Patrick Küng: Wir sind alle etwas verrückt

Slalom und Riesenslalom – super! Doch die wahre Königsdisziplin im alpinen Skisport ist die Abfahrt. Wer darin Weltmeister wird, ist der absolute King. Seit diesem Jahr heißt er Küng. Patrick Küng. Der Schweizer (31) siegte im Februar bei der WM in Vail/Beaver Creek. Dabei hatte er für den Winter 2014/15 nicht mal einen Sponsor für die Sturzhelmaufschrift gefunden. Im Exklusiv-Interview mit dem SkiMAGAZIN verrät Küng über sich und die anderen Weltcup-­Abfahrer: „Wir suchen immer den großen Kick und genießen die Extreme

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© Ausrüster

Interview: Jupp Suttner

Die Durststrecke dauerte 18 Jahre – und wurde von der Startnummer 19 beendet. Letztmals 1997 hatte ein Vertreter der großen Skination Schweiz bei einer WM-Abfahrt gesiegt. Am Sonntag, dem 8. Februar 2015, in Beaver Creek der ­nächste – Patrick Küng, was jede Menge Wortspiele mit King und Kong ergab. Küng war an jenem Sonntag zwar schon 31 Jahre alt, galt aber trotzdem immer noch als eine Art Talent – irgendwann würde der Durchbruch schon noch gelingen. Dabei hatte er bereits 2014 auf der legendären Lauberhorn-Strecke in Wengen gesiegt! Dass das Happy End nun ausgerechnet auf der schauder­erregenden Piste namens Birds of Pray gelang, auf der er 2013 ein Super-G-Weltcup-Rennen gewann, kam einer Sensation gleich. Hinterher – noch im Zielraum – floss Champagner aus Magnumflaschen. Küng hat seinen Lauf seitdem einige Male gesehen – aber noch nie anhand einer Eurosport-Aufzeichnung. Denn bei diesem Sender kommentiert Urs Lehmann – selbst einst Abfahrtsweltmeister (1993) und heute nicht nur Fernsehmann, sondern zugleich Präsident des Schweizer Skiverbandes. In beiden Funktionen hatte er in den Jahren zuvor Patrick Küng geradezu herablassend kritisiert. Dessen Rache nun: sich eben niemals seinen Gold-Run auf Eurosport anzusehen – um nicht Lehmanns Worte vernehmen zu müssen. Lieber hörte er sich die Fragen des SkiMAGAZIN an:

SkiMAGAZIN:Sie bezeichnen sich selbst als schwierigen Menschen. Was ist so schwierig an Ihnen?

Patrick Küng: Ich habe das zwar mal gesagt, aber „schwierig“ ist trotzdem der falsche Ausdruck. Es ist nur so, dass ich – wie jeder Einzelsportler – Ecken und Kanten besitze. Ich kann’s nicht jedem recht machen. Ich weiß, was ich will und wo ich hin möchte. Ansonsten bin ich eigentlich ein sehr offener Typ (lacht). Das war ich als Kind schon.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Rennen als Kind? Erinnern wäre übertrieben. Denn ich war damals erst vier oder fünf Jahre alt. Ich habe noch Fotos, auf denen zu sehen ist, dass ich einen Pokal gewonnen habe. Also muss ich zumindest das Podest erreicht haben. Und ich hatte – einige Jahre nach dem ersten Rennen – schon als Kind dieses Ziel: Weltmeister in der Abfahrt zu werden! Und dann wurde dieser Traum jetzt Realität ...

Hatten Sie als junger Nachwuchs-Rennfahrer ein Vorbild? Als ganz Kleiner beeindruckten mich die Erfolge von Vreni Schneider (dreifache Olympiasiegerin, dreifache Weltmeisterin und dreifache Gesamtweltcup-Gewinnerin zwischen 1987 und 1995, Anm. d. Red.). Irgendwann habe ich sie natürlich kennengelernt, denn sie kommt ja aus dem gleichen Kanton wie ich. Und Glarus ist ein sehr kleiner Kanton, da läuft man sich automatisch mal über den Weg. Ich schreibe ihr gelegentlich eine Mail.

