Christof Innerhofer: „Wem soll es besser gehen als mir?“

Es gab Zeiten, da war Christof Innerhofer (27) kein Platz in der italienischen Mannschaft sicher. Nur er selbst verlor nie den Glauben an sich und wurde bei der Ski-WM in Garmisch-Partenkirchen mit einer Gold-, einer Silber- und einer Bronzemedaille zum absoluten Überflieger.

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Interview Verena Duregger Illustration Jasmin Siddiqui Bild Rossignol

Zum Saisonstart blickte natürlich alles auf ihn – doch eine Verletzung bremste ihn ein. Keine einfache Situation. Im Interview erzählt Innerhofer, wie er mit dem Erfolgsdruck umgeht, was seine Ziele für diese Saison sind und warum er kein Problem mit seinem Image als Schürzenjäger hat

Kurz vor Beginn der Weltcupsaison sind Sie gestürzt. Sie zogen sich ein Schleudertrauma zu und mussten ein paar Tage ins Krankenhaus. Was ist in diesem Moment in Ihnen vorgegangen?

Natürlich denkt man sofort: Mist. Da trainiert man den ganzen Sommer fast 30 Stunden pro Woche und dann das. Ich war unglaublich gut in Form. Durch die Verletzung habe ich viel Kraft und Kondition verloren. Aber das war nicht das größte Problem.

Sondern?

Ich bin nicht nur mit einem Trainingsrückstand in die ersten Rennen gestartet, sondern hatte über Wochen lang starke Kopfschmerzen. Das wirkt sich sofort auf die Leistung aus. Ich hätte die ersten Rennen auslassen sollen, aber dafür bin ich viel zu ehrgeizig. Bis jetzt habe ich noch Probleme, mich zu hundert Prozent zu konzentrieren, was die Rennsituation für mich natürlich auch gefährlicher macht.

Ist Angst ein Faktor, der ständig mitfährt?

Nein, das nicht, aber eine gewisse Unsicherheit. Ich bin in den vergangenen Monaten zwei weitere Male gestürzt. Um den Kopf wieder ganz frei zu bekommen, muss ich jetzt viele Pistenkilometer machen und ein paar gute Resultate holen.

Könnte es sein, dass nach der so erfolgreichen Saison 2010/11 zu viel Druck auf Ihnen lastet?

Im Gegenteil: Die Erfolge haben den Druck von mir genommen. Ich blicke dem Ganzen viel gelassener entgegen. Wem soll es besser gehen als mir? Ich weiß, dass ich Material habe, mit dem ich schnell fahren kann, dazu einen der besten Servicemänner, Trainer, mit denen ich mich gut verstehe, und gute Sponsoren. Jetzt müssen erst mal die anderen zeigen, dass sie schnell Skifahren können.

Das klingt ganz schön selbstbewusst.

Das hat nichts mit Arroganz zu tun, sondern mit der Erfahrung, die ich gesammelt habe. Vor ein paar Jahren hätte ich den Kopf nach dem schlechten Start sicher hängen lassen. Mittlerweile habe ich gelernt, mit Niederlagen umzugehen. Man hakt das Rennen ab, weil man sowieso schon bald wieder eine Chance bekommt. Ich bin keiner, der vor einem Rennen lange herumgrübelt.

Nach Gold, Silber und Bronze bei der WM waren Sie für alle plötzlich Winnerhofer. Kam das für Sie selbst überraschend?

Ich wusste, dass ich in Form bin und meine Leistungen aus dem Training im Rennen wiederholen müsste. So weit zur Theorie. Trainingsweltmeister gibt es viele, aber bei wichtigen Rennen darf man nicht blockieren. Viele scheitern daran, dass sie alles noch ein bisschen besser machen

wollen, wenn es Ernst wird. Und dann geht es schief. Man muss Spaß haben auf der Piste und keine Angst. Das ist mir in den Tagen geglückt. Die Weltmeisterschaft war ein Wahnsinnserlebnis für mich, ich denke immer noch gerne daran.

Dabei hätte Ihnen in Ihrer Jugendzeit als Skifahrer kaum jemand diese Erfolge zugetraut. Erfüllt Sie das mit Genugtuung?

