Helden mit und ohne Stahlkanten

Spötter sagen: Das sind die von der Mottenkugel-Fraktion.

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Dabei ist die Ski-Nostalgie längst eine Sportart für junge Wilde, die einen neuen Kick suchen.

Text Verena Duregger Bild Verena Duregger, TVB Leogang

Diese Geschichte über das Skifahren beginnt in Sizilien, genauer gesagt am Südhang des Ätna. Dort, wo Signore Francesco Alessandro immer eine leichte Brise um die Nase weht, sobald er auf die kleine Terrasse vor seinem Häuschen tritt. Auf dem Vulkan hat der 69-Jährige das Skifahren gelernt. Über 50 Jahre ist das jetzt her. Bis auf ein paar Ausbrüche, bei denen Skilifte, Pisten und 2002 auch die Skischule zerstört wurden, konnte er seinem Hobby auf dem 3.300 Meter hohen Skigebiet immer ungestört nachgehen.

In noch etwas investierte der alte Herr seit seiner Pensionierung beim Amt für Steuererhebung eine Menge Zeit (und eine nicht unbeträchtliche Summe Geld): Auf Flohmärkten und Reisen in andere, etwas bekanntere italienische Skiregionen kaufte er alte Holzskier und richtete sie in seiner kleinen Werkstatt wieder her. Irgendwann waren es so viele, dass sie im kleinen Speicher kaum noch Platz hatten. Da beschloss der Sizilianer, ein paar Bretter bei Ebay loszuwerden.

Es dauerte nicht lange, bis sich im nördlichsten Zipfel Italiens ein Interessent meldete. Die Verhandlungen gestalteten sich schwierig, zwischen Bruneck und Acireale glühten die Telefonleitungen, zwei Mal zog Alessandro das Angebot zurück – schließlich hing er ja auch an den Skiern – aber als der potenzielle Käufer schlussendlich eine vierstellige Summe bot, wich die Sammelleidenschaft der monetären Verlockung. Der Handel kam zustande und nach ein paar Wochen ein riesiges Paket in Südtirol an.

„Ich habe dringend alte Skier gebraucht“, sagt Andreas Leiter und lacht. Über den genauen Preis, den er vor drei Jahren an Alessandro überwiesen hat, hüllt sich der junge Anwalt in vielbedeutendes Schweigen. Sicher ist: So oft wie möglich ist der 32-Jährige seither mit den Holzbrettern aus Sizilien auf der Piste unterwegs.

Auf den Spuren der Großeltern

Leiter gehört zu den Skifahrern, die mit Jahrzehnte alter Originalaus-rüstung und authentischer Kleidung fahren – so wie einst die Großeltern. Ski-Nostalgie heißt die junge Sportart, die versucht, das Alte zu bewahren und dabei immer mehr Anhänger gewinnt. Seit 2004 werden im österreichischen Leogang sogar alle zwei Jahre Weltmeisterschaften ausgetragen. Mit Jakob Franz, ebenfalls 32 und ein Freund seit Kindertagen, beschließt Leiter im Januar: „Wir nehmen teil.“

In Alta Badia, das für seine kulinarisch herausragenden Skihütten bekannt ist, forschen die beiden Ludwig Rungger aus. Eine Skibekleidung wie vor Jahrzehnten soll er ihnen auf den Leib schneidern, so der Auftrag. Den über 60 Jahre alten Stoff dafür bekam der Schneider von einem befreundeten Bauern, der ihn in seinem Stadel zwischen einer Mähmaschine und mehreren Heuballen gebunkert hatte. Eine erste Anprobe in der warmen Stube des 69-jährigen Hosen-Designers muss kurz gehalten werden – der Stoff wärmt dermaßen gut, dass Franz und Leiter bald der Schweiß auf der Stirn steht. Kalt darf es während des Rennens also werden. „Macht’s gut, Buben“, verabschiedet sich Rungger und winkt den beiden lange hinterher.

