Freestyle-Star David Wise: Ich will Dinge tun, die noch keiner gemacht hat

David Wise ist der ­erste und bisher einzige Olympiasieger in der Halfpipe und gewann dreimal hintereinander die X-Games. Aber er fällt nicht nur wegen seiner Erfolge auf: Mit 25 Jahren hat er schon zwei Kinder und spendet zehn Prozent seiner Preisgelder für ein Projekt zur Trinkwasserversorgung in der Dritten Welt. Wie ihn seine Siege verändert haben und wie er in der Halfpipe gelandet ist, erzählt er im Interview.

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© Lorenz Pietzsch

Text: Christian Riedel

Etwas derangiert und mit leicht glasigem Blick sitzt David Wise im Gipfelrestaurant am Hintertuxer Gletscher. Erst vor wenigen Minuten ist der US-Amerikaner aus Reno/­Nevada bei einem Fototermin schwer gestürzt und hat sich beim Aufprall mit seinen Knien selbst K.o. geschlagen. Minutenlang lag er bewegungslos im Schnee, bis ihn eine Pistenraupe vom Kicker ins Warme gefahren hat. Kurz darauf gibt Wise Entwarnung, er ist sprichwörtlich mit einem blauen Auge und etwas Kopfschmerzen davongekommen. Für den Halfpipe-Olympiasieger ist das auf jeden Fall kein Grund, das verabredete Interview abzusagen. Ganz Profi, steht er nach einer kurzen Erholungspause zu allen Fragen Rede und Antwort. Immerhin gehören schwere Stürze bei ihm zum Job wie Backflips und Nosegrabs.

SkiMAGAZIN: Hallo David, zunächst einmal die wichtigste Frage, bist du in Ordnung?

David Wise: Danke, mir geht’s gut. So ein Sturz gehört leider mit dazu, aber dieses Mal ist zum Glück nichts Schlimmes passiert.

Du bist Weltmeister, Olympiasieger und hast dreimal hintereinander die X-Games gewonnen. Welcher Titel war für dich der wichtigste? Oder kann man diese Titel überhaupt miteinander vergleichen? Jeder Titel ist wichtig. Aber die Unterschiede zwischen den einzelnen Titeln sind riesig. Die Olympischen Spiele bekommen weltweit enorm viel Aufmerksamkeit. Das gilt gerade für die USA, wo man nur in wenigen ­Regionen Ski fährt. Die Spiele sind eine tolle Chance, von der ganzen Nation wahrgenommen zu werden. Leute aus Florida haben vielleicht in ihrem Leben noch nie auf Ski gestanden. Aber bei den Olympischen Spielen schauen sie mir zu, wie ich unser Land repräsentiere. Das macht die Spiele zu etwas ganz Besonderem.

Ist das der einzige Unterschied? Die Wettkämpfe sind bei den X-Games und den Olympischen Spielen komplett verschieden. Die X-Games sind in erster Linie eine Fernsehshow. Darauf muss man sich als Teilnehmer einstellen. Es kann sein, dass unmittelbar vor dem Run ein Verantwortlicher sagt: „Stopp, wir müssen vor deinem Lauf eine Werbepause machen.“ Dann muss man drei Minuten warten. Es ist schwer, sich darauf einzustellen, cool zu bleiben und die Konzentration aufrechtzuerhalten. Bei den Olympischen Spielen passiert dir so etwas garantiert nicht. Hier hat man mehr Respekt vor dem Athleten. Die Kameras müssen sich nach dem Sportler richten und nicht umgekehrt.

Ist es schwieriger, bei den X-Games oder bei den Spielen zu gewinnen? Beide Wettbewerbe sind hart, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Die X-Games sind definitiv der bessere Wettkampf, weil es hier egal ist, aus welchem Land du kommst. Hier gehen die besten 16 Fahrer der Welt an den Start. Bei den Olympischen Spielen wird das Teilnehmerfeld ja im Vorfeld schon etwas verkleinert, weil aus jedem Land nur vier Fahrer starten dürfen. Die besten Pipe-Fahrer kommen aus Nordamerika. Wenn man nun unser Team, das aus acht bis zehn Weltklasse-fahrern besteht, auf vier reduziert, schaltet man ja schon im Vorfeld einige Fahrer aus, die den Event gewinnen könnten. Auf der anderen Seite ist bei den Olympischen Spielen der Druck immens. Die weltweite Aufmerksamkeit ist riesig, und die Zahl der Zuschauer rund um den Globus ist mit nichts von all dem zu vergleichen, was wir Fahrer sonst gewohnt sind. Das Niveau bei den X-Games ist am absoluten Maximum, die Pipes sind immer perfekt, bei den Olympischen Spielen hat man mehr Druck und mehr weltweite Aufmerksamkeit. Das macht den Unterschied aus.