Und später dann? Später waren ­Hermann Maier und Bode Miller meine Idole. Aber was ich fast noch interessanter als Vorbilder finde, ist, wie sich manche Läufer entwickelt haben. Das ist einfach schön zu beobachten. Felix Neureuther zum Beispiel ist ja der gleiche Jahrgang wie ich, und wir sind früher dieselben Disziplinen gefahren. Jetzt sehe ich mir immer gespannt seine Torläufe an.

Nach dem WM-Titel sind Sie ja nun selbst ein Vorbild für die Kids. Belastet es, in der Öffentlichkeit immer alles richtig machen zu müssen? Nein. Ich bin nicht der Typ, der denkt, er müsse nun einem gewissen Rollenbild entsprechen. Ich bin einfach ich selbst und glaube, das schätzen die Leute auch.

Träumen Sie gelegentlich des Nachts vom Skifahren? Nein. Ich träume ­generell sehr wenig – oder ich kann mich vielleicht auch einfach nicht mehr daran erinnern (lacht).

Wie oft haben Sie sich seit dem Titelgewinn Ihre WM-Abfahrt auf dem Laptop angesehen? Ich meide das ein bisschen. Ich kam zwar nicht umhin, meinen Lauf einige Male zu sehen, denn bei Veranstaltungen wurde er ja manchmal gezeigt. Aber ich möchte das nicht zu oft sehen, denn es muss etwas ganz Spezielles bleiben.

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Küng gewann 2015 als zehnter Schweizer WM-Gold in der Abfahrt. Zuletzt hatte Bruno Kernen 1997 den Titel für die Eidgenossen geholt.
© Ausrüster

Wie stark hat der WM-Titel Ihr ­Leben verändert? Was die eigene Person betrifft, so hoffe ich sehr, dass ich mich nicht verändert habe. Und was den Alltag betrifft, da gab es natürlich einige Verpflichtungen, aber vor allem auch viele schöne Termine. Ich musste aufpassen, dass das Training stets im Vordergrund stehen konnte. Alles in allem habe ich aber einen sehr coolen Sommer 2015 verbracht.

Abfahrtsweltmeister ist einer der höchsten Titel im Denken der Schweizer Sport-Fans – avancierten Sie damit zu einer Art Roger Federer auf Ski? Ja, der Stellenwert einer solchen Goldmedaille ist bei uns enorm hoch. Und wurde wohl noch viel höher eingeschätzt, weil mit diesem Rennen, in dem mein Teamkollege Beat Feuz ja auch noch Bronze gewann, die WM für die Schweiz zu einem vollen Erfolg wurde. Aber in unserem Land ist der Stellenwert des alpinen Skisports grundsätzlich sehr hoch. Die Einschaltquoten sind bei uns nach wie vor top – und das freut uns natürlich.

Wenn man das Lauberhorn-Rennen gewinnt und dann noch Abfahrtsweltmeister wird, erhält man viele neue Freunde. Fiel es Ihnen schwer zu trennen, wer es wirklich ehrlich meint? Das ist ja normal, dass alle ein bisschen Freund sein wollen, wenn es gut läuft. Aber ich hatte und habe das im Griff. Ich weiß sehr gut, wer die ganze Zeit hinter mir gestanden hat, und es freut mich, dass ich immer auf meine besten Freunde zählen kann!

Und wer und was verbirgt sich hinter dem Namen KÜNG & FRIENDS? Das ist ein Projekt, das ich im Herbst 2014 startete. Ich hatte damals keinen richtigen Kopfsponsor. Damit ich trotzdem richtig weitermachen ­konnte, haben Freunde mich unterstützt. Es entstand KÜNG & FRIENDS. Das war eine sehr, sehr große Hilfe, für die ich immer noch sehr dankbar bin. Weshalb ich das Projekt nicht ad acta legte, als sich bei mir alles zum Guten wandte, sondern es weiter­führte. Als Nachwuchs-Projekt.

