Ein Scheich in Andermatt

Früher wurde Andermatt in einem Atemzug mit Gstaad und Zermatt genannt. Doch als das Schweizer Militär die strategische Bedeutung des Touristenortes für die Landesverteidigung erkannte, begann der Niedergang des Fremdenverkehrs.

neuer_name

Nun träumt Andermatt von der Rückkehr in die 1. Liga der Wintersportorte. Möglich machen sollen es die Pharaonen-Millionen eines ägyptischen Milliardärs. Wo gestern noch die Schweizer Armee im Schnee lag, soll in weniger als zwei Jahren ein neues St. Moritz eröffnen.

Text Taufig Khalil Bild Andermatt Swiss Alps

Die Kräne stehen still in Andermatt. Nicht weil dem Investor das Geld ausgegangen ist, wie so vielen Projekten in Dubai. Es ist der Schnee. Meterhoch türmt er sich in diesem Winter auf den Straßen und den ersten Gebäudekomplexen, die ab dem Winter 2013/14 das „neue Andermatt“ sein sollen. „Retortenstadt“ schimpfen die einen, „das ambitionierteste Tourismusprojekt der Alpen“ schwärmen die anderen.

Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Natürlich hat ein aus dem Boden gestampftes Projekt wie „Andermatt Swissalps“ mit 3.800 neuen Gästebetten in 6 Hotels, 490 Appartements und 25 Luxusvillen plus Sport und Golfplatz etwas von einer Retortenstadt. Doch was wäre die Alternative für Andermatt ohne den Wagemut von Samih Sawiris gewesen?

In diesen Tagen ist der Name des Ägyptischen Milliardärs und seiner Baufirma Orascom bei Schweizer Tourismusmanagern allgegenwärtig.

Nachhilfe aus der dritten Welt. Was die Schweizer nicht konnten, soll nun ein Afrikaner schaffen: Andermatt aus seinem fast 100 Jahre dauernden Dornröschenschlaf erwecken. Denn heute können bestenfalls noch Freerider, die sich die extrem steilen Hänge des 2.963 Meter hohen Gemsstock hinunter stürzen, etwas mit dem Namen des einstmals mondänen Tourismusortes anfangen.

Der Aufstieg

Im Zentrum der Schweiz gelegen, war Andermatt mit seinen vier Pässen lange ein wichtiger Durchgangsort. Wer von Nord nach Süd wollte musste hier über den Gotthard. Und schon Johann Wolfgang von Goethe fühlte sich bei einer Rast in Andermatt „sauwohl“.

Eigentlich hätte der kleine Ort im Urserental das Zeug gehabt, es mit St. Moritz oder Zermatt aufzunehmen. Alte Fotoaufnahmen zeigen elegante Engländer die auf der Terrasse des „Grand Hotel Bellevue“ das Gotthard Massiv bestaunen, bevor sie sich selbst am zweiten Skilift der gesamten Schweiz auf die Pisten wagen. Doch als 1882 der Gotthardtunnel eröffnet wurde und immer weniger Touristen per Bahn in Andermatt landeten, begann der Niedergang.

Das endgültige Ende von Andermatt als Tourismushochburg kam dann nach dem ersten Weltkrieg mit der Idee, die umliegenden Berge zu Bunkeranlagen auszubauen. „Hierher sollten sich ausgewählte Eliten im Falle eines Angriffs zurückziehen“ erklärt Bänz Simmen die Idee des „Reduit“. Simmen ist eine zentrale Figur in Andermatt. Internetcafébetreiber, Ortshistoriker, Skiguide. Während er von Andermatts Aufstieg und Niedergang erzählt, enttarnt er ganz nebenbei, womit die Schweizer Armee potentielle Angreifer täuschen wollte. „Trau hier keinem Felsen“ warnt Bänz und klopft am Gipfel des 2.344 Meter hohen Gütsch gegen eine vermeintliche Granitwand, die sich durch ihren hohlen Klang als Pappmachéattrappe entpuppt. „Darunter befinden sich kilometerlange Tunnelanlagen die die Berge miteinander verbinden, manchmal auch Luftabwehrgeschütze“ verrät Bänz mit einem Grinsen. Vor allem nach dem zweiten Weltkrieg übernahm das Militär das ganze Tal, eröffnete Kasernen und baute den Gotthard zu einer Alpenfestung aus.

Wer genau hinschaut erkennt Straßen die im Fels enden oder Seilbahnen die scheinbar geradewegs ins Nichts führen.

Wo früher Wanderer und Langläufer über die Wiesen entlang der Reuss wanderten, veranstalteten Rekruten plötzlich Zielschießen mit Flugabwehrkanonen.

Doch Andermatt lebte bestens von seinen Soldaten, die viel Geld in die Kassen der Gemeinde und lokalen Geschäftsleute spülten.

Während das idyllische Bergdorf mit seinem uralten Kern jegliche Attraktivität als Tourismusort einbüßte, blühte die Wirtschaft gewaltig auf. Innerhalb von 100 Jahren hatte Andermatt seine Einwohnerzahl bis 1980 auf 1.400 Personen verdoppelt. Es lebte sich gut und sorgenfrei – von der Armee.