Hat sich für dich seit deiner Goldmedaille etwas verändert? Wirst du auf der Straße öfters erkannt? Die Olympischen Spiele haben mein Leben schon verändert. Nachdem ich die X-Games dreimal gewonnen hatte, kannte man zumindest in unserem Sport meinen Namen. Aber das war nichts im Vergleich zu der Aufmerksamkeit, die ich nach dem Olympiasieg bekommen habe. Ich stieg plötzlich von einem Nobody zu einem Superstar auf. Plötzlich waren die Leute total aufgeregt, wenn ich da war. Daran war ich nicht gewöhnt. Ich war auch nicht gewohnt, auf der Straße angehalten zu werden, um mit den Leuten Fotos zu machen oder Autogramme zu schreiben.

Gefällt dir das, oder stört es ab und zu auch? Es stört mich überhaupt nicht. Ich freue mich sehr darüber und mache gerne Fotos mit den Leuten oder schreibe Autogramme, wenn ich die Zeit dafür habe. Denn ich glaube, ich habe sehr viel Glück, dass ich das machen kann, was ich tue. Und es wäre ziemlich mies, wenn ich diese tollen Erfahrungen mit den Leuten nicht teilen würde. Ich genieße das, denke aber auch, dass ich eine gewisse Verantwortung habe. Schließlich bin ich der erste Typ, der jemals eine Olympische Goldmedaille in der ­Halfpipe auf Skiern gewonnen hat.

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© Lorenz Pietzsch

Was ist denn für dich das Faszinierende an der Halfpipe? Kann man sagen, dass du dich bewusst für die Pipe entschieden hast? Man kann schon sagen, dass ich mich für die Halfpipe entschieden habe, aber auch, dass sich die Pipe mich ­ausgesucht hat. Ich liebe die Halfpipe, auch weil sie eine größere Intensität hat als die anderen Sportarten, die ich bisher gemacht habe. Halfpipe geht einfach ab. So ein Run dauert 30, 35, ab und zu sogar 40 Sekunden. Ich arbeite mein ganzes Leben für diese beiden Läufe. Und nach einer halben Minute ist schon alles vorbei. Um ehrlich zu sein, war ich in der Pipe viel früher erfolgreich als beispielsweise beim Slope­style. Und normalerweise bleibt man bei dem, bei dem man gut und erfolgreich ist.

Hast du dir auch überlegt, in einer anderen Disziplin anzutreten? Ich war nicht gut und nicht talentiert genug, um in allen Disziplinen der Beste zu sein. Aber ich wollte der Beste sein. Ich wollte das Limit im Sport auf ein anderes Level heben und Dinge tun, die sonst noch keiner vor mir gemacht hatte. Das ist der Grund, warum ich mich auf die Halfpipe spezialisiert habe.

Wann hast du angefangen, Halfpipe zu fahren? Ich habe als Ski-Rennfahrer angefangen. Aber ich war immer etwas verrückt. Ich habe die Sprünge geliebt, um mir selbst ein bisschen Angst einzujagen und diese Angst zu besiegen. Als ich dann das erste Mal Freestyler gesehen und gemerkt habe, wie aufregend das ist, wollte ich das unbedingt machen. Es hat dann einige Jahre gedauert, meinen Vater davon zu überzeugen, dass es das Richtige für mich ist.

Und der war sofort damit einverstanden? Mein Trainer musste meinen Vater überzeugen, dass Freestyle nicht nur ein Sport ist, bei dem man permanent auf die Fresse fällt. Mein Vater kam aus dem alpinen Skisport und hatte Angst, dass ich mich verletzen könnte. Mein Trainer hat ihm erklärt, dass jeder Sprung exakt berechnet und das Risiko kalkulierbar ist und dass Freestyle ein ernst zu nehmender Sport ist. Mit elf Jahren bin ich zum Freestyle gekommen, habe damals an Wettkämpfen im Slalom, Riesen­slalom, Big Air und auf Buckelpiste teilgenommen. Nach einem halben Jahr habe ich gemerkt, dass ich Rennenfahren zwar mochte, aber Freestyle und Freeskiing geliebt habe, und dass das genau das ist, was ich machen möchte.

Und Dein Vater fand das okay? Ich bin zu meinem Vater gegangen und habe zu ihm gesagt: Ich weiß, dass ich beim Freestyle noch nicht besonders gut bin, aber das ist genau das, was ich machen will. Er hat dann zum Glück erkannt, dass es cool ist. Mein Vater hat mich schon immer in allem unterstützt, und spätestens jetzt weiß er, dass es der richtige Schritt war.

