Grüner Schnee von morgen

Nachhaltigkeit ist heute ein wichtiges Schlagwort und Verkaufsargument. In diesem Winter werden mehr „grün“ gefertigte Skisport-Artikel in den Regalen stehen als je zuvor.

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Einige Hersteller von Wintersportausrüstung aus dem deutschsprachigen Raum spielen sogar international in Sachen Ökologie und sozialer Verantwortung ganz vorne mit.

Text Günter Kast Bild Vaude, Mammut

Skipisten standen bisher nicht im Verdacht, ein beliebter Treffpunkt von Greenpeace-Anhängern zu sein. Schneekanonen blasen künstlichen Schnee auf die Hänge, auf denen Menschen zu Tal gleiten, die in Funktionsklamotten gehüllt sind, die meist in Fernost unter zweifelhaften Arbeitsbedingungen hergestellt werden. Gefallen das alte Outfit und die alten Skier nicht mehr, landet die ausgemusterte Ausrüstung im Sperrmüll, während gleichzeitig schön brav jeder Joghurtbecher ausgewaschen und vom Hausmüll getrennt wird.

Nach Schätzungen des Branchenverbandes European Outdoor Group (EOG) sind nach jeder Wintersaison weltweit 300.00 Paar Leihskier zu entsorgen – Müll aus größtenteils fossilen Materialien und somit nicht-nachwachsenden Rohstoffen. Bei Stöcken und Skischuhen sieht es nicht besser aus. Wer im vergangenen Winter in München über die ISPO, die größte Sportartikelmesse der Welt, schlenderte, entdeckte jedoch im Wortsinn „grüne“ Oasen an den Messeständen: Skier aus Bambus, Schuhe aus Hanf, Jacken aus recycelten PET-Flaschen. In vielen Kollektionen stehen Funktionalität, Design und Tragekomfort zwar nach wie vor im Fokus. Doch die Themen Nachhaltigkeit und Ökologie werden zumindest optisch wichtiger. Kaum eine namhafte Marke traut sich noch, das Thema zu ignorieren.

Bei Völkl gibt es zum Beispiel den Tourenski „Amaruq“ als Ökovariante „Eco“. Der komplette Ski besteht bis auf Stahlkanten, Fellbefestigung,

Belag und Harz aus Holz, der Stahl zu 60 Prozent aus Recyclingmaterial. Harz, Oberflächen und Beläge stammen aus nachwachsenden Rohstoffen. Völkl erhielt für diese Innovation den „ISPO Eco Responsibility Award“.

Atomic bringt im Rahmen seiner „Renu“-Linie Snowboards aus Jute statt Fiberglas auf den Markt, mit Designs aus wasserbasiertem und damit umweltverträglichem Lack. Außerdem verwendet Atomic ausschließlich schnell nachwachsendes Pappelholz für seine Skier, und die Skischuhe werden zu 80 Prozent aus recycelbaren Stoffen hergestellt. Die Rossignol-Gruppe bringt die umweltfreundlich produzierten Bindungen „Xelium“ und „Xpress“ in die Geschäfte, Snowboard-Hersteller Niche mit dem „Story“ ein Brett aus recycelten Materialien.

Ein echter Trend?

Wer will, kann seine Skier sogar „grün“ wachsen: Holmenkol stellt die ersten biologisch abbaubaren Skiwachse der Welt ins Regal – als Spray, Fluid, Bar oder Stick. Sie sollen bessere Gleiteigenschaften besitzen und den Ski schneller machen als herkömmliche Wachse. Dieser Qualitätsaspekt wird von Experten generell als besonders wichtig erachtet: Man soll „grünen“ Produkten weder ansehen, dass sie „Öko“ sind, noch dürfen sie eine schlechtere Qualität bieten.

Kritiker wenden ein, dass die genannten Beispiele nicht ausreichen, um daraus einen allgemeinen Öko-Trend im Skisport abzuleiten. Für Händler wie Verbraucher ist es in der Tat schwierig, pures Öko-Marketing von ernsthaften Absichten der Hersteller zu unterscheiden. Vor allem viele Textilien werden noch immer in Billiglohnländern von Kindern produziert und dann in Europa teuer verkauft. Entsprechend schwierig ist es daher für Kunden, die schwarzen Schafe zu identifizieren und ernst-hafte Absichten von „Greenwashing“ zu unterscheiden.

