Felix Neureuther: So wurde ich vom Kind zum Mann

Die Olympische Spiele 2006 waren für Felix ein Knackpunkt für seine Karriere und ein ­wichtiger Schritt zum Erwachsenwerden. Vielleicht liegen dem Slalom-Vizeweltmeister von 2013 deshalb Kinder und deren Förderung so am Herzen. Im Interview spricht er über seine Kindheit und die Kids von heute

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© Nordica, Xenofit, Getty Images

Text: Jupp Suttner

Das Ski-Gen ist dem Mann in die Wiege gelegt worden. Schließlich sind Felix Neureuthers Eltern niemand Geringeres als die Abfahrts-Olympiasiegerin von 1976, Rosi Mittermaier, und der sechsfache Slalom-Weltcupsieger Christian Neureuther: DAS Traumpaar des deutschen Skirennsports. Allerdings ist der Sprössling schon lange aus dem Schatten seiner berühmten Eltern hervorgetreten. Mit zwölf Siegen im Weltcup, Team-Gold bei der Ski-WM 2005, Silber im Slalom der Weltmeisterschaft 2013 und zwei Bronzemedaillen 2013 (Mannschaft) und 2015 (Slalom) ist Felix mittlerweile der erfolgreichste deutsche Skifahrer der DSV-Historie. Die Grundlagen dieser Erfolge wurden in seiner Kindheit gelegt. Darum liegt Neureuther junior der Nachwuchs besonders am Herzen. So hat Felix sein eige­nes Projekt „Beweg dich schlau!“ ins Leben gerufen und schon mehr als eine Million Euro für Kinder gesammelt. Im Interview erzählt der Ski-Star über sein Verhältnis zu seinen Eltern und über waghalsige Sprünge in die Fangnetze der Weltcup-Abfahrt; er erklärt­, warum er als Kind immer vorausfahren musste und wie er die Kinder von heute dazu bringen will, Schnee zu lieben und sich mehr zu bewegen.

SkiMAGAZIN: Wie viel Kind steckt noch im inzwischen 31-jährigen Manne Felix Neureuther?

Felix Neureuther: Gaaanz viel, Gott sei Dank! Ich habe fast jeden Tag irgendeinen Spaß, bei dem ich mir denke: „Herrschaftszeiten, jetzt bist schon 31 und …“ Aber es wäre furchtbar, wenn es nicht so wäre. Und ich hoffe, dass das noch ganz viele Jahre anhält – vielleicht sogar ewig …

Hatten Sie eine glückliche Kindheit? Ja! So wie ich aufgewachsen bin … Ich durfte Ski fahren und bin nie zu irgendetwas gezwungen worden: Meine Kindheit war ein Traum!

Sie haben als Ski-Kind gemeinsam mit den anderen Kids die verrücktesten Sachen gemacht – sind beispielsweise mit Schutzmatten den Auslaufhang der Sprungschanze hinabgerodelt. Oh ja – da bekam man einen Affenzahn drauf, puuuh!

Es wird immer erzählt, dass ihr auf der frisch präparierten Weltcup-Abfahrt als Kinder Wettbewerbe gemacht­ habt: Schuss fahren, auf einem­ Hügel abheben und wer im Fangnetz am weitesten oben landet, hat gewonnen. Da kann ich mich nicht mehr so genau erinnern. Aber wir waren­ als Buben im Skiclub immer unter­ dem Motto „Höher, schneller, weiter!“ unter­wegs. Wir haben dabei nicht unbedingt das Risiko gescheut. Egal, welche Sprünge: Es konnte niemals weit genug gehen. Und wir sind immer von irgendwo hinuntergehüpft. Wir waren schon ein ziemlich wilder Haufen. Ich war ja immer mit älteren Kindern unterwegs – und den Jüngsten, mich, haben sie immer vorgeschickt. Ich musste immer die Sprünge für sie austesten. Sie haben mich angefeuert und gesagt, wie toll ich sei, und jetzt solle ich losfahren, hopp, hopp – und ich kleiner Kerl habe das nicht durchschaut. Aber insgesamt war es eine wahnsinnig schöne Zeit, aus der viele Freundschaften hervorgegangen sind, die noch immer bestehen.

