Der Jahrhundertmann

Am 22. Oktober lief die Nachricht über die Ticker, dass Emile Allais nach kurzer Krankheit im Alter von 100 Jahren verstorben ist.

neuer_name

Es wäre untertrieben, den Franzosen als Ski-Pionier zu bezeichnen.

In einem Leben vollbrachte er Leistungen, die für mehrere Normalsterbliche ausreichen würden: Er gewann olympische Medaillen bei Hitlers Winter-spielen 1936, wurde viermal Weltmeister, gründete die staatliche Skischule in seinem Heimatland und plante Skigebiete weltweit. Unter anderem …

Text Tim Tolsdorff Bild TVB Megève, TVB Courchevel, TVB Flaine

Üblicherweise sind die 100. Geburtstage von Prominenten Ereignisse, an denen posthum der Lebensleistungen der großen Gestalten gedacht wird. Nicht so im Falle des Franzosen Emile Allais. Als im Februar 2012 zu seinen Ehren die 400 Skilehrer von Megève eine Show der Superlative ablieferten und tausende von Gästen die Party bei Glühwein genossen, da jubelte der Jubilar putzmunter mit. Die markanten blauen Augen leuchteten auf, als Allais das Spektakel um seine Person von einem Balkon verfolgte. Zuvor hatte er schon auf einer Pressekonferenz geduldig die Antworten dutzender Journalisten beantwortet und anschließend mit der Lokalprominenz auf einem Empfang angestoßen. Am 17. Oktober nun ist Emile Allais nach kurzer Krankheit gestorben. Die Erinnerung an ihn wird bleiben, denn seine Leistungen für den Skisport lassen manch andere Legende der Zunft auf Normalmaß schrumpfen.

Die Schatten der Geschichte verdunkelten Allais’ erste Lebensjahre. Geboren wurde er während des Ersten Weltkriegs, sein Vater fiel kurz darauf in einer der grausamen Materialschlachten an der Westfront. Als der Krieg zu Ende war, kehrte nur der Onkel zurück – und brachte ein Paar Skier mit. Den Neffen, mit sportlichem Talent und einer bemerkenswerten Physis gesegnet, weihte Hilaire Morand in die Geheimnisse der neuen Fortbewegungsart im Schnee ein, die er sich an der winterlichen Front in Russland angeeignet hatte. Als Anfang der zwanziger Jahren die skibegeisterte Baronin Noémie de Rothschild ihren Plan in die Tat umsetzte, aus Megève das französische Pendant zum Wintersportzentrum St. Moritz aufzubauen, half Emile Allais seinem Onkel, die skiverrückten Mitglieder der besseren Gesellschaft als Skilehrer auf die umliegenden Berge zu führen. „Als ich das Skifahren lernte, gab es keine Lifte, und die Hänge wurden nicht präpariert. Heutzutage fährt es sich ja wie auf einem Teppich“, sagte Allais jüngst dem Online-Magazin „On the snow“.

Frankreichs erste Alpin-Medaille

Schon bald sollte der jungen Emile bei wesentlich profilierteren Mentoren in die Lehre gehen: Die Innsbrucker Skilehrer-Elite um Otto Lantschner gastierte ab 1932 in Megève, angelockt vom Geld des Rothschild-Imperiums. Unter den Fittichen der ehemaligen Kriegsgegner entdeckte Allais den Rennsport für sich. Inspiriert vom Stil des Seefelders Toni Seelos, kratzte er schon bald an der Vormachtstellung der Österreicher. 1936, bei den Olympischen Spiele von Garmisch-Partenkirchen, von Hitler als Demonstration deutscher Überlegenheit gedacht, gewann Allais als erster Franzose eine alpine Medaille – Bronze in der erstmals ausgetragenen Kombination. Ein Jahr später durchbrach der mittlerweile 25-Jährige die Hegemonie der Tiroler: Bei den Weltmeisterschaften räumte er Goldmedaillen in Slalom, Abfahrt und Kombination ab und distanzierte den Zweitplatzierten in der Abfahrt um unfassbare 13 Sekunden. Ein Jahr später in Engelberg triumphierte er erneut in der Kombination.

Schon während seiner aktiven Tage blickte Allais über den Rennsport hinaus, entwarf aerodynamische Skikleidung oder fasste mit dem Schotten David Lindsay den Ausbau von Megève zu einem modernen Skiresort ins Auge. Emiles wahre Berufung jedoch sah anders aus: Er hatte kein geringeres Ziel, als es allen Franzosen zu ermöglichen, das Skifahren zu erlernen – ein Ziel, das mit dem bis dato elitären Charakter des Sports nur schwer in Einklang zu bringen war. Er entwickelte die neue Lehrmethode der „Ruade“, bei der die Ski durch Anheben der Skienden angedreht werden. Detailliert erläuterte er das Konzept in einem Buch mit dem Titel „Ski Français“. Dabei orientierte er sich am Stile Lantschners, der in Abgrenzung zur Arlberg-Schule von Hannes Schneider, bei der sich die Skischüler jahrelang mit dem Stemmbogen abmühten, den Parallelschwung als Norm ansah, die schneller zu erlernen sein müsste. Kurz darauf, 1937, avancierte Emile Allais zum Chefskilehrer der französischen Skischulen – sein Diplom trägt die Nummer 1.

