Aurora Borealis - Laser Show im hohen Norden

Wer im Winter in den hohen Norden reist, erlebt mit ein bisschen Glück eine ­Lasershow am Himmel. Sie verzaubert und macht ­demütig. Aber Vorsicht: ­Nordlicht macht süchtig!

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Wenn die Aurora Borealis beginnt, vergisst man alles um sich herum
© Visit Finland

Text: Nicola Förg

Ian hasst das „P“! Im gesamten Alphabet ist das sein ­ungeliebtester Buchstabe! Das verdammte P. P wie Programmautomatik – nein, das mag er gar nicht. Ian ist nämlich der Magier der Blende. „Es ist das Gehirn hinter der Kamera! Die teuerste Kamera nützt dir nichts ohne den Menschen dahinter“, sagt er. Ian ist Engländer, kommt aus Cornwall. Er war einst in Deutschland beim Militär und hat damals schon alles und jeden fotografiert. Danach war er Lkw-Fahrer. Was er aber eigentlich nie war: ein Stadtmensch. Schon gar nicht im Ruhrgebiet, wo er Carina traf, die norwegische Fremdsprachensekretärin. Auch sie ist ein Kind einer windgepeitschten Insel, weit hinterm ­Polarkreis. Die beiden pachteten eine alte Handelsstation auf den norwegischen Vesteralen, einer Inselgruppe im Nordwesten, und schufen Guesthouse, Restaurant und Basis für Ians Touren. Schneeschuhe, Winterkajak, Skitouren – vor allem aber jagt Ian das Licht. Seine Fotokurse beginnen irgendwo im Nirgendwo einer Bucht hinter den Schären der Vesteralen. Mit Stirnlampe geht es hinaus, dorthin, wo es knackt und knarzt. Ebbe und Flut arbeiten im Eise der zugefrorenen Buchten, alles ist im Wandel begriffen. Ian hebt Schneekristalle auf. Andächtig macht er das. Er schweigt dazu. Und blickt immer wieder zum Himmel. Ob es kommt? Es vergeht eine weitere Stunde. Ian schaut ständig auf Spaceweather auf dem Smartphone. Vorhersagen sind eben nur Vorhersagen. Ist das eine Wolke? Nein, das ist eine gräuliche Schliere, ganz plötzlich am Himmel. So kann es beginnen oder wieder verschwinden. Man hat Gänsehaut, legt den Kopf in den Nacken. Man möchte es zwingen! Es herbeihypnotisieren. „Früher schwenkte man weiße Laken, um es anzulocken“, erzählt Ian. Aber die Natur schaut nicht auf Bettlaken, man kann es nicht zwingen – wenn der Mensch das nur begreifen würde! Durchatmen, Schultern entspannen. Langsam unverrichteter Dinge retour zum Guesthouse gehen. Unter den Füßen knarzt der Schnee.

Unendliche Polarnacht

Am nächsten Morgen gegen neun Uhr beginnt ein bläu-liches Licht, Schlieren in den Himmel zu ziehen. Bis zehn wird es dauern, bis sich ins Blau Rosa mischt und Lila und wieder ein betörendes Blau. Gegen zwei wird der Farbkasten Gelb und Orange hinzufügen, die schwarzen Fjordberge werden scharfe Konturen zeichnen, und dann wird das Licht entgleiten … langsam, sanft, sphärisch. Der Mitteleuropäer ist nun geneigt hinauszustürmen, das Licht aufs Foto zu bannen, in Erinnerung an die schnellen Alpen-Sonnenuntergänge, die einem nur wenig Zeit für das perfekte Bild lassen. Aber gemach: Das hier ist 68,42 Grad Nord – Polarnacht, die Sonne steigt nicht mehr über den Horizont, dennoch gibt es Licht, magisches Licht, vier bis fünf Stunden lang. Am Nachmittag gehen wir Skifahren am Hang über Sortland, gerade jetzt, wo die Fjordberge immer schwärzer werden und es um drei schon Nacht wird. Flutlicht liegt auf der Piste, der Blick geht hinunter über die Stadt und den Fjord. Zum Millennium ersann ein Künstler eine ganz spezielle blaue Farbe und begann, die Häuser Sortlands blau zu malen. Sortland, „schwarzes Land“, Sortland, kein Vorzeigestädtchen, der Künstler wollte das Dunkle einfach wegmalen. Die Stadtväter dachten, sie seien schlau: nahmen Industriefarbe, die billiger war. Der Künstler klagte, ein Hin und Her ums Wesen des Blaus – nun wird weitergemalt, in diversen Blautönen.

Hinterm Polarkreis geht es immer ums Licht und das Fehlen desselben. Wir stehen am Pistenrand und staunen, weil gerade ein Schiff der Hurtigruten in den Hafen hereinfährt – und auf einmal ist das Flutlicht aus. Ian lächelt. Und dann beginnt es: Aurora Borealis, eine gewaltige Lasershow in Grün. Sie zuckt über den Himmel, wabert, formatiert sich, verläuft wieder. Verwirrende Schönheit! Der Mensch ist klein, ein Wicht – und dankbar.

Auch in Ylläs geht das Licht aus, letzten Winter gab es hoch im finnischen Norden mehr Nordlichter als je zuvor. Normalerweise sieht man sie am ehesten am Anfang und am Ende des Winters, aber auch über Weihnachten 2014 lag ein wahres Nordlichtgewitter – fast so, als wolle das magische Licht die Christbäume ausstechen. Es liegt nicht daran, dass die beliebten Skidestinationen Ylläs und Levi ihre Stromrechnungen nicht bezahlt hätten. Nein: Sie drehen die Straßenbeleuchtung extra aus, damit Gäste das Nordlicht besser sehen können. Zudem gibt’s eine „Aurora-App“ für Mobiltelefone, die Alarm gibt, wenn irgendwo Nordlicht zu sehen ist. Das magische Licht überstrahlt alles. Ende August, beim berühmten Film-Festival in Ylläs, stahl es den Filmen die Schau. Vor dem Hintergrund der Gebirgsszenerie begann ein Liebesdrama, am Himmel die Aurora. Und keiner wollte den Film sehen …

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© Visit Finland

Im Rentierschlitten auf Lichterjagd

Skifahren in Finnlands größtem Skigebiet ist das eine, den Winter ganz finnisch zu erleben das andere. Eine Nordlichttour? Gerne. Langlaufski, Schneeschuhe oder Rentiere stehen zur Wahl. Ganz klar, der Rentierschlitten gewinnt. Rentierbauer Yuho singt erst einmal ein laut tönendes Lied, ein Joik. Klingt wie ein Jodler auf Sami. Sami gibt es in Norwegen, Finnland, Schweden und Russland, ihre Kultur und Identität wurde lange unterdrückt. Längst arbeiten die meisten Sami in „zivilen“ Berufen, nur noch wenige sind Vollzeitzüchter und leben vom Rentierfleisch. Die Felle der Tiere zieren als Mütze Yuhos Kopf und liegen als Decken im Schlitten. Sie müffeln etwas, aber sind unschlagbar warm. Rentierfell hat Luftkammern in den Haaren und isoliert perfekt für das Leben jenseits von 66 Grad Nord! Es hat 22 Grad minus, es ist sternenklar, ein Aurora-Tag. Ganz modern hat Yuho sein Smartphone im Anschlag und checkt die Seite des finnischen meteorologischen Instituts. Es gibt die geomagnetische Aktivität als „hoch“ an. Der Nacken verspannt sich wieder beim Nach-oben-Starren. Wir sind nahe dran aufzugeben, als eine merkwürdige lila Schliere aufzieht. Selbst der wortkarge Yuho ist begeistert: Nur besonders energiereiche Teilchen des Sonnenwindes sind in der Lage, auch Stickstoffmoleküle zum Leuchten anzu-regen, und dann entstehen mystische Schattierungen in Blau und Violett.

Glaube an Wikingergötter

Von Finnland nach Island: Kurz vor Ólafsfjördur, hoch in Islands Norden, haben die Isländer einen abenteuer­lichen einspurigen Tunnel in den Berg gebohrt und so die entlegenen Orte besser an die Rest-Zivilisation angebunden.

3,4 Kilometer geht die dunkle Röhre durch den Berg, bis Ólafsfjördur erreicht ist. Wir haben einen Lokaltermin mit Kristinn Björnsson, dem Mann, der einst im Slalom Größen wie Alberto Tomba das Fürchten lehrte. Er stammt aus dem kleinen Fjordort, wo es einen Lift gibt. Schon früher, als Kristinn noch ein Skizwerg war, fuhr man nach Hlidarfjall, an den Hausskiberg von Akureyri. Damals wie heute ist es Mitte März schon lange nicht mehr dunkel. Im Gegenteil: Island hat bereits zwölf Stunden Tageslicht, es ist dieses milde, weiche Licht. Es spielt auf jeder Menge Monsterjeeps. „Die gehören der Bank, nicht den Besitzern“, lacht Kristinn und schickt ein verächtliches „Reykjavík“ hinterher. Wie überall auf der Welt sind die Hauptstädter nicht sonderlich beliebt. Aber sie kommen eben an den Berg, der hoch über Akureyri das Ende des Eyjafjördurs überblickt. Diese Siedlung – so geht die Sage im mittelalterlichen Landnahme-Buch – wurde von Helgi dem Mageren und seiner Frau gegründet. Obwohl er Christ war, glaubte Helgi sicherheitshalber auch an die alten Wikingergötter und bat Thor vor allem „vor kühnen Taten um Rat“. Thor wies ihm den Weg ins Eyjafjördur, dort eine Stadt zu gründen.

Thor ruft man immer zur Sicherheit an. Heute soll Thor das Nordlicht bringen. Er bringt einen sensationellen Sonnenuntergang, und er bringt einen isländischen Hüttenabend, wo man am Trockenfisch echt zu knabbern hat. Dazu gibt es die isländische Version des Kaffee Coretto – Kaffee mit Brennevin, einem isländischen Schnaps. Auch da ruft man besser Thor zu Hilfe. Wer aber ruft und in die warme Hütte hereinstürmt, ist ein Liftmann namens Jökull – ­„Jökull“ ­bedeutet „Gletscher“ –, und der hat rote Backen. „It’s coming!“ Ja, es kommt. Es wird grüner und grüner. Es ist magisch, jedes Mal neu. Dieses Nordlicht macht süchtig in seiner verwirrenden Schönheit! Wir stehen und staunen, stundenlang, steifgefroren und hypnotisiert. Bis jemand auf die Idee kommt zu fotografieren. Ohne „P“ natürlich!

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© Visit Finland

Aurora Borealis

In vergangenen Epochen hielten die Menschen das Nordlicht für etwas Gefährliches. Die Nordmenschen deuteten es als schlimme Vorahnung für schlechte Jahre und Plagen. Eltern ließen die Kinder nicht aus dem Haus, oder sie befahlen ihnen, sich unauffällig zu verhalten, auf dass die Geister sie nicht sähen. Die Wikinger wollten im Polarlicht Spiegelungen auf den Rüstungen ihrer gefallenen Helden sehen. Heute gibt es wissenschaftliche Erklärungen: Eigentlich das ganze Jahr über kann man die Lichterscheinungen an den Polen im hohen Norden (Nordlichter, Aurora Borealis) oder ganz im Süden der Erde (Südlichter, Aurora Australis) beobachten. Etwas abseits der Pole sieht man Polarlichter von Anfang Winter sowie vom späten Winter bis in den Frühling hinein, wenn die Magnetfelder von Erde und Sonne parallel zueinander stehen. Die Erde ist von einem riesigen Magnetfeld umgeben. Die Magnetfeldlinien verlaufen von Pol zu Pol und haben dort jeweils den geringsten Abstand zur Erde. Der Teil des Magnetfelds, der sich auf der der Sonne zugewandten Seite befindet, wird durch den Sonnenwind zusammengedrückt. Sonnenwinde ihrerseits kommen durch Gasausbrüche auf der Sonnenoberfläche zustande. Bei diesen Erschütterungen löst sich Plasma, bestehend aus positiv und negativ geladenen Gasteilchen. Bei starken Sonnenwinden strömen die Gase durchs All und stoßen mit einer Geschwindigkeit von ungefähr drei Millionen Kilometern pro Stunde auf die Erdatmosphäre! Der Sonnenwind wird entlang der Magnetfeldlinien zu den Polen gelenkt, und die Teilchen können dann in die Atmosphäre eindringen. An dieser Stelle entstehen die Polarlichter. Das Plasma des Sonnenwindes regt die Sauerstoff- und Stickstoffteilchen in der Luft an. Diese fangen beim Auftreffen des elektrisch geladenen Windes an zu leuchten. Polarlichter können verschiedene Farben haben. Dies ist abhängig davon, welcher Stoff sich in welcher Höhe befindet. Stickstoff leuchtet in den Farben Blau bis Violett, Sauerstoff in Rot- oder Grüntönen.

Aurora fotografieren

Um Polarlichter fotografieren zu können, sind eine hohe Lichtempfindlichkeit bzw. lange Belichtungszeiten notwendig. Wegen der langen Verschlusszeiten ist ein Stativ erforderlich. Nordlichtfotos, die nur den Himmel und das Nordlicht zeigen, fehlt der Größenvergleich. Schöner ist es, eine Art Vordergrund zu haben. Mit Natur, Gebäude oder auch Menschen wird das Foto spektakulärer.

• Autofocus und Bildstabilisator ­ausschalten.

• 800 ISO, Bilder können bei hoher Empfindlichkeit grobkörnig bzw. pixelig werden.

• Weitwinkelobjektiv und Stativ ­verwenden.

• Schärfe auf unendlich einstellen.

• Belichtungszeit auf 5–15 Sekunden einstellen.

• Die Blende sollte grundsätzlich ­möglichst weit geöffnet sein (kleiner Blendenwert, z. B. 2.8), kann aber für mehr Tiefenschärfe auch etwas ­geschlossen werden – das muss dann ggf. über eine längere Belichtungszeit ausgeglichen werden.

• Um Verwacklungen zu vermeiden, sollte der Selbstauslöser der Kamera oder ein Funk- bzw. Drahtauslöser verwendet werden.

• Der Akku bzw. die Batterien der Kamera sollten voll sein. Lange Belichtungs-zeiten fressen Strom, und bei Kälte kann selbst der beste Akku schneller schlapp machen als gewöhnlich.

Infos

www.aurora.fi, www.gi.alaska.edu/AuroraForecast/3,

www.spaceweather.com

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 02 / 2016

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