Wer war denn Ihr Vorbild als Kind? Alberto Tomba. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, hat der Papa ihn nach dem Rennen in Garmisch zum Flug-hafen München gefahren. Ich durfte im Auto auf dem Rücksitz dabei­ sein, und der Alberto hat mir einen Kaugummi geschenkt – den habe ich fünf Jahre lang nicht angerührt! Dann habe ich ihn verloren … Und einmal, bei einem Kinderrennen in Brixen, war Alberto Tomba der Schirmherr. Ich stand auf dem Stockerl und bekam einen Pokal von ihm überreicht – das war für mich der absolute Wahnsinn!

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Sieg über Ihre Mama? Ehrlich gesagt, beim Skifahren war das nie ein Thema, höchstens beim „Mensch ärgere Dich nicht“!

Und der erste Rennsieg gegen den Papa? Dito.

Jeder Bub will es dem Vater zeigen – was war Ihre Antriebskraft dabei? Mein Idol war Alberto Tomba, und ich wollte genauso fahren wie er. Mein Vater hat mir gezeigt, wie das geht. Ich bekam von meinem Papa eine wunderbare Betreuung und viele positive Impulse. Junge Menschen bekommt man nur mit Aufmunterung und Verständnis weiter. Es gab nie einen Ansatz, es dem Vater zeigen zu wollen, das war mehr im Spaß. Um es im Leistungssport zu etwas zu bringen­, zählen andere Werte.

Hatten Sie immer ein gutes Verhältnis zu Ihren Eltern? Ein wunderbares Verhältnis, aber es wurde und wird immer noch viel diskutiert, natürlich auch sehr konträr, wie in jeder Familie. Ein echter Streitpunkt war sicher die Schule. Die war mir immer ein Dorn im Auge, und ich hätte sie am liebsten abgebrochen. Aber mein Vater hat darauf bestanden: Ohne Abi kein Skifahren! Heute bin ich froh, dass er so hart geblieben ist.

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Mein Idol war Alberto Tomba, und ich wollte genauso fahren wie er. Mein Vater hat mir gezeigt, wie das geht
© Nordica, Xenofit, Getty Images

Ihr Traumberuf als Kind? Skifahrer!

Und wenn das nicht geklappt hätte? Es gab keinen Plan B – außer dem Glück, dass eine Familie immer voll hinter mir stand, mit der einfach nichts schiefgehen konnte.

Gab es ein Ereignis, das Sie im Skirennsport hat erwachsen werden lassen? Ich denke, das waren die Olympischen Spiele 2006 in Turin. Da lief es überhaupt nicht. Es folgten klärende Gespräche mit meinem Vater und später auch mit meinem Chef­trainer Wolfgang Maier, die mir klarmachten, dass ich meine Einstellung ändern musste. Das war ein Knackpunkt, so dass ich mir sagte: „Bursche, jetzt wird es Zeit, dass du dich auf die Hinterbeine stellst und den nächsten Schritt machst!“ Also zu hundert Prozent für den Leistungssport leben und zum Beispiel die Arbeit im Kraftraum intensivieren, statt im Sommer mit meinen Spezln baden zu gehen.

Heutzutage gehen Sie ja sogar als Model baden – für  den Swimwear-Produzenten Speedo. SkiEXCLUSIV bezeichnete Sie deshalb als „Johnny Weissmüller des Schnees“. Gehen Sie eigentlich auch im Winter schwimmen? Ja, weil ich auf meinen Körper schauen muss, und da ist Schwimmen ein extrem guter Ausgleich.

Brust- oder Rückenschwimmen? Am liebsten Kraulen! Das kann ich, weil ich im Leistungskurs Sport Langstreckenschwimmen als Abi-Prüfung hatte. Und da tut man sich mit Kraulen leichter.

Sportlich haben Sie sich gewissermaßen mit dem Erlebnis von Turin 2006 freigeschwommen. Gab es auch im menschlichen Bereich eine Erfahrung, die Sie vom Kind zum Mann gemacht hat? Das Menschliche und das Sportliche laufen meistens im Gleichklang. Turin hat mich nicht nur sportlich reifen lassen, sondern auch menschlich. Es war ein großes negatives Erlebnis, das sich im Rückblick als absolut positiv für mich erwiesen hat.

Acht Jahre nach diesem Knackpunkt haben Sie im Juni 2014 die Aktion „Beweg dich schlau!“ ins Leben gerufen. Warum? Weil in mir seit langem die Erkenntnis gereift ist, dass man als Sportler nicht nur in seinem speziellen Sport etwas bewegen sollte. Mit „Beweg­ dich schlau!“ versuchen wir, dass sich Kinder wieder mehr und vor allen Dingen auch richtig bewegen. Das war und ist für mich der Hauptantrieb – ein Herzensprojekt, von dem ich voll überzeugt bin. Zugleich versuchen wir, die Eltern zu motivieren, auf diesen­ Zug aufzuspringen.

