Elisabeth Görgl: Rhythmus im Blut

Elisabeth Görgl (30) war die Frau, die bei den Ski-Weltmeisterschaften 2011 in Garmisch-Partenkirchen jene Rolle übernahm, die eigentlich der Lokalmatadorin Maria Riesch (damals noch ohne Höfl- vor dem Namen) zugedacht war: die der großen Triumphatorin.

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Die in der Steiermark geborene und seit rund 15 Jahren in Tirol lebende „Lizz“ raste zwei Mal zu Gold: In der Abfahrt und im Super-G. Außerdem landete die Speed-Queen auch noch einen Hit, als sie bei der Eröffnungsfeier „You’re the Hero“ sang. Im SkiMAGAZIN-Interview verrät sie nun ihr nächstes Ziel: Ein Dancing Star zu werden!

Interview Jupp Suttner Bild Head Illustration Jasmin Siddiqui

Sie sind bei der WM-Eröffnungsfeier in Garmisch-Partenkirchen als Sängerin aufgetreten und hatten eine Riesenresonanz. Was macht die Musik-Karriere jetzt?

Jetzt ruht sie. Während des Winters ist der Fokus ausschließlich aufs Skifahren gelegt. Aber das mit Garmisch war eine wunderbare Geschichte – und es sind hernach auch einige Anfragen gekommen …

Haben Sie welche wahrgenommen?

Ja, bei der Sportlerehrungs-Gala in Salzburg bin ich mit einer Big Band aufgetreten. Live. Das war sehr speziell und es benötigte Vorbereitung, zum Beispiel einen Tag früher anzureisen. Um es wirklich professionell und gescheit zu machen, ist sehr viel Zeit notwendig – und die habe ich im Winter logischerweise nicht. Aber grundsätzlich: Wenn ein Projekt kommt und passt – dann sage ich gerne ja.

„You’re the Hero – Between Heaven and Hell“ hieß der WM-Song von Lizz & Crizz (Christian Geisler, Komponist und Produzent). Fast 90.000 Klicks bei youtube. Ist der Hit nun ständig in Ihrem Ohr?

Nein. Der tritt allmählich in die Vergangenheit. Aber gelegentlich singe ich ihn noch. Doch nicht mit großen Emotionen, sondern ich denke dabei nur darüber nach, wie ich das rein fachlich gesungen habe.

Als Kind mussten Sie in der Schule mal in der Ecke stehen, weil Sie

während des Unterrichts dauernd sangen. Haben Sie Musik im Blut?

Vielleicht. Zumindest habe ich Rhythmus im Blut – denn ich tanzte schon mit vier dauernd ’rum. Aber trotzdem bin ich eigentlich gar nicht mit Musik aufgewachsen, denn bei mir hat sich das Leben vor allem um das Skifahren gedreht.

Was haben Skifahren und Musik gemeinsam?

Meine persönliche Erfahrung ist: Ich kann mich über die Musik sehr gut entfalten. Und dies ist die Gemeinsamkeit mit Skifahren. Wenn man etwas gerne und gut macht, dann kann und soll man sich darauf einlassen.

Bode Miller hört vor seinen Rennen manchmal AC/DC – „bis mir das Blut in den Ohren kocht“. Was hören Sie?

Ganz unterschiedlich. Je nachdem, wie mein persönliches Empfinden ist, was ich gerade spüre, was ich brauche. Manchmal ist es beispielsweise nur die Ruhe. Wobei ich direkt vor dem Start nie etwas höre, wenn dann

spätestens eine Viertelstunde zuvor.

Markus Wasmeier hat 1994 in Lillehammer bei seiner Fahrt zum Riesenslalom-Olympia-Gold in einigen Toren vor Glück gejodelt – Sie bei Ihren WM-Triumphen auch?

Ich hatte zwar mal einen Weltcup-Lauf, da war ich gar nicht mehr richtig da, es ging irgendwie wie von alleine. Aber mit Singen oder Jodeln unterwegs – so etwas habe ich noch nicht erlebt. Es muss wundervoll sein, wenn man das während eines Rennens schafft! Während des freien Skifahrens gibt es natürlich schon mal einen Juchzer, wenn das Herz überläuft. Und als Kind, erinnere ich mich jetzt, habe ich während des Skifahrens auch oft gesungen …

Haben die WM-Siege Ihr Leben verändert?

Ja sicher! Mein Bekanntheitsgrad ist wesentlich größer geworden. Aber ich sehe mich immer noch als Skisportlerin im ursprünglichsten Sinne. Zwei mal zu gewinnen war eine Riesenbestätigung für mich und meinen Weg, der ja nicht so leicht war. Ich habe gesehen, dass er richtig war – und

dass es gleichfalls richtig war, wie ich arbeite und die Dinge sehe.