Es lief bei mir in den Anfangsjahren ja ähnlich wie bei Hermann Maier. Mit 15, 16 Jahren sind wir den anderen immer hinterhergefahren. Wir haben beide auf dem Bau gearbeitet, er als Maurer, ich als Handlanger. Wir

wissen, was es heißt, hart für den Erfolg zu arbeiten und nicht aufzugeben. Wenn man es dann allen zeigt, empfindet man natürlich große Genugtuung.

Hatten Sie noch weitere Vorbilder?

Als ich jünger war, begeisterten mich Alberto Tomba und Marc Girardelli. Und ich bewundere die Norweger Kjetil André Aamodt und Lasse Kjus, weil sie bei Großereignissen auf den Punkt fit waren und viele Medaillen abgeräumt haben.

Das könnte ja auch für Sie gelten. Leider steht in dieser Saison kein Großereignis an. Was sind Ihre Ziele?

Für viele zählt nur das Siegen. Das gilt für mich nicht. Man darf nicht vergessen: Das ist Weltcup – jeder, der hier mitfährt, ist schon weit gekommen. Natürlich möchte ich irgendwann eine Kristallkugel holen oder bei Olympischen Spielen aufs Treppchen kommen. Was diese Saison betrifft, hat sich mein Fokus durch den Sturz sicher geändert. Ich konnte nicht von Anfang an Top-Leistungen zeigen. Ab der zweiten Hälfte möchte ich wieder voll da sein und in Kitzbühel und Wengen auf dem Podium stehen.

Sind das Ihre Lieblingsstrecken?

Die Klassiker sind schon immer etwas Besonderes. Aber dass es einem irgendwo gefällt, hängt nicht nur von der Piste ab. Wir Skifahrer sind in jedem Jahr an den gleichen Orten. Wir wissen schon vorher, was uns erwartet. Da zählen zum Beispiel auch Dinge, die für andere nebensächlich erscheinen, etwa ob es gutes Essen gibt und die Hotelbetten groß sind (lacht). Ich bin zum Beispiel immer froh, wenn die Zeit zu Beginn der Saison in Kanada vorbei ist. Da schmeckt das Essen scheußlich.

Martina Ertl-Renz hat einmal gesagt, das viele Herumreisen habe sie irgendwann genervt. Wie geht es Ihnen damit?

Für mich ist das kein Problem, was sicher auch daran liegt, dass ich Single bin. Ich sehe es ja bei anderen Kollegen: Diejenigen, die einen festen

Partner haben, beschweren sich schon manchmal darüber.

Sie sind also nicht vergeben.

Das wird aber viele weibliche Fans freuen … Bei mir ist alles beim Alten. Ich bin Single und für vieles offen.

Ein Satz, der zu Ihrem Image passt. In der Branche gelten Sie als Schürzenjäger. Stört Sie das?

Das ist mir mehr oder weniger egal. Ich bin eben eine offene Person, die nicht alles, was sie sagt, auf die Goldwaage legt und auch mal einen lockeren Spruch los wird. Solange ich mit niemandem fest zusammen bin, ist das alles kein Problem. Irgendwann werde ich schon auch eine Familie gründen. Dann lege ich das Macho-Image freiwillig ab.

Sie haben nicht nur viele weibliche Verehrerinnen, sondern mit 850 Mitgliedern auch einen der größten Fanclubs. Was mögen die Menschen an Ihnen?

Ich glaube, meine Offenheit. Ich bin jemand, der sofort mit allen redet und sich auch für die Sachen interessiert, die jemand anderes erzählt.

Mit drei Jahren standen Sie zum ersten Mal auf Skiern. Ab wann war Ihnen klar: Ich werde Profi-Skifahrer?

Ich war als Kind schon kaum zu bändigen, musste mich immer bewegen. Mit sechs Jahren war ich im örtlichen Ski- und Hockeyclub. Irgendwann

sagte mein Vater, dass ich mich für eines von beiden entscheiden muss. Ich meinte dann, dass ich Eishockey spielen will, weil ich gerade erst damit angefangen hatte. Aber er war nicht einverstanden. Er sagte nur: „Bleib lieber beim Skifahren.“ Und das habe ich getan, so einfach war das. So schnell die Entscheidung fiel, der Weg zum Profiskifahrer ging über viele hügelige Pisten. Ohne die Unterstützung meiner Eltern hätte ich das nicht geschafft.

Haben Sie in Ihrer Heimat Südtirol ideale Trainingsbedingungen vorgefunden?

