Tina Maze: Ich liebe Schlachten mit Männern

Tina Maze (32) ist Olympiasiegerin, Weltmeisterin und Weltcup-Gewinnerin. Die Slowenin stand bei 80 Weltcup-Rennen auf dem Podium (26 x davon ganz oben), errang die höchste Weltcup-Punktzahl aller Zeiten innerhalb einer Saison, erhielt 2011 eine Morddrohung und geriet in einen Unterwäsche-Skandal. Sie startet seit 2008 in einem Privat-Team, hat einen Freund (Andreas Massi), der zugleich ihr Manager sowie Trainer ist – und legt nun eine mindestens einjährige Wettkampf-Pause ein. Vorher traf sie sich noch mit dem SkiMAGAZIN zu einem Exclusiv-Interview

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»Meine echten Freunde haben nichts mit Skisport zu tun«
© Alpina, Fila, Audi (Archiv)

Text: Jupp Suttner

8. März 2015. Ein strahlender Tag im Werdenfelser Land. Vor einer Stunde ist Tina Maze aus Slowenien hinter Lindsey Vonn 2. geworden, im Super-G-Welt-cup-Rennen von Garmisch-Partenkirchen. Anna Fenninger, Mazes große österreichische Rivalin um den Gesamt-Weltcup, belegte den 3. Rang. Die beiden liefern sich weiterhin ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die große Kristallkugel. Tina Maze betritt, in Skikleidung noch, die Lounge ihres Sponsors und Uhrenherstellers Alpina – bereit zum SkiMAGAZIN-Interview. Lächelnd streckt sie dem Interviewer die Hand zur Begrüßung entgegen – doch der lehnt ab: Er sei erkältet. Tina Maze wird blass, entsetzt weiten sich ihre Augen. Sie zieht sich weit entfernt zurück. „Was ist los?“, fragt einer ihres Stabs. Maze: „He has a cold!”. Und wenn diese Erkältung auf sie überspringe, sei der Weltcup beim Teufel. Sie schlägt vor: der SkiMAGAZIN-Mann auf der einen Couch in der einen Ecke des Raumes. Und sie auf der anderen Couch in der anderen Ecke des Raumes. Sie werde das Reporter-Tonband auf ihrem Schoß halten, verkündet sie, dann sei hinterher alles gut zu verstehen. Und es wäre ihr recht, wenn man sich auf Englisch unterhalten könnte – das wäre leichter für sie als Deutsch. Dann drückt sie auf den „Record“-Knopf …

SkiMAGAZIN: Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Rennen?

Tina Maze: Ja! Das war auf meinem Heimberg zu Hause. Es gab dort keinen Lift, aber wir fuhren trotzdem ein Rennen. Das hatte nichts mit einem Skiclub zu tun – es war ein reines Derby aller Nachbarn. Und ich war noch soooooooooo klein (sie deutet mit ihrem rechten Arm Tischhöhe an) – aber habe wohl gewonnen. Das Siegerehrungs-Podium war ein Schlitten, auf den ich klettern musste. Ich weiß das alles wohl nur deshalb so genau, weil es Fotos davon gibt.

Es folgten viele weitere Siege. Welcher war Ihr größter? Die Abfahrt von Sotschi. Denn Olympische Spiele sind unweigerlich das Wichtigste. Und ich denke, es handelste sich um einen ganz speziellen Gewinn, denn es waren ja vorher die verschiedensten Sachen schief gelaufen. Und ebenso speziell war es, zeitgleich mit Dominique zu sein (Anm.: d. Red.: Die Schweizerin Gisin ist gemeint. Zum ersten Mal in der olympischen Geschichte wurden zwei Goldmedaillen bei einer Damenabfahrt vergeben.) Wir haben ja so viele gemeinsame Sachen erlebt im Laufe unserer Karriere, sind ja fast im gleichen Alter.

Ist Dominique Gisin eine Freundin von Ihnen? „Freund“ ist ein großes Wort – ein Wort, vor dem ich sehr viel Respekt habe. Und wenn man sportlich rivalisiert, kann man meines Erachtens nicht „Freund“ oder „Freundin“ sein. Ich liebe den Skizirkus und habe sehr viele gute Verbindungen zu sehr vielen Sportlerinnen und Sportlern. Aber ich habe es nie geschafft, eine richtige „Freundin“ zu besitzen. Die echten Freunde habe ich zu Hause und die haben nichts mit dem Skirennsport zu tun.

Das mieseste Rennen Ihrer Karriere? (Langes, langes Schweigen) Puuuuh … Mmmmh … Man erinnert sich halt immer nur an die guten Sachen und vergisst die schlechten. Aber ich weiß, dass ich VIELE schlechte Rennen erlebt habe – vor allem zwischen 2002 und 2006, das war eine schwierige Zeit, ehe wir mein Privat-Team bildeten.

