Die Meister der weissen Macht

Die Mechanik der weißen Ungeheuer verstehen die Forscher am Lawinenzentrum in Salt Lake City längst. Jetzt gilt es, die Botschaften unters Volk zu bringen.

neuer_name

In Kirkwood hält man sich damit nicht lange auf. Dort erzeugt die Bergwacht Lawinen am liebsten selbst.

Text Niklas Schenck Bild Niklas Schenk, Mountaineers Books/Bruce Tremper, Avalanche Center, privat, ABS Avalanche airbag

Ende November in Salt Lake City, eisige Kälte lässt den Atem frieren. Die Sonne scheint auf geräumte Gehwege vor dem Lawinenzentrum, und der Forscher Bruce Tremper versucht, dem Tod einen Sinn zu geben. Das erste Lawinenopfer der Saison ist Dennis Barnes, 54 Jahre alt. Er war mit einem Freund auf Snowmobilen in Moffit Basin unterwegs. Die beiden wollten am Talgrund fahren, also hatten sie ihre Lawinenpiepser im Auto gelassen. Doch Barnes konnte nicht widerstehen. Nur eine Schleife wollte er drehen, nur testen, wie weit er seinen kleinen, wendigen Schlitten den steilen Hang hinauftreiben könnte. Die Lawine, die er auslöste, begrub ihn unter sich. Erst eine Stunde später fand ihn der Freund, da lebte er nicht mehr.

„Jeder Todesfall ist einer zu viel“, sagt Tremper, schulterzuckend, als er sich vor seinem Arbeitsplatz die Schuhe abklopft. „Aber solche Unfälle sind unsere einzige Chance, überhaupt zu den Leuten durchzudringen. Nur wenn einer stirbt, hören sie dir zu.“

Dass einer stirbt, scheint für Gabe Cortelyou unvermeidbar. Fast jeder seiner Kollegen bei der Bergwacht in Kirkwood wurde schon von Lawinen erfasst, auch er selbst. „Die Wahrscheinlichkeit, bei unserem Job draufzugehen, ist so hoch wie die für amerikanische Soldaten, im Irak zu sterben“, sagt Cortelyou. 700 Profis arbeiten in den USA als Ski Patroller. Allein 2010 starben acht von ihnen in Lawinen. Einen Risikozuschlag gibt es nicht, für 15 bis 20 Dollar pro Stunde setzen sie ihr Leben aufs Spiel.

neuer_name

Kirkwood liegt am Lake Tahoe in Kalifornien. Ein kleines Skigebiet, steil und anspruchsvoll, gespickt mit Couloirs und Klippen. Nur in einem Dutzend amerikanischer Ressorts werden täglich Lawinen gesprengt. Hier, nah der Küste, ist der Schnee so feucht, dass er sich zu dicken Lagen auftürmt. „Wenn die ins Rutschen kommen, denkt man, der Berg wird einem unter den Füßen weggezogen“, sagt Cortel-you. Er hat es oft erlebt. Zu oft.

Zwei Mal pro Woche schnallt Bruce Tremper selbst Ski an und fährt in entlegene Täler Utahs, Daten sammeln. Er notiert Neuschneemengen, Windgeschwindigkeiten, aktuelle Lawinentypen. In Karten markiert er, wo der Wind gefährliche Schneelasten anhäuft. Dann schnallt er seine Ski ab und beginnt zu schaufeln. Ein Schneeprofil soll den Untergrund sichtbar machen, Lawinen das Mysteriöse nehmen. „Der weiße Tod, der heimtückisch zuschlägt – das kann ich nicht mehr hören“, sagt er und ahmt einen Nachrichtenreporter nach. „Was für ein Humbug! Lawinen folgen verlässlichen Mustern.“ Tremper betrachtet Kris-talle mit einer Lupe. Finden sich frisch geschmolzene Lagen oder Reif? Mit einem Draht schneidet er einen Block aus dem Profil und schlägt seine Schaufel darauf, bis sich Risse bilden. „Wir suchen die schwachen Schichten“, erklärt er, „wo der Schneekörper einstürzen könnte, wenn er zu schwer wird.“ Ein solcher Kollaps setzt Energie frei, bei ungünstigen Schwachschichten so viel, dass sich Risse hunderte Meter weit fortpflanzen. Dann kann ein einzelner Skifahrer eine riesige Lawine auslösen. Oder eben ein Snowmobiler.

Im Hauptquartier in Salt Lake City wird Tremper später Karten zusammenstellen. „Aber selbst wenn wir immer ins Schwarze treffen, sterben jedes Jahr 50 Leute in Lawinen“, sagt er, und ritzt eine Kurve in den Schnee. Sie zeigt die Todesfälle seit 1986. In Europa verläuft sie flach, in den USA zeigt sie steil nach oben. „Ich wünschte, meine Aktienkurse sähen so aus“, sagt er und lächelt gequält. Das liegt daran, dass immer mehr Snowmobiler verunglücken, zuletzt war mehr als die Hälfte der Toten motorisiert. Ihre Schlitten kommen schneller in gefährliche Gebiete als Skifahrer. Vor allem aber hören sie nicht zu, und das scheint Tremper näher zu gehen als der Tod von Leuten wie Barnes. Er hat ein Marketingproblem: Seine wichtigste Zielgruppe hört ihn nicht.

Von Daten, wie sie in Utah zusammenlaufen, kann Gabe Cortelyou in Kirkwood nur träumen. Auch er studiert den Schneekörper jeden Tag, aber mit Warnstufen hält er sich kaum auf. Seine Bergwacht haftet für jede Lawine, die einen Kunden trifft. Schließt er aus Sicherheitsgründen eine Piste, sitzt ihm sofort der Bergmanager im Nacken. Und seine Kunden ignorieren die Schilder, auf denen die Bergwacht vor tödlichen Gefahren warnt. Also wird in Kirkwood gesprengt, lieber eine Ladung zu viel als eine zu wenig. Nur so lassen sich Hänge sicher machen, wenn Absperren keine Option ist.

Mit Feuerkraft allein ist es allerdings nicht getan. Heute ist Cortelyou mit Adam Ikemire unterwegs, einem erfahrenen Kollegen. Die Route sechs führt einen steilen Grat entlang, vom Cornice-Sessel zur Bergstation an der „Wall“. Der Einstieg in diese Abfahrt ist so steil, dass Pistenraupen ihn nicht erreichen, und fast immer thront hier eine mächtige Wächte über der Bergflanke. Cortelyou seilt sich an, nähert sich der Kante. Immer wieder hebt er seinen Ski und lässt ihn auf die Stelle krachen, die er für die schwächste hält. Irgendwann löst sich ein autogroßer Brocken. Beim Aufprall zehn Meter tiefer zerschmettert er in tausend Stücke, lautlos.

Ikemire kramt in der Zwischenzeit zwei Dynamitstangen aus dem Rucksack. Schon vor der Tour hat er sie mit einer Zündschnur bewaffnet. Er knipst den Zünder mit einer Zange ab, das tote Ende fällt in den Schnee. An einem Seil baumelt der Sprengstoff kurz darauf von einem Felsen, rund einen Meter über der Schneeoberfläche. Das garantiert eine druckvolle Explosion. Sekunden später rutscht der Hang.

„Adams Ladungen lösen immer Lawinen aus“, sagt Gabe Cortelyou. Besonders bei Anfängern folgt auf den dumpfen Schlag der Explosion oft – nichts. Dann beginnt das Zittern. Hat sich die Spannung im Hang gelöst, oder ist er nun gefährlicher als vorher? „Rookies brauchen drei Jahre, bis sie mehr Gefahren entschärfen als sie selbst schaffen“, sagt Cortelyou. „Viele glauben, das Dynamit gebe ihnen Macht über eine Naturgewalt, ihr Ego schwillt. Adam ist demütig. Deshalb macht er keine Fehler.“

Cortelyou lässt sich ein paar hundert Meter weiter gleiten. Er prüft den Einstieg in die wohl gefährlichste Rinne des Skigebiets. „Once is enough“, heißt sie im Jargon der lokalen Extremskifahrer: Einmal reicht. An normalen Tagen fährt er hier ein halbes Dutzend Mal. Heute würde er sich fernhalten. Denn er mag es spektakulär, aber niemals unkontrolliert.

So denken nicht alle. „Besonders bei guten Skifahrern gibt es oft eine riesige Schere zwischen sportlichem Können und ihrem Wissen über Lawinen“, sagt Bruce Tremper in Utah. Dabei machen sich Lawinen immer bemerkbar. Tremper zeigt auf die schwarzen Erdstreifen, wo ein Schneebrett abgerutscht ist. „Die beste Warnung vor Lawinen – sind Lawinen.” Er sucht nach Rissen im Schnee und nach dem typischen Muster von Schneeverwehungen. Auch das Wetter behält er im Blick. Es ist wärmer geworden und feuchter, kein gutes Zeichen. „Schnee ist wie Menschen“, erklärt Tremper, „er mag keine schnellen Veränderungen.“ Und dann, ein bisschen Bruce Willis: „Leg dich nie mit schlecht gelauntem Schnee an“.

Kurz vor halb fünf in Kirkwood. Der Umkleideraum der Bergwacht ist so etwas wie die letzte Bastion vor dem Kommerz. Wie fast alle US-amerikanischen Ressorts ist Kirkwood zum Spielball von Investoren geworden, die Skigebiete nur als Werttreiber für teure Immobilienprojekte sehen. Entsprechend perfekt ist das Dorf herausgeputzt. Wie zum Protest gleicht die Umkleide einem Schlachtfeld. Hier haust die Bergwacht, eine verschworene Gemeinschaft verschrobener Freigeister. Aufkleber zieren die selbst gebauten Spinde. „Drugs help a lot“ steht darauf oder „I love explosions“. Gabe Cortel-you sinkt in ein fleckiges Sofa und öffnet eine Dose Bier. Er dampft, als die Mütze seine störrischen Haare freigibt. Bei Sonnenaufgang ist er eine Spreng-route abgefahren, den restlichen Tag hat er auf den Pisten verbracht, Leute verbinden, Absperrungen anbringen, Rettungshelikopter einwinken. Es reicht. Vor dem Fenster steuern müde Skifahrer ihre Pickup-Trucks zum Highway 88, der sie in wenigen Stunden nach Sacramento und San Francisco zurückbringt. Cortelyous Blick folgt ihnen träge.

Dann reißt Alan Brunswick Cortel-you aus seinen Tagträumen. Der Chef der Bergwacht liest den neuesten Wetterbericht. In der Nacht wird es stürmen. Den Feierabend kann sich Cortel-you abschminken. Er flucht und fängt mit seiner Mütze den Dampf wieder ein. Dann hastet er ins Freie, um nicht den letzten Lift zu verpassen. Nun muss er auch noch die Nacht am Berg verbringen, in der kleinen Hütte oben an Lift sechs. Wenn sich der Sturm legt, muss er die eingeschneite Bergstation freischaufeln. Sonst stehen die Lifte.

Seine Routine als „night man“ ist immer die gleiche. Er brät Bacon an, den er der Crew morgens zum Frühstück servieren wird. Danach bereitet er Sprengladungen vor, steckt Zündkappen auf das explosive Nitropenta. Im letzten Sonnenlicht setzt er Markierungen im Schnee, damit er nachts mit der Raupe nicht in den Abgrund fährt. Wie viele hier hat sich Cortelyou schon als Schüler für ein Leben in den Bergen entschieden. Im Sommer springt er aus Helikoptern in Waldbrandgebiete, alle seine Kurse im Studium drehten sich um Schnee und Feuer. Irgendwann wird er an die Universität zurückkehren, doch noch graut es ihm davor, den freien Himmel gegen Schreibtisch und Computer einzutauschen. „Aber ewig hält der Körper diese Schinderei nicht durch.“ Bei einem Sturz vom Skateboard verlor Cortelyou seinen Geschmacksinn, und fünfzehn Jahr bei der Bergwacht haben seinen Rücken ruiniert.

Für Bruce Tremper ist eine schneefreie Woche im Winter nach wie vor undenkbar. Eine lawinenfreie auch. Als Jugendlicher wurde er von einem Schneebrett erfasst und bis zur Hüfte begraben. „Die Kraft, mit der mich dieses Biest 300 Höhenmeter zu Tal trug, hat mich nie mehr losgelassen. Ich will diese Ungetüme verstehen.“ Tremper wurde einer der bekanntesten Lawinenexperten der Welt.

Es klopft, die Sekretärin kündigt einen Reporter von Fox News an. Tremper streift eine Jacke des Forest Service über und tritt in die Kälte. Seine Botschaften hat er auf 15 Sekunden konfektioniert, er kann auch 30 oder 60, je nach Sender. Fast jeden Abend spricht Tremper zudem vor Skilehrern und Bergführern. Sein Buch „Staying Alive in Avalanche Terrain“ war noch gespickt mit Formeln und Grafiken über Schneekristalle, Lawinentrassen, Wetterszenarien. Heute liest er selber vor allem Bücher von Psychologen und Kommunikationsexperten. „Wir brauchen eine Kommunikationsrevolution“, sagt er. Nicht neue physikalische Erkenntnisse, sondern systematische Tests darüber, welche Botschaften selbst bei Snowmobile-Fahrern ankommen.

Dichte Flocken in Kirkwood. Morgens um fünf hängen vier kleine Stoßtrupps an Seilen hinter Motorschlitten. Sie werden an Schlüsselstellen des Berges ausgesetzt, machen sich an die Arbeit. Die ersten Lawinensprenger in Kirkwood waren Kriegsveteranen, und eine Art militärischer Drill hat hier überlebt. Als Alan Brunswick nach der ersten Sprengtour die kleine Hütte unter dem Gipfel betritt, wird es still. „Wer zum Teufel hat den Airblast im Wagon Wheel gemacht“, knurrt er. Sofort steht ein zerknirschter Patroller auf, stramm wie ein Soldat. „Das war ich, Sir.“ Er weiß, was kommt. Alle haben die Flüche über Funk gehört. „Du also“, knurrt Brunswick wieder, und bemüht sich nicht einmal um den sonst so kameradschaftlichen Tonfall. Er fuchtelt mit einem Stück Fels in der Hand herum. „Ihr habt da unten Bergbau betrieben statt Lawinen zu sprengen. Was ist nur in euch gefahren?“ Es ist auch sein Versuch, die Alarmstimmung in der Truppe hochzuhalten – dosierte Strenge, damit keine Leichtsinnsfehler passieren.

Wenn seine Leute achtlos werden, gibt es keinen doppelten Boden, das weiß Brunswick. Sogar die Videos, mit denen sich Kirkwood selbst vermarktet, erklären den Tahoe-Powder zur Wunderdroge. Eine eigene Tiefschneespur braucht der Mensch und unberührte Abfahrten, dazu die breitesten Ski. Den Einstellungswandel, das weiß Brunswick, kann er nicht aufhalten. „Und hier in der Sierra hat niemand Schaufeln, Piepser und Lawinensonden.“ Seine Crew hat gut gesprengt in den letzten Jahren. Zwei Winter ist es schon her, dass sie zuletzt Verschüttete suchen mussten. Bei einer Lawine im Palisades Bowl gab es damals erst nach zwei quälenden Stunden Entwarnung. Jeder hier weiß: Wer nicht innerhalb von 15 Minuten gefunden wird, hat schlechte Karten. Mindestens Hirnschäden sind dann programmiert, und nur ein Viertel der Verschütteten überlebt länger als eine halbe Stunde. Freigraben können sie sich kaum. Sobald eine Lawine zum Liegen kommt, ist der Schnee so hart wie Beton. „Da nach Leuten zu graben ist die Hölle“, sagt Cortelyou.

Es bleibt friedlich in Utah. Bruce Tremper hat nach Hause eingeladen, seine Schwiegermutter serviert Apfelkuchen. Das Haus liegt gegenüber der Universität, mit Blick auf die Stadt. Weißrauchende Schlote gliedern das Bild. So viel Ruhe würde Tremper bei einer Skitour trügerisch vorkommen. Wer sich auskenne, könne den meisten Lawinen ausweichen, sagt er. Das trübe bisweilen sein Skivergnügen, weil er Touren abbreche, statt weiter im Tiefschnee zu tollen. Vielleicht, sagt er, sei er nur deshalb noch am Leben. „Natürlich läufst Du entspannt durch den Urwald, wenn Du nicht weißt, dass hinter dem nächsten Baum ein Tiger lauert“, sagt er. „Aber fressen wird er dich am Ende trotzdem.“

neuer_name
Einer von 700 professionellen Snow Patrollern der USA: Gabe Courtel-you von der Bergwacht Kirkwood.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat

Events

21.11 – 28.11.2020
SkiMAGAZIN Skitestwoche in Sulden