Die Österreicher haben zwar ein viel größeres Budget als wir, aber davon mal abgesehen ist Südtirol ideal. Man kann von Ende November bis Ende April Ski fahren, die Gletscher sind von meinem Heimatort Gais gut zu

erreichen. Auch zu einigen Rennen habe ich es nicht weit.

Michael Walchhofer hat einmal über Sie gesagt, Sie seien gnadenlos und technisch herausragend.

Das ist ein schönes Kompliment von einem großen Skifahrer. Ich denke, er meint damit meine Fahrweise bei schwierigen Verhältnissen. Ich kann meine Leistung vor allem auf unglaublich steilen und eisigen Pisten abrufen.

Und was sind Ihre Schwächen?

Auf weichem Untergrund fehlt mir das Feingefühl, weil ich mit zu viel Kraft fahre. Da habe ich sicher noch Aufholbedarf. Ein paar österreichische Fahrer, unter anderem Klaus Kröll, nennen mich den Eisbrecher oder Eisbeißer, weil ich so gut auf Eis fahre.

Diese Spitznamen sind als Kompliment gemeint. Gibt es bei den Männern keinen Zickenkrieg?

Da sind die Frauen viel schlimmer als wir. Klar gönne ich es dem einen mehr und dem anderen weniger. Das ist im Sport nicht anders als im normalen Leben. Ich habe aber keine Rivalen in dem Sinn. Ich fahre gegen die Zeit und wenn einer schneller ist, dann hat er etwas besser gemacht.

Bei der Vermarktung gehören Sie sicher zu den besten. Für eine Wäschefirma zeigen Sie sich sogar in Boxershorts.

Ich habe in letzter Zeit viele Foto-Shootings gemacht. Mir gefällt das. Man hat dabei mit Leuten zu tun, die sich mit Skifahren nicht auskennen und bekommt Einblick in eine fremde Welt. Das ist eine gute Ablenkung. Außerdem habe ich keine Probleme, mich zu zeigen.

Sie können noch viele Jahre in der Weltspitze mitfahren. Haben Sie trotzdem schon einmal ans Aufhören gedacht?

Das ist für mich kein Thema. Wenn ich gesund bleibe, bin ich sicher jemand, der nicht so schnell aufhören wird. Ich bin mit Leib und Seele dabei und habe mir noch keine Gedanken gemacht, was ich später machen werde. Ich bin bei der Finanzwache, wo ich bleiben könnte. Ich kann Trainer werden oder einen ganz eigenen Weg gehen. Giorgio Rocca zum Beispiel hat seine eigene Skischule und fährt mit seinen Kunden Ski, andere vermieten Ferienwohnungen oder arbeiten als Kommentatoren.

Stimmt es, dass Sie auch abseits der Piste gerne schnell unterwegs sind?

Im Auto? Ja, das stimmt. Ich glaube, diesen Geschwindigkeitsrausch haben alle Fahrer im Blut. Mir geht es immer ein bisschen zu langsam, deshalb ist es gut, wenn ich nur für kurze Zeit ein schnelles Auto geliehen bekomme (lacht). Wenn es dann wieder weg ist, ist es auch okay.

Können Sie Schnee am Ende der Saison überhaupt noch sehen?

Davon kriege ich nie genug. Wenn die Rennsaison zu Ende ist, gehe ich mit meinen Freunden auf meinen Hausberg Speikboden. Da gibt es abseits der Piste eine schöne Variante, die zu einer urigen Hütte führt. Die fahre ich gerne runter und danach ist auch mal ein Abstecher zum Après-Ski drin.

Was ist das letzte Buch, das Sie gelesen haben?

„Intelligent investieren“ von Benjamin Graham. Wenn ich ein Buch in die Hand nehme, dann handelt es immer von Wirtschaftsthemen. Ich weiß, was die aktuellen Aktienkurse sind, wie die Währungen stehen, wo die Wirtschaft wächst und was der allgemeine Trend ist. Das gefällt mir und interessiert mich einfach.

Haben Sie denn einen Teil Ihrer Preisgelder in Aktien angelegt?

Nur ein bisschen was, und das ist mehr zum Spielen. Ich riskiere ja schon jeden Tag genug auf der Piste, da muss ich nicht auch noch schlaflose Nächte wegen der Aktienkurse haben.

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