Was war das Wichtigste dabei?

Sein „Eigenes“ zu finden und dem dann treu zu bleiben. Und so werde und möchte ich diesen Weg weiter beschreiten. Ich finde es bedeutsam, dass man auf sich hört und sich treu bleibt. Das schafft man nur, wenn man sich selbst kennenlernt. Und sehr bewusst durch das Leben geht. Das gelingt nicht immer – aber es ist wichtig.

Was ist noch bedeutend?

Dass ich nicht irgendjemandem etwas nachmache, dass ich keine Kopie von jemand bin – sondern das tue, von dem ich spüre, dass es mir gut tut.

Dabei ist natürlich nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Es kommen Widerstände und es entstehen Konflikte mit der Außenwelt. Man muss sich dann fragen: Was ist los? Wie kann ich das lösen? Das geht nicht immer locker. Aber man lernt im Laufe der Karriere, dass es mit Lockerheit leichter geht. Dann kommen Erfolge – und daraus resultieren wieder neue Herausforderungen. Ich hab’ sie sehr gern!

Haben Sie dank Ihrer WM-Siege Menschen kennengelernt, die Sie ohne Gold vielleicht nie getroffen hätten?

Nur den Herbert Grönemeyer und dann noch den Landeshauptmann von Kärnten. Denn ich habe mich letzten Sommer relativ zurückgehalten mit dem Wahrnehmen von Terminen. Ich wollte meinen Alltag finden, meinen Weg weitergehen und war nur bei den wichtigsten Sachen meiner Sponsoren dabei sowie bei einigen Autogrammstunden.

Und wie war es mit Grönemeyer?

Sehr interessant! Er ist ein ausgesprochen unkomplizierter und boden-ständiger Typ – sowie natürlich ein begnadeter Musiker und Schauspieler.

Was hat er gesagt?

Nicht viel. Denn es war kurz vor seinem Auftritt und er wollte seine Stimme schonen, da er am Abend zuvor ein anstrengendes Konzert gehabt hatte. Ich bin ihm als Skirennläuferin vorgestellt worden und er begrüßte mich. Ich sagte ihm, dass ich seine Zurückhaltung verstehe. Ich mag auch keinen Trubel vor dem Rennen.

Was ist Ihr Gröne-Lieblings-Song?

Auch wenn ich eine Frau bin: „Männer“!

Haben Sie mitgesungen? Natürlich!

Und Sternspritzer geschwenkt?

Nein – sooo romantisch war es dann doch nicht.

Wie gefällt Ihnen Rainer Schönfelders Musik?

Ahmmmmmhhhh – ja, ehrlich gesagt, ich kenne gar nicht so viel. Aber was „Eigenes“ habe ich von ihm noch gar nicht gehört. Er interpretiert wohl lieber bereits existierende Songs. Er ist ein guter Entertainer und hat Talent.

Weshalb man Schöni auf alle Fälle – wie Sie – in eine „Weltcup-Band“ aufnehmen müsste. Wer würde da noch berufen werden?

Ivica Kostelic natürlich mit seiner E-Gitarre. Und Scott McCartney ebenfalls mit der Gitarre. Mario Scheiber als Schlagzeuger – wie auch Nicole Schmidhofer als Schlagzeugerin. Und der Patrick Staudacher als Bassist.

Außerdem gibt es bei den Amerika-nerinnen noch ein Mädel mit Rastazöpfen, von der habe ich bereits Gitarre und Gesang aus dem Hotelzimmer gehört – das war sehr gut!

Und der Riesenslalom-Vize-Weltmeister von 1974, Hansi Hinterseer?

Wenn er sich an unsere Stilrichtung anpasst, dann darf er gerne dabei sein. Denn unsere Richtung wäre rockig und funkig!

Für wie viele Millionen würden Sie auch eine solch’ volkstümliche

Musik machen wie der Hansi?

Weiß ich nicht. Da geht es nicht um die Millionen, sondern darum, ob ich dahinter stehen könnte und ob mir das gefallen würde. Denn die Musik ist ja ein Mittel, mit dem man sich ausdrücken kann und eine gewisse Botschaft in die Welt bringt. Also etwas, was einem wichtig ist. Ich tendiere eher in Richtung Xavier Naidoo – und auch Die Seer finde ich sehr gut.

Wenn Sie die fünf Ski-Disziplinen als Musik einordnen würden – was käme da heraus?