Der Zweite Weltkrieg und ein gebrochener Knöchel bereiteten der Rennkarriere von Allais ein vorschnelles Ende. Der Leistungssportler kämpfte in den Reihen eines Gebirgsjäger-Bataillon, das in Chamonix stationiert war. Nach der deutschen Invasion Frankreichs und der Errichtung des Vichy-Regimes im Süden des Landes stellte Allais seine skifahrerischen Fähigkeiten selbstlos in den Dienst einer riskanten Unternehmung: Er schloss sich einem wilden Haufen von Partisanen mit dem Namen „Bataillon du Mont Blanc“ an, die die Deutschen in den Bergen mit Guerilla-Methoden bekämpften. Nur knapp entging Allais dabei der Gefangennahme, was den sicheren Tod bedeutet hätte. 1944 schließlich endete nach der alliierten Invasion die deutsche Herrschaft über Frankreich, und Allais konnte bald darauf ins zivile Leben zurückkehren.

Neue Chance in Kanada

Doch die grassierende Armut im zerstörten Europa führte dazu, dass die Karriere von Emile Allais als Skilehrer auf Eis lag. Die Gäste in den französischen Skigebieten blieben bis auf einige wenige Schweizer aus, Skilehrer verloren ihre Verdienst-möglichkeiten. Emile Allais verdingte sich kurzfristig sogar als Kabelarbeiter beim Bau der spektakulären neuen Seilbahn auf die Aiguille du Midi bei Chamonix. Unverhofft erhielt der Ex-Profi da die Gelegenheit, mehr als nur seinen Skistil auf der anderen Seite des Atlantiks bekannt zu machen. Einer englischen Neuauflage seines visuell und fotografisch wegweisenden Lehrbuches folgte das Angebot des Investors Tim Dunn, der ein neues Skigebiet nahe Quebec mit einem prominenten Namen aufwerten wollte und auf europäische Expertise bei der Planung vertraute. Allais sollte nicht nur die Skischule leiten, sondern auch das kanadische Skiteam trainieren.

Als Allais samt Ehefrau Georgette in Kanada ankam, wurde er mit der Tatsache konfrontiert, dass das von Dunn versprochene Skigebiet längst nicht vollendet war. Allais pendelte in den folgenden Monaten zwischen einem Nobelhotel in Quebec und dem Val Cartier, wo er die Trassen für Pisten ins Gelände einzeichnete, persönlich die Flaggen für die Arbeiter setzte und anschließend Planung und den Aufbau der Liftanlagen überwachte. Es war ein harter Job, der dem Emi-granten jedoch neue Perspektiven für die Zukunft eröffnen sollte. Auch andere Unternehmer, die die boomende Branche des alpinen Skilaufs für sich entdeckten, wollten auf das Know-how des Franzosen zurückgreifen. So erinnerte Allais Tätigkeit in den folgenden Jahren an die großen Trecks der Pioniere hundert Jahre zuvor – wo immer er in eine Bergregion weit im Westen des Landes gerufen wurde, die verheißungsvolles Skigelände bot, musste er die Claims abstecken, das Gelände vermessen und nach allen Regeln des Pistendesigns erschließen.

Die Liste von Resorts, welchen Emile Allais in den folgenden zehn Jahren als Planer und Skilehrer zu Popularität verhalf, liest sich wie ein Who is Who der Skiszene in Übersee: Portillo/Chile, Sun Valley in Kanada, Squaw Valley und zu guter Letzt Mount Baldy in Kalifornien. Bei Allais ging unter anderem Warren Miller in die Lehre, der bis heute mit seinen Filmen Skifans weltweit begeistert. In den Rocky Mountains und in den Anden trieb Allais zudem die Lawinenkunde voran und erfand die erste Pistenraupe der Welt. Bereits 1949 zeigte sich die Popularität, die Emile Allais in den USA genoss, auch medial: Der Franzose erschien auf dem Cover des renommierten Life-Magazins, im Heft folgte eine fünfseitige Reportage, die seine neue Skitechnik in ganz Nordamerika popularisierte. Zwischenzeitlich hatte Allais aber auch nahe der Heimat, in Méribel, weitere Spuren hinterlassen. Der Investor Paul Jaques Grillo, der Millionen in den Ausbau des dortigen Skigebiets steckte und Allais dabei konsultierte, zeigte sich in einem Interview aus dem Jahr 1951 begeistert über die Disziplin und den Sachverstand seines Landsmannes. Das Echos dieses Interviews verhallte nicht ungehört: 1954 kehrte Allais dauerhaft zurück nach Frankreich. Das Zauberwort lautete Courchevel.

