Max Rieger: Himbeer-Ernte statt Trainings-Qual

Die erste Begegnung zwischen unserem SkiMAGAZIN-Reporter und Max Rieger fand im Januar 1971 statt, im Zielraum des Weltcup-Riesenslaloms von Adelboden. Rieger – damals 24 Jahre jung – hatte seinen Run absolviert, als der Schweizer Abfahrts-Olympiasieger Bernhard Russi (22) an ihn herantrat und ein wunderschönes 19-jähriges Mädchen präsentierte: „Max, darf ich dir vorstellen – meine neue Freundin, Michèle Rubli, dreifache Schweizer Ski-Meisterin!“ Der Max, ein ausgewiesener Frauen-Kenner, lobte: „Bernhard, die is ja gor ned so greislich, wia Du immer gsogt host!“ („Bernhard, die ist ja gar nicht so hässlich, wie du immer behauptet hast!“). So war Max Rieger das ganze (Ski-)Leben lang – ein lustiger Bursch’, dessen Charme und Humor seine gesamte Umgebung entzückte. Daran hat sich bis heute nichts geändert: ein ewig lachender Max Rieger. Und ein 2014 plötzlich wieder berühmt gewordener Rieger – wegen Felix Neureuthers Riesenslalom-Sieg am 11. Januar dieses Jahres in Adelboden, dem ersten deutschen Triumph in dieser Disziplin seit fast 41 Jahren

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© Jasmin Siddiqui

Max, erinnern Sie sich noch an dieses legendär gewordene Rennen vom 2. März 1973 in Mount St. Anne in der kanadischen Provinz Québec? Ja. Ich weiß noch, dass es eine wahnsinnige Kälte hatte, 20 Grad minus. Und dass es deshalb schwierig war, das richtige Wachs zu finden. Damals besaß man noch keine solchen Präparierungs-techniken wie heute. Jedenfalls waren die Ski schon gebügelt – liefen aber beim Einfahren nicht richtig. Also rissen wir mit der Ziehklinge alles wieder runter und trugen einfach ein Tubenwachs auf, eine Silberpaste. Und die lief anscheinend …

In Mount St. Anne besitzt man ja von der Piste aus einen wunderschönen Blick auf den St. Lorenz Strom. Ist Ihnen auch diese Aussicht ein Leben lang im Gedächtnis geblieben? Da hatte man als Rennläufer keinen Blick dafür. Ich bemerkte, dass er zugefroren war. Aber nicht mehr. Doch die Kälte spüre ich heute noch! Denn damals gab es ja noch keine Überhosen und man stand ewig lang bibbernd im hautengen Rennanzug am Start. Wir fuhren mit Masken, um wenigstens das Gesicht zu schützen.

Und das Rennen selbst? Nach dem ersten Durchgang war ich sechster und im zweiten Durchgang fuhr ich dann Bestzeit. Der Kurs gefiel mir. Nach einem steilen Zwischenstück kam kupiertes Gelände und in den letzten zehn bis fünfzehn Toren wusste ich, dass ich gut unterwegs war. Ich glaube, dass ich Startnummer 12 hatte. Und weil im zweiten Durchgang die Startreihenfolge umgedreht wurde – anders als heute, wo es nach der erzielten Zeit im ersten Lauf geht – musste ich noch elf Nummern lang warten, ehe mein Sieg feststand. Ich gewann vor Hansi Hinterseer und Franz Klammer.

Mit welcher Technik ist man damals Riesenslalom gefahren? Wenn es das Gelände hergegeben hat, wenn es also mittelsteil war, dann behielten wir schon beide Ski auf dem Boden, obwohl die damaligen Bretter ja keine Taillierung besaßen und 2,15 Meter lang waren. Doch wenn es steil wurde, dann ging man total auf den Außenski und ist „umgestiegen“. Und wenn man zu spät dran war, gab es diesen berühmten Schlittschuhschritt nach oben, mit dem man wieder Höhe gewann. Auch das letzte, oft flache Stück bis ins Ziel hat man meist mit Schlittschuhschritten zurückgelegt, um noch einmal zu beschleunigen.

