Die Fahrt mit der Zaunlatte

Carven ist das Synonym für Skifahren geworden.

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Dass Ski eine starke Taillierung brauchen, wird längst nicht mehr diskutiert. Die schmalen, langen Latten von einst sind mittlerweile vollständig aus dem Pistenbild verschwunden. Und es gibt wohl keinen, der den Zaunlatten nachtrauert. Oder vielleicht doch ein bisschen? Rainer Bommas wagte einen skifahrerischen Ausflug in die Vergangenheit.

Text und Bild Rainer Bommas Illustration Jasmin Siddiqui

Früher war es ganz einfach zu erkennen, ob einer ein guter Skifahrer ist oder nicht. Man brauchte nur auf die Länge der Ski zu schauen. Je länger, desto besser. Da hat man in der Gondel schon mal die Skienden unauffällig auf den Skischuh gestellt, damit aus den 205 cm optisch 210 cm wurden, um ein paar anerkennende Blicke auf der Fahrt nach oben zu ergattern.

Heute ist das Erlernen des Skifahrens viel einfacher. Mit den Carvern gelingt es vielen Einsteigern schon nach wenigen Tagen, die meisten Pisten im Skigebiet zu meistern. Mit paralleler Skiführung elegant zu Tal zu schwingen war in den Vor-Carver-Zeiten das Ergebnis vieljährigen Übens vom Pflugbogen über den Stemmschwung zum offen parallelen Umsteigen bis zum Kurzschwingen oder Wedeln. Das ist längst Vergangenheit. Heute heißt es, die Ski messerscharf auf der Kante durch die Kurve zu ziehen: breit, stark, schnell.

Das erste Mal

Ich erinnere mich noch genau, wie ich das erste Mal auf Carving-Ski stand. Als Journalist hatte ich damals das Privileg, als einer der ersten auf diversen Prototypen der Hersteller meine Erfahrungen zu sammeln. Unter der Anleitung von Ex-Weltmeister Ernst Riedelsperger wurden wir bei einem Pressetermin in die Geheimnisse des Carvens eingeweiht. Ich hatte das Glück, den Bogen gleich heraus zu haben und konnte mit einem Leuchten in den Augen gar nicht genug davon bekommen, mich in die Kurve zu legen und ein neues Gefühl des Skifahrens zu erleben. Insbesondere die sonst langweiligen, glatt gebügelten Pisten wurden zum absoluten Highlight und brachten die Oberschenkel gefühlsmäßig fast zum Platzen.

Vom Carving-Virus infiziert, versuchte ich fast missionarisch meine Freunde, Bekannten, Verwandten und Kumpels aus dem Skiclub von den Carvern zu überzeugen. Selbst für Fortbildungsveranstaltungen im Skibezirk legte ich mich ins Zeug, Testski von der Industrie zu besorgen, um unter den Übungsleiter-Kollegen die damaligen Bedenken zu zerstreuen und den kritischen Geistern das Carven nahe zu bringen.

An all diese Erlebnisse erinnere ich mich immer wieder, wenn ich sehr vereinzelt noch Skifahrer – meist ältere Semester – mit ihren Zahnstochern am Lift oder auf der Piste sehe. Ich frage mich dabei stets, was diese Menschen veranlasst, noch immer mit diesen his-torischen Sportgeräten unterwegs zu sein? Ob sie wissen, was Ihnen mit dem Verzicht auf moderne Carver entgeht? Wohl nicht, denn sonst wären sie längst umgestiegen – oder?

Als ich jüngst wieder einmal etwas in den hinteren Ecken der Garage suchte, stieß ich auf meine alten Zaunlatten: Blizzard V30 Flex Tuning Absorber (FTA). Es sind die einzigen Vor-Carving-Ski, die ich mir aufgehoben habe. Denn diese Ski waren mit ihrem FTA-System, mit dem sich der Flex regulieren lässt, schon vor gut 20 Jahren etwas Besonderes und sind – wie ich mir seitdem einrede – bestimmt eine sammelwürdige Rarität. Außerdem verbinde ich mit diesen Ski besondere Erinnerungen. Ich bekam sie vom damaligen Blizzard-Chef Franz Schenner persönlich geschenkt.