Am nächsten Tag starten sie nach Österreich. Zur verschneiten Eröffnungsfeier erscheinen die Teilnehmer wie bei einer Modenschau mit ihrer Ausrüstung (die Skier legen sie mit dem unteren Ende in die Handfläche und tragen sie wie einen Fahnenmast). Danach trifft man sich in einer urigen Skihütte am Schantei-Lift. Ein Zieharmonika-Spieler, der sein Gesicht zur Popeye-Grimasse verziehen kann, gibt die Hintergrundmusik vor. Der Blick fällt in einige zerfurchte Gesichter, dazwischen sorgt eine Gruppe junger Burschen aus dem Allgäu für Stimmung. Schnell wird klar: Der Treibstoff der Skinostalgiker ist hochprozentig. Auch wenn am nächsten Tag das erste Rennen ansteht, ist diese Hüttengaudi für die Rookies aus Südtirol Pflicht. Schließlich wollen sie herausfinden, was ein Weltmeister an Können mitbringen muss. Ein Treffen mit dem Organisator der Veranstaltung kann da nur von Vorteil sein.

Rupert Grundner ist Elektriker bei der Österreichischen Bundesbahn und Obmann des Leoganger Vereins Anno 1900. Ein Pionier der Ski-Nostalgie. An seinem Pullover baumeln Metallplaketten mit dem Ullr, dem nordischen Winterschutzpatron für die Skifahrer. Dass es draußen immer noch schneit, bereitet ihm Kopfzerbrechen. „Das Rennen morgen wird hart, ein Tiefschneegemetzel“, prophezeit er. Leiter und Franz halten sich wie zur Beruhigung an ihrem Weißbierglas fest. „Sag’, Rupert, wie wird man Weltmeister?“ Der 48-Jährige setzt ein Grinsen auf. „Tja, das wollte ich selber auch mal werden. Am Müllauer Johann wird wohl wieder kein Weg vorbeiführen. Aber mit ein bisschen Jagertee könntet ihr weit kommen.“

Versteckte Schätze

Ob das alkoholische Heißgetränk schon am Abend vor dem Rennen eingenommen werden muss, ging aus dem Gespräch nicht hervor. Die Südtiroler machen sich jedenfalls auf den Weg in die Dorfkneipe „Pfiff“, wo nach und nach andere Teilnehmer eintrudeln. Da ist der Heinz aus Frankfurt, dem seine Kollegen das WM-Ticket zum 50. Geburtstag geschenkt haben. Oder Peter, der beim letzten Mal einen Ski verloren und danach lange gebraucht hat, um Ersatz zu finden. So langsam werden die alten Bretter auf den Flohmärkten rar und die Preise steigen. Eine besonders nette Geschichte über seine Ausrüstung erzählt ein 35-Jähriger. Er hat die Sachen vom Opa geerbt – die Oma darf davon aber nichts wissen. Schon vor Jahrzehnten trug sie ihrem Mann auf, das Zeug endlich auf den Sperrmüll zu schmeißen. Es sei ja zu nichts mehr zu gebrauchen. Als die Großmutter einmal für zwei Tage zur Kur fuhr, baute der Großvater in seinem Stadel einen doppelten Boden ein – und ließ die Sachen dort verschwinden.

Jakob Franz und Andreas Leiter haben alles schon ausprobiert. Sie konnten kaum laufen, da standen sie schon auf Skiern. Snowboard, Freestyle, Boardercross, Telemark. „Irgendwann musste einfach etwas Neues her, etwas, das noch nicht so viele machen“, sagt Franz. Wenn er auf seinem Hausberg Kronplatz am Wochenende mit der alten Ausrüstung unterwegs ist, machen Touristen verzückt Fotos.