Courchevel – das Meisterstück

Eine Gesellschaft beauftragte Allais mit der Wiederbelebung der Skistation in Savoyen. Hier, im Herzen der französischen Alpen, schneesicher und von Dreitausendern umgeben, konnte Allais seine gesammelten Erkenntnisse über das Verlegen von Lifttrassen, den Bau und die Präparierung von Piste sowie die Eindämmung der Lawinengefahr kombinieren. Courchevel, eine Skistation in Europa nach dem Vorbild amerikanischer Resorts vom Reißbrett, wurde Emile Allais’ Meisterstück. Schon bald fand sich neben den normalen Skigästen der Jetset ein, die Bardot betrog Gunter Sachs hier mit einem Barmann, und in Deutschland etablierte sich das Sprichwort von „St. Tropez im Schnee“. Später fusionierte das Resort mit Méribel und den Stationen im Belleville-Tal zum Skigroßraum „Les Trois Vallées“. Das Konzept, auf die bis dato in den Alpen praktizierte Erweiterung dörflicher Strukturen zu verzichten und ganze Skigebiete samt Massenunterkünften, Einkaufszentren und der Möglichkeit des „Ski-in-ski-out“ am Reißbrett zu planen, wendete Allais in den folgenden Jahren noch mehrfach an, so etwa in La Plagne und Flaine.

Die Radikalität von Emile Allais’ Skistationen muss man entweder lieben oder hassen. Mittlerweile aber sind auch Millionen von Deutschen auf die Boarderweek in Val Thorens gepilgert oder haben mit einem günstigen Reiseveranstalter Flaine besucht. Dort erfüllte sich Emile Allais einen langehegten Traum: Er erwarb ein eigenes Geschäft für Skiutensilien, wo er nicht zuletzt jenen ersten Stahlski vertrieben haben dürfte, den er für Rossignol entwickelte und der unter dem Namen „Allais 60“ für kulthafte Verehrung sorgte. Erst 2001 – im Alter von 89 Jahren – stieg Emile Allais zum letzten Mal von seinen Skiern, radelte seitdem bis zu seinem Tod im Oktober jeden Tag eine Stunde auf seinem Hometrainer.

Wer sich heute und in Zukunft noch mit Emile Allais messen möchte, dem sei die Reise nach Courchevel ans Herz gelegt, samt Gondelfahrt auf den Hausberg Saulire. Oben, zwischen schroffen Felsen und schmalen Graten, muss sich der Besucher rechts halten, dem Rücken des Berges folgen und schließlich in das zweite, ultrasteile Couloir zurück nach Courchevel einbiegen.

Die ruppige Felsrinne macht den skifahrerischen Fähigkeiten ihres Namensgebers alle Ehre – jenes Mannes, der dem Skisport in Frankreich und weltweit den Stempel aufgedrückt hat wie nur wenige Menschen sonst: Emile Allais.

neuer_name
Auf dem Hausberg von Courchevel ist ein Couloir nach Allais benannt.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat
  • catalog flat

Events

11.12 – 15.12.2019
Pitztaler Gletscher - Europacuprennen der Behindertensportler
13.12 – 14.12.2019
Lech am Arlberg - Snow & Safety Conference
20.12.2019
Pitztaler Gletscher - Rifflsee Vertical 2.300
10.01 – 11.01.2020
Stubaier Gletscher - Gourmetnacht Dine & Wine
15.02.2020
Stubaier Gletscher - Gourmetnacht Dine & Beer
29.02 – 01.03.2020
Kaunertal - Snow How Workshop Lawine
05.03 – 07.03.2020
Pitztaler Gletscher - Wild Face
14.03.2020
Stubaier Gletscher - Champagner Brunch Schneekristall
14.03 – 15.03.2020
Kaunertal - Freeride Days
21.03 – 29.03.2020
Pitztaler Gletscher - Genusswoche
21.03 – 22.03.2020
Kaunertal - Freeride Testival
28.03 – 04.04.2020
Hintertuxer Gletscher - Kölsche Woche
03.04.2020
Hintertuxer Gletscher - Open Air
17.04 – 18.04.2020
Pitztaler Gletscher - Wein & Genuss
23.04 – 26.04.2020
Sölden - Wein am Berg
01.05.2020
Pitztaler Gletscher - Vertical 3.440