Was bedeutet das? Dass meine ­Freunde und ich bereits 20.000 Franken aufgetrieben haben, die nun den jungen Talenten meiner Region zugutekommen – indem wir beispielsweise Trainingslager mitfinanzieren oder einen neuen Rennanzug spendieren. Oder dass ich einen Trainingstag mit ihnen absolviere. Ich versuche einfach, etwas zurückzugeben. Weshalb es KÜNG & FRIENDS künftig ausschließlich als Stiftung für den Nachwuchs geben wird. Interessierte können gerne bei www.kuengandfriends.ch vorbeischauen!

Was lieben Sie am Skirennfahren am meisten? Den ganzen Tag! Und der beginnt bereits am Vorabend – mit der Diskussion mit dem Servicemann, welches Material beim Rennen wohl am besten sei. Manchmal jedoch bin ich nervös, dann kann ich das ­gesamte Ambiente nicht so genießen. Aber man muss sich ohnehin etwas abschotten und in sich kehren, damit man nicht zu sehr genießt, sondern vielmehr eine gesunde Anspannung aufbaut. Vor dem Rennen hat man Respekt – jedoch keine Angst – vor der Strecke. Das Adrenalin kommt hoch – ein unvergleichliches Gefühl ... Und am Abend nach dem Rennen ist man geschafft und hundemüde, denn ein Renntag ist sehr stressig – egal, welches Resultat man erzielt.

Wobei ja Abfahrt – der Gefahr wegen – vermutlich am stressigsten von allen Disziplinen ist, oder? Ja, wir sind wohl alle etwas verrückt. Das muss man wohl sein, wenn man diesen Sport betreibt – immer auf der Suche nach dem Kick. Wobei man auch sagen muss, dass wir die Geschwindigkeit auf Ski wohl etwas anders empfinden als der Freizeitfahrer. Man gewöhnt sich an das hohe Tempo, und 140 Stundenkilometer sind für uns nicht so extrem, wie sich das manche vorstellen. Ich versuche, sogar die Sprünge zu genießen.

Ihre große Stärke als Rennfahrer? Das möchte ich nicht verraten (lacht). Im Ernst: dass ich mich vom Training zum Rennen stark steigern kann. Und dass ich ein gutes Gefühl habe, wo man ein Rennen gewinnen oder verlieren könnte.

In welchem Bereich möchten Sie sich noch verbessern? Da gibt es gleich ein paar Sachen. Beispielsweise lasse ich mich manchmal zu schnell ablenken. Und rege mich gelegentlich zu rasch über Angelegenheiten auf, die eigentlich nicht so wichtig wären. Was die Skitechnik betrifft: Da möchte ich in der Position stabiler werden. Weshalb ich in der Vorbereitungsphase spezielle Rumpfübungen absolvierte und mit dem großen Trampolin gearbeitet habe. Denn Spannung in der Luft ist ein wichtiges Thema.

Was ist für Sie das Schönste am Skifahren außerhalb des Rennsports? Mit Kollegen frühmorgens auf die ­Piste zu gehen und Schwünge zu ziehen. Das Wetter, die Berge, die Freiheit genießen – wie dann mittags auch den Einkehrschwung. Der gehört ab und zu dazu – für mich natürlich erst nach der Weltcup-Saison. Beim Skifahren lernt man die Leute viel besser und anders kennen als an der Bar in einer Stadt.

Wie lautet Ihre Sport- und wie Ihre ­Lebensphilosophie? In der Ruhe liegt die Kraft. Lass dir Zeit, am Ende wird alles gut. Und: Man kann nichts erzwingen!