Beim Anblick dieser „Schätzchen“ habe ich mir überlegt, dass es doch interessant wäre, nach rund 20 Jahren mal wieder auszuprobieren, wie das so ist, mit den 205 cm langen und doch recht schmalen Brettern noch einmal zu fahren. Und so habe ich zum Saisonstart mit der Familie Ende Oktober meine V30 mit auf den Gletscher nach Sölden genommen.

Auffällig lang

Bereits beim Ausladen auf dem Parkplatz stelle ich fest, dass man mit diesen Ski auffällt. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob die Blicke, die ich auf mich ziehe, belustigt, erstaunt oder mitleidig sind. Auf jeden Fall drehen sich viele Köpfe nach mir um. Scheinbar unbeeindruckt nehme ich die langen Latten auf die Schulter und marschiere Selbstbewusstsein ausstrahlend direkt ins Söldener Testcenter von Blizzard.

Dort treffe ich einen Service-Mann, der auch schon eine längere Ski-Historie vorweisen kann und mich mit unverkennbarer Begeisterung in der Stimme fragt: „Fährst du die noch?“ „Nein – wieder“, antworte ich ihm und erkläre, was ich vorhabe. Ich will mir im Testcenter die neuesten Blizzard-Ski ausleihen, um fotografisch den Unterschied 20 Jahre Skitechnologie zu dokumentieren. Den Ski bekomme ich sofort, außerdem bietet mir der Service-Mann spontan an, die Ski zu wachsen und zu schleifen, was ich dankbar annehme.

Mit den beiden Ski-Generationen auf dem Buckel mache ich mich auf zur Piste, um mich mit den beiden Ski-Modellen ablichten zu lassen. Meine beiden Söhne im Teenager-Alter schauen immer wieder ungläubig auf die langen Ski und wollen ein ums andere Mal wissen, ob ich mit diesen Ski früher tatsächlich gefahren sei, was ich immer wieder bejahe und von meiner Frau bestätigt bekomme.

Volle Konzentration

Nachdem die Bilder gemacht sind, geht es zum Lift. Der erfahrene Service-Mann im Testcenter hatte mich gewarnt, vor allem beim ersten Schwung aufzupassen und sehr genau darauf zu achten, wie ich die Ski belaste. Mit diesem Gedanken fahre ich oben aus dem Sessellift und konzentriere mich darauf, vor allem den bogenäußeren Ski zu belasten. Und es klappt. Ich komme sturzfrei aus dem Lift und schwinge am Rand ab, um korrekt meine Skischuhe fest zu schließen. Ich klicke die Skistöcke ein, schiebe an und fahre los.

Nach den ersten Metern ruhigen Gleitens wird die Piste steiler und ich entschließe mich zu kurzen Schwüngen. Ganz bewusst entscheide ich mich fürs Umsteigen mit deutlicher Hochentlastung. Die Wahl dieser Technik erweist sich als gut. Völlig problemlos, fast so elegant wie damals kommt mir es vor, gelingen mir die Schwünge und ich denke: „So viel anders ist das ganze ja gar nicht.“

Das Gelände wird flacher, mein Fahrstil mutiger. Voll konzentriert sage ich mir im Geist vor: „Stockeinsatz, Hochentlastung, tief gehen und Belastung Talski.“ Ich variiere ein wenig die Schwungradien, was problemlos klappt. Ich fühle mich schon nach wenigen Schwüngen wieder sicher.