Was hat sich außerdem im Riesenslalom am stärksten verändert seitdem? Erstens natürlich das Material. Zweitens die Athletik. Was die heute an Krafttraining machen müssen, das ist irre. Früher waren nur die Abfahrer in starkem Maße an den Muskelmaschinen – heute müssen das Torläufer ganz genau so machen, um die Fliehkräfte bewältigen zu können. Drittens die Pistenpräparierung – es gibt heute zwar noch Rippen, aber keine Piste mehr, die durchbricht, so dass du einen Salto nach vorne schlägst, wenn du Pech hast. Und das hatte mancher von uns. Viertens die Kippstangen im flachen Bereich. Die kann man heute touchieren. Wenn wir hingegen eine der starr im Schnee steckenden Tore berührten, warf es uns aus der optimalen Position. Und fünftens schließlich die Länge des Laufes.

Inwiefern? Unsere Riesenslaloms dauerten bis zu 2:00 Minuten, manchmal darüber. Und zwischen dem ersten und dem zweiten Lauf lag eine Nacht. Man hatte damit zwar Zeit zur Erholung, aber …

... der Führende hat sich die ganze Nacht im Schlaf gewälzt vor Erwartungsdruck, nehmen wir an. Das kann schon sein. Aber ich war im Weltcup oder bei einem Großereignis nie nach einem ersten Lauf vorne, also schlief ich immer gut …

Um wie viel Prozent ist man heute schneller? Mmmh. Die Streif in Kitzbühel ist man seinerzeit in 2:15 Minuten gefahren, heute in 1:52 Minuten. Diesen Unterschied kann man bestimmt auch auf den Riesenslalom übertragen.

Moment, wir rechnen – das wären etwa 17 %. Toni Sailer verriet uns zu seinem 65. Geburtstag im Jahre 2000, dass er glaube, die Streif mit dem heutigen Material genau so schnell bewältigen zu können wie vierzig Jahre zuvor als junger Champ. Sehen Sie das für sich auch so? Viel würde nicht fehlen! Denn die Materialveränderung ist gewaltig. Die deutsche Olympia-Einkleidung für Salt Lake City 2002 fand in der Skihalle Neuss statt und Willy Bogner bat uns, mit Ski und Bekleidung von Sapporo 1972 zu kommen. Als ich losfuhr – fuhren die Ski nur geradeaus! „Hoffentlich sieht mich keiner“, dachte ich. Dann erinnerte ich mich an Scher-Umsteigeschwünge, und das ging dann. Der Unterschied ist brutal. Und super! Wenn ich daran denke, wie schnell Leute heute das Skifahren lernen können …

Warum hat es eigentlich so lange gedauert, 41 Jahre, bis wieder ein deutscher Riesenslalom-Sieg zustande kam? Gute Frage. Na ja. Nach der Wasmeier-Riesenslalom-WM-Goldmedaille 1985 in Bormio und seinem Riesenslalom-Olympia-Sieg 1994 in Lillehammer kam ein Riesenloch. Keine Ahnung, auf was der Skiverband damals sein Auge gerichtet hat. Riesenslalom war ja die Basis von allem und wurde offensichtlich dennoch vernachlässigt. Oder man hatte vielleicht nicht die glücklichste Hand mit den Trainern. Und vor allem: Es war nach dem Wasi keiner da, der ein Leitbild für den Nachwuchs gewesen wäre. Man sah ja niemanden im Fernsehen, dem man als Kind hätte nacheifern können.

Und wenn jemand gute Ansätze zeigte – fehlte die Konkurrenz. Genau. Der Felix hat den großen Schub nach vorne im Riesenslalom auch erst gekriegt, als der Dopfer kam! Konkurrenz im eigenen Lager ist unheimlich wichtig. Denn es ist super, wenn man schon im Training sieht, wie man international steht.

Sie kennen Felix ja bereits von klein auf. Wie war er als Kind? A wuida Hund! Aber positiv gemeint. Immer nett, immer lustig, immer zu einem Streich aufgelegt. Als er fünf war, kamen Rosi und Christian im Fasching zu Besuch zu uns nach Mittenwald. Unser Bub, der Maximilian, war ein Jahr und lag noch im Kinderwagen. Felix schnappte sich den Wagen und raste samt Kind davon. Wir hinterher, aus Angst, dass er umkippen könnte.

