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Lieber spät als nie – fürs Skifahren ist man nie zu alt!

Es gibt viele Ausreden, als Erwachsener nicht mit dem Skifahren anzufangen. Richtig ­stimmig ist aber keine davon. Schon gar nicht der Einwand, man sei zu alt. Denn für entspanntes Cruisen durch eine tief verschneite Berglandschaft ist man nie zu alt! Vor allem, wenn der Partner dabei ist. Ein Erlebnisbericht über den Einstieg einer Skifahrer-Frau.

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Schritt für Schritt: Übungen wie das Treppensteigen sind gut, um sich an Ski und Schuhe zu gewöhnen. Foto: Lorenz Pietzsch

Text: Christian Riedel Fotos: Lorenz Pietzsch (erschienen im SkiMAGAZIN 4/2018)

Lorenz hat ein großes Privileg. Als Fotograf für das SkiMAGAZIN ist er viel in den Bergen unterwegs und darf Bilder von den schönsten Skigebieten, tief verschnei­ten Berggipfeln und unverspurten Powderhängen ­machen. Aber Lorenz hat auch ein kleines Problem. Seine Frau Ilona muss von zu Hause aus tatenlos zusehen, wie ihr Mann in den Bergen unterwegs ist, während sie im eher nassgrauen winterlichen Mittelhessen das Haus ­hütet. Mitkommen lohnt sich kaum, denn Ilona stand in ihrem Leben erst einmal auf Ski. Mit zwölf Jahren, einen halben Tag, auf Langlauflatten. Aber irgendwann wurde es ihr zu viel. Doch während andere Nicht-Skifahrer ­ihren Partnern die Alpen-Trips am liebsten verbieten würden, beschließt Ilona, selbst Skifahren zu lernen.

Als Ilona ihren Arbeitskollegen von ihrem Plan erzählt, erntet sie dort nur Unverständnis. Die Vorurteile sind zu zahlreich: Skifahren sei viel zu gefährlich, zu kalt, zu teuer, von Hessen seien die Berge zu weit weg, und vor allem sei sie mit ihren 39 Jahren sowieso schon viel zu alt. Getreu dem Motto: Einem alten Hund bringt man keine neuen Kunststücke mehr bei. Tatsächlich hat der eine oder andere bestimmt schon dieselben Vorurteile gehört. Manch eine Skikarriere ging zu Ende, weil der neue Partner kein Verständnis für das aufwendige Hobby hatte. Angeblich sollen auch schon Beziehungen daran zerbrochen sein, dass der Partner die Passion für das weiße Gold nicht teilt.

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Die erste Fahrt mit dem Ankerlift. Foto: Lorenz Pietzsch
© Foto: Lorenz Pietzsch

In jedem Fall wollte Ilona nicht auf die gut gemeinten Warnungen ihrer meist ahnungslosen Kollegen hören. Für sie stand fest, dass sie Skifahren lernen wollte, um ihren Mann bei der einen oder anderen Gelegenheit begleiten zu können. Doch bevor es zum ersten Schwung auf die Piste geht, gilt es, mit den häufigsten Vorurteilen aufzuräumen.

Vorurteil 1: Kälte

Wir wissen alle, dass man zum Skifahren keinen Bikini und auch keine Badehose tragen sollte. Skifahren ist ein Wintersport, bei dem man teilweise Temperaturen im zweistelligen Minusbereich ausgesetzt ist. Entsprechend gehören eben warme Klamotten zur Grundausrüstung. Aber wozu gibt es Merinowolle und andere hochwertige Materialien, die warm, winddicht und atmungsaktiv sind? Wenn man böse wäre, könnte man sagen: Wer friert, ist selbst schuld. Zudem bewegt man sich beim Wintersport. Und Bewegung hält warm.

Vorurteil 2: Gefahren

Natürlich ist Wintersport gefährlicher als Schach oder Billard. Aber man sollte auch keine Angst haben. Wichtig ist, die Technik zu beherrschen, um überwiegend sturzfrei den Hang hinunterzukommen. Aber das gilt für jede Sportart. Wer die Technik beherrscht, kann Geschwindigkeit und steilere Hänge meistern, ohne sich dabei hinzulegen. Insofern sollte man sich als Anfänger oder Wiedereinsteiger eben einen Lehrer suchen. Für den Rest sorgt die Sicherheitsausrüstung wie Helm und Rückenprotektor.

