Harter Hüttengaudi

Das Internetlexikon „Österreichisch-Deutsch“ textet zum Wort Einkehrschwung: „beim Schifahren in eine Hütte, Gasthaus gehen“.

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Klingt sehr trocken, wenn man bedenkt, dass der Einkehrschwung für viele längst den gleichen Stellenwert hat wie die Qualität der Pisten – und für einige sogar einen höheren.

Text Nicola Förg Bild Nicola Förg, Betreiber

Die Zeiten des Skipass-Ausfahrens sind vorbei, man stürzt nicht mehr schnell eine Ovomaltine runter und springt dann wieder in die Bindung. Essen und Trinken gehört zum Skigenuss, der Einkehrschwung darf sich gerne mal in den Nachmittag hineinziehen – Genießen, bis der letzte Anschlusslift ruft. Den Hüttenseligen schlägt keine Stunde, wenn die Hütte an einer Talabfahrt liegt.

Das tut die Hütte Baita Gardoné zwar nicht, aber die Gäste aus Predazzo nehmen die letzte Gondel, auf der Trentiner Seite gibt es keine Talabfahrt, sehr wohl drüben in Obereggen. Das Skicenter Latemar ist ein Skigebiet, in dem Südtirol aufs Heftigste mit dem Trentino flirtet. Gerade kulinarisch carvt man hier zwischen Speckplatten und Polenta. Und diese Genüsse müssen zu Berge. Es ist acht Uhr morgens, 20 Minuten lang gehören die Gondeln der Gardoné. Herauf schwebt die Frischware, all jenes, was nicht schon im Herbst eingelagert wurde. Es wird ausgeladen, zackig muss das gehen, bis die ersten Cappuccino-Trinker kommen.

Die beiden Köche Norbert und Alfred Munter tauchen auf und machen ihrem Namen alle Ehre. Sie sind ziemlich munter zu so früher Stunde. Der dritte im Bunde der kulinarischen Brüder kocht überdies im Hotel Cristal in Obereggen. Die munteren Männer beginnen damit, Rindfleisch in Bolognese Soße zu verwandeln, nix mit convenience! 22 Mitarbeiter arbeiten auf der Gardoné, acht in der Küche, zehn im Service und vier in der Instandhaltung. Während die Gäste schwelgen, agieren im Hintergrund Menschen unter Hochdruck – und im optimalen Fall so, dass der Gast davon gar nichts mitkriegt.

Übersicht, Nerven und Ideen

Geschäftsführerin Susanna verteilt sardische Kekse, die ihre Mutter geschickt hat. Sie hatte in Sardinien als Buchhalterin gearbeitet und sechs Monate kein Gehalt bekommen. Also jobbte sie an einer Strandbar, im Winter in einem Hotel in Predazzo – und war so gut, dass sie Besitzer Klaus Pichler aufgefallen war. „So jemand brauche ich, mit Übersicht, guten Nerven und Ideen.“ Am Anfang ist immer eine Idee, das war 1971 so, als die Bettler von Haus zu Haus zogen. Jene wackeren Männer, die an ein neues Skigebiet glaubten, zogen von Haustüre zu Haustüre und suchten nach Aktionären für die neue Obereggen AG. Mit an vorderster Front: der „Ganischerger Hans“, Großonkel von Klaus Pichler. Die Betteltour klappt, im Spätherbst 1971 werden die Arbeiten für die Liftanlagen ausgeschrieben. Als 1972 die ersten Skifahrer auf der provisorisch ausgebauten Straße herankurven, ist Erich Pichler, der zweite Cousin von Klaus, gerührt. Allerdings ist der Lift sehr flach, am Oberholz-Lift mit einer ordentlichen Neigung wird fieberhaft gebaut. Auch noch bei gefrorenem Boden, am Ende des Lifts gibt es eine Notunterkunft für die Arbeiter mit Getränken und Brotzeiten. So sieht das der Gesetzgeber vor. Im Februar 1973 geht der Oberholz- Lift in Betrieb, nicht lange, etwas stimmt nicht mit dem Seil und den Klemmen und es heißt: Notstopp! 130 Personen hängen im Lift, die alle nach und nach retour gekurbelt werden. Was für eine Blamage! Nach einiger Zeit läuft der Lift wieder und oben in der Notunterkunft sind inzwischen die „Stocker Kati“ und ihre Schwester Frieda, die Würstel und Röstkartoffeln anbieten – das Wasser für den ganzen Betrieb wird täglich im Lift mit Kanistern hochgeschafft.

Träume und gute Laune

Die beiden Hüttenwirtinnen sind sehr beliebt und viel verehrt. Und diese Begeisterung und Bindung an eine Hütte samt deren Belegschaft war vor 40 Jahren das Rezept und ist es heute. Der Transport ist einfacher geworden, aber immer noch sind Skihütten kleine Fluchten, herrliche Nebenwelten abseits der Talrealität. „Wir verkaufen Träume und gute Laune. Wir verkaufen eine Auszeit. Und wir verkaufen etwas, das den Vorstellungen von den Alpen entsprechen muss“, sagt Klaus Pichler.