Was ist Ihre große Stärke? Ich denke, dass ich ein gutes Gefühl auf Ski habe. Und dass ich früh erkannte, dass Talent alleine nicht genug ist, sondern dass man hart trainieren muss, um die körperlichen Voraussetzungen zu schaffen. Und dass man genügend Ausdauer und Durchhaltevermögen besitzen muss. Und vor allem Geduld.

Und: Sind Sie geduldig? Ich war anfangs schrecklich, was diesen Punkt betrifft. Aber ich lernte es. Der Druck, bei großen Events zu fahren, ist sehr groß. Aber man MUSS es einfach lernen, unter Druck zu bestehen! Und man KANN es lernen. Es ist keine Frage des „Du hast es oder hast es nicht“, sondern auch eine Frage der Erfahrung und Routine, die man sich aneignet. Wobei es viel einfacher ist, wenn man jemand hat, der einem den Weg zeigt. So wie es bei mir ist, seit ich dieses Privat-Team habe. Und ich denke, ich besitze inzwischen diese Fähigkeit, die nötig ist.

Wenn Sie auf der Couch liegen und mental ein Rennen fahren – wie viele Sekunden sind Sie bei der geistigen Zieldurchfahrt von der realen Zeit entfernt? Keine Ahnung – ich habe das noch nie probiert. Und das hat mich auch nie interessiert. Es ist meines Erachtens nicht wichtig, im Liegen die richtige Zeit zu fahren. Entscheidend ist, was im Schnee passiert!

Was bedeutet überhaupt „Zeit“ für Sie? Zeit ist der momentane Augenblick. Und er ist es, der zählt. Man muss halt irgendwie generell in der Zeit leben – und trotzdem möglichst im Jetzt.

Schaffen Sie das? Es wechselt. Im Rennen ist es eminent wichtig, im absoluten Jetzt zu sein. Im normalen Leben schweift man schon mal in die Vergangenheit oder Zukunft ab …

Sind Sie ein pünktlicher Mensch? Kommt darauf an. Wenn wir professionell arbeiten, bin ich natürlich pünktlich. Aber es passieren ja immer wieder irgendwelche unvorhergesehene Sachen, und dann verspätet man sich und alles kommt ein wenig durcheinander. Man muss dann halt improvisieren.

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Tina Maze beim Interview mit SkiMAGAZIN-Mitarbeiter Jupp Suttner.
© Alpina, Fila, Audi (Archiv)

Tragen Sie auch während eines Rennens eine Uhr? Im normalen Leben immer – in einem Rennen nie. Es ist einfach zu gefährlich an den Toren. Und es würde auch bei den Arm-Protectoren stören.

Und rast Ihre selbst kreierte Schmuck-Kollektion bei einem Rennen mit? Nein, auch das nicht. Das einzige, das ich dabei habe, ist dies. (Zeigt auf ein Halskettchen.) Es ist ein Geschenk von Andreas, ein Liebes-Zeichen.

Vermutlich irrsinnig teuer. Überhaupt nicht! Es geht auch nicht um den materiellen Wert. Sondern um das, dass es etwas sehr Persönliches ist.

Was bedeutet 1/100 für Sie – können Sie sich den Zeitraum einer Hundertstelsekunde vorstellen? Das ist ja das Problematische unseres Sports – du kannst gewinnen oder verlieren in dieser geringen Zeitspanne. Es ist im Grunde ein Witz. Nein, falsch ausgedrückt. Kein Witz – sondern eine Art Spiel. Ein Glücksspiel manchmal. Aber ich denke, für die meisten gleicht sich das im Laufe einer Karriere aus.

Sind Sie – bei einer Hundertstelentscheidung – glücklich, Silber gewonnen zu haben. Oder traurig, dass es nicht Gold wurde? Wenn ich auf der Strecke unterwegs bin, habe ich manchmal durchaus das Gefühl, heute gewinnen zu können. Aber man kann nicht das entscheidende Hundertstel fühlen. Wenn es dann nicht geklappt hat mit dem Sieg, muss man sich einfach denken: Es kommt garantiert die nächste Chance! Immer die positive Seite sehen! Das Gute am Verlieren ist, dass es ein Feuer in dir entfachen kann. Und wenn du um 1/100 verlierst, dann wirst du am nächsten Tag noch härter kämpfen!

In der Astronomie gibt es sogar die Messung von Millionstelsekunden. Und in der Physik wird behauptet, die Zeit am Berg oben renne schneller als jene im Tal. Zumindest Einstein zufolge. Ist derlei für Sie vorstellbar? Es ist sehr hart, an so etwas zu denken. Da sind die Hundertstel des Weltcups schon wieder richtige Realität. Aber alles, was passiert, passiert ja aus einem gewissen Grund. Und vielleicht gehören ja derlei Dinge dazu.

Wie reagieren Sie, wenn Sie im oberen Streckenteil einen Fehler fabrizieren: Fahren Sie anschließend vollstes Risiko? Das ist der schlechte Teil von mir. Ich werde dann zu schnell panisch. Es fällt mir einfach schwer, zu sagen: „Das ist halt jetzt passiert“. Aber ich muss daran arbeiten, in diesem Punkt besser zu werden und ein Rennen auch mit Fehlern so zu managen, dass ich es cool zu Ende bringe.

Sie haben 2012 einen erfolgreichen Song hin gelegt – My Way is my Decision. Nr. 1 der slowenischen Charts. Werden weitere Hits folgen? Ich weiß nicht, ob ich auf diesem Gebiet eine Zukunft habe. Jeder sagt zwar, ich solle einen weiteren Song aufnehmen. Und es war ja auch eine große Erfahrung, hat riesigen Spaß bereitet und mich sehr stolz gemacht. Mir würde das sicher gefallen. Warum also nicht? Wenn ich die Chance dazu bekomme …

Wer war der größte Skifahrer aller Zeiten? Tomba! Alberto …

Wenn Sie einen Skicross bestreiten müssten – gegen welche drei Rivalinnen am liebsten? Nun – ich liebe es, Schlachten mit Männern auszutragen. Also würde ich fighten gegen Tomba, Kostelic und Neureuther.

Neureuther jun. oder sen.? Gegen Felix natürlich.

Wenn Sie einmal drei Tage und Nächte in einer Hütte eingeschneit wären – wen hätten Sie am liebsten dabei? Mit Julia Mancuso – die ist lustig.

Welche Musik würdet ihr hören? Jede Art – Funk, Punk, Pop, Rock …

Falls Sie mal Ihre Karriere beenden – was wird Ihnen am Skirennsport definitiv NICHT fehlen? Das Reisen. Reisen macht zwar Spaß – aber als Racer hast du immer so eine Riesenmenge an Dingen dabei, das ist oft sehr mühsam.

Ihrer Ski-Unterwäsche wegen gab es mal einen Skandal – sie soll nicht den FIS-Vorschriften entsprochen haben. Werden Sie deshalb das letzte Rennen Ihrer Karriere in Unterwäsche bestreiten? Ich habe schon darüber nachgedacht! (lacht) Alberto Tomba hat das ja auch gemacht und er war und ist schließlich mein großes Idol. Ich mag es, Spaß zu haben und liebe es auch, eine kleine Show abzuziehen. Aber ob ich es dann wirklich mache?

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Tina Maze hat sich bei diesem Interview-Termin KEINE Erkältung zugezogen. Trotzdem gewinnt Anna Fenninger den Weltcup mit 22 Punkten Vorsprung. Zwei Monate später, im Mai, erklärt Maze auf ihrer Homepage, im Winter 2015/16 keine Rennen bestreiten zu wollen: „Ich gestatte mir eine einjährige Pause, ehe ich weitere Entscheidungen treffe. Nach 16 langen und erfolgreichen Saisons, in denen ich alle Disziplinen trainiert habe, habe ich das Gefühl, dass mein Körper und mein Geist eine längere Pause brauchen als gewöhnlich. Ich werde die Gelegenheit nutzen, und meinen Studien-Abschluss machen.“ Sie will Grundschullehrerin werden. Wobei die gesamte Ski-Welt hofft, dass Tina Maze nach einem Jahr wieder in den Zirkus zurück kehrt. Schon deshalb, um ein tatsächliches Abschiedsrennen von ihr zu erleben. Eines à la Tomba …

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© Alpina, Fila, Audi (Archiv)

DAS IST KLEMENTINA MAZE

Geboren: 2. Mai 1983 in Slovenj Gradec,

damals Jugoslawien, heute Slowenien

Größe/Gewicht: 1,72 m/67 kg

Beruf: Studentin für das Lehramt Grundschullehrerin

Größte Erfolge: • Bei Olympischen Spielen: Gold in Abfahrt und Riesenslalom (Sotschi 2014), Silber in Super-G und Riesenslalom (Vancouver 2010).

• Bei Weltmeisterschaften: Silber Riesenslalom

(Val-d’Isère 2009), Gold Riesenslalom und Silber Super-G (Garmisch-Partenkirchen 2011), Gold Super-G, Silber Riesenslalom, Silber Super-Kombination (Schladming 2013), Gold Abfahrt, Gold Alpine Kombination, Silber Super-G (Vail-Beaver Creek 2015)

• Gesamt-Weltcup-Gewinnerin 2012/13. Dabei hat sie mit 2.414 Punkten die höchste Gesamt-Weltcup-Punktzahl aller Zeiten geschafft.

• Als eine der wenigen Läuferinnen der Geschichte hat Maze Rennen in allen fünf Weltcup-Disziplinen gewonnen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 04 / 2015

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