Vorurteil 3: Hohe Kosten

Auch dieses Vorurteil kommt nicht von ungefähr. Aber man braucht sich gerade als Anfänger keine neue Ausrüstung zu kaufen. Alle Skischulen bzw. Skigebiete bieten eine Leihausrüstung an, die recht günstig ist. Dazu gehören auch Helm und Skibrille. Solange man nicht in der Hochsaison in ein 4*-Hotel geht, sondern lieber in der Nebensaison in eine Pension oder Ferienwohnung bucht, sind die Preise annehmbar. Eine Winterjacke und Handschuhe haben die meisten eh zu Hause. Warum also nicht auch mal benutzen?

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Wintersport ist schon ein wenig gefährlicher als Schach oder Billard. Aber man sollte auch keine Angst haben. Foto: Lorenz Pietzsch

Ob an den Vorurteilen etwas dran ist, will Ilona selbst herausfinden. Sie findet sich nicht zu alt, sondern brennt darauf, es allen Zweiflern zu zeigen und selbst zu erfahren, warum so viele Leute Spaß am Skifahren haben.

Auf der Suche nach einem geeigneten Skigebiet werden wir an der Zugspitze fündig, genauer gesagt im Skigebiet Lermoos. Das Areal im Schatten von Deutschlands höchstem Berg hat sich den Neu- bzw. Wiedereinstieg für ältere Skifahrer zur Aufgabe gemacht. Neben gut ausgebildeten Skilehrern gibt es hier den Pistenführerschein in Blau, Rot und Schwarz. Nach einem Tag Skischule und einer kleinen (bestandenen) Prüfung kann man sich so die Bestätigung holen, überwiegend unfallfrei die entsprechende Piste hinunterfahren zu können.

Von roten und schwarzen Pisten ist Ilona natürlich noch weit entfernt. Aber das Ziel ist ja, die ersten Meter möglichst sturzfrei zu meistern. Also packen wir die Leihausrüstung ein – und los geht es nach Lermoos. Am nächsten Tag sieht man Ilona, wie sie mit den Ski auf der Schulter zur Talstation stapft, um sich dort mit ihrem Lehrer Adi Koch von der Skischule Snow Power zu treffen. Denn einen Fehler sollte kein Anfänger machen: glauben, man könnte sich Skifahren selbst über Learning by Doing beibringen. Dazu ist der Sport doch zu komplex. Und Fehler, die sich zu Beginn einschleichen, können ­später nur mit sehr viel Zeit und Mühe behoben werden.

Aller Anfang ist leicht

Ilonas erster Tag auf Ski entpuppt sich als absoluter Kaisertag. Die Sonne scheint, keine Wolke am Himmel, und Anfang März hat es über Nacht noch einmal geschneit. Die wenig befahrenen Hänge in Leermoos schreien förmlich ­danach, unter die Bretter genommen zu werden. ­Bevor es aber mit der Gondel nach oben geht, geht es auch für Ilona erst ins Skischul-Areal mit Zauberteppich und Toren mit Häschenkopf. „Für uns ist wichtig, dass sich bei den Schülern schnell Erfolgserlebnisse einstellen“, sagt Adi, der in jeder Saison rund 10 bis 20 Spätberufenen das Skifahren beibringt. „Dazu gehört nicht nur, die ersten Kurven zu machen, sondern auch, sich an das ungewohnte Material zu gewöhnen. Vor allem die Skischuhe sind durch das größere Gewicht für viele Einsteiger ein Problem, und vier Stunden damit zu fahren ist für Ungeübte schon sehr hart, egal ob Kind oder Erwachsener.“

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Beeindruckend: Es gibt wohl kaum eine schönere Kulisse, um Skifahren zu lernen, als die Zugspitze. Foto: Lorenz Pietzsch

„Im Vergleich zu Kindern, die vor allem spielerisch und über Beobachtung lernen, haben Erwachsene beim Lernen sogar einen kleinen Vorteil“, sagt Adi. „Ältere Skianfänger haben in ihrem Leben schon viele Bewegungen gemacht und daher eine entsprechende Vorstellung. Insofern können sie die Grundbewegungen einfach von anderen Bewegungen herleiten. Wenn ich beispielsweise sage, sie sollen sich die Belastung wie beim Radfahren vorstellen, wenn man tief in ein Pedal tritt, werden sie automatisch Bein und Schulter richtig bewegen und das Gewicht richtig verlagern, und schon macht man die ersten kleinen Kurven. Bei Kindern geht das nicht so gut.“ Ein großer Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ist zudem die Spur, die man wählt. „Mit Kindern fährt man mehr in der Falllinie im Schneepflug“, erklärt Adi. „Ihnen fällt es leichter, hier das Tempo zu steuern. Für Erwachsene wird das schnell anstrengend. Mit ihnen fahren wir mehr schräg. Würden wir das mit Kindern ­machen, könnten wir sie überall am Hang einsammeln, weil sie schnell zu langsam werden und dann oft zu wenig Kraft haben, sich selbst wieder anzuschieben. Vor allem ohne Stöcke.“