Haben Sie nach seinem Riesenslalom-Sieg von Adelboden mit ihm gesprochen? Wir haben telefoniert, und ich habe ihm gratuliert. Wir haben uns beide sehr gefreut. „Eigentlich ist es schon frech von Dir, so zuzuschlagen, wo Du doch im Riesenslalom gar kein Top-Favorit bist“, habe ich ihm gesagt. Aber einen würdigeren Nachfolger als ihn gibt es nicht.

Nach dem Leitplanken-Unfall sagte sein Vater Christian sinngemäß: „Das war wieder ein typischer Felix!“ Sagt das gerade der Richtige? Diese Gene hat der Felix vom Vater (Rieger grinst ganz breit). Mehr sage ich nicht … (Grinst noch breiter.)

Aber dann erzählen Sie uns wenigstens die Geschichte mit dem Radlfahren – da war ja Felix’ Vater Christian Neureuther auch dabei … Ja. Und der Sepp Heckelmiller und auch der Alfred Hagn, glaube ich. Wir waren in der Sportschule Ruit im Schwarzwald und sollten eine heftige Tour mit dem Rennrad machen. Ziemlich bald sind wir aber in eine Himbeer-Plantage abgebogen und haben uns da vollgestopft. Dann sind wir wieder heimgefahren, die letzten zwei Kilometer in vollem Karacho, da haben wir uns geschunden wie die Sau – damit wir wenigstens ein bisschen verschwitzt aussahen.

So stellt man sich nicht gerade die Professionalität eines Hochleistungssportlers vor … Ich hatte trotzdem eine klasse Kondition – habe im Sommer beispielsweise vormittags Tennis und nachmittags 90 Minuten Fußball gespielt. Aber eine so perfekte Sommervorbereitung wie heute hatten wir natürlich nicht. Doch wir waren immerhin zwei Mal in Australien. Dort haben wir am Ende dann unsere Ski verkauft und unsere Tickets so umgebucht, dass wir auch noch die Fidschi-Inseln, Hawaii und Acapulco anfliegen konnten. Wir waren dadurch zwar einen Monat länger unterwegs, aber hatten eine Mordsgaudi. Es war halt immer fröhlich bei uns. Und in Ruit, um auf die Schwarzwald-Radtour zurückzukommen, gab es ja auch noch nette Sportstudentinnen. Das war sehr interessant, denn damals sind ja immer noch die Trainer abends durch die Zimmer gegangen und haben kontrolliert. Das musste man natürlich abwarten, ehe man ausrückte.

Goldene Groupie-Zeiten also damals – im Vergleich zu heute. Ich weiß nicht, wie es heute ist. Aber zu unseren Zeiten waren halt noch keine Paparazzi da.

War auch der Verdienst golden? Bei uns waren fast alle beim Zoll oder bei der Bundeswehr. Und ein gut Verdienender ist damals alles in allem schon auf 50.000 Mark jährlich gekommen. Obwohl es keine Prämien für Siege oder Plätze gab, vielleicht mal 500 Mark nebenbei. Richtige Prämien kamen erst später. Einer wie der Franz (Klammer, Anm. d. Red.) hat vermutlich das Zehnfache von uns verdient. Zum Vergleich: Weil ich Vierter bei der WM 1970 wurde, erhielt ich von meinem Skiausrüster Fritzmeier eine dreiwöchige Reise zur Fußball-WM nach Mexiko geschenkt, die im gleichen Jahr war.

Fuhren Sie bei Ihrem Riesenslalom-Sieg in Mount St. Anne auch einen Fritzmeier? Nein, das war dann schon ein Rossignol.

Und was fahren Sie heute, einen Allrounder? Nein, den sportlichsten von K2, den Bolt, in 1,76 m Länge.

Wer war der größte Riesenslalom-Fahrer aller Zeiten? Trotz des heute fabelhaften Ted Ligety: Der Beste aller Zeiten ist Ingemar Stenmark. Der besaß eine optimale Position über dem Ski – und dazu noch eine Nerven-stärke ohnegleichen. (Der Schwede gewann 46 Weltcup-Riesenslaloms und wurde in dieser Disziplin Weltmeister 1978 und Olympiasieger 1980, Anm. d. Red.)

Was ist Ihre schönste Erinnerung an das Weltcup-Leben? Die Einmärsche bei den Olympischen Spielen 1968 in Grenoble sowie 1972 in Sapporo. Und der jeweilige Augenblick, als das Feuer entzündet wurde – beide Male ein unglaubliches Erlebnis.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2014

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