„Es fehlt ein übergeordneter Qualitätsstandard für nachhaltige Produkte“, moniert Jürgen Knirsch, der bei Greenpeace die Kampagne gegen umweltschädliche Chemikalien in der Textilbranche verantwortet. Auf der ISPO forderte er eine weitreichende Selbstverpflichtung der Marken auf ungiftige Textilien. Bis 2020 sollen nach dem Willen der Umweltschützer bestimmte toxische „Zutaten“ verbannt sein. Die European Outdoor Group sprach vorsichtshalber von einem sehr ehrgeizigen Ziel.

Blaues Siegel für grüne Produkte

Als einer der strengsten textilen Umweltstandards gilt „bluesign“ mit Sitz in der Schweiz. Wer sich mit dem Label schmücken will, muss eine ressourcenschonende Produktion aus recycelten oder biologisch angebauten Rohstoffen nachweisen, hohe Standards für Luft- und Kohlendioxid-Emissionen erfüllen, bei Arbeitsschutz und Arbeitnehmerrechten vorbildlich sein, den Wasser- und Abwasserverbrauch minimieren und Richtlinien zum Konsumentenschutz erfüllen. Mit dabei ist zum Beispiel Vaude aus Tettnang im Allgäu. Wer Vaude-Produkte mit dem Gütesiegel „Green Shape“ kauft, erwirbt Ware, die zu 90 Prozent aus „grünen“ Materialien wie Biobaumwolle oder Recycling-Polyester besteht und die mit umweltfreundlichen Farben hergestellt wurde. Vaude erhielt dafür jüngst den Deutschen Nachhaltigkeitspreis.

Während in Deutschland Vaude-Chefin Antje von Dewitz als das „grüne“ Gewissen der Branche gilt und es sich sogar offiziell zum Ziel gesetzt hat, Europas führendes „grünes“ Outdoor-Unternehmen zu werden, hat in Österreich Löffler die Nase vorn: Sämtliche Produkte sind zu 100 Prozent nach dem „Öko-Tex Standard 100“ gefertigt. Das bedeutet, dass alle verarbeiteten Stoffe und Farben umweltverträglich hergestellt und für den Menschen ungefährlich sind. Als vor Jahren viele Firmen damit begannen, die Fertigung nach Fernost zu verlagern, hielt Löffler selbstbewusst am Standort Ried im Innkreis fest und baute ihn bis heute auf fast 200 Mitarbeiter aus. Diese müssen sich keineswegs ständig anhören, dass die Konkurrenz in Asien viel billiger fertigt. Vielmehr wird die Löffler-Crew mit Gewinnbeteiligungen, fairen Arbeitsverträgen und einem kollegialen Miteinander motiviert und langfristig ans Unternehmen gebunden.

Gut, aber verbesserungsfähig

Bei Löffler hat man offenbar verstanden, dass die „grüne“ Herstellung und Entsorgung der Waren nur einer von vielen Aspekten eines ganzheitlichen Konzepts von Nachhaltigkeit ist. Andere Firmen stehen da erst am Anfang. Als die Nichtregierungsorganisation „Erklärung von Bern“ im Vorjahr 29 international bekannte Outdoor-Firmen in Sachen Transparenz und sozialer Verantwortung durchleuchtete, erhielt kein einziges Unternehmen die Note „sehr gut“. Immerhin schnitt die Mammut Sports Group aus der Schweiz zusammen mit der kalifornischen Marke Patagonia (siehe Textkasten) noch am besten ab – vor Odlo, Helly Hansen, Haglöfs und Jack Wolfskin. Diese sechs Firmen wurden mit dem Prädikat „gut, aber noch stark verbesserungsfähig“ bedacht. Die anderen 21 Hersteller erhielten ein „ungenügend“ oder sogar das zweifelhafte Prädikat „ignorant“.