Mmmh. Na klar: Die Abfahrt ist Hard Rock. Der Super-G ist Rock. Der Riesenslalom Pop. Der Slalom Rap. Und die Kombi ist Dance …

Grönemeyer war eine positive Begegnung – gab es auch besonders negative?

Ja. Eine. Das hat mich geschockt. Ich hatte eine Ehrung in der Steiermark. Und da war auch ein Politiker dabei. Ich bin hinterher noch ein wenig mit ihm zusammengesessen und wir haben uns ganz gut verstanden. Dann haben wir uns verabschiedet, und plötzlich ist einer hergekommen und hat den Politiker angepöbelt. Ich dachte ,Was ist denn das? Das ist doch eine Sportveranstaltung!‛ Aber der Pöbler hatte was getrunken, wie sich rasch herausstellte …

Wen würden Sie denn noch gerne kennenlernen in Ihrem Leben?

Xavier Naidoo! Ansonsten gibt es genug Persönlichkeiten, da möchte ich niemand hervorheben. Zurück in den Schnee – erinnern Sie sich eigentlich noch an Ihr erstes Rennen?

Ja, das war der Gemeinde-Skitag und ich war vier oder fünf Jahre und es handelte sich um eine Art Parallelwettbewerb. Die Buckel waren so hoch, dass ich fast nicht mehr rausschauen konnte. Aber ich glaube, ich habe trotzdem gewonnen – gegen ältere Mädchen.

Die bald wohl keine Konkurrenz mehr waren.

Ich habe mich in der Schülerzeit immer an den Burschen gemessen, weil ich entwicklungsmäßig voraus war. Mit 14, 15 änderte sich das.

Sind Sie jemals gegen Ihre Mutter, die einst als Traudl Hecher zwei Mal Abfahrts-Olympiabronze (1960 und 1964) gewann sowie 1960 und 1961 auf der Kitzbüheler Streif siegte, angetreten?

Wir haben das nie gestoppt.

Fahren Sie heute noch viel zusammen?

Eigentlich nicht, denn ich lebe seit zehn Jahren in Innsbruck, und davor war ich fünf Jahre im Skigymnasium Stams.

Hatten Sie als Kind ein Ski-Vorbild?

Vreni Schneider! Die hat mir getaugt. Ich war so sieben oder acht, als ihre große Zeit war. Mit ihrer speziell gebückten Kopfhaltung im Slalom. Sie war im ersten Lauf immer weit hinten und hat dann das Rennen umgedreht. Auch ihr Schweizer Landsmann, der Pirmin Zurbriggen, hat mir gefallen. Sowie natürlich Alberto Tomba. Später hat man auf einen Hermann Maier aufgeschaut – und ich kann mich noch erinnern, wie ich die Meissi bei ihrem Gesamtweltcup-Sieg 1999 bewundert habe.

Meissi – Alexandra Meissnitzer – hat sich ja super geschlagen beim TV-Wettbewerb Dancing Star. Wie sieht es mit Ihren Tanzkünsten aus?

Ich würde sagen: Ich tanze gut! Ohne Selbstlob. Und wenn ich gefragt würde, würde ich bei Dancing Star gerne mitmachen!

Dann lieben Sie bestimmt den Film Dirty Dancing!

Genau – den sehe ich mir immer wieder an! Und Pretty Woman. Was mich sehr beeindruckte, war: Das Leben ist schön. Ich komme vielleicht drei Mal im Jahr ins Kino, öfter nicht.

Und wie romantisch sind Sie da? Kullern bei Filmen manchmal die Tränen?

Jedes Mal! Wenn eine berührende Stelle kommt, dann drückt es mir die Tränen heraus.

Träumen Sie nachts vom Skifahren?

Ja natürlich. Es sind ganz unterschiedliche Träume. Einmal, als ich 17 war, hatten wir in Wirklichkeit Slalom-Training und ich war sehr langsam. Im Traum war ich jedoch zwei Sekunden schneller. Und am nächsten Tag am Hang war es dann tatsächlich so! Aber ich habe zwischendurch auch Alb-träume. Zum Beispiel, dass man die Skischuhe vergessen hat.

Wie lautet Ihre Lebens-Philosophie?

Schritt für Schritt weitermachen!

Und dies ist zugleich auch meine Sport-Philosophie.

Zum Schluss unser traditionelles SkiMAGAZIN-Hüttenspiel: Mit wem wären Sie denn mal gerne eingeschneit?

Mit meinem eigenen Freund – denn wir haben eh so wenig Zeit miteinander!

Welches Hüttenspiel würden Sie spielen?

Mensch ärgere dich nicht.

Und welche CD würden Sie auflegen?

Irgendetwas Gemütliches …

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