit Hitze, Wind und Sand umzugehen – und begreift mehr und mehr, was für ein faszinierender Lebensraum die Namib ist. Da gibt es Seitenwinder-Schlangen, die sich seitlich im Sand fortbewegen, Spinnen, die sich bei Gefahr zu einer Kugel formen und die Dünen hinabrollen, und Käfer, die sich auf ihre Hinterbeine stellen, um den Nebel aufzufangen und den herab-laufenden Wassertropfen zu trinken.

Sand ist wie Schnee – nur anders

Das alles tritt jetzt in den Hintergrund. Der Ernstfall naht. Etwas zögerlich steige ich in die Bindung, die weiter hinten montiert ist als bei Alpinski. Das soll den Auftrieb verbessern. Die Skispitzen ragen ins Nichts, und es fällt schwer, auf dem schmalen Dünenkamm die Balance zu wahren und weder nach vorne noch nach hinten umzukippen. Ein Idiotenhügel sieht anders aus! Der Sprung ins kalte Wasser ist hier der Sprung in den heißen Sand. „In Falllinie anfahren, Geschwindigkeit aufnehmen, laufen lassen“, ruft Henrik gegen den Wind an. „Nicht verkanten, einfach gleiten, wie beim Fahren auf butterweichem Firn. Und die Hoch-Tief-Bewegung nicht vergessen.“

Gegen die Info-Flut hilft nur Losfahren. Die ersten Schwünge ziehe ich noch etwas ängstlich und mit zu viel Rücklage. Langsam werde ich mutiger und riskiere einen ersten Blick auf das Dünenmeer. Dann ist die erste Abfahrt auch schon vorbei. Viel zu schnell ging das. Man könnte jetzt fragen: „Wo ist die Schnee-Bar?“, aber die Antwort von Henrik kennt man ja schon. Außerdem macht das Ganze einen Riesenspaß – viel mehr, als man erwartet hatte. Die Band Ideal hatte eben doch nicht Recht, als sie in den 80er Jahren in ihrem Kultsong „Sex in der Wüste“ texteten: „Der Sand ist heiß, kein Schatten weit und breit, die Cola kocht, man liegt im eig’nen Schweiß.“

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Ski-Bars gibt’s bei Henrik May nicht, nur die mobile Variante.
© Sandra Urbaniak, Günter Kast

Speed-Rekord in der Wüste

Nach weiteren vier, immer mutigeren Abfahrten klebt die Zunge am Gaumen, die Beine werden schwer. Henrik macht jetzt tatsächlich ernst mit dem Après-Ski, zaubert Klapptisch, Bier, Semmeln und Würste aus dem Jeep – natürlich Thüringer. Nur der „Anton aus Tirol“ aus dem Lautsprecher fehlt.

Während der Jause erzählt Henrik von seinem Geschwindigkeitswelt­rekord: Nach einem Motorradunfall will er sich beweisen, dass er wieder zu sportlichen Höchstleistungen fähig ist, findet die optimale Düne für einen Rekordversuch und tauft sie „Speed Dune“. Dann macht er sich schlau, was für einen Eintrag ins Guinness-Buch ­erfüllt sein muss: „Die sind sehr streng. Das Ja oder Nein wird nicht begründet“, sagt May. Er lernt, den Sand zu lesen, so wie früher den Schnee. Trotzdem sind die ersten Tests eher Amokfahrten, und er baut kapitale Stürze. 2010 fühlt er sich dann richtig vorbereitet. Sponsoren helfen ihm, den Rekordversuch zu dokumentieren. Im zweiten Lauf rast er mit 92,12 km/h seine „Speed Dune“ hinunter, mit einem Anlauf von nur 105 Metern. Die Guinness-Beauftragten bescheinigen ihm den Geschwindigkeitsrekord im Sandskifahren. May ist stolz, auch wenn auf Schnee ungleich schnellere Geschwindigkeiten möglich sind. Der Rekord liegt hier bei über 250 km/h.