Vorbereitung ist alles

Das funktioniert. Ilona macht schon nach wenigen Minu­ten am Zauberteppich mit einem breiten Grinsen im ­Gesicht ihre ersten Kurven. Adi muss seine Schülerin ­sogar ein wenig zügeln und hin und wieder eine Pause einlegen, damit sie nicht am ersten Tag direkt ihre komplette Kraft verbraucht. Am Ende des ersten Tages geht es sogar das erste Mal mit der Gondel bis zur Mittelstation. Und die darauffolgende Abfahrt klappt sogar komplett sturzfrei, wie Ilona später mit strahlenden Augen erzählt. „Am Anfang ist es schon ein bisschen Überwindung, wenn man eine Kurve fahren soll“, berichtet sie. „Aber mit den richtigen Tipps und den richtigen Korrekturen vom Skilehrer geht das dann irgendwann. Und je besser die Kurven klappen, desto mehr Spaß macht es.“

Ilona hat sich auf ihr Skiabenteuer mit ein bisschen Nordic Walking, Yoga und Krafttraining mit eigenem Körpergewicht wie Kniebeugen, Ausfallschritten und Unterarmstütz vorbereitet. Schließlich werden beim Skifahren besonders die Oberschenkel belastet. Dazu rät auch Adi: „Im Herbst kann man sich schon einmal etwas Kondition holen. Ideal ist, wenn man auch an seiner Balance arbeitet. Schließlich geht es beim Skifahren auch stark darum, sein Gleichgewicht zu halten. Mit gutem Balancegefühl kann man dann beim ersten Mal auf Schnee auf einige Übungen verzichten.“

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Foto: Lorenz Pietzsch

Bei Ilona klappt es super. Am dritten Tag geht es schon weit nach oben in etwas steileres Gelände, und wir müssen sie fast mit dem Lasso von der Piste zerren. Rechts- und Linkskurven, kurze Schusspassagen und Hangschrägfahrt sind für unsere Anfängerin kein Pro­blem mehr. Aber tatsächlich ist nicht jeder fürs Skifahren gemacht. „Ich hatte mal eine Dame aus Holland“, erinnert sich der Skilehrer. „Sie war 76 und etwas fülliger. Nach den ersten Versuchen habe ich sie gefragt, ob Alpinskifahren wirklich ihr Sport ist oder ob Langlauf nicht auch Spaß macht. Einmal hatte ich zwei ältere Herren, so um die 80, die zum ersten Mal auf Ski standen. Sie wollten direkt von oben fahren und haben auf meine Warnung nicht gehört. Also bin ich mit ihnen hoch und habe schon Blut und Wasser geschwitzt. Mit dem ersten bin ich dann los, ich voraus, er hinterher. Die erste Kurve ging, bei der zweiten ist er dann einfach in der Falllinie Schuss nach unten, bis er gestürzt ist und Ski, Stöcke und seine Haare verloren hat. Zum Glück ist nichts passiert, und meine beiden Schüler haben sich fast kaputtgelacht. Ich bin dann wieder hoch, und beim zweiten ist genau dasselbe passiert. Bis auf die Haare. Irgendwie kamen wir dann unverletzt nach unten. Im Tal drückten mir beide 100 Schilling in die Hand und bedankten sich, weil sie einmal noch in ihrem Leben in Lermoos Ski fahren wollten.“

Das Gefühl, das wir alle lieben

Für Ilona ist der Fall klar: „Ich bleibe auf jeden Fall dabei. Das tolle Gefühl beim Fahren, die verschneite Landschaft, in der man leise vor sich hingleiten kann, macht einfach Spaß und gibt mir ein gutes Gefühl. Wenn man dann etwas schneller fährt und den Fahrtwind spürt, kommt noch ­etwas Adrenalin dazu. Je besser man fährt, desto mehr Spaß macht es.“ Das freut auch ihren Skilehrer: „Jeder kann Ski fahren lernen. Beim einen geht es hat etwas schneller, beim anderen dauert es ein bisschen. Aber zu sagen: ‚Ich bin zu alt dafür‘, lasse ich als Ausrede nicht gelten.“

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Dieser Artikel ist erschienen im SkiMAGAZIN 4/2018.

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