Jetzt geht es in den Steilhang. Ich erinnere mich, dass ich bei solchen Bedingungen früher am liebsten einen Parallelschwung gefahren bin, bei dem ich die Skienden angehoben habe. Es zeigt sich die alte Sport- und Skilehrer-Weisheit, dass einmal gelernte Bewegungsmuster immer wieder abgerufen werden können. Ich setze Schwung an Schwung, versuche das Tempo durch rasches Querstellen der Ski unter Kontrolle zu halten. Ich spüre, dass der Ski deutlich träger ist als es meine Carver sind. Der V30 geht nicht so willig in die Kurve. Aber ich komme nach dem Andrehen jeweils gut auf die Kante und stoße mich dynamisch davon ab, um den nächsten Richtungswechsel in Angriff zu nehmen.

Der Hang geht langsam in flacheres Gelände über. Ich schalte wieder auf Umsteiger um und versuche größere Radien zu fahren. Jetzt will ich auf auf der Kante gefahrene Schwünge umstellen und lege mich vorsichtig in die Kurve, wobei ich allerdings in allerers-ter Linie den Außenski belaste. Der Ski dreht langsam in die Kurve, braucht aber eine gefühlte Ewigkeit, um mich in die andere Richtung zu bringen. Ich habe nicht das ansonsten vertraute Gefühl, vollen Zug auf dem Ski zu haben und wie auf Schienen meine beiden Linien in den Schnee zu zeichnen. Es fühlt sich träger, weniger dynamisch und kraftvoll an. Vielleicht habe ich auch nicht die rechte Traute, mich richtig in die Kurve zu legen und auch dem Bergski zu vertrauen.

Ich erinnere mich an dieser Stelle, dass bei meinen ersten Carving-Versuchen das Hauptproblem darin bestand, dem Bergski zu vertrauen und mich wie ein Motorradfahrer in die Kurve zu legen. Schließlich war das in meinem ers-ten Skifahrerleben ja meist mit einem Sturz verbunden, weil die Ski „verschnitten“ und ich das Gleichgewicht verloren hatte.

Die Optik stimmt

Die letzten Meter zum Lift lasse ich die Ski laufen und fühle mich ganz souverän. Die erste Fahrt hat wesentlich besser geklappt, als ich befürchtet habe. Nachdem von meinen Jungs keine größeren Frotzeleien kommen, scheint die Abfahrt auch optisch im grünen Bereich gewesen zu sein.

Apropos Optik. Designmäßig ist der Umstieg auf die alten Latten überhaupt kein Problem. Wie ich überrascht feststelle, sind meine nagelneuen knallorangen Skischuhe perfekt auf das von Gelb über Orange und Braun ins Schwarz gehende Design der über 20 Jahre alten Ski abgestimmt. Auch die braune Skihose passt perfekt, und ein wenig Gelb in der Jacke bildet auch keinen Bruch. Nicht dass das wichtig wäre, aber eben nicht uninteressant für manchen.

Nach dem Schließen des Bügels im Sessellift verheddere ich mich beim Absetzen der Ski auf der Skistütze mit meinen ungewohnt langen Latten ein wenig mit meinen Nachbarn. Aber das ist kein größeres Problem, eher eine Folge des Ungewohnten. Ungewohnt ist auch der Anblick der weit nach vorne ragenden Skispitzen, die ihren Namen noch verdienen. Bei den Carvern haben sich ja die „runden“ Skispitzen durchgesetzt, für die Head bei der damaligen Premiere noch belächelt worden ist, wie ich mich dunkel erinnere.