Und wie kamen Sie auf die Idee, eine Kinder-Aktion ins Leben zu rufen? Ich veranstalte schon seit acht Jahren jedes Frühjahr in Sölden im Ötztal mein Race-Camp für Kinder. Da habe ich Erfahrungen mit Kids gemacht und gemerkt, dass mir diese Aufgabe unheimlich viel Spaß bereitet.

Wie viel kostet die Teilnahme an diesem Camp? Die ist kostenlos – alle Kosten von den Trainern bis zur Unterkunft finanziere ich selbst. Da ist gewissermaßen Felix Neureuther der Sponsor.

Da werden sich ja bestimmt Tausende von Kindern melden, um dabei sein zu dürfen! Es gibt im DSV eine Kinder-Rennserie, die über die gesamte Bundesrepublik verteilt ist. Die Schnellsten qualifizieren sich für das Finale. Die jeweils sechs besten Mädchen und Buben in diesem Finale werden dann von mir ins Race-Camp eingeladen. Unter der Mitbetreuung meiner DSV-Trainer werden dann alle kinderspezifischen Anforderungen trainiert. Vor allen Dingen kommt aber auch der Spaß nicht zu kurz.

Haben Sie dabei schon eine neue Rosi oder einen neuen Christian oder Felix entdeckt? Da sollte man keine Vergleiche ziehen. Jedes Kind soll sich eigenständig entwickeln. Aber ich bin immer sehr positiv überrascht, mit welchem Engagement und welcher Freude die Kinder zur Sache gehen. Natürlich geht es in erster Linie darum­, sich zu verbessern. Aber es geht auch um den Spaß am Skifahren und ums Miteinander. Im April kann auch eine Schulklasse einen Schneetag auf der Zugspitze mit mir gewinnen, wo es nicht nur ums Skifahren, sondern um die Freude im Schnee geht. Wir müssen einfach alle etwas dazu beitragen, dass die Jugend den Kontakt zum Schnee nicht verliert.

Zurück zu Ihrem Projekt „Beweg dich schlau!“ – wer unterstützt Sie da? Das läuft zusammen mit der Cleven-Stiftung, deren gesamtes Konzept inklusive der Aktion „fit-4-future­“ mir sehr gut gefällt. Wir wollen gemeinsam erreichen, dass sich die Kinder wieder mehr bewegen und sich auch mit gesunder Ernährung einen gesunden Lebensstil aneignen. Leider bringt es unsere Zeit mit sich, dass sich Kinder vor allem immer weniger bewegen. Dadurch wird gleichzeitig eine altersgemäß richtige Gehirnentwicklung verhindert, das versuchen wir, mit gezielten Koordinationsübungen zu kompensieren.

Was heißt für Sie, sich falsch zu bewegen? Nur die Daumen und Finger auf der Spielkonsole oder der TV-Fernbedienung oder dem Smartphone etc. zu haben. Das ist heute leider bei vielen die Haupt-Bewegung ihres Lebens. Viele Kinder können nicht einmal mehr einen Purzelbaum schlagen oder rückwärts laufen. Zu viele Sachen lenken die Kinder von richtiger Bewegung ab. Genau da wollen wir ansetzen und in Zusammenarbeit mit Lehrern und Schulen unser Bewegungsprogramm zu einem festen Bestandteil des Schulunterrichts machen. 

Sie waren in Ihrer Kindheit wie jedes Kind auch mal unartig und hatten von den Eltern für eine Zeitlang ein Verbot bekommen, mit dem Fahrrad in die Schule zu fahren. Daraufhin sollen Sie das Fahrrad heimlich auf einem anderen Grundstück abgestellt haben und damit dann doch täglich in die Schule gestrampelt sein. Das mit dem Fahrrad stimmt nicht, das wäre als letztes weggesperrt worden. Ich bekam wenn TV-Verbot – und mein Vater hat die Elektrosicherung für den Fernseher ausgebaut. (lacht) Es war bei mir grundsätzlich so, dass ich bei jedem Wetter mit dem Fahrrad in die Schule gefahren bin. Dadurch habe ich mich schon in der Frühe bewegt – was ich nur empfehlen kann. Ich wurde von meinen Eltern immer zur Bewegung animiert und bin sicher nur ganz selten mit dem Auto zum Unterricht gebracht worden.

