Viktoria Rebensburg: Ich denke noch im Bett über den perfekten Schwung nach

Viktoria Rebensburg (22) besitzt zwei beeindruckende Talente:

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Erstens ist sie eine Naturbegabung auf Ski. Und zweitens besitzt sie den absoluten Willen, dieser Fähigkeit zum Durchbruch zu verhelfen: Die Tegernseerin ist eine Kämpferin durch und durch. Lohn dieses konsequenten Engagements: Olympiasieg im Riesenslalom von Vancouver/Whistler 2010 und Gewinn des Riesenslalom-Weltcups 2011. Im SkiMAGAZIN-Interview verrät sie ihre nächsten Ziele – zum Beispiel, nun auch mal Speed-Rennen zu gewinnen

INTERVIEW JUPP SUTTNER ILLUSTRATION JASMIN SIDDIQUI BILD Nordica

Der Olympiasieg 2010 liegt nun schon 21 Monate zurück. Wirkt er dennoch noch nach?

Natürlich! Denn das ist doch etwas, was mir bleibt bis in die (sie macht Anführungszeichen in die Luft) „Ewigkeit“. Aber der Olympiasieg ist nicht mehr täglich präsent. Meine Gedanken befassen sich mit den aktuellen Herausforderungen. Deshalb beeinflusst das Gold meine Planungen nicht. Ich bin auf die Zukunft ausgerichtet.

Damals meckerten ja einige hinter vorgehaltener Hand: „Die Rebensburg hat noch nie ein Weltcup-Rennen gewonnen – und bei ihrem ersten Sieg gibt’s gleich Olympiagold: Das ist ein unverdienter Zufalls-Sieg!“. Bildeten diese Sprüche die große Motivation für die nacholympische Saison?

Das habe ich gar nicht wahrgenommen. Die Tatsache, Olympiasiegerin zu sein, war so unglaublich schön, dass das andere gar kein Thema war. Und somit auch keine zusätzliche Motivation.

Was war und ist dann Ihre Motivation?

Ich bin hungrig nach Erfolgen. Dadurch wird der Druck zwar größer, aber meine Motivation ist es, Titel und Rennen zu gewinnen!

Und dass Sie im Jahr nach dem Vancouver-Gold auch noch den

Riesenslalom-Weltcup gewonnen haben hat rückwirkend ja deutlich bestätigt, dass das Olympiagold kein Zufall war …

Für mich ist es schön, zwei wichtige Riesenslalom-Titel gewonnen zu haben. Aber trotzdem gibt es bei künftigen Weltmeisterschaften und im Weltcup noch viel zu gewinnen! Ich denke durchaus auch an andere Disziplinen als den Riesenslalom.

Zum Beispiel an die Speed-Disziplinen.

Genau, hier möchte ich weiter nach vorne kommen. Ich war letzte Saison fast immer unter den besten zehn bis fünfzehn. Mein Ziel für diesen Winter ist es, konstant unter die besten zehn zu fahren und auch in die Nähe der Podestplätze zu kommen. In der Abfahrt von Åre war ich beispielsweise Sechste. Zur absoluten Weltspitze fehlt nicht mehr viel.

Wird das zu Lasten des Riesenslaloms gehen?

Nein. Der Riesenslalom wird immer die Basis und auch meine Lieblings-Disziplin bleiben. Um im Super-G oder in der Abfahrt ganz vorne dabei zu sein, brauche ich einen guten Tag.

Dass das Gold Ihr Leben verändert hat, ist klar. Hat es Sie auch

persönlich verändert?

Finde ich nicht. Ich bin die gleiche Person geblieben.

Und Ihr Umfeld?

Klar werde ich in der Öffentlichkeit seit dem Olympiasieg anders wahrgenommen. Deshalb bin ich froh, dass ich weiter am Tegernsee wohne. Hier habe ich meine Freunde und meine Familie. Das ist für mich eine wichtige Basis und zugleich mein Rückzugspunkt.

Jeder Mensch benötigt eine Traumwelt, in die er flüchten kann. In welche begeben Sie sich?

Meine Traumwelt ist zu Hause! Da kann ich „ich“ sein. Da komme ich wieder ’runter und kann die Akkus wieder aufladen.

Müssen Sie sich denn als öffentliche Person am Tegernsee nicht ständig „unter Kontrolle“ verhalten?

Nein. Ich finde es schön, dass ich erkannt werde und ich sehe es auch als Wertschätzung. Außerdem hält sich das alles in Grenzen. Die Leute hier kennen mich zwar, aber lassen mich in Ruhe. Bei uns gilt die Devise „leben und leben lassen“.

Auf alle Fälle haben Sie somit gleich zwei Basis-Stationen – den Riesenslalom und den Tegernsee. Die beiden sind sozusagen Ihre per-

sönlichen Klassiker. Und welches sind die Weltcup-Klassiker in Ihrer Lieblingsdisziplin?

Sölden! Das ist ein schwieriger Hang – schnell und steil. Und Aspen mag ich auch sehr gerne, weil es sehr anspruchsvoll ist. Aber freuen tu’ ich mich auf alle Rennen, egal wo.

Wie lernt man am besten, beim Riesenslalom-Schwung Power und Gefühl in Balance zu halten?

Wichtig ist, dass man trainiert und viele Tore fährt. Im Training gilt es, an jedem Schwung zu tüfteln, um dann im Wettkampf seine beste Leistung abrufen zu können. Vielleicht ist es bei anderen anders – aber bei mir ist es völlig klar: Je öfter ich im Training fahre, desto besser bin ich. Und natürlich braucht man auch Talent.

Das Sie zweifelsohne besitzen.

Was mir aber nicht klar war. Ich war zum Beispiel ziemlich verwundert, als ich mit 15 in den DSV-Kader kam, denn ich fühlte mich eigentlich gar nicht so gut.

Wie lief das ab?

Wir waren die so genannte Leistungsgruppe 3 und fuhren Ausscheidung um den Aufstieg in den C-Kader. „Jede besitzt die gleiche Chance“, sagte der Trainer. „Aber man kann auch aus der Gruppe ’raus fallen!“. Ich hatte Angst davor. Letztendlich schaffte ich dann Bestzeit. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich. Ab dem Zeitpunkt war mir klar, dass ich mithalten kann und in Deutschland ganz vorne dabei bin!

Wenn man Ihren heutigen Standard als Ihre persönlichen 100 Prozent betrachtet – wie hoch lag er damals, mit 15?

Ich würde sagen 50 bis 60 Prozent. Ich wurde dann immer besser.

Wie viele Schwünge eines Riesen-slaloms sind heutzutage bei Ihnen „perfekt“?

Ich würde sagen, dass fünf bis zehn Schwünge bei einem Rennen nicht perfekt sind. Die anderen schon.

Richtig bewerten kann ich die Fahrten dann aber erst bei der Videoanalyse. Ich bin immer sehr kritisch, was meine Technik betrifft. Der Trainer sagt dann meist: „So schlecht war das gar nicht!“ Aber ich versuche immer das Maximum herauszuholen. Ich denke oft sogar im Bett noch über den perfekten Schwung nach!

Wer ist Ihr Riesenslalom-Männer-Held? Von wem können Sie am meisten lernen?

Daniel Albrecht! Er ist bis zu seinem Unfall sensationell gefahren. Er war für mich im Riesenslalom das Maß aller Dinge. Allgemein kann man sich schon sehr viel von den Männern abschauen, weil bei ihnen die Technik noch ausgeprägter ist als bei uns Frauen. Dass Männer aufgrund der physiologischen Voraussetzungen schneller sind, ist klar.

Sie sehen sich also in einer Tour die spannenden Männer-Rennen an?

Nein. Ich sehe mir nur die Videos an, um davon zu profitieren. Es ist schon beeindruckend, wie die auf Zug bleiben.

Und Frauen-Videos?

Sehe ich mir selten an. Ich habe zwar verschiedene Kolleginnen auf dem PC, aber wichtiger ist, meine Videos im Vergleich zu den Männer-Videos zu analysieren.

Wie stufen Sie Ihren Sieg in der Riesenslalom-Weltcup-Wertung des letzten Winters ein?

Ich bin sehr stolz darauf, diesen Titel gewonnen zu haben. Der Disziplinen- Weltcup ist sportlich höher einzuschätzen als ein Olympiasieg.

Natürlich nicht vom Prestige her, das ist klar, aber man muss über die komplette Saison auf höchstem Niveau fahren. Ich bin sehr froh, die Riesenslalom-Kugel schon in meinem jungen Alter gewonnen zu haben, denn es war ein Ziel in meiner Karriere!

In der anstehenden Saison 2011/12 wird es kein Großereignis wie Olympische Spiele oder WM geben …

Das spielt für mich keine so große Rolle. Ich will mich jetzt in den schnellen Disziplinen verbessern und gleichzeitig im Riesenslalom erfolgreich sein. Bei einer WM ist eine Medaille das Ziel. Und im Hinblick auf das Großereignis würde man vielleicht intensiver eine Disziplin trainieren, weil man die Medaille im Blickfeld hat. Jetzt kann ich versuchen, ohne Stress und Zeitdruck in der Abfahrt und im Super-G einen weiteren Schritt nach vorne zu machen.

Um irgendwann einmal auch um den Gesamtweltcup mitzumischen?

Langfristig ist es natürlich mein Ziel, auch da ein Wörtchen mitzureden. So etwas kann man zwar nicht planen, aber einer meiner Zukunftsträume ist es trotzdem. Und deshalb will ich mehr Rennen fahren. Diesen Winter werde ich auch bei der Kombination starten.

Wie sieht es denn mit Ihren Slalom-Künsten aus?

Ich habe die Kippstangen-Technik sehr spät gelernt, darum war Slalom nie meine Stärke. Doch das Training macht mir riesig Spaß – der allerdings rasch vergehen kann, wenn es nicht so klappt, wie ich es mir vorstelle.

Was fehlt noch zu einem Super-G-Sieg?

Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Ich bringe von der Technik und dem Gefühl für den Ski alles mit. Aber es fehlt noch das letzte Vertrauen in meine Stärke. Es ist also mehr eine mentale Sache. Ich war selbst noch nicht bereit, zu gewinnen. Wenn der Wille und der Glaube kommen, denke ich, dass es an einem perfekten Tag klappen kann!

Spielt in diesem Fall auch das Kriterium „Erfahrung“ eine Rolle?

Sicher fehlt die mir noch. Aber ich habe trotzdem das Zeug dazu, ein Super-G-Rennen zu gewinnen. Nicht konstant über die gesamte Saison. Aber irgendwann einmal kommt der Zeitpunkt.

Wäre ein Mental-Coach hilfreich?

Ich hatte in den letzten Jahren nie das Gefühl, jemand zu brauchen, der mir auf der mentalen Ebene weiterhelfen kann. Und darum habe ich in dieser Richtung nie etwas unternommen. Zumal ich ja immer Menschen um mich herum habe, die ich fragen kann und die mir weiterhelfen können.

Und was fehlt zum Abfahrts-Stockerl?

Ich habe manchmal das Gefühl, in der Abfahrt näher dran zu sein als beim Super-G. Aber man braucht in der Abfahrt eine noch größere Erfahrung. Denn je öfter man eine Strecke fährt, desto besser kennt man sie. Und man muss lernen, mit dem Stress umzugehen, der durch die hohe Geschwindigkeit entsteht. Damit meine ich zu versuchen, einfach locker zu bleiben. Mein Problem waren auch die Sprünge, aber daran habe ich gearbeitet und das ist behoben. Inzwischen kann ich ans Limit gehen und nur dann kann man gewinnen. Doch ich gebe mir Zeit, ich will nichts überstürzen.

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