Bei der nächsten Abfahrt wählen wir die Verbindung vom Rettenbach- zum Tiefenbach-Gletscher. Eine optimale Carving-Strecke, die nicht nur meine Jungs lieben. Relativ flach, sehr breit und ein wenig hängend kann man in diesem Abschnitt traumhaft den Radius seines Ski ausfahren – normalerweise. Doch hier macht sich das erste Mal echte Enttäuschung breit. Ich schaffe es nicht, mit meinen V30 das vom Carven vertraute Kurvengefühl zu entwickeln. Dabei zählten die „langen Umsteiger“ einst zu meinen Lieblingsschwüngen mit den schmalen Ski. Doch irgendwie lässt ein Radius von über 40 Metern offenbar dieses einstige Hochgefühl nicht mehr aufkommen, wenn man es gewohnt ist, mit ausgefahrenen 17-Meter-Bögen ins Tal zu ziehen. Trotz intensiver Bemühung, den Ski sauber auf der Kante zu halten, macht mir die Fahrt keinen Spaß und ich schalte auf Kurzschwünge um, was problemlos klappt, aber nicht an den Spaßfaktor des Carvens herankommt.

Direktere Linie

Die Piste am Tiefenbach-Gletscher weist bereits kleine Buckel und Schneehaufen auf. Ich ziehe meine in diesem Terrain bevorzugten kurzen Parallelschwünge durch. Schlucke kleine Buckel mit einem Ausgleichsschwung, suche mir einen möglichst direkten Weg durch die Täler oder drehe im angehäuften, weichen Schnee, um die harten, abgefahrenen Stellen zu vermeiden. Das funktioniert sehr gut und macht Spaß. In diesem Moment fällt mir auf, dass ich mit den antiquierten Ski eine viel direktere Linie fahre. Ich verlasse kaum die Falllinie und komme mit einer Spurbreite von wenigen Metern aus.

Mir wird bewusst, dass das Carven den Pistenbetrieb deutlich verändert hat. Als Carver brauche ich viel mehr Platz. Auch sind die anderen Fahrer in ihrer Spurwahl nicht so leicht einzuschätzen wie die Old-Fashion-Skifans.

Im Flachstück zurück zum Tiefenbach-Gletscher fahre ich mit extremen Kurzschwüngen, wobei ich mich darauf konzentriere, ganz aus den Knien heraus zu fahren. Es gelingt nicht perfekt, aber ich denke, mit etwas Übung bekomme ich auch das wieder hin. Mit meinen Carvern versuche ich auf diesem Abschnitt immer ganz exakt auf den Kanten zu fahren mit schnellem synchronem Kippen der Knie, was deutlich besser klappt. Es zeigt sich, dass man mit jedem Ski spezielle Techniken auf unterschiedlichem Terrain zu bevorzugen scheint.

Das letzte Stück schenke ich mir das Schwingen und genieße das problemlose Schussfahren mit den langen Latten, ein Gefühl, dass ich mit den Carvern praktisch gar nicht mehr kenne. Hier entscheide ich mich aus Sicherheitsgründen stets für leichte Bögen, um die hohe Geschwindigkeit kontrollieren zu können.

Lieber carven

Nach ein paar weiteren Fahrten entschließe ich mich, nach der Mittagspause wieder auf meine Carver umzusteigen. Es hat Spaß gemacht, mit den alten Latten noch einmal Ski zu fahren und zu sehen, dass es damit auch heute noch klappt. Ich merke aber auch, dass mir in dem leichten bis maximal mittelschweren Gelände auf dem Gletscher der Carver einfach deutlich mehr Lust aufs Skifahren macht. In steilen Hängen kann ich mir gut vorstellen, wieder einmal mein Sammlerstück aus der Garage zu holen. Aber wenn ich die Wahl habe, fällt meine Entscheidung immer zugunsten der Carver aus.

Als ich am Ende des Skitages meine V30 Ski aus dem Testcenter abhole, sprechen mich ein paar ältere Herren an, die dort ihre Testski abgeben. Zunächst frotzeln sie, ob ich zum Skispringen wolle, um sich dann respektvoll danach zu erkundigen, ob ich mit diesem Modell noch fahren könne. Sie zollen mir den wie ich meine verdienten Respekt und bestätigen mit bedeutungsschwerem Kopfnicken, dass Skifahren damals doch schwieriger war.

Sagen wir es so: Früher war nicht alles besser, schon gar nicht beim Skifahren. Aber mit Sicherheit anders.

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