Heue haben sich die Ski-Nostalgiker zum ersten Wettkampf der Weltmeisterschaft eingefunden. Neben der Bergstation fällt um 13 Uhr der Startschuss zum Fernlauf, dem laut Grundner „härtesten Skirennen unter der Nostalgiesonne“. Sonne ist zwar weit und breit keine zu sehen, aber das ist ohnehin das kleinste Problem. Etwa dreieinhalb Kilometer schlängelt sich die Piste durch den Wald, über Wiesen, Feldwege, vorbei an Almen und Bauernhöfen. Tausend Höhenmeter liegen vor den ganz unterschiedlich trainierten Athleten. Zwei Anstiege sind auf der Strecke zu bewältigen, dort heißt es Skier abschnallen und möglichst schnell bergauf laufen. Die Trasse dürfen die Teilnehmer selbst wählen. Wichtig ist nur, dass sie in Leogang ins Ziel kommen. Im Halbminuten-Takt starten die Fahrer. Franz tritt in der Kategorie mit Stahlkanten und festem Absatz an, Leiter probiert sich in der Königsklasse ohne Stahlkante mit Telemark-Bindung. Aber bei dem meterhohen Tiefschnee ist das eigentlich auch schon egal. Sein Gleichgewichtssinn ist jedoch voll gefordert. Es gilt die Balance zu halten: Wer zu viel Druck ausübt, bremst und bricht im Schnee ein. Wer zu wenig Gas gibt, bleibt in den flachen Passagen hängen. Bäume ziehen vorbei, der Alpstock dient Leiter als Bremshilfe. Es ist so schwierig, sich auf den Skiern zu halten. Noch nie war ihm während eines Rennens so warm und kalt zugleich. Nur nicht vom Weg abkommen. Ein paar Markierungen, die in den Ästen der Bäume hängen, dienen als Orientierung. Nach ein paar Minuten zieht der Müllauer Johann vorbei. Die Pudelmütze des Profis bewegt sich im Fahrtwind, seine Skier hinterlassen eine kerzengerade Spur im Schnee.

Im Zielhang lauert die letzte Tücke. Es geht erst über eine Rodelpiste flach dahin, plötzlich springt man über eine Kante in einen schräg abfallenden Hang, darunter endlich das Ziel. Manche können nicht rechtzeitig bremsen und landen auf allen Vieren. „Und, wie oft hast du den Schnee geküsst“, fragt einer Leiter, der im Ziel um Luft ringt. „Zwei Mal“, antwortet er. Seine Kleidung trägt noch weiße Spuren. Für zwei Stürze ist seine Zeit gut. In 22 Minuten hat er es nach unten geschafft. Franz war noch vier Minuten schneller. Ungeschlagen bleibt der amtierende Weltmeister mit unglaublichen 12 Minuten und 46 Sekunden. Er steht im Ziel und wirkt wie ein Sportler nach dem Aufwärmen.

Nicht alle sind so schnell unten. Der langsamste Teilnehmer braucht eine Stunde und 40 Minuten für die Strecke. Zwei müssen von der Bergwacht aus dem Schnee befreit werden. Sie sind eingebrochen und nichts ging mehr. In ein paar Monaten, wenn sich die warmen Temperaturen im Tal ausbreiten und den Schnee zum Schmelzen bringen, werden über die Strecke verteilt wieder jede Menge Stöcke und Bruchstücke von Holzskiern und Bindungen der Fahrer auftauchen. „Ein Bauer sammelt das Zeug immer ein und bringt es uns vorbei“, sagt Grundner.

Zwei Zeitensprünge

Der Leoganger Ski-Nostalgie-Weltmeister ist ein Kombinationssieger. Die Teilnehmer müssen auch den Riesentorlauf am nächsten Tag meistern. Da zeigt sich die Sonne gnädig und taucht den Hang am Schantei-Lift in ein mildes Licht. Der Kurs sieht nur auf den ersten Blick einfach aus. Besonders schwierig: die Ziel-Sprungschanze. Wer sie umfährt, geht auf Nummer sicher, verliert aber wert-volle Zeit. Jakob Franz springt elegant darüber, schafft sogar eine Grätsche. Applaus im Publikum. Die Südtiroler kommen heil im Ziel an – für die schnellsten Zeiten reicht es nicht. „Eigentlich wollten wir ja Weltmeister werden“, sagen Andreas Leiter und Jakob Franz. Aber 2014 gibt es ja eine Revanche.

Während die Ski-Nostalgiker im Zielhang ein warmes Getränk in ihre Kehle schütten und auf die Sieger-ehrung warten, inspiziert Jakob Franz den Skibelag von ein paar Konkurrenten. Von wegen Bienenwachs! Alle haben mit modernen Mitteln nachgeholfen. Wenn’s ums Gewinnen geht, ist die Zukunft eben auch in der Vergangenheit schon angekommen.

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Bei der Nostalgie-Ski-WM wird in verschiedenen Klassen gestartet.
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