Hast du vor ein paar Sprüngen noch Angst? Und was ist mit Stürzen wie eben? Ich habe nicht wirklich Angst. Ich weiß, dass das, was ich tue, gefährlich ist. Ich kann mich verletzen oder sogar mein Leben verlieren. Ich weiß, dass ich kein Golf spiele. Risiken ge-hören in der Halfpipe dazu. Ich weiß das und kann es akzeptieren, weil ich den Sport so sehr liebe. Angst habe ich aber nicht wirklich, weil ich gelernt habe, das Risiko einzuschätzen. Aber ich bin ein Mensch und mache Fehler. Das haben wir ja gerade gesehen, als ich den Absprung nicht richtig erwischt habe und sehr hart gelandet bin. Leider hat man nicht immer alles unter Kontrolle. Als Sportler habe ich gelernt, mir nur über die Dinge Gedanken zu machen, die ich kontrollieren kann. Das ist nicht die Jury, das sind nicht meine Konkurrenten, das sind nicht die äußeren Bedingungen; all diese Dinge kann ich nicht beeinflussen. Vielleicht muss ich meine Strategie etwas ändern, um erfolgreich zu sein. Aber darüber mache ich mir keine Sorgen. Ich sage mir, ich mache, was ich kann, und wenn es nicht zum Erfolg führt, muss ich mich das nächste Mal eben mehr anstrengen. Diese Einstellung hat mir dabei geholfen, die Angst zu überwinden. Wenn ich einen neuen Trick versuche, ist es aber immer aufregend, und ich bin erleichtert, wenn es geklappt hat.

Du hast eine Frau und zwei Kinder.Haben deine Kinder dich und deine Art zu fahren verändert? Ein kleines bisschen vielleicht. Wenn, dann hat es mich noch ein bisschen berechnender gemacht. Als ich jung war, war ich extrem verrückt. Ich wollte nur die Limits pushen und alle Risiken ­nehmen, die es gab. Ich bin so oft gestürzt und wieder aufgestanden, um den Sprung direkt noch einmal zu machen, ohne mir dabei intensiv Gedanken zu machen.

Hast du jetzt mehr Angst, weil deine Kinder vielleicht irgendwann ihren Vater verlieren könnten? In der Zeit, als ich meine Frau getroffen habe, habe ich meine mentale Einstellung schon verändert. Und als meine Tochter auf die Welt gekommen ist, hat sich meine Einstellung zum Sport stark geändert, weil ich versucht habe, die Risiken besser zu kalkulieren. Aber ich nehme immer noch Risiken auf mich. Ich hoffe es zwar nicht, aber es kann natürlich sein, dass mich der Sport eines Tages mein Leben kosten wird. Und vielleicht haben meine Kinder auch einmal so eine Leidenschaft, die extrem gefährlich ist. Aber es ist wichtig, leidenschaftlich zu sein in allem, was man tut, und sein Leben zu genießen und sich nicht zu viele Sorgen über die Konsequenzen zu ­machen. Sonst kann man das Leben nicht genießen.

Wirst du deinen Kindern erlauben, Freestyler zu werden? Definitiv ja.

Würdest du sie dabei auch unterstützen? Auf jeden Fall. Wenn ich in meinem Leben eines zu schätzen weiß, dann dass meine Eltern mich in allem unterstützt haben. Egal, was ich machen wollte. Als Vater möchte ich das an meine Kinder weitergeben. Mein Sohn ist ein Jahr alt, meine Tochter ist vier, und sie sind so verschieden, obwohl sie im gleichen Haus aufwachsen. Ich möchte sie so annehmen, wie sie sind, und sie darin auch unterstützen. Das haben meine Eltern mit mir gemacht, und das möchte ich an meine Kinder weitergeben.

Auch wenn sie Snowboard fahren? Hättest du damit ein Problem? (lacht) Wenn sie Snowboarder werden, ist es halt so. Meine Frau fährt auch Snowboard, und es ist so ein kleiner Kampf bei uns. Sie versucht, unsere Tochter zum Snowboard zu überreden, ich versuche, aus ihr eine Skifahrerin zu machen. Aber das ist alles nur ein Spaß.

David steht noch für ein kurzes Foto zur Verfügung und verabschiedet sich dann ins Hotel, um auf dem Fahrradergometer noch eine Stunde die Beine zu lockern. Der Sturz ist schon lange vergessen, und am nächsten Morgen wird ihn nur sein Veilchen an die missglückte Landung erinnern. Ganz Profi eben.

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© Lorenz Pietzsch

DAS IST DAVID WISE

Geboren: 30. Juni 1990

Größe: 1,83 m

Geburtsort: Reno/Nevada (USA)

Familienstand: verheiratet,

2 Kinder (Nayeli, Malachi)

Disziplin: Halfpipe

Größte Erfolge: Olympische Spiele 2014 (Sotschi): Erster; X-Games 2012, 2013, 2014: jeweils Erster; X-Games Europe 2012: Dritter; X-Games Europe 2013: Zweiter; Weltmeisterschaften 2013: Erster; 4 Weltcupsiege (3 x 2., 3 x 3.); Halfpipe-Weltcup 2011/12, 2014/15: jeweils Erster; USA-Meisterschaften 2006, 2008, 2009, 2011: jeweils Erster

Ausrüster: 4front

Sponsor: u. a. Monster Energy,

O’Neill, Kicker

Website: www.david-wise.com

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 02 / 2016

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