Der Niedergang

Doch was Andermatt reich gemacht hatte wurde schließlich sein Niedergang.

„Durch eine veränderte Bedrohungssituation war man der Meinung, dass Andermatt seine Bedeutung für den Reduit verloren hatte“ erklärt Oberst Franz Nager vor der Altkirch Kaserne am Ortseingang von Andermatt, warum sich das Militär Anfang der 1990er Jahre mehr und mehr

zurückzog. Soll heißen: Sowjets und Nazis waren keine Bedrohung mehr für die Eidgenossenschaft. Das „Hotel Altkirch“, wie die Kaserne spöttisch genannt wurde, verlor zunehmend an Bedeutung. Und mit dem Wegzug der Armee gingen auch viele Arbeitsplätze verloren, die nicht zu ersetzen waren.

„Touristisch spielte Andermatt überhaupt keine Rolle mehr“ erklärt Bänz Simmen mit kehligem Urschner Dialekt, warum seine Heimat langsam zum Fall für den Insolvenzverwalter wurde.

Vom Jahrzehnte lang vernachlässigten Tourismus konnte niemand mehr leben. Zwischen 1995 und 2005 zogen jährlich 40 bis 70 meist jüngere Andermatter ins Unterland nach Zug, Luzern und Zürich, weil sie in ihrem Geburtsort keine Zukunft mehr sahen. „Andermatt drohte auszubluten – wenn nicht Sawiris gekommen wäre“ fasst Simmen die Situation zusammen.

Der Retter

Doch eigentlich kam Andermatt zu Sawiris und nicht umgekehrt.

Bereits in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte sich der „Ägyptische Rockefeller“, wie Sawiris wegen des sagenhaften Reichtums seiner Familie oft genannt wird, einen Namen als erfolgreicher Stadtentwickler gemacht.

Aus nichts als Wüstensand hatte der koptische Christ in der Nähe von Hurghada die voll funktionsfähige Touristenstadt El Gouna aufgebaut. Mittlerweile eines der erfolgreichsten Tourismusprojekte Afrikas. Ein Erfolgsmodell, das sich bis zum Schweizer Militär rumgesprochen hatte. Die Armee sah sich gegenüber des niedergehenden Andermatt irgendwie in der Verantwortung und fand in Sawiris die Lösung aller Probleme.

„Das war wie eine 100-Euro-Banknote, die auf der Straße liegt, und keiner hebt sie auf “ beschreibt der 55-Jährige, der in Berlin Wirtschaftsingenieurwesen studiert hatte, seinen ersten Eindruck von Andermatt.

Ausgerechnet einer aus dem Land der Moscheen sollte den Schweizern, die gerade die Minarette auf ihren Moscheen verboten hatten, nun helfen.

Schnell war die Rede vom „Scheich“ mit seinen diversen Frauen, erinnert sich Gemeindepräsident Roger Nager an die ersten Gerüchte über den Investor aus dem Morgenland. Doch Sawiris kam ohne Frauen und Bodyguards, grüßte Jeden auf der Straße in perfektem Deutsch, wohnte in einfachen Hotels, aß Käsefondue mit den Einheimischen und gewann das Zutrauen der Andermatter. Bei einer Abstimmung stimmten gar 96 Prozent für das Projekt Andermatt Swissalps.

Trotzdem hielt sich lange eine Skepsis über die Umsetzung der ehrgeizigen Pläne. „Das hätten wir nie für möglich gehalten, dass die tatsächlich mit dem Bau beginnen“ wundert sich eine ältere Frau, die immer noch nicht genau weiß was auf ihr Andermatt zukommt.

Doch zumindest zweifelt niemand mehr. Wie auch. Die Realität ist weithin sichtbar: Das höchste Gebäude ist längst der Rohbau vom Luxushotel Chedi mit seinen sieben Stockwerken, der gerade vor dem ersten Schnee winterfest gemacht werden konnte.

Genau dort wo einst das „Bellevue“ stand will Andermatt mit dem ersten Europäischen Hotel der Chedi-Gruppe wieder an den Luxus früherer Tage anknüpfen. 5-Sterne-Superior vom Feinsten. Neun Gebäudekomplexe mit 50 Zimmern, Residenzen, Spa, Wellness und Fitnesscenter. Dazu diverse Restaurants und Lounges. Alleine die komplett verglaste Vorfahrt misst 900 Quadratmeter, mit offener Feuerstelle in der Mitte. Im Dezember 2013 sollen hier die ersten Gäste in ihren Geländewagen vorfahren.

Während das Chedi diesseits des Bahnhofs direkt an den historischen Ortskern von Andermatt anschließt, steht das Podium etwas abseits. Dabei handelt es sich um ein 340 Meter langes und 145 Meter breites Betonpodest, das einmal das Fundament von „Neu-Andermatt“ sein wird.