Wie ist Ihr Kontakt zur Cleven-Stiftung zustande gekommen? Durch meinen Vater. Er kennt Robert Lübenoff sehr gut, der schon mit Boris Becker in dessen aktiver Zeit zusammengearbeitet hatte und jetzt für die Cleven-Stiftung grandiose Arbeit leistet. Durch ihn lernte ich dann den Stiftungsgründer Hans-Dieter Cleven kennen, den ich sehr bewundere, weil er als ehemals erfolgreicher Manager jetzt seine gesamte Energie in diese Stiftung steckt.

Sind Sie mit diesem legendären Herrn Cleven, einst „Mr. Metro“, schon mal Ski gefahren? Nein, aber das wird schon noch kommen. Ich glaube, er trainiert bereits heimlich.

Die Gemeinschaft „Felix & Friends for Kids“ hat 2014 bei einer Gala-Veranstaltung 408.000 Euro eingebracht, 2015 waren es sogar 665.000 Euro. Und das an einem einzigen Abend! Wie kommen­ derlei gigantische Summen zustande? Da bin ich selber sprachlos. So eine Summe­ ist in der heutigen Zeit ja auch nicht selbstverständlich. Eine absolut gigantischer Betrag. Wir haben Großsponsoren gewinnen können. Wir haben Tische bei der Gala an Firmen verkauft, wir haben eine Tombola mit hochwertigen Preisen auf die Beine gestellt, und wir haben auch Dinge versteigert, die es nirgendwo zu kaufen gibt. Da war dann auch ein professionelles Skitraining mit mir am Gudiberg, meinem Hausberg in Garmisch-Partenkirchen, dabei.  Letztes Jahr hat Catherine Demeter von der Edith-Haberland-Wagner-Stiftung über 200.000 Euro gestiftet. Damit können wir drei Jahre lang über 30 Schulen rund um München mit unserem Programm betreuen. Dies alles zeigt, dass die Thematik des Projekts und unsere Gedanken dazu absolut richtig zu sein scheinen.

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© Nordica, Xenofit, Getty Images

DAS IST FELIX NEUREUTHER

GEBOREN: 26. März 1984 in München-Pasing

GRÖSSE/GEWICHT: 1,84 m/87 kg

BERUF: Hauptzollwachtmeister im Zoll-Ski-Team

VEREIN: SC Partenkirchen

GRÖSSTE ERFOLGE:  

ERSTER SIEG: mit 3 Jahren die Kinder-Clubmeisterschaft des SC Partenkirchen. WM: Weltmeister (Team-Wettbewerb) 2005 in Bormio; 4. im Slalom 2009 in Val d’Isère; Silber im Slalom, Bronze im Team-Wettbewerb 2013 in Schladming; Bronze im Slalom, 4. im Riesenslalom 2015 in Vail/Beaver Creek.

WELTCUP: 10 Slalom-Siege bis 31.12.2015, darunter Klassiker wie Kitzbühel, Wengen, Garmisch-Partenkirchen und Madonna di Campiglio; 1 Riesenslalom-Sieg 2015 in Adelboden; jeweils Zweiter im Slalom-Weltcup 2012/13, 2013/14 und 2014/15

AUSRÜSTER: Nordica (Ski, Bindung, Schuhe), Leki (Stöcke), Uvex (Brille), Ziener (Handschuhe), Bogner (Bekleidung)

KOPFSPONSOR: Magnesium Verla

HOBBYS: Fußball, Mountain Bike

MANAGER: Vater Christian

DIE ELTERN: Rosi Mittermaier, 5.8.1950, Olympiasiegerin Innsbruck 1976 (Abfahrt, Slalom), Olympiasilber 1976 (Riesenslalom), Weltmeisterin 1976 (Abfahrt, Slalom, Kombination) und Gesamt-Weltcup-Gewinnerin 1976, Sportlerin des Jahres 1976; Christian Neureuther, 28.4.1949, zwischen 1970 und 1980 mehrfacher Sieger in den Slalom-Klassikern von Wengen, Kitzbühel und Garmisch-Partenkirchen sowie in Megève, 2 x 2. Platz und 2 x 3. Platz Slalom-Weltcup-Wertung

WEBSITE: www.felix-neureuther.de

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2016

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