Inzwischen ist es Abend geworden. Henrik will noch einmal hoch, diesmal auf seine „Speed Dune“, um den Sonnenuntergang zu genießen. Oben wartet eine unwirkliche Stimmung. Die Dünen leuchten in Rot-, Gelb- und Brauntönen und werfen lange Schatten. In der Ferne sieht man die Silhouetten der Frachter vor der Atlantikküste. Eine vergleichbare Landschaft gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Dennoch möchte Henrik seine Trips gar nicht so sehr vermarkten. Er fürchtet, dass das sensible Ökosystem Schaden nimmt, wenn er zu viele Menschen in die Dünen lockt, obwohl sein Revier von der Regierung offiziell freigegeben wurde. Auch Paraglider und Sandboarder kommen hierher. Letztere bieten Dünentouren für Touristen mit einem kurzen Surfbrett an, auf das man sich bäuchlings legt. Das verspricht für weniger trainierte Schneesportler ein schnelleres Erfolgserlebnis als Henriks richtiges Skifahren. „Für Leute, die nur die Skihalle Neuss kennen, ist meine Idee nichts“, räumt er ein.

Für die Zukunft hat er große Pläne. Er möchte einen Sandski entwickeln und ein Skitouren-Rennen durch die Namib organisieren. Vielleicht ist das ja wirklich die Zukunft des Skifahrens. Angeblich ist Sanddünen-Carven in rund 40 Ländern der Erde möglich. In der Sahara würde das auch in Zeiten des Klimawandels funktionieren, wenn der letzte Schnee in den Alpen verschwunden ist. Man braucht keine Lifte und Pistenraupen und bekommt stets jungfräuliches Gelände, quasi „Pulversand“ statt „Pulverschnee“, denn der Wind verbläst die Spuren wieder.

Die Zukunft könnte auch in China liegen. Henrik hat festgestellt, dass besonders viele Chinesen seine Website besuchen, denn dort gibt es einige der höchsten Dünen der Welt. Auch für die Scheichs im Mittleren Osten könnte das etwas sein – sofern jemand sie mit dem Jeep die Dünen hinaufchauffiert. Ja, er habe schon an Quad-Bikes als Liftersatz gedacht, sagt Henrik. Aber umweltfreundlich seien die Dinger natürlich nicht.

Ob das was wird? Henrik ist ein zurückhaltender, manchmal fast scheuer Mensch. Ein bisschen schräg, auf liebenswerte Weise verrückt. Er ist keiner, der Sponsoren mit einer PowerPoint-Präsentation binnen zehn Minuten überzeugt. Eine Anfrage bei Red Bull sei versandet. Hat er wirklich „versanden“ gesagt?

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Lockerer Sand in Namibia – fast so schön wie Champagne-Powder.
© Sandra Urbaniak, Günter Kast

Allgemeine Auskünfte

Namibia Tourism Board: www.namibia-tourism.com, E-Mail: info@namibia-tourism.com, Tel. 069-1337360

- Anreise/Einreise

Air Namibia fliegt täglich direkt von Frankfurt am Main nach Windhuk. Die Airline des jungen Staates verfügt über eine moderne Flotte und hat erst kürzlich zwei nagelneue Airbus A 330-200 erhalten, die auch in der Economy-Klasse mit komfortablen Sitzen und Bildschirmen ausgestattet sind. Buchung unter: www.airnamibia.com

- SandSkifahren in den Dünen

Henrik May, www.ski-namibia.com, E-Mail: henrik@ski-namibia.com, Tel. +264 (0) 81 4720343

Sandboarding, also das Snowboarden im Sand, gibt es auch in Deutschland – in Hirschau in der Oberpfalz, etwa 60 Kilo-meter von Nürnberg entfernt. Dort kann man auf einem Quarzsandhügel üben. Kontakt: Skiclub Monte Kaolino Hirschau e.V., www.sc-montekaolino.com

- Extra-Tour

Wer ohnehin Urlaub in Namibia macht und zum Sandskifahren nach Swakopmund kommt, sollte dort auch eine Fahrt im Heißluftballon über das Dünenmeer buchen. Kontakt: African Adventure Balloons, PO Box 2238, Swakopmund, www.africanballoons.com, E-Mail: flylo@iway.na, Tel. +264 (0) 812429481

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2016

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