Seit 1907 gibt’s den „Ganischger“, der ehemalige Bauernhof ist zu einem der führenden Wellnesshotels am Deutschnofen aufgestiegen, vier Brüder haben das Sagen: Klaus, der Älteste ist für die Baita Gardoné verantwortlich, Andreas macht die Buchhaltung und den Einkauf, Markus ist für das Marketing zuständig und Georg, der Jüngste, kümmert sich um die Ganischgeralm. Im Tal wie auch oben auf der Gardoné hat Architekt Johannes Niederstätter die Verbindung von Moderne und Südtiroler Tradition umgesetzt, die Hütte sieht so aus, als sei sie immer schon da gewesen, Klaus Pichler führt sie aber erst seit 2006, die „Mountain Riviera“ mit den Palmen und der Form eines Schiffs, wurde schon im ersten Winter zu einer festen Größe im Hüttenskigebiet. Sie setzte Trends. Die einen räkeln sich draußen unter Palmen auf Deckchairs, die anderen holen sich ein Speckbrettl im SB-Bereich und die dritten dinieren oben im ersten Stock ganz fein. Es herrscht eine relaxte Atmosphäre, „das will der Gast“. Fast möchte man meinen, Klaus ist geklont. Gerade noch blödelt er auf der Terrasse mit einigen seiner Hotelgäste, dann ist er auch schon wieder oben und öffnet gerade eine Flasche Prosecco an der Bar. „Berggastronomie erfordert eine weit höhere Logistik als Talgastronomie und absolut straffe Organisation“, sagt Klaus, und sie erfordert eine Integrationsfigur. Hütte funktioniert nur, wenn der Hüttenwirt vor Ort ist. 27 Tage im Monat ist Klaus Pichler oben auf „seinen“ 1.700 Metern.

Dampf in der Küche

Es ist halb elf, im SB-Bereich werden erste Speckplatten geholt, erste Bombardino-Runden, erste Weißbiere und natürlich der kleine Weißwein an der Bar, den man eingedenk der Südtiroler Regel vor 12 Uhr zu trinken hat. Nach 12 darf es Rotwein sein. In der Küche geht der Dampf ab. Auch für den SB-Bereich werden die Spaghetti frisch gemacht, die Schnitzel auch, da lungert nichts in der Wärmebox labbrig vor sich hin.

Um halb eins kommt eine Gruppe für die Stube im ersten Stock, die 22 T-Bone-Steaks kommen fast gleichzeitig, „ohne Qualität und Service geht heute nichts mehr.“ Die Weinempfehlung kommt vom Chef selbst, der Sommelier hat 100 verschiedene Weine im Keller. Und den Speck, der da abhängt. Des Chefs große Leidenschaft baumelt wenig lyrisch an Stahlhaken über einer Armada von Milchkartons und über einer Steilwand aus Coladosen. Klaus prüft die Luftfeuchtigkeit, die muss stimmen. „Wir kaufen den Speck, wenn er sechs Monate alt ist und lagern ihn dann weiter bis zur optimalen Reife.“ Spricht’s und schnuppert an den Speckseiten. 700 qm Lagerfläche haben die Katakomben der Hütte, jeder Meter bis zur Decke ist genutzt. Auch Mitarbeiterquartiere liegen im Untergeschoß, was der Gast ja nicht weiß: 14 der Mitarbeiter wohnen „on mountain“ und haben eine Sechs-Tage-Woche.

Es ist drei, die Hütte leert sich, die letzten Espressos gehen raus. Das Handy klingelt, Klaus flucht und lacht dann gleich wieder. Der Pickup mit dem zweiachsigen Hänger, der ins Tal unterwegs war, ist „verunfallt“. Der Pickup hat zwar gewaltige Schneeketten, aber der Anhänger schlingert eben und ist gekentert. Er fährt den Müll talwärts zum Großcontainer, was jedes Mal abenteuerlich ist und nicht immer gut geht. Klaus schießt ab mit einem Skidoo, was die Gäste nur am Rande mitbekommen. Sie trinken ihren Après-Ski-Veneziano, während die „Enrosadira“ die bleichen Berge rot färbt, jene Berge, die 1789 ein gewisser Déodat de Dolomieu erstmals untersucht hat und die nach ihm „Dolomiten“ heißen. Es läuft DJ-Musik von der Riviera.

Mit der letzten Talfahrt der Bahn verlassen auch die letzten Gäste die Hütte. Jeder der Mitarbeiter ist für seinen Bereich zuständig. Die Köche putzen natürlich ihre Küche, wer in der Schirmbar arbeitet, sorgt am Abend für den letzten Glanz. In der Bar füllen die Kellner und Kellnerinnen Getränke nach und polieren Kaffeemaschinen und Schankanlagen. Ein langer Tag geht zu Ende, während die Skifahrer längst in ihren Talhotels in der Sauna lümmeln. Für die munteren Köche ist noch lange nicht Schluss: Sie planen den morgigen Tag: eine Ski-Hochzeit mit 80 Leuten …

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