Sie sind also mehr der nüchtern abwägende als der spontan agierende Mensch? Das ist unterschiedlich, denn ich bin ein Typ, der sich immer auf die Situation einzustellen versucht. So hatte ich etwa letztes Frühjahr einen Plan aufgestellt, was ich alles verbessern möchte. Aber dann kam ein Knieproblem und hat den Plan über den Haufen geworfen. So geht’s oft. Ein Plan ist häufig nur Wunschdenken. Und da bleibt mir dann nichts anderes übrig, als flexibel zu bleiben.

Welche Eigenschaften können Sie an anderen Menschen gar nicht leiden? Wenn sie zu aufdringlich sind. Wir Schweizer sind in der Regel ja eher etwas zurückhaltender.

Martin Luther sagte einst: „I have a dream“. Wie lautet der Ihre? Ich habe mir mit dem Lauberhorn-Sieg und dem WM-Titel schon große Träume verwirklicht. Aber ich habe sportlich noch nicht ausgeträumt. Und außerhalb des Skisports träume ich davon, irgendwann einmal eine Familie zu gründen.

War auch Amerika ein Traum? Ja – diesen Traum habe ich mir erfüllt, als ich mit 21 Jahren für einen mehrmonatigen Aufenthalt in die USA gereist bin. 21 ist ein gutes Alter, man wird weltoffener, lernt neue Sachen kennen, wird sicherer auf dem Weg, durch das Leben zu gehen. Ich kann nur jedem jungen Menschen dazu raten. Für mich war diese Reise eine Bereicherung.

Was ist abseits des Schnees Ihr Lieblingssport? Von Frühjahr bis Herbst ist das Golf – da kann ich abschalten. Dass ich bislang nur Handicap 26 habe, spielt keine Rolle. Besonders entspannend ist es, wenn auch Beat Feuz mitspielt. Außerdem noch Badminton, Fußball und Biken. Biken ist nicht nur mein Training, sondern ich mache das richtig gerne. Und das ist ja das Schöne bei uns: dass wir für unseren Beruf Skirennfahrer das machen müssen, was uns auch ohne Hochleistungs-Job Spaß bereitet.

Zum Schluss unser berühmtes SkiMAGAZIN-Hüttenspiel – drei ­Fragen, drei spontane Antworten. Die erste: Sie sind drei Tage und Nächte auf einer Skihütte eingeschneit – mit wem am liebsten? Mit einer oder mit mehreren Frauen.

Welche Musik würdet ihr hören? Après-Ski-Hits natürlich – und abends dann etwas Ruhigeres.

Und welches Hüttenspiel würdet ihr spielen? Was sollte ich am besten mit den Frauen spielen? Strip-Poker vielleicht? Nein, bleiben wir ganz ­seriös: Jassen natürlich (berühmtestes Schweizer Kartenspiel, Anm. d. Red.).

Viel Spaß! Ja, den habe ich immer ...

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© Ausrüster

DAS IST PATRICK KÜNG

GEBOREN: 11. Januar 1984 in Mühlehorn im Kanton Glarus/Schweiz

GRÖSSE/GEWICHT: 1,81 m/84 kg

VEREIN: SC Mürtschen Kerenzerberg

GRÖSSTE ERFOLGE:

• Abfahrtsweltmeister 2015 in Vail/Beaver Creek

• Weltcup-Siege zum Start der Saison 2015/16:

2 – Super-G in Beaver Creek (7.12.2013), Lauberhorn-

Abfahrt in Wengen (18.1.2014)

• Insgesamt 5 Weltcup-Podest-Platzierungen, ­außerdem: 10. im Gesamt-Weltcup 2013/14,

5. im Abfahrts-Weltcup 2013/14,

3. im Super-G-Weltcup 2013/14

AUSRÜSTER: Salomon

KOPF-SPONSOR: BKW

WEBSITE: www.patrickkueng.ch,

www.kuengandfriends.ch

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 01 / 2016

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