Im Moment ist von der tief verschneiten fertigen Plattform nichts zu sehen, doch mit dem ersten Tauwetter wird der Bau zügig weitergehen. Fünf Hotels wie das Radisson Blu, 42 Apartmenthäuser, Restaurants und Einzelhandelsflächen müssen gebaut werden. Alles passend zur ortstypischen Architektur mit viel Holz und Stein.

Aus dem riesigen, neu angelegten Kreisverkehr wird man unter die Erde geleitet und sein Auto auf einem der geplanten 1970 Parkplätze abstellen, denn Andermatt soll autofrei werden.

Über eine moderne Brücke wird der alte Ortskern in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar sein. Und damit sich Alt-Andermatter und Touristen miteinander vermischen, wird es in der Mitte ein Sportzentrum mit Eislaufplatz und Erlebnisbad geben.

1,5 Milliarden Euro lässt Orascom sich das Projekt kosten. Geld, das vor allem durch den Verkauf von 490 Appartements sowie 25 Luxusvillen reinkommen soll. Für 20 Millionen Franken kann man sich eine Villa nach eigenem Geschmack schneidern lassen. Ein Angebot das gerade für ausländische Investoren aus dem osteuropäischen Raum interessant sein dürfte. Können Ausländer doch unter normalen Umständen gemäß der „Lex Koller“ keinen Grundbesitz in der Schweiz erwerben.

Kaum erwähnenswert, dass der Wegfall dieses Gesetzes für Sawiris Grundvorrausetzung für sein Engagement war. Denn einen Wohnsitz im Steuerparadies Schweiz kann man eben dementsprechend teuer verkaufen. Und die ersten Verträge sind schon unterschrieben …

Das Skigebiet

Doch Andermatt hat neben seiner schwachen touristischen Infrastruktur im Ort ein noch viel größeres Problem: das Skigebiet.

Das taugt mit seinen veralteten Anlagen und naturbelassenen Nordhängen am Gemsstock bestenfalls für Skifreaks, die keine Rinne scheuen und null Anspruch an den Komfort haben. Kaum anzunehmen, dass sich die Klientel, die demnächst im Chedi logieren wird, dort wohl fühlen würde.

Doch die Lösung für das Problem hat einen Namen: „Skiarena Andermatt/Sedrun 2015“.

Da traf es sich bestens, dass mit Bernhard Russi, dem Abfahrtsolympiasieger von Sapporo 1972, einer der bedeutendsten Skipistendesigner der Welt aus Andermatt stammt und dort immer noch lebt. „Ich wäre stolz, wenn wir eines Tages ein qualitativ hochwertiges Skigebiet hätten und nicht auf Masse, sondern auf Qualität ausgerichtet wären“ erklärt Russi am Start zum legendären „Russi-Run“ am Gemsstock. Von dieser naturbelassenen Abfahrt deutet Russi, der gleich einen Platz im Aufsichtsrat von Andermatt Swissalps verpasst bekam, hinüber zum Nätschen und Gütsch, der Sonnenseite des Andermatter Skilaufs.

Dort hätte Andermatt die perfekten Pisten für die „Luxusskifahrer“ aus dem Swissalps-Ressort, schwärmt der Olympiasieger.

Doch abgesehen vom Potential fehlt es an allem. Die Anlagen sind hoffnungslos überaltert und Beschneiungsanlagen genauso dünn gesät wie eine brauchbare Gastronomie. Komfortskifahren war zu Militärzeiten eben nie gefragt. Der Plan ist nun, das Andermatter Skigebiet für 130 Millionen Franken zu modernisieren und mit dem Skigebiet von Sedrun im benachbarten Kanton Graubünden zu verbinden.

Dadurch wäre die Skiarena Andermatt/Sedrun mit 130 größtenteils familienfreundlichen Pistenkilometern das größte Skigebiet der Zentralschweiz. Bereits zur Eröffnung des Chedi im Dezember 2013 sollen die ersten neuen Liftanlagen stehen.

Bis Andermatt Swissalps wirklich voll realisiert ist, wird es noch Jahre dauern. Doch der Anfang ist gemacht. Und viele die einst ihr Dorf verlassen haben kehren nun zurück, denn ihre Heimat hat wieder eine Zukunft.

Und nicht zuletzt an den Andermattern selbst liegt es nun, die zweite Chance zu nutzen. Das Potenzial zumindest ist gewaltig, denn schon Johann-Wolfgang von Goethe befand bei einem Halt in Andermatt: „Mir ist’s unter den Gegenden die ich kenne die liebste und interessanteste“.

neuer_name

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat

Events

30.11 – 23.12.2018
Großarltal - Salzburger Bergadvent
03.01 – 05.01.2019
Schladming/Gröbmingerland - Oldtimer Schneeevent
05.01 – 26.01.2019
St. Anton - "Ladies First"
27.01.2019
Nebelhorn - 22. Allgäuer Lawinentag
03.02.2019
Nebelhorn - SAAC Lawinencamp
27.03 – 31.03.2019
Kanzelwand - Telemark-Fest und Deutsche Meisterschaft