Am Firmensitz von Mammut sieht man das Ergebnis als Herausforderung, aber auch als Beweis dafür, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Man hat zwar schwarz auf weiß bestätigt bekommen, unter den vielen Blinden ein Einäugiger zu sein. Oder wie es Mammut-Chef Rolf G. Schmid formuliert: „Mammut ist schon sehr weit im Branchenvergleich. Aber auch wir stehen noch am Fuß des Berges und haben viele Hausaufgaben zu erledigen.“ Doch zufrieden will man sich damit nicht geben. Denn Schmid weiß: Wintersportlern – vor allem der sprunghaft wachsenden Zahl von Skitourengehern – liegt die Natur sehr wohl am Herzen. Sie achten beim Kauf stärker darauf, unter welchen Bedingungen ihre Ausrüstung hergestellt wurde.

Schmid will deshalb Mammut noch „grüner“ und nachhaltiger machen. Nicht mit symbolischen Feigenblatt-Aktionen, sondern mit einem umfassenden CR-Konzept, wie es bei großen, börsennotierten Unternehmen heutzutage Standard, im größtenteils mittelständisch geprägten Wintersportsegment aber noch nicht ganz angekommen ist. CR steht für Corporate Responsibility, zu Deutsch: Verantwortung des Unternehmens, und zwar in einem sehr umfassenden Sinn. Unter CR versteht Schmid einen Managementansatz, der neben dem Geldverdienen auch soziale und ökologische Verantwortung zu einem konkreten und gleichberechtigten Bestandteil der Unternehmensstrategie macht. Vorrang haben dabei soziale und ökologische Belange im Kerngeschäft. Ergänzt werden diese durch die Gebiete Unternehmensführung (Corporate Governance) sowie gesellschaftliches Engagement (Corporate Citizenship).

Schmid und sein CR-Team versuchen, auf alle Fragen Antworten zu geben: Unter welchen Arbeitsbedingungen werden Mammut-Produkte hergestellt? Wie kontrolliert die Firma die Arbeitsbedingungen bei seinen Produzenten? Zahlt das Unternehmen faire Löhne? Wird in Ländern wie China produziert, wo Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung vorkommen? Werden Produkte von Kinderhand hergestellt?

Wie bei einer Batterie

Schmid hat es sich angewöhnt, Herausforderungen zu sehen, wo andere Probleme vermuten. Auch der Mammut-Chef weiß: Wer sich Funktionsbekleidung für Piste und Powder kauft, schützt zwar sich selbst vor Wind und Wetter, nicht jedoch die Umwelt. Denn die Membranen in den so nützlichen Jacken und Hosen müssten eigentlich recycelt werden, so wie Fernsehgeräte oder Batterien, denn sie enthalten viele schädliche Chemikalien. Die wenigsten Verbraucher tun das, weil sie nicht wissen, wohin sie die ausrangierten Kleider bringen sollen. Oder weil sie gar nicht ahnen, dass die Materialien für die Umwelt so gefährlich sind. Selbst wenn eine Jacke zehn Jahre hält, hat sie irgendwann ausgedient. Damit sie dann nicht im Müll landet, lässt Schmid in den Mammut-Stores Sammelboxen aufstellen. Wer alte Outdoor-Bekleidung, Kletterausrüstung, Bergschuhe, Rucksäcke und Schlafsäcke dort abgibt, bekommt einen Einkaufsgutschein, den man beim nächsten Einkauf einlösen kann. Die Partnerfirma I:CO (von englisch „I collect“ oder „Ich sammle“) sortiert die gesammelten Produkte anschließend, um möglichst viel davon wiederzuverwerten.

Die Hersteller von Skiern, Schuhen, Stöcken und Bindungen könnten sich davon eine Scheibe abschneiden. Bis es soweit ist, bleibt den Verbrauchern nur, ihre Wintersportprodukte möglichst pfleglich zu behandeln, auf dass sie lange halten mögen: Denn langlebige Produkte sind nun einmal der beste Beitrag zum Umweltschutz – und einige Firmen haben schon bewiesen, dass dies keineswegs im Widerspruch zu wachsenden Umsätzen und einer erfolgreichen Geschäftsstrategie stehen muss.

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