Klaus Kröll: Der Bulle von Öblarn

Klaus Kröll (32) stammt aus der Nähe von Schladming und sicherte sich letzten Winter beim Saison-Finale in eben jenem Schladming den Abfahrts-Weltcup.

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Natürlich möchte der Steirer auch bei der WM im kommenden Februar (in, schon wieder, Schladming ...) zu schlagen. Doch wegen eines Motorrad-Unfalles im April musste er auf das Übersee-Training verzichten und stand erstmals am 3. Oktober auf dem Rettenbachferner im Tiroler Ötztal wieder auf Ski. Um im Schnee zu genießen, was er am meisten liebt: Speed, Speed, Speed …

INTERVIEW JUPP SUTTNER ILLUSTRATION JASMIN SIDDIQUI BILD Salomon

Wenn wir 14. März 2012 sagen – wissen Sie noch, was da war? Da war der definitiv schönste Ski-Tag meines Lebens! Tim, unser Sohn, hatte seinen 6. Geburtstag – und ich gewann durch einen 7. Platz auf der Planai in Schladming den Abfahrts-Weltcup!

Sie waren somit der beste Abfahrer der Welt des Winters 2012/13. An das habe ich in diesem Moment gar nicht gedacht. Sondern ich verspürte nur eine Riesenerleichterung und eine Bestätigung, dass die Arbeit eines ganzen Jahres aufgegangen ist. Der Stolz kam erst später.

Die WM-Abfahrtsstrecke scheint Ihnen Glück zu bringen. Na ja, im Training war ich immer schlecht gewesen. Aber im Rennen selbst dann habe ich gleich in der ersten Kurve gemerkt, dass es gut läuft – und ich habe sofort versucht zu attackieren. Es ist auf alle Fälle eine schwere Strecke!

Ist die Planai nun Ihre Lieblings-Piste? Nein, das ist Kvitfjell in Norwegen. Höchstens ich werde Weltmeister – dann wird Schladming meine Lieblingsstrecke …

Wobei der Weltmeister-Titel ja ziemlich sensationell wäre – nach Ihrem Motorradunfall und dem daraus resultierenden Trainings-Rückstand. Wie ist denn das passiert? Beim freien Motocrossfahren auf einem Kurs in Niederöster-reich. Ich war bei einem Sprung zu kurz und bin gestürzt. Dabei habe ich mir das Kahnbein am Mittelfuß-Wurzelknochen gebrochen.

Viele Skifahrer – Marcel Hirscher etwa – sind verrückt auf Motocross. Besteht da eine Gemeinsamkeit zum Skifahren?

Motocross ist auf alle Fälle ein sehr gutes Training! Es ist sehr anstrengend sowie eine gute Schule für das Auge und die Geschwindigkeit – es kommt alles auf einen zu! Wie beim Skifahren. Außerdem können in den Nicht-Schnee-Monaten vier Monate Training sehr eintönig sein, da ist Motocross eine gute Abwechslung. Aber der Teufel schläft nicht …

Ist Motocross trotzdem Ihr Lieblings-Sport außer Skifahren? Absolut! Ich bin ja grundsätzlich Motorsport-Fan. Formel 1, DTM, Rallyes – ich schau mir alles an. Die Geschwindigkeit ist einfach faszinierend. Und ich bin ja auch schon mal eine Rallye mitgefahren, die Österreichische Staatsmeisterschaft. Da lernt man Kontrolle und Fahrzeugbeherrschung. So was könnte ich mir für später vorstellen.

Haben Sie nach Ihrem Unfall Kontakt zu Hermann Maier aufgenommen, der ja auch einen Motorrad-Crash hatte, der ihn sogar die Olympiateilnahme 2002 kostete? Nein, ich habe gar keinen Kontakt mehr zu ihm. Wir haben uns gut verstanden als Skifahrer – mehr aber nicht.

Sie tragen den Spitznamen „Bulle von Öblarn“ – nicht nur wegen Ihrer Körpermaße von 95 kg bei 186 cm, sondern auch wegen Ihrer Kraft und weil Sie früher Gewichtheber waren. Wie viel haben Sie denn gestemmt? Das war doch nur ein halbes Jahr lang, als ich 13 war – und da hab’ ich 70 Kilo gestoßen, mein Körpergewicht damals.

Und was schaffen Sie jetzt, als Erwachsener, mit der Beinpresse? Keine Ahnung, denn man macht heute keine Maximalkraft-Tests mehr. Wir gehen nicht mehr an das absolute Limit. Weil das nicht nötig ist für uns.

Sehen Sie als Bulle von Öblarn manchmal auch den Bullen von Tölz? Nicht manchmal – sondern sogar oft! Denn das ist wirklich amüsant. Ansonsten schau ich mir gerne Action-Filme oder Thriller an. Und kürzlich mal mit Tim einen Kinderfilm, Ice Age, der war gar nicht so schlecht.

Wird Tim auch mal Abfahrer – oder eher ein Slalom-Kurver? Keine Ahnung. Aber er mag natürlich das Skifahren und ist schon recht brav unterwegs. Aber bis nach oben ist es ein weiter Weg. Wenn er ihn gehen will, werde ich ihn unterstützen. Ich nehme mir auf alle Fälle Zeit zum Skifahren mit ihm. Wir sind immer ganz früh auf menschenleerer Piste unterwegs – meine Freundin, die bis 18 selbst FIS-Rennen bestritten hat und somit sehr gut fährt, der Tim, der sich auch nicht mehr so richtig abhängen lässt, und ich.

Sie haben eine Landwirtschaftsschule besucht. Wollten Sie Bauer werden? Da wo ich aufgewachsen bin, ist sehr viel Natur. Und ich könnte deshalb nicht in einer Stadt wohnen. Die ganze Familie ist bei uns immer im Freien unterwegs und wir waren auch schon gemeinsam Zelten, am Faakersee in Kärnten. Aber Bauer wollte ich trotzdem nie werden. Ich bin auf die Landwirtschaftsschule, weil da anschließend bessere Arbeitsplatz-Chancen gegeben waren als bei einem Besuch der Poly.

Und der Beruf „Rennfahrer“ stand nicht zur Debatte? Als Skifahrer war der Erfolg in diesem Alter ja noch nicht da, ich stand bis 13 in keinem Kader, kam erstmals mit 14 rein. Und da hat sich dann plötzlich die Chance ergeben, auf die Ski-Handelsschule zu wechseln. Das bedeutete „Betreutes Training“ – also Schule/Sport. Die besucht man dann ein Jahr länger als eine normale Handelsschule, weil man jeden Winter zwei Monate völlig zum Skifahren freigestellt ist.

Trifft auf Sie die Floskel „Raue Schale, weicher Kern“ zu? Überhaupt nicht – denn ich habe doch keine raue Schale, nur weil ich so kräftig gebaut bin. Ich kann es sehr wohl mit meinen Mitmenschen! Leiden kann ich nur nicht, wenn die Leute hinter meinem Rücken reden.

Sind Sie eher der schnell reagierende oder mehr der abwartende Typ? Eher der spontane – egal ob im sportlichen oder privaten Bereich.

Sie teilen im Weltcup das Zimmer mit dem Speed-Kollegen Georg Streitberger. Gibt’s da manchmal – sorry für das Wortspiel – Streit? Naaaa – Streit kann man mit dem Streitberger nicht haben!

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Rennen? Nicht direkt. Obwohl ich gewonnen habe, mit sechs, in Öblarn. Dafür weiß ich noch ganz genau ein Rennen mit sieben, als ich am ersten Tor rausfiel. Da habe ich dann fürchterlich gesponnen und war nicht mehr zum Aushalten. Es heißt zwar, jede Niederlage sei eine Lehre. Aber gesponnen habe ich auch weiterhin, wenn ich ausfiel. Und das ist heute noch so.

Wie äußert sich das? Ich schlage nicht mit dem Skistock herum, sondern gehe einfach jedem aus dem Weg. Ich will dann einfach meine Ruhe haben. Nach ein paar Stunden ist es dann vorbei – ab da schau’ ich dann wieder nach vorne. Und wenn ich bei einer Doppel-Abfahrt im ersten Rennen einen Fehler gebaut hatte – bin ich im zweiten Rennen am nächsten Tag wirklich schwer motiviert.

Hatten Sie als Kind ein Renn-Vorbild? Ja, den Helmut Höflehner (Gewinner des Abfahrts-Weltcups 1985 und 1990, Anm. d. Red.), weil der aus unserer Gegend war. Aber als Poster im Zimmer hatte ich den Pirmin Zurbriggen (Schweizer Olympiasieger, Weltmeister und vierfacher Gewinner des Gesamt-Weltcups in den 80iger-Jahren, Anm. d. Red.).

Warum als Österreicher gerade einen Schweizer, den sozusagen „Ski-Erbfeind“? Das weiß ich bis heute nicht. Vielleicht, weil er wie ich auch Kästle fuhr. Als Kind ist man ja sehr Markenaffin.

Träumen Sie des nachts gelegentlich vom Skifahren?

Mit Sicherheit! Im Winter, während des Weltcups, kommen mir im Schlaf Passagen der Rennen unter. Und da ist immer alles ausgesprochen positiv!

Was lieben Sie an Rennen am meisten? Schon allein das Fahren taugt mir extrem. Das hohe Tempo! Die Sprünge! Eine freie Piste nur für mich alleine! Und wenn dann noch die Erfolge dazu kommen …

Wie reagieren Sie, wenn Sie während der Fahrt einen Fehler gebaut haben – noch mehr Risiko? Geht eigentlich gar nicht, denn man fährt ja ohnehin am Limit. Aber wenn man gerade eine Sekunde verloren hat, versucht man halt alles rauszuholen, was noch drin ist! Und probiert es mit Brechstange und vollem Risiko – obwohl man weiß, dass man damit schon mal auf die Schnauze gefallen ist. Man ist sich vollkommen bewusst, dass jetzt alles 100 Prozent passen muss, wenn man das überstehen soll.

Angst vor einem Sturz in so einem Moment? Hat man nicht.

Und wie war Ihre erste Begegnung mit der Kitzbüheler Streif? Da

war zwar Respekt da. Aber ich hatte sie mir schon im Sommer davor angesehen – und konnte es gar nicht erwarten, dort endlich fahren zu dürfen! In jungen Jahr ist eben alles anders. Im Training hat es mich dann gleich abgeschmissen, im Rennen bin ich Achter geworden.

Gewonnen haben Sie die Hahnenkamm-Abfahrt aber noch nie. Nein, das ist ein Riesen-Ziel von mir – und eine WM-Medaille. Schladming 2013, Sotschi 2014, Vail-WM 2015 – die nächsten Jahre wird es mir nicht fad werden.

Was ist Ihre große Stärke? Weiß ich gar nicht. Ich kenne nur meine Schwächen …

Im Ernst? Na ja: Das Gefühl für die langen Kurven und die Geschwindigkeit, das kann man bis zu einem gewissen Grad lernen. Aber das Gleiten und den Speed – hat man oder hat man nicht. Den Schnee und die Ski zu spüren, den Aufkantwinkel, wie viel Druck man geben darf, Gewichtsverteilung, Position – man sieht das teilweise nicht einmal bei der Video-Analyse!

Was möchten Sie noch verbessern?

Ich habe tatsächlich viel aufgeholt. Aber in langsamen, technischen Abschnitten unter 80 km/h gibt es bei mir Probleme. Da sind andere schneller. Da komme ich anscheinend nicht so schön über den Ski wie bei höherem Tempo.

Macht es Spaß, an diesem Problem ’rumzuschrauben?

Nein. Tüfteln kann nerven! Wenn man hundert Mal probiert und es funktioniert immer noch nicht. Aber das hilft nix – dann muss es eben auch das 101. Mal sein.

Was sagen Sie zu den neuen Material-Bestimmungen?

Bei Abfahrts-Ski ist die Änderung nicht so tragisch wie im Riesenslalom, insofern waren die Tests alle positiv.

Hören Sie am Start oben Musik?

Nein. Überhaupt sind meine Rituale völlig unspektakulär. Die letzten 15 Minuten bin ich ganz ruhig und versuche mich zu fokussieren. Drei bis vier Minuten vor dem Start schnalle ich an. Absolute Ruhe dann. Ich rede nichts mehr.

Und wenn man hört, wie ein Gestürzter mit dem Heli abtransportiert wird? Da versucht man zwar, so wenig wie möglich zu denken. Und man lernt das auch. Aber wenn man ihn tatsächlich hört, den Heli, dann ist das schwer auszublenden. Bis man beim Start dann die Stöcke drüber schiebt – dann ist das vorbei …

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