Baustelle Gletscher

Der Bau einer Bergbahn stellt Bauunternehmen vor schwierigste Herausforderungen

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Bis der Bau fertig war, mussten Arbeiten auf engstem Raum ausgeführt werden.

Text: Christian Bonk

Haben Sie sich, im Skiurlaub in einer Gondel fahrend, auf dem Weg in tausende Meter Höhe und die vereisten Gipfel betrachtend, auch schon einmal gefragt, wie der Bau von Skistationen logistisch überhaupt möglich ist? Wie all das Material nach oben gelangen und Menschen bei solch schwierigen Wetter- und Lageverhältnissen arbeiten können?

Natürlich stellen Bergbahnen besonders hohe Anforderungen an die heutige Technik und auch an die Leistungen von Bauarbeitern. Sie sind Hightech-Unternehmen, die für Errichtung und Instandhaltung ihrer Projekte Millionen von Euro benötigen.

Jedes Jahr werden Skistationen von unzählige Touristen besucht, die der Logistik ihr Vertrauen entgegen-bringen und zufrieden und unversehrt wieder nach Hause fahren. Zweifels-ohne ist es also möglich, sichere Bergbahnen zu bauen, die auch in sehr hohen Lagen mit modernster Technik ausgestattet sind. Doch um Ihnen das Ausmaß des technischen Aufwandes bewusst vor Augen zu führen, möchten wir Ihnen heute einen Blick hinter die Kulissen des Baus einer Bergbahn geben – nicht nur irgend-einer, sondern der Wildspitzbahn, der höchsten Bergbahn Österreichs im Tiroler Skigebiet Pitztal.

Eröffnet wurde die Wildspitzbahn im Oktober 2012, um auf dem großen Markt der Skigebiete „nicht nur mitzuhalten, sondern neue Akzente zu setzen“, wie Stefan Richter, der Marketingleiter des Pitztaler Gletschers erklärt. Man wollte den Besuchern etwas wirklich Einmaliges zu bieten. Heute steht auf der Bergstation Österreichs höchstes Café, das Café 3.440 – ein Stahlbau mit weiten Glasfassaden, dessen Terrasse frei über dem Gletscher schwebt. 61 Gondeln mit jeweils acht Sitzplätzen befördern die Wintersportler und Bergtouristen fast 600 Meter höher von der Talstation (2.840 m) auf die Bergstation in den namensgebenden 3.440 Meter Höhe. Dabei legen sie in knapp sechs Minuten einen Weg von insgesamt zwei Kilometern zurück. Pro Stunde kann die Wildspitzbahn 2.185 Menschen befördern.

120 Tonnen Stahl

Eine Baustelle auf einem Gletscher stellt für Bauunternehmen natürlich eine besonders große Herausforderung dar. Die Wetterverhältnisse sind schwierig, der Transport kompliziert und umständlich, der Platz eingeschränkt. Dennoch – nach zwei Jahren und 20 Millionen investierten Euro war die Wildspitzbahn im Oktober 2012 schließlich fertig.

Ihr Bau begann im Frühsommer 2011. 120 Tonnen schweren Baumaterials wurden per Hubschrauber und Materialseilbahn auf die Bergstation transportiert. Ein Hubschrauber konnte so weit oben nur für leichtere Objekte von maximal drei Tonnen verwendet werden, denn je höher die Lage, umso geringer ist die Tragkraft eines Helikopters.

Generell ist ein Hubschrauber beim Bau einer Bergbahn ein wertvolles Hilfsmittel, dessen Einsatzfähigkeit aber sehr begrenzt und wetterabhängig ist. Schon bei einem gewissen Maß an Wolken und Wind kann er unter Umständen nicht fliegen.

Für die Anlieferung von Material für die Talstation wurden Lastwagen verwendet. Über einen befahrbaren, sechs Kilometer langen Notweg ist es möglich, per LWK vom Tal des Pitztaler Gletschers in 1.740 Metern dorthin zu gelangen. Ein schwieriger Weg, dessen gefährlichste Stelle eine Steigung von 40 Prozent hat, und den die Lastwagen über 1.000 Mal zurücklegen mussten.

Gnadenloser Arbeitsplatz

Mit dem Transport des Materials war die größte, aber nicht einzige Herausforderung geschafft: Ist es erstmal oben, geht es darum, es stabil auf dem Berg zu platzieren. Denn an breiten, ebenen Flächen mangelt es dort natürlich. Als die Bauarbeiten im April 2012 nach der Winterpause 2011/2012 wieder begannen, musste zunächst der Neuschnee beseitigt werden, um die darunter befindlichen Gletscherspalten sichtbar zu machen und sie umfahren zu können. Erst dann konnte wieder Material nach oben befördert und der eigentliche Bau fortgesetzt werden.

Das Wetter auf einem Gletscher macht sowohl Bauarbeitern als auch Maschinen zu schaffen. Oft ist es stark wechselhaft und ändert sich schlagartig von sonnig auf sehr windig und nebelig – so sehr, dass die Bauarbeiten dann aussetzen müssen.

Auch wenn nicht, ist das Bauensehr viel schwieriger. Aufgrund des häufig sehr starken Windes ist es zum Beispiel kaum möglich, Brennschneide-maschinen zu bedienen, weil sie sich dann nicht mehr anzünden lassen.

Nachdem 2011 hauptsächlich die Betonfundamente gelegt worden sind, wurden im Jahr 2012 die Berg- und Talstation komplett fertiggestellt, die Stützen der Wildspitzbahn aufgestellt und das Café 3.440 erbaut. Dabei hatten die Bauarbeiter in den 3.440 Metern Höhe nur sehr wenig Fläche zum Arbeiten zur Verfügung, weshalb viele Arbeiten am Seil ausgeführt werden mussten. Hinzu kommt auf einer Berg-Baustelle immer der Zeitdruck, denn gearbeitet werden kann nur maximal sechs Monate lang von April bis September, dann wird es zu kalt. Selbst im Hochsommer werden hier Temperaturen von nur etwa 10° C erreicht, an den kältesten Tagen sinken sie auf bis zu -38° C. Und natürlich muss auch immer berücksichtigt werden, dass an manchen Tagen wetterbedingt alles stillsteht.

Doch der zwei Sommer lange und anstrengende Bau der höchsten Seilbahn Österreichs hat sich für das Pitztal gelohnt: Sie ist heute rund ums Jahr ein beliebtes Reiseziel für Wintersportler, Bergsteiger und Naturfreunde und das Café 3.440 eine berühmte Attraktion.

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Zum Bau von Bahn und Café wurden 120 Tonnen schweres Baumaterial per Hubschrauber und Materialseilbahn auf die Bergstation transportiert.

Liefer-Schwierigkeiten

Wie jedes andere Lokal auch, muss das Café 3.440 natürlich mit Lebensmitteln versorgt werden – sogar noch öfter als die meisten Gastronomie-Betriebe, da es für große Lagerräume auf dem Gletscher keinen Platz gibt. Nur kann nicht einfach ein Lastwagen am Hintereingang halten und seine Ladung dort abladen. Stattdessen erfolgt der Transport per Bergbahn und mit Schneefahrzeugen.

Den ersten Schritt macht der die Pitztaler Gletscherbahn, eine Standseilbahn, die alles Nötige an Aus-stattungsgegenständen oder Lebensmitteln von der Talstation in 1.740 Metern Höhe bis zur Bergstation in 2.840 Metern Höhe transportiert. Von hier aus geht es weiter mit dem Skidoo zur etwa 100 Meter entfernten Talstation der Wildspitzbahn. Diese nimmt die Verpflegung dann per Gondel mit bis zum Café 3.440. Nur die frisch gebackenen Kuchen, Torten und Stückchen legen einen nicht ganz so weiten Weg zurück, denn auf etwa 2.840 Metern Höhe befindet sich die Konditorei, welche das Café 3.440 täglich versorgt. Eine der Konditorinnen macht sich jeden Tag aufs Neue und manchmal auch mehrmals am Tag auf, um die Süßspeisen mit der Seilbahn ins Café zu transportieren.

Eine Wasserleitung führt in einer solchen Höhe nicht vorbei, weshalb auch täglich Trink- und Nutzwasser von unten benötigt wird. In einem eigens dafür vorgesehenen Container wird jeden Abend nach Betriebsschluss das Abwasser über dieselben Transportmittel – Gondeln, Skidoos und Seilbahnen – hinunter ins Tal gebracht.

Der Luftdruck macht zu schaffen

Auch im Café 3.440 zu arbeiten, gestaltet sich anders als in üblichen gastronomischen Einrichtungen. So stellen manche Getränke aus physikalischen Gründen eine besondere Herausforderung dar: Der Siedepunkt des Wassers liegt auf 3.440 m bei ca. 90° C. Deshalb ist zum Zubereiten von Kaffee eine ganz individuelle Einstellung der Maschinen notwendig. Außerdem müssen diese – ebenso wie die Bierzapfanlagen – mindestens alle zwei Monate nachjustiert werden. Auch alle anderen Tätigkeiten sind so weit oben schwieriger als in einem gewöhnlichen Café. Deshalb ermüden die Mitarbeiter des Cafés 3.440 schneller und benötigen, um fit zu bleiben, etwa fünf Liter Flüssigkeit pro Tag.

Übrigens: Auf 3.440 Meter Höhe ein WLAN-Netz zu errichten, das für Besucher kostenlos zur Verfügung steht, war dazu im Vergleich noch eine der leichtesten Übungen: Ein zuverlässiges internes Informations-netzwerk ist für eine Bergbahn ohnehin unerlässlich, denn die Betriebssysteme der Bahnen richten sich nach den Wind- und Wetterdaten, die das Netzwerk aus der weiteren Umgebung einholt. Sind diese kritisch, werden die Bahnen aus Sicherheitsgründen automatisch